Sonntag, 29. Mai 2022

„Die Pflanzen leiden unter der Hitze“ – dĂŒrftige Weizenernte, der Heddesheimer Tabak vor dem Aus

Guten Tag!

Heddesheim, 21. Juli 2010. Die Wetterbedingungen bringen den Heddesheimer Bauern fĂŒr dieses Jahr keine guten Ernten – der Mai war zu feucht und zu kalt, die Hitze der vergangenen Wochen bei gleichzeitigem Wassermangel hat den Weizen frĂŒher reifen lassen.

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ÃƓberall wird zur Zeit der Weizen eingebracht - zurĂŒck bleiben die Strohballen. Bild: heddesheimblog.de

Seit einigen Tagen wird der Weizen geerntet, „8-10 Tage zu frĂŒh“, sagt Rupert Bach: „Das Korn ist notreif. Durch die Hitze hat es sich zu frĂŒh entwickelt.“ Das heißt: Nicht Ähren konnten voll ausreifen, der Ertrag liegt 5-10 Prozent unter der Erwartung. Die QualitĂ€t reicht nur fĂŒr Futterweizen, was nochmals einen Preisabschlag bedeutet. Das Korn konnte nicht genug Eiweiß einlagern.

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Landwirt Rupert Bach: "Zu viel Hitze, zu wenig Wasser." Bild: heddesheimblog.de

Weizen wird je nach GĂŒte in die Klassen A und B eingeteilt – alles darunter ist Futterweizen mit entsprechenden PreisabschlĂ€gen.

„Wir kommen dabei noch glimpflich weg“, sagt Bach, „gerade entlang der Bergstraße, wo spĂ€ter angebaut wird, werden die ErtrĂ€ge noch schlechter sein.“ Die Erwartung war zunĂ€chst eine andere: „Wir rechneten mit SpitzenertrĂ€gen, doch dann kam die Hitzeperiode.“

Auch beim Tabak sieht es nicht gut aus: „Die Pflanzen leiden unter der Hitze.“ ÃƓberhaupt der Tabak: Nachdem die Regulierung fĂŒr Tabakpreise mit dem vergangenen Jahr ausgelaufen ist, befinden sich die vier Heddesheimer Tabakbauern „im ersten Jahr der Marktordnung“, sagt Alois Bach (nicht verwandt mit Rupert Bach), der Vorsitzende der Tabakbauern: „Der Markt wird die Preise richten.“

Wie knallhart das GeschĂ€ft ist, zeigen die Preise: „Am Markt wird das Kilo teils mit 1,80 Dollar gehandelt. Wir brauchen 3,50 Euro, um wirtschaftlich arbeiten zu können.“ FĂŒr die Tabaksorte Burley war das das Aus. Der wird hier nicht mehr angebaut. ÃƓbrig geblieben sind der Badische Gaudertheimer und Virgin: „DafĂŒr haben wir einen zwei-Jahres-Vertrag zu noch akzeptablen Preisen. Ob es einen Anschluss gibt oder wir als Unternehmer das Risiko des Anbaus eingehen werden, ist derzeit völlig offen“, sagt Alois Bach.

Sein Kollege Rupert Bach baut den Zigarrentabak Badischer Gaudertheimer an: „Nur noch auf 50 Prozent der sonstigen FlĂ€che.“ Virgin wird fĂŒr Zigaretten gebraucht: „Ob und wie wir hier auf dem Weltmarkt mithalten können, mĂŒssen wir sehen“, sagt Alois Bach: „Ich finde es sehr schade, dass diese Kulturpflanze nach ĂŒber 400 Jahren Anbau in unserer Region vor dem Aus steht. Aber das ist politisch so gewollt.“

„Tabak ist mit nichts zu vergleichen“, sagte Bach: „Vielleicht noch mit Wein oder Spargel. Auch hier ist der Anbau sehr arbeitsintensiv, was die Preise ausmacht, aber auch Gewinn bringt.“ Da die staatliche Preisregulierung aber weggefallen ist, weiß niemand, wie sich die Preise entwickeln werden: „Und es braucht entsprechende Investitionen. Jeder Landwirt muss als Unternehmer selbst entscheiden, ob er das Risiko eingehen will.“

Vier Pflanzhelfer arbeiten mit.

Pflanzhelfer beim Setzen der Tabakpflanzen. Bild: heddesheimblog.de

Der Kreislauf der Globalisierung macht also auch nicht vor Heddesheim halt und erstreckt sich in weitere LĂ€nder – aus denen die Hilfsarbeiter und SaisonkrĂ€fte kommen: „Wir haben schon Stellen reduziert, wie alle“, sagt Alois Bach. 100 Tonnen Tabak haben die Heddesheimer Landwirte bis vergangenes Jahr produziert, dieses Jahr noch die HĂ€lfte. Im kommenden Jahr wird es in Heddesheim vielleicht keinen Tabakanbau mehr geben.

„Tabakbau ist harte Arbeit“

Rupert Bach ist Bauer in der 3. Generation. Der Landwirtschaftsmeister bestellt rund 100 Hektar AckerflĂ€che rund um Heddesheim. Der Tabak bringt am meisten Geld – aber auch die meisten RĂŒckenschmerzen, sagt Rupert Bach. Ein echter Hellesemer.

PortrÀt und Fotos: Hardy Prothmann

Generationen: Rupert Bach, Schwiegervater Otto Schmidt, Sohn Stefan Bach.

Generationen: Rupert Bach, Schwiegervater Otto Schmidt, Sohn Stefan Bach.

