Freitag, 19. August 2022

„Das Thema Alkoholmissbrauch wird immer j√ľnger“

Guten Tag!

Heddesheim, 21. November 2009. Die betrunkenen, 12-j√§hrigen M√§dchen auf der Heddesheimer Eislaufbahn sind kein Einzelfall. √ÉŇďberall im Land und im Kreis steigen die F√§lle von Alkoholmissbrauch bedenklich an. W√§hrend die Gemeindeverwaltung lieber angeblich „im Hintergrund“ t√§tig wird, gehen andere St√§dte und Kommunen das Problem offensiv an. Mit Erfolg – wie die Sucht-Expertin Astrid Zapf-Freudenberg wei√ü. Sie wirbt f√ľr eine „Alkohol-Politik“.

Interview: Hardy Prothmann

Frau Zapf-Freudenberg, zwei 12-j√§hrige M√§dchen werden stark alkoholisiert auf der Eisbahn in Heddesheim aufgegriffen. Die Gemeinde Heddesheim versucht den Vorfall zu verschweigen, angeblich, um diese Kinder zu sch√ľtzen. K√∂nnen Sie das nachvollziehen?
Zapf-Freudenberg: „Ja – weil zun√§chst ein Imageverlust bef√ľrchtet wird und man sich fragt: wer ist oder soll sich hier verantwortlich f√ľhlen? Dieser Vorfall sollte in der Gemeinde dazu benutzt werden, kritisch zu fragen: Wie wird mit Alkohol umgegangen auf Wein-, Gassen-, Stra√üenfesten? Wird der Jugendschutz gelebt auf Fasnacht-, Tanz-, Diskoveranstaltungen? Gibt es Probleme in Zusammenhang mit Alkoholkonsum in Jugendtreffs/Jugendclubs?√ā¬†Entstehen St√∂rungen, wie L√§rmbel√§stigung, Vandalismus, Gewalt, Verschmutzung an so genannten inoffiziellen Jugendtreffs, wie Bush√§uschen, Spielpl√§tze, Flussufer, W√§ldchen, Sportpl√§tzen?“

Das sind jede Menge Fragen.
Zapf-Freudenberg: „Ich war noch nicht fertig: Gibt es Handlungsbedarf aus Jugendschutzsicht beim Ausschank: Schulung von Thekenpersonal, Einlass-, Alterskontrollen, Weitergabe von Spirituosen an unter 18-J√§hrige? Gibt es Flatrate-Alkoholkonsumangebote, √∂ffentlich veranstaltete Trinkspiele, Happy Hour-Angebote f√ľr Jugendliche/junge Erwachsene? Ist der sichere Heimweg f√ľr Festbesucher geregelt? Wird der Jugendschutz bei Alkoholverkauf in Tankstellen, Kiosken eingehalten?“

„Das Thema Alkoholmissbrauch wird immer j√ľnger.“ Astrid Zapf-Freudenberg

Wie sollte eine Gemeinde mit dem Thema Alkohol und Jugendliche umgehen?
Zapf-Freudenberg: „Kritisch und offensiv. Hinschauen, denn Wegschauen ist hier keine L√∂sung. Gemeindepolitik und-verwaltung, die Vereine, die Gastronomen, die Schulen, das Jugendamt, Kriminalpr√§vention und Polizei, Vertreter des √∂ffentlichen Nahverkehrs, Pr√§ventionsfachkr√§fte aus Suchtberatungsstellen und die Eltern m√ľssen zusammenwirken, um der bedenklichen Entwicklung entgegen zu wirken, dass das Thema Alkoholmissbrauch immer „j√ľnger“ wird.“

Welche Tendenz stellen Sie fest?
Zapf-Freudenberg: „Die deutsche Hauptsstelle f√ľr Suchtfragen gibt in ihrem Jahrbuch Sucht 2008 an, dass 92 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12-25 Jahren Erfahrungen mit Alkohol haben, 14 Prozent davon trinken „riskant“, das hei√üt mehr als 120g reinen Alkohol pro Woche (ca. 374 ml Wodka) und laufen damit Gefahr, sich vielf√§ltig zu sch√§digen, vor allem das Gehirn, und die Anwartschaft auf eine Alkoholabh√§ngigkeit zu erwerben.“

