Dienstag, 26. September 2023

Mariettas Kolumne: Vom „Isch m√§hn doch nur“ und „So isser halt, de Dieter!“


Guten Tag!

Heddesheim, 24. Januar 2011. Marietta ist noch jung und unerfahren, als sie mit ihrem zuk√ľnftigen Mann die erste Wohnung beziehen will. Dort wird sie mit Dieter konfrontiert, ihrem heutigen Schwiegervater, und es wird eine ganz besondere Begegnung. Lesen Sie selbst.

Von Marietta Herzberger

Kennen Sie Heinz Beckers „Ich saans jo nur√Ę‚ā¨¬¶“?
Die entnervten Antworten seines Sohnes Stefan: „Jooo, Vadder!“ und Hildes resigniertes „Ach, Heinz, des kansch doch so net√Ę‚ā¨¬¶“?

Ist Ihnen Knallinger√ā¬īs „Ja, guten Tach, ich h√§b do mol √§ Froog√Ę‚ā¨¬¶.“, nicht ganz unbekannt?
Dann kennen Sie möglicherweise auch Dieter. Wenn nicht, dann stellen Sie sich eine ungewollt komische Mischung der beiden vor und Sie haben ihn vor Augen.

Heiner Knalliger war gestern. Ebenso Gerd Dudenhöfer alias Heinz Becker. Denn es gibt Dieter. Aber das wissen nur wenige Auserwählte. Beispielsweise ich, mein Mann, dessen Familie, sowie wenige eingeweihte Freunde, denen ich gelegentlich mein Leid klage.

Jetzt kommt Dieter – mein Schwiegervater!

Jetzt kommt Dieter: Der Vater meines Mannes, Großvater unserer Tochter. Mein Schwiegervater!

Dieter ist der verbal zerst√∂rende Faktor jeder Familienzusammenkunft und der Alptraum eines jeden Telefongespr√§ches. Dieter ist nicht nur Brillen-, sondern auch Bedenkentr√§ger und sieht √ľberall die Saat des B√∂sen. Dieter ist der evolutionstechnisch gescheiterte Versuch, aus Knallinger und Dudenh√∂fer einen Mordsbr√ľller entstehen zu lassen.

Da bleibt nur noch Sabbatical oder Valium!

Meine Geschichte mit Dieter beginnt vor ungef√§hr f√ľnfzehn Jahren. Mein Freund – heutiger Ehemann – und ich bezogen stolz unsere erste, total verfallene Wohnung. Seine Eltern erkl√§rten sich bereit, uns bei den umfangreichen Renovierungsarbeiten zu helfen.

Damals freute ich mich noch – √ľber die segensreiche Hilfe. Mit dem heutigen Wissen allerdings w√ľrde ich mir ein dreimonatiges Sabbatical nehmen, um die Bude auf Vordermann zu bringen; Alternativ zwei: Valium einwerfen.

Ach, was waren wir stolz auf unser erstes Domizil. Klein, ein wenig Schimmel hier und da. Mit zugigen Holzfenstern und modrigem Keller, aber unser. Wie schön!

Der Profi bei der Arbeit: Der guude Tipp.

Dieter schlich bei der Erstbesichtigung mit Mundschutz und Werkzeugkoffer im Anschlag durch jedes Zimmer, klopfte die Wände ab, rubbelte an den Aufputz-Rohren, wischte, trat, saugte und blies. Sein Weib Traudl folgte ihm wortlos mit bedeutungsschwerer Miene.

Weise und erfahren grummelte er wiederholt unter dem Rand seiner schwarzger√§nderten Brille „Hm, Hm, oh je, ach Gott n√§√§…“, wobei er seine Augenbrauen abwechselnd hoch- und zusammenzog.

Ich warf einen irritierten Blick zu meinem Mann „Was soll das?“ Er antwortete mit m√ľrbem Gesichtsausdruck: „Das macht er immer so.“

Dann kam der Moment, in dem ich zum ersten Mal die Worte vernahm, die mir den Rest meines Schwiegertochterlebens in regelmäßigen Abständen begegnen sollten:
„Horsche mol zu√Ę‚ā¨¬¶.!“ Dann folgt eine bedeutungsschwangere Pause: „Wenn ich eisch mol√ā¬īn guuude Tipp gewwe derf√Ę‚ā¨¬¶“

Dieter stand vor uns, ich hing ahnungslos und wissbegierig an seinen Lippen, w√§hrend er mahnend seinen Zeigefinger vor unsere Nasen hob: „Isch h√§dd des net gemacht, mit dere Wohnung do. Also, des iss jo√ā¬īn hauffe √É‚Äěrwed. Ihr wissd gar net, wasser eisch domit aduht!“

Kopfsch√ľttelnd wandte er sich ab, zog seinen Mundschutz herunter und murmelte scheinbar fassungslos so etwas wie „Was des koscht! N√§√§, n√§√§.“

Restlos verschuldet bis ans Lebensende?

