Dienstag, 11. Mai 2021

Gabis Kolumne

Wer navigiert mich sicher in den S├╝den?

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Guten Tag!

Heddesheim, 27. Juli 2010. Ein Navi an Bord ist heute schon fast Standard. Meist kommt man damit wunderbar ans Ziel. Meist, sagt Gabi, die immer noch ein „Backup“ dabei hat: eine Stra├čenkarte.

… und Mutter navigierte.

Erinnern Sie sich bitte. Wie war das damals als Sie als Kind mit Ihren Eltern in Urlaub gefahren sind, sagen wir mal nach Italien in den 70er Jahren? Sie sa├čen mit Ihren Geschwistern hinten, nat├╝rlich unangeschnallt und ohne Kindersitz, und Ihre Mutter sa├č auf dem Beifahrersitz w├Ąhrend der Vater fuhr. Und was machte die Mutter? Richtig, sie navigierte

Jahrzehntelang w├╝nschte sich mein Vater zu Weihnachten den neuesten Shell-Autoatlas und mit diesem Unget├╝m auf dem Schoss lenkte ihn meine Mutter durch Schweizer Serpentinen und italienische Bergd├Ârfer. Das war romantisch, das war eindeutig mehr reisen als rasen.

„Bei der n├Ąchsten Gelegenheit bitte wenden.“

Aber bevor ich nun in nostalgische Schw├Ąrmerei ausbreche, meist kam es schon kurz nach dem Grenz├╝bertritt in Basel zum ersten Krach. „Kannst du mir mal sagen, wo wir eigentlich sind?“, raunzte mein Vater. Und „diese Ausfahrt gibt es bei mir auf der Karte nicht“, schnauzte meine Mutter zur├╝ck. Man hielt an der n├Ąchsten Parkm├Âglichkeit, zerrte weitere Karten aus dem Seitenfach der Autot├╝r und stritt sich dar├╝ber, wohin man nun fahren sollte, wessen Schuld es sei. Dies endete regelm├Ą├čig damit, dass meine Mutter fuhr und sich mein Vater ├╝ber ihren Fahrstil und das schlechte Kartenmaterial beklagte.

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Digital oder analog? Am besten beides, sagt Gabi.

In den 80er Jahren war ich zum ersten Mal allein mit K├Ąfer und Freunden in S├╝dfrankreich unterwegs. Nat├╝rlich mieden wir die Autobahn, da uns es an Geld f├╝r die Maut mangelte. Ich habe gelernt die Schilder mit „Toutes directions“ zu hassen und zu erkennen, dass es kein Problem ist – auch ohne Stau – zwei Stunde zu brauchen, um eine gr├Â├čere franz├Âsische Stadt zu durchqueren – trotz Michelin-Karte.

Doch das ist jetzt Vergangenheit, vorbei die Zeiten, dass man verzweifelt die Stra├čenkarte, die immer zu gro├č und sperrig war, faltete und drehte, vorbei die Diskussionen, ob man eine Ausfahrt verpasst, eine Abzweigung ├╝bersehen hatte. Heute dr├Âhnt es beharrlich aus einem kleinen Kasten: „Bei der n├Ąchsten Gelegenheit wenden – bitte wenden – jetzt wenden“.

So weit so gut, dieses Problem h├Ątten wir gel├Âst, denken wir Menschen des 21. Jahrhunderts. Stra├čenkarten sind Reliquien einer l├Ąngst vergangenen Epoche, Anfahrtsbeschreibungen k├Ânnen wir getrost zu Hause lassen.

„Diesen Job wollte ich auch nicht haben.“

Meine Gro├čmutter fuhr vor einigen Jahren – da war sie schon ├╝ber 90 – mit meiner Kusine in deren neuen Auto. Stolz pr├Ąsentierte diese ihr GPS. W├Ąhrend „die zweite Ausfahrt bitte rechts abfahren“ und „biegen sie bei der n├Ąchsten M├Âglichkeit links ab“ ert├Ânte, wurde meine Oma immer ruhiger und irgendwann meinte sie: „Diesen Job wollte ich auch nicht haben, das muss ja unheimlich anstrengend sein, wenn die Dame dir immer erkl├Ąren muss, wo du hinfahren sollst.“

Auch wir haben seit ein paar Jahren ein Navigationsger├Ąt, dass immer wei├č, wo wir sind und wohin wir wollen. „Blech-Else“, wie das GPS von unseren Kindern liebevoll genannt wird, leitete uns in den S├╝den Frankreichs, an die italienische Riviera, nach Paris – „Blech-Else“ war eine treue Begleiterin in jedem Urlaub.

Vergangenes Jahr fuhren wir dann nach Holland, erste Station Amsterdam. Tolle Stadt, aber das ist heute nicht mein Thema. Um es kurz zu machen, in Amsterdam wurde unser Auto aufgebrochen. Geklaut wurden das Radio und unser Navigationssystem. Dumm gelaufen, denn wir wollten noch an die K├╝ste. Stra├čenkarte – Fehlanzeige. Zu unserem Ferienh├Ąuschen fanden wir mit Hilfe des Reisef├╝hrers, nicht digital, sondern aus festem Papier, noch relativ problemlos. Bei der R├╝ckreise machten wir einen Schwenker ├╝ber Belgien und schauten uns Br├╝gge und Gent an, das ging noch gut. Von da an wurde es schwieriger. Schlie├člich sind wir ├╝ber Luxemburg zur├╝ck gefahren – ein Blick auf die Karte gen├╝gte, zu Hause nat├╝rlich, um fest zu stellen, dass wir einen Umweg von mindestens 200 Kilometern gemacht hatten.

Es war klar, ein Ersatz f├╝r „Blech-Else“ musste angeschafft werden. In den Pfingstferien fuhren wir nach ├ľsterreich. Unser nagelneues GPS lenkte uns pflichtgetreu an den Urlaubsort, alles war Bestens. Von dort hatten wir einen Abstecher zu Freunden in die Schweiz geplant.

Ich will doch nicht nach Montenegro

„Nee, du brauchst mir keine Anfahrtsbeschreibung geben, wir haben ein Navi“, hatte ich meiner Freundin am Telefon erkl├Ąrt. „Alles kein Problem“, so dachte ich zumindest. Wir starteten in ├ľsterreich und stellten fest, dass unser Navi ├╝ber Karten von Litauen und Montenegro verf├╝gte, aber, Sie k├Ânnen es sich denken, die Schweiz existierte im Kartenmaterial unseres GPS nicht. Und, wie k├Ânnte es anders sein, wir hatten keine Stra├čenkarte im Auto und unsere Freunde waren auch nicht telefonisch zu erreichen. Wir sind dort angekommen und wir haben mehr von der Schweiz gesehen als geplant – und das war auch echt sch├Ân. Nichts desto trotz, in zwei Wochen fahren wir nach Italien und ich habe schon mal vorsorglich eine Stra├čenkarte gekauft, man wei├č ja nie.

gabi

Anmerkung der Redaktion: Gabi macht jetzt Urlaub und kommt wieder am 13. September 2010.