Gibt es ein kritisches Alter?
Zapf-Freudenberg: „Die Alkoholrauscherfahrung sind bei den 16-17-J√§hrigen am h√§ufigsten.√ā¬†Die alkoholbedingten Behandlungsf√§lle haben sowohl im Land als auch im Kreis von 2007 auf 2008 um √ľber zehn Prozent zugenommen. Im Rhein-Neckar-Kreis waren es im Jahr 2008 offiziell 151 F√§lle. Das ist die Spitze eines Eisberges, der zeigt, dass wir uns k√ľmmern m√ľssen.“

„Es wird immer noch zu wenig getan.“

Sie sagen, man m√ľsse zusammenwirken, um das Problem Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen in den Griff zu bekommen. Gibt es daf√ľr positive Beispiele?
Zapf-Freudenberg: „Ja, leider kann ich nicht sagen, „jede Menge“, weil immer noch viel zu wenig getan wird.

Ein positives Beispiel ist ein Veranstalter gro√üer Events in Mannheim. Der Gesch√§ftsf√ľhrung fiel auf, dass Jugendliche bereits im Vorfeld von Veranstaltungen auf dem Gel√§nde „vorgl√ľhten“ und alkoholisiert St√∂rungen verursachten. Kriminalpr√§vention, Polizei, Besch√§ftigte des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar, Jugend- und Gesundheitsamt, Fanclubs, Pr√§ventionsmitarbeiter der Suchtberatungsstellen und Veranstalter bildeten so genannte Jugendteams und zeigten auf dem Gel√§nde und in der Halle Pr√§senz, sprachen Jugendliche an und informierten dar√ľber, dass der Jugendschutz auf der Veranstaltung eingehalten wird.“

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Die Sucht-Expertin Astrid Zapf-Freudenberg fordert eine "Alkohol-Politik": "Wegschauen hilft nicht." Foto: privat

Und die Jugendlichen haben gleich alles verstanden und alles war gut?
Zapf-Freudenberg: „Nein. Einigen alkoholisierten Besuchern wurde Platzverweis erteilt. Und ja: Diese Aktion lief einige Male und die Auff√§lligkeiten wurden sichtbar geringer. √É‚Äěhnliche Erfahrungen wurden in Mannheim auf zwei Kerwe-Veranstaltungen gemacht, die durch Gewaltaufkommen infolge Alkoholkonsum Handlungsbedarf forderten. Das ist ein toller Erfolg und ein sehr gutes Beispiel, dass die M√ľhe sich lohnt.“

Haben Sie eine Erkl√§rung daf√ľr, warum die Jugendlichen, die Alkohol missbrauchen, immer j√ľnger werden?
Zapf-Freudenberg: „Es ist eine Entwicklungsaufgabe des Jugendalters neben vielen anderen, zu lernen, mit Alkohol umzugehen. Wir erwarten das ja auch von unseren jungen Menschen. Dabei wird experimentiert und ausgetestet. Normalerweise verliert sich diese Risikobereitschaft beim Alkoholkonsum mit Eintritt ins Berufsleben und der Partnerwahl. Einige Jugendliche haben keine f√∂rderliche Ausgangsbasis und werden hilfebed√ľrftig, weil sie diese Entwicklungsaufgabe nicht allein bew√§ltigen k√∂nnen.