Unverz√ľglich wollte ich ein Stockwerk tiefer zum Vermieter st√ľrzen, um den Mietvertrag r√ľckg√§ngig zu machen. Wie konnten wir nur so blind sein. H√§tten wir doch vorher√Ę‚ā¨¬¶ Wenn wir eher den Dieter gefragt h√§tten. Wenn, wenn, wenn√Ę‚ā¨¬¶

Was sollten wir jetzt tun? Verschulden w√ľrden wir uns! Restlos! Bis an unser Lebensende w√ľrde die por√∂se Badewanne des Nachts unsere Tr√§ume heimsuchen und vorwurfsvoll die Ein-Hebel-Mischgarnitur schwenken. T√§glich w√ľrden wir uns bei kargem Fr√ľhst√ľck, Wasser und Brot, gegenseitig anklagen: „Ach, h√§tten wir doch Dieter gefragt!“

Bl√∂dsinn. Ich war nicht bereit, mir „unser“ kaputter machen zu lassen, als es war. Gerade wollte ich zum Sprung ansetzen, da riss mich die beschwichtigende, jedoch leicht genervte Stimme meines Mannes j√§h zur√ľck: „Mensch, Vadder!“

„So schlimm isses doch net.“

Dann vernahm ich die eher zur√ľckhaltende Wortmeldung meiner zuk√ľnftigen Schwiegermutter: „Ach Dieter, komm. So schlimm isses doch net.“

Wie? So schlimm ist es gar nicht? Mein gequ√§lter Blick prallte an der m√§nnlichen Pr√§senz meines Schwiegervaters ab, der unerwartet ausdruckslos den Mundschutz wieder hochzog, den Werkzeugkoffer absetzte, ihn √∂ffnete und dabei nuschelte: „Isch m√§hn jo nur√Ę‚ā¨¬¶“

Gehetzt sah ich zu meinem Mann hin√ľber, der erst die Augen verdrehte und mir dann zuzwinkerte. „Alles halb so schlimm, lass dich nicht verunsichern“, sagte mir seine Geste. „Okay√Ę‚ā¨¬¶ Verstanden“, sagte ich.

Traudl begann, Fenster zu putzen. Es kam mir zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn, sie zu fragen, warum sie das tat, wenn doch erst die Tapeten herunter mussten. Ich war jung und unwissend. Wahrscheinlich m√ľssen M√ľtter das tun, sagte ich mir. Erst einmal Fenster putzen. Dann sieht man „weiter“. Irgendwie.

Dieter war unterdessen dabei, irgendwo ein Loch hineinzubohren. Wahrscheinlich wollte er testen, ob das Fundament das aushalten oder gleich alles einst√ľrzen w√ľrde. Mein Mann pulte Tapeten ab. Ich beschloss, die Situation nun auch f√ľr mich zu entsch√§rfen und tat es ihm gleich.

„Sind wir hier in den 50er Jahren?!“

Dann kam Dieter auf mich zu, dr√ľckte mir Schippe und Besen in die H√§nde und fuchtelte wild mit dem Zeigefinger in Richtung frisch gebohrtes Loch: „Do, mache mol Fraue√§rwed. Mach des mol weg do.“

Und schon bohrte er an anderer Stelle männlich qualifiziert weiter.

Da stand ich nun mit Schippe und Besen – ich Frau – und fing an zu hyperventilieren. Mein Mann lie√ü alle Tapetenreste aus seinen H√§nden fallen und hechtete auf mich zu. Er kannte mich schon verdammt gut. Traudl erstarrte mitten in ihrer schwungvollen Fensterpolieraktion und schaute blutleer zu mir her√ľber.

Doch es war zu spät. Der Schaum stand mir bereits in den Mundwinkeln, meine Hände zuckten unkontrolliert und die Schippe hielt sich verzweifelt an meinem Finger fest.
„Sind wir hier in den 50er Jahren?!“, bl√§ffte ich barsch: „Mach doch deinen Dreck selber weg!“

„So isser halt, de Dieter!“

„Ganz ruhig…,“ tr√∂stend und gleichzeitig nerv√∂s nahm mein Mann mich in den Arm, w√§hrend er mir vorsichtig den Besen aus den verkrampften Fingern l√∂ste.

Traudl stellte sich sch√ľtzend vor ihren Ern√§hrer, Vater ihres einzigen Sohnes, und versuchte, die Situation zu retten. Verlegenen Blickes und sichtlich peinlich ber√ľhrt sagte sie diesen Satz, den ich in Zukunft noch √∂fter h√∂ren durfte: „Ach, der Dieter meint das doch nicht so.“

Der bohrt weiter L√∂cher in die Wand und murmelt: „Isch m√§hn doch nur√Ę‚ā¨¬¶.“

Entschuldigendes Schulterzucken in unsere Richtung von Traudl: „So isser halt, de Dieter!“

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir begr√ľ√üen sie herzlich und freuen uns auf die Zusammenarbeit. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!