Samstag, 19. Juni 2021

„Un Ruh is“ – Pfenning lĂ€sst klammheimlich Acker umgraben, auf dem keine Nutzpflanze mehr wachsen wird

Heddesheim, 29. MĂ€rz 2011. (red) Der „gute Nachbar“, der sich so sehr auf Heddesheim freut, ist ein „seltsamer“ Nachbar. Einer, der Dinge tut, die andere nicht verstehen. Aber das ist nicht schlimm – er tut das als „Nachbar“ nur zum besten von allen. Auch wenn man das nicht versteht.

Von Helle Sema

Irgendwann vor ĂŒber einer Woche zog ein Traktor seine Runden und pflĂŒgte und pflĂŒgte.

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Rund 200.000 Quadratmeter gepflĂŒgte Erde. Zur Saat vorbereitet. Hier wachsen Logistikhallen.

In der ehemalige „Tabakgemeinde“ Heddesheim kennt man das. Der Ort ist umgeben von Feldern, die von ganz wenigen Bauern noch bestellt werden. Es gibt immer weniger Bauern, weil es immer weniger Felder gibt.

An diesem mittelschönen Tag hatte der Bauer, man sagt es sei der „Kemmet“ gewesen, viel zu pflĂŒgen. Rund 200.000 Quadratmeter. DafĂŒr sitzt man lang auf dem Trekker. Nördlich der Benzstraße. Da wo frĂŒher Tabak gepflanzt wurde und irgendwann mal „Pfenning“ oder was auch immer stehen soll.

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UngemĂŒtlich: Hier siedelt sich weder Hamster noch Vogel an.

Der Bauer zog beharrlich seine Runden und der Pflug warf die Erde auf. Dicke Schollen ließ er zurĂŒck. Unebenheit, Unruhe.

WofĂŒr, warum, weshalb?

WofĂŒr? Warum? Weshalb? In der guten Muttererde, einem der besten Böden auf Heddesheimer Gemarkung, wird nie mehr etwas wachsen. Irgendwann wird sie abgetragen und auf irgendeinen Wall geschĂŒttet.

Warum macht der Bauer sich die Arbeit? Ist er sentimental? Hat er den Acker verwechselt? Ist es eine Form von Protest? Vollkommen sinnlos, wie man lĂ€ngst weiß? Oder nur ganz lapidar ein Auftrag? Wie fĂŒhlt man sich als Bauer, wenn man einen Acker pflĂŒgt, auf dem nur noch Logistik wachsen soll?

Wir haben nicht den Bauern gefragt, der diese blödsinnige Arbeit gegen Geld gemacht hat, sondern diejenigen, die den Bauern diese blödsinnige Arbeit machen lassen. Also den guten neuen Nachbarn, der sich angeblich so sehr auf Heddesheim freut, das Unternehmen „Pfenning“.

„Verschiedene Personen haben berichtet, dass das komplette GelĂ€nde der geplanten Ansiedlung gepflĂŒgt wurde.

DafĂŒr gibt es sicherlich GrĂŒnde.

WĂŒrden Sie uns die bitte mitteilen?

Weiter sollten angeblich Mitte MÀrz die Bauarbeiten losgehen, tatsÀchlich scheinen aber die ArchÀologen bis Anfang Mai auf dem GelÀnde zu sein.

Können Sie einen Termin angeben, wann die Bauarbeiten tatsÀchlich beginnen?

Und da wir ja nicht so oft Kontakt haben, gestatten Sie mir noch die Frage, ob Sie vom RegierungsprĂ€sidium schon was zum Gleis erfahren haben oder bis wann Sie damit rechnen?“

Das war am 23. MÀrz 2011. Eine Woche spÀter haben wir noch immer keine Antwort.

Als wir ein paar Bauern fragen, welchen Sinn es macht, einen Acker zu pflĂŒgen, auf dem nie mehr etwas wachsen soll, ist die Antwort eindeutig.

Sinnlos

Wir bekommen sie sofort: „Das ist sinnlos.“

Wir fragen nach: „Naja, vielleicht gibt es irgendein Gesetz?“

Und bekommen eine Antwort: „Man muss die Äcker in Ordnung halten. Aber das ist nicht der Grund.“

Wir fragen: „Was ist der Grund?“

Es gibt eine Gegenfrage: „Was denken Sie?“

Wir sagen: „Keine Ahnung.“.