Alkoholkonsum wird von Jugendlichen als Eintritt in das Erwachsenensein betrachtet, ist also ein Attribut des Erwachsenen. Alkoholkonsum im Jugendalter ist auch als Bew√§ltigungshandeln und Suche nach Entlastung des Jugendlichen zu sehen.“

Eine „Alkohol-Politik“ gibt den Jugendlichen Leitplanken.“ Astrid Zapf-Freudenberg

Entlastung wovon?
Zapf-Freudenberg: „Die Kinderzeit wird immer k√ľrzer. Wir erwarten von unseren Spr√∂sslingen immer fr√ľher Erwachsenenverhalten: sich der Norm anzupassen, W√ľnsche/Bed√ľrfnisse aufzuschieben, zu verzichten, sachlich und zielorientiert zu handeln, vor allem leitungsorientiert, usw. Gleichzeitig verl√§ngert aber sich die Jugendzeit. Der Eintritt in die wirtschaftliche Unabh√§ngigkeit wird bis in das dritte Lebensjahrzehnt verz√∂gert.

Unsere jungen Menschen sind dabei einem Bombardement von Werbung der Tabak- und Alkoholindustrie ausgesetzt, die mit ihren Produkten als Lifestyle werben und ins Schwarze treffen. Und unsere jungen Menschen stehen immer weniger unter dem Einfluss ihrer Eltern. Deswegen ist es dringend angeraten, eine Alkoholpolitik zu betreiben und Kindern und Jugendlichen auch auf Gemeindeebene Leitplanken zu geben.“

Was ist eine „Alkoholpolitik“?
Zapf-Freudenberg: „Es ist der erkl√§rte Wille der kommunalen Gebietsk√∂rperschaft den exzessiven Alkoholkonsum und seine Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen l√∂sungsorientiert zu bek√§mpfen, sich hierf√ľr zust√§ndig zu f√ľhlen und zu handeln. Voraussetzung ist die Problembeobachtung und -beschreibung und die weitere Vernetzung und Diskussion am runden Tisch. Teilnehmer k√∂nnen Gemeindeverwaltung und -politik, Polizei und Kriminalpr√§vention, Jugendamt, Jugendtreffs, Einrichtungen der Jugendhilfe, Schule, Elternschaft, Suchtberatungsstellen, Vereine, Gastronomie sein.

Es sollte eine lokale Agenda mit Ma√ünahmen und der Umsetzung verabschiedet werden. Ferner muss auff√§llig gewordenen Kindern und Jugendlichen geholfen werden. Das beginnt durch ein Gespr√§ch mit alkoholvergifteten Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern und dem Angebot weitere Hilfestellungen im Krankenhaus. Ferner muss es weitere Ma√ünahmen f√ľr junge Menschen mit Risikoprofil geben. Hier bietet das Projekt HaLT (Hart am Limit) des Pr√§ventionszentrums Villa Sch√∂pflin eine gute L√∂sung.

Link:
Baden-W√ľrttembergischer Landesverband f√ľr Pr√§vention und Rehabilitation: Lokale Alkoholpolitik.

Zur Person:
Astrid Zapf-Freudenberg ist Diplom-Sozialarbeiterin und arbeitet in Mannheim in der Fachstelle Sucht des Baden-W√ľrttembergischen Landesverband f√ľr Pr√§vention und Rehabilitation gGmbH (bwlv).
Die bwlv „Fachstelle Sucht“ bietet durch drei Sozialarbeiter/Sozialp√§dagoginnen und einem Psychologen Mannheimer B√ľrgerinnen und B√ľrgern Suchtberatung und ambulante medizinische Rehabilitation, Vermittlung in station√§re medizinische Rehabilitation und Nachsorgebehandlung, Nikotinentw√∂hnung, Tagesst√§tte f√ľr suchtkranke Menschen, alkoholfreies Caf√©, sechs Selbsthilfegruppen, eine offene Info-Gruppe.
Frau Zapf-Freudenberg ist Leiterin der Fachstelle und als Fachkraft f√ľr Suchtpr√§vention informiert, ber√§t und unterst√ľtzt sie Betriebe/Verwaltungen, Vereine, Schule, Kinderg√§rten, Gemeinwesen bei der Umsetzung von Suchtpr√§ventionsprogrammen.

Info:
stern: Blaue Briefe gegen den Suff