Am 2. Mai 2009 hat Rupert Bach (Jg. 1957) den ersten Tabak gepflanzt: „Jedes Jahr Ende April, Anfang Mai ist die Pflanzzeit“, sagt er. Dann geht es schnell: Innerhalb von vierzehn Tagen mĂŒssen die jungen Pflanzen gesetzt werden.

Mit von der Partie ist sein Sohn Stefan (26), ebenfalls Landwirtschaftsmeister und auch der Schwiegervater Otto Schmidt, der trotz seiner 79 Jahre noch rĂŒstig mithilft.

Aussiedlerhof

1969 sind die Bachs raus gezogen, aus dem Ort in die Aussiedlerhöfe hinterm Badesee in den Brunnenweg: „Im Ort war zu wenig Platz. Gerade fĂŒr Betriebe mit Viehwirtschaft ging das nicht mehr“, sagt Bach, dem es hier draußen im friedlichen Idyll gut gefĂ€llt.

 Rupert Bach fÀhrt den Traktor, hinter im sitzen vier Pflanzhelfer, die den Tabak in die

Rupert Bach fÀhrt den Traktor, hinter im sitzen vier Pflanzhelfer, die den Tabak in die Pflanzmaschine einsetzen.

Rund 100 Hektar AckerflĂ€che bewirtschaften die Bachs, rund 90 Prozent davon sind gepachtet. Getreide, ZuckerrĂŒben, Mais, Tabak, Spargel und andere Pflanzen bestimmen die Fruchtfolge auf den Feldern.

Jedes Jahr wird gewechselt, bis frĂŒhestens nach vier bis jĂŒnf Jahren eine Pflanze wieder auf denselben Acker kommt: „Das muss so sein. Die meisten Pflanzen wachsen sonst nicht gescheit“, sagt Rupert Bach, der auch SachverstĂ€ndiger im Verband sĂŒddeutscher ZuckerrĂŒbenbauern ist.

Vierzehn Tage, dann ist der Tabak gepflanzt.

Vierzehn Tage, dann ist der Tabak gepflanzt.

Noch 17 Landwirtschaftsbetriebe in Heddesheim

Und Vorsitzender der 17 Landwirtschaftsbetriebe, die Heddesheim noch hat. In den vergangenen Jahren haben 15 Betriebe geschlossen – meist, weil es keine Nachfolge gab.

Als einziger Betrieb haben die Bachs mit rund 30 Mastbullen noch Schlachtvieh auf dem Hof. Und 350 HĂŒhner. Ein Huhn wird etwa 1 3/4-Jahre alt und legt in dieser Zeit rund 450 Eier bevor es in den Suppentopf kommt. Ein paar in den eigenen, der Großteil wird verkauft.

„Spargel und Tabak sind am eintrĂ€glichsten.“

„Am eintrĂ€glichsten sind fĂŒr uns der Spargel und der Tabak“, sagt Rupert Bach. Auf einem Hektar zieht er Spargel, auf sechs Hektar Tabak. Die Jungpflanzen kultivieren die Bachs selbst. Auch die Ehefrau und die Schwiegermutter arbeiten mit – die ganze Familie eben.

„Der Tabak ist eine unglaubliche Pflanze“, sagt er leidenschaftlich. „Im Mai gesetzt ist er im Sommer reif zur Ernte. Es gibt kaum eine andere Pflanze, die das schafft. Hinzu kommt die riesige BlattoberflĂ€che des Tabaks.“

Vier Pflanzhelfer arbeiten mit.

Vier Pflanzhelfer arbeiten mit.

„Tabak ist die grĂ¶ĂŸte Sauerstofffabrik“

So paradox das fĂŒr Nichtraucher klingen mag: „Tabak ist mit Abstand die grĂ¶ĂŸte Sauerstofffabrik unter allen Kulturpflanzen.“

FĂŒnfzehn bis zwanzig BlĂ€tter bildet eine Pflanze aus. Geerntet wird in Handarbeit: „DafĂŒr gibt es noch keine Maschinen.“ Dabei helfen vier rumĂ€nische Gastarbeiter. Erst wird er gebrochen, dann bĂŒndelweise zusammengenĂ€ht, dann zum Trocknen aufgehangen. Auf die typischen Tabakscheunen, wie sie noch in Heddesheim stehen, ist der Bauer nicht mehr angewiesen. Er hat seit einiger Zeit Trockenzelte.

„Die Arbeit ist sehr hart. Im August in der Hitze, alles von Hand – da tut abends der RĂŒcken mĂ€chtig weh“, sagt Rupert Bach.
Er erinnert sich: „FĂŒr mich war das als Kind nicht so schön, denn mit der Tabakernte, bei der ich helfen musste, war die schönste Zeit im Jahr, der Sommer, vorbei.“

RĂŒstig: Schwiegervater Otto Schmidt hilft mit 79 Jahren noch mit.

RĂŒstig: Schwiegervater Otto Schmidt hilft mit 79 Jahren noch mit.

Der Badische Geudertheimer, so heißt die Sorte, wird nach dem Trocknen als Schnittgut fĂŒr Zigarren verwendet. Entsprechend gut ist die QualitĂ€t und damit der wirtschaftliche Ertrag.

In den kommenden Jahren wird der Sohn Stefan den Hof vom Vater ĂŒbernehmen. Er ist dann die 4. Generation und wie der Vater mit Leib und Seele Landwirt: „Das ist meine Arbeit“, sagt er. Und lacht.