Vielleicht nistet sich sonst was ein

Die Bauern sagen: „Ist doch klar. Solange man die Möglichkeit hat, das zu machen, macht man es auch. Das ist Bauland. Sonst nistet sich vielleicht was ein, was die Bauarbeiten behindert. Jetzt nistet sich nichts mehr ein.“

Wir sagen: „Achso, ja das macht Sinn. Keine Vögel und so. Oder Hamster.“

Die Bauern sagen: „Genau. Aber das geht auch anders. Ich hĂ€tte das nicht so gemacht, denn in der aufgeworfenen Erde zu arbeiten, ist jetzt schwieriger, da kommt man nicht so leicht durch. Und Hamster? Hab ich noch nie gesehen. FrĂŒher hießen die bei uns „Konwörmer“.“

Wieso, wollen wir wissen?

Die Bauern sagen: „Halt KornwĂŒrmer, weil da, wo die GĂ€nge waren, kaum Korn gewachsen ist. FrĂŒher hieß es: Wond Ă€nner sieschd, nemschd de Schbade un Ruh is. Heute ist das anders. Aber Hamster gibt es hier nicht.“

Irgendwie klingt das gar nicht verwunderlich.

Und irgendwie klingt das so, als wenn es weder Hamster noch irgendwelches anderes Viehzeug auf dem Acker geben soll.

„Un Ruh is“

Der Bauer hat seinen „Job gemacht“, dafĂŒr Geld bekommen „un Ruh is“.

SpaziergĂ€nger, die hier langkommen und sich fragen, was hier wohl „wachsen wird“, werden sich in einigen Monate wundern.

FrĂŒher war es Tabak, der zum Wohlstand der Gemeinde Heddesheim beitrug.

Die Zeiten sind vorbei. Morgen wird es Logistik sein, die hier aus dem Boden sprießt.

Angeblich zum Wohl der Gemeinde.

Ach – und als Nachtrag an die AnwĂ€lte der Firma Pfenning, die ja schließlich auch das Feld der Abmahnungen bestellen wollen: Wir nehmen nur an, dass ein (ehemaliger) Bauer von Ihnen beauftragt wurde, das „weite Feld“ zu pflĂŒgen. Eventuell hat er ja nur den Acker verwechselt oder hat aus nostalgischen GrĂŒnden seine Runden gezogen. Quasi als nette Geste, damit der neue, gute Nachbar wegen blöder Hamster oder Vögel auch ja keinen Ärger bekommt.

So ist das in Heddesheim. Hier wird alles klammheimlich vorgepflĂŒgt. Seien Sie willkommen.

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Blöde Kurve, da kommt ein 40-Tonner kaum rum. Deswegen macht die Gemeinde die Kreuzung auch besser befahrbar. Denn bald sollen tÀglich dutzende 40-Tonner möglichst ohne Tempoverlust hier schnell durchkommen.

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Fotostrecke: Bilder vom FrĂŒhling


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 22. MĂ€rz 2011. Gestern hat der FrĂŒhling begonnen – allerdings zum letzten Mal am 21. MĂ€rz. Bis zum Jahr 2048 wird er auf der Nordhalbkugel am 20. MĂ€rz beginnen, danach im Wechsel am 19. oder 20. MĂ€rz. Wie auch immer – es regt sich Leben nach der Winterzeit. Unser Fotograf Robin Birr ist ein wenig durchs GelĂ€nde gestreift und hat sehr schöne Fotos gemacht./strong>

Und weil gute und schöne Nachrichten zur Zeit sehr rar sind, hoffen wir, dass seine Bilder Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine Freude machen.

Theodor Fontane dichtete:
„O schĂŒttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh;
es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du!“

In diesem Sinne.

Schöne Tage wĂŒnscht
Die Redaktion

P.S. Dieser Artikel steht in der Kategorie „Die gute Nachricht“. Wenn Sie gute Nachrichten fĂŒr uns haben, schreiben Sie uns eine email. Haben Sie was schönes erlebt? Können Sie ein positives Ereignis schildern? Wir veröffentlichen gerne gute Nachrichten – von den „schlechten“ gibt’s leider (besonders aktuell) genug.

Fotos: Robin Birr

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„Die Pflanzen leiden unter der Hitze“ – dĂŒrftige Weizenernte, der Heddesheimer Tabak vor dem Aus

Guten Tag!

Heddesheim, 21. Juli 2010. Die Wetterbedingungen bringen den Heddesheimer Bauern fĂŒr dieses Jahr keine guten Ernten – der Mai war zu feucht und zu kalt, die Hitze der vergangenen Wochen bei gleichzeitigem Wassermangel hat den Weizen frĂŒher reifen lassen.

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ÃƓberall wird zur Zeit der Weizen eingebracht - zurĂŒck bleiben die Strohballen. Bild: heddesheimblog.de

Seit einigen Tagen wird der Weizen geerntet, „8-10 Tage zu frĂŒh“, sagt Rupert Bach: „Das Korn ist notreif. Durch die Hitze hat es sich zu frĂŒh entwickelt.“ Das heißt: Nicht Ähren konnten voll ausreifen, der Ertrag liegt 5-10 Prozent unter der Erwartung. Die QualitĂ€t reicht nur fĂŒr Futterweizen, was nochmals einen Preisabschlag bedeutet. Das Korn konnte nicht genug Eiweiß einlagern.

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Landwirt Rupert Bach: "Zu viel Hitze, zu wenig Wasser." Bild: heddesheimblog.de

Weizen wird je nach GĂŒte in die Klassen A und B eingeteilt – alles darunter ist Futterweizen mit entsprechenden PreisabschlĂ€gen.

„Wir kommen dabei noch glimpflich weg“, sagt Bach, „gerade entlang der Bergstraße, wo spĂ€ter angebaut wird, werden die ErtrĂ€ge noch schlechter sein.“ Die Erwartung war zunĂ€chst eine andere: „Wir rechneten mit SpitzenertrĂ€gen, doch dann kam die Hitzeperiode.“

Auch beim Tabak sieht es nicht gut aus: „Die Pflanzen leiden unter der Hitze.“ ÃƓberhaupt der Tabak: Nachdem die Regulierung fĂŒr Tabakpreise mit dem vergangenen Jahr ausgelaufen ist, befinden sich die vier Heddesheimer Tabakbauern „im ersten Jahr der Marktordnung“, sagt Alois Bach (nicht verwandt mit Rupert Bach), der Vorsitzende der Tabakbauern: „Der Markt wird die Preise richten.“

Wie knallhart das GeschĂ€ft ist, zeigen die Preise: „Am Markt wird das Kilo teils mit 1,80 Dollar gehandelt. Wir brauchen 3,50 Euro, um wirtschaftlich arbeiten zu können.“ FĂŒr die Tabaksorte Burley war das das Aus. Der wird hier nicht mehr angebaut. ÃƓbrig geblieben sind der Badische Gaudertheimer und Virgin: „DafĂŒr haben wir einen zwei-Jahres-Vertrag zu noch akzeptablen Preisen. Ob es einen Anschluss gibt oder wir als Unternehmer das Risiko des Anbaus eingehen werden, ist derzeit völlig offen“, sagt Alois Bach.

Sein Kollege Rupert Bach baut den Zigarrentabak Badischer Gaudertheimer an: „Nur noch auf 50 Prozent der sonstigen FlĂ€che.“ Virgin wird fĂŒr Zigaretten gebraucht: „Ob und wie wir hier auf dem Weltmarkt mithalten können, mĂŒssen wir sehen“, sagt Alois Bach: „Ich finde es sehr schade, dass diese Kulturpflanze nach ĂŒber 400 Jahren Anbau in unserer Region vor dem Aus steht. Aber das ist politisch so gewollt.“

„Tabak ist mit nichts zu vergleichen“, sagte Bach: „Vielleicht noch mit Wein oder Spargel. Auch hier ist der Anbau sehr arbeitsintensiv, was die Preise ausmacht, aber auch Gewinn bringt.“ Da die staatliche Preisregulierung aber weggefallen ist, weiß niemand, wie sich die Preise entwickeln werden: „Und es braucht entsprechende Investitionen. Jeder Landwirt muss als Unternehmer selbst entscheiden, ob er das Risiko eingehen will.“

Vier Pflanzhelfer arbeiten mit.

Pflanzhelfer beim Setzen der Tabakpflanzen. Bild: heddesheimblog.de

Der Kreislauf der Globalisierung macht also auch nicht vor Heddesheim halt und erstreckt sich in weitere LĂ€nder – aus denen die Hilfsarbeiter und SaisonkrĂ€fte kommen: „Wir haben schon Stellen reduziert, wie alle“, sagt Alois Bach. 100 Tonnen Tabak haben die Heddesheimer Landwirte bis vergangenes Jahr produziert, dieses Jahr noch die HĂ€lfte. Im kommenden Jahr wird es in Heddesheim vielleicht keinen Tabakanbau mehr geben.