Samstag, 21. Mai 2022

Bratwurstjournalismus bei Wikipedia gelöscht – Lang lebe der Bratwurstjournalismus

Guten Tag!

Heddesheim, 15. Januar 2010. Nach einer heftigen Debatte auf Wikipedia wurde heute der Begriff „Bratwurstjournalismus“ als eigenständige Definition gelöscht. Im Artikel „Heddesheim“ ist er aber weiterhin vorhanden – fragt sich nur, wie lange noch.

Kommentar: Hardy Prothmann

bratwurst

Angeblich "keine Relevanz" und einem Eintrag bei Wikipedia "nicht wĂĽrdig": Bratwurstjournalismus. Autor: Raimund Hocke

Eine Woche lang wurde bei Wikipedia heftig diskutiert, ob der Artikel „Bratwurstjournalismus“ bleiben darf oder gelöscht werden soll. Die Löschfraktion hat sich durchgesetzt und heute den Artikel aus der Online-Enzyklopädie entfernt. Grund genug, meinen Senf dazu zu geben.

Autor der ersten Fassung war Markus Schwarze, Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). „Ich gebe zu: Mir saĂź der Schalk im Nacken, als ich gestern nach einem Wortwechsel mit Daniel Schultz aus Berlin den Begriff des Bratwurstjournalismus bei Wikipedia verfasste. Es geht dabei um eine Aufgabe, die vermutlich jeder Journalist irgendwann in seiner Berufslaufbahn erlebt: ein Ereignis zu beschreiben, das sich als weniger gravierend als gedacht herausstellt; ein Ereignis, das eigentlich ein Nichtereignis war“, schreibt der Journalist Schwarze.

Und: „Hardy Prothmann hat dafĂĽr diesen etwas bösen, aber auch augenzwinkernden Begriff des Bratwurstjournalismus gefunden, benutzt und veröffentlicht. Es gab fĂĽr diese Methode zu allen Zeiten geeignete Bezeichnungen und Abwandlungen, etwa den Schnittchenjournalismus, den Gefälligkeitsjournalismus, das Runterschreiben, den PK-Abschreiber, den PR-Journalismus. Und es gab zu allen Zeiten auch Interesse fĂĽr solche Artikel.“

Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung gab es einen Eilantrag, den Text wieder zu löschen. Pikant: Einige der Lösch-BefĂĽrworter sind selbst (Lokal-)Journalisten, die sich offenbar als „Bratwurstjournalisten“ wiedererkannt haben, dies aber abstreiten und es trotzdem persönlich nehmen. So auch „Scooter“: „Noch einmal zum Mitschreiben: Dass – vor allem auf lokaler Ebene – solche Stilmittel verwendet werden, ist weiĂźgott keine neue Erkenntnis und ist auch nicht durch die Schöpfung des hier zur Löschung anstehenden Lemmas erstmals dokumentiert worden. Nur weil jemand seinen Frust ĂĽber gewisse Tendenzen im Journalismus in Worte kleidet (die auch mir nicht gefallen, das sei eingeräumt), ist das noch lange nicht enzyklopädietauglich bzw. -wĂĽrdig. Dies ĂĽbrigens auch im Namen meiner sämtlichen Redaktionskollegen, die – von mir ergebnisneutral befragt – allesamt noch nie von dieser Begriffsbildung gehört haben. Und das sind alles, so viel kann ich versichern, keine BratwĂĽrste.“

Wegen des groĂźen Interesses hatte ich einen Definitionsvorschlag an den Autor gesendet:

Der Begriff „Bratwurstjournalismus“ bezeichnet einen meist durch lokale, journalistische Medien verbreiteten Sachverhalt ohne jeglichen Nachrichtenwert und von untergeordnetem Informationswert.

Kennzeichnend fĂĽr „Bratwurstjournalismus“ sind floskelhafte, belanglose oder auch metaphorische Formulierungen, die häufig durch Adjektive ergänzt werden.

Dabei werden selbstverständliche Handlungen und Geschehnisse überstilisiert und als Pseudo-Nachricht dargestellt.

Typische Beispiele fĂĽr „Bratwurstjournalismus“ finden sich bei ĂĽberwiegend nachrichtenarmen Ereignissen, beispielsweise Festen und Veranstaltungen auf lokaler Ebene:

„Die Luft war vom Duft von dampfendem GlĂĽhwein, leckerer Bratwurst und köstlichen Plätzchen geschwängert…“, „der Wettergott hatte letztlich ein Einsehen und zeigte sich gnädig…“, „das Tanzbein wurde ausgiebig geschwungen…“, „fĂĽr das leibliche Wohl war wie immer bestens gesorgt…“, „voll des Lobes und des Dankes zeigte sich ein zufriedener BĂĽrgermeister…“, „erfreute die von der herrlichen Musik beseelten Gäste…“.

„Bratwurstjournalismus“ ist somit ein systemkritischer Begriff, der alle Formen einer pseudo-informierenden journalistischen Darstellung umfasst.

Geprägt wurde der Begriff 2009 durch den Journalisten Hardy Prothmann, der selbst lokaljournalistische blogs betreibt. Andere Journalisten griffen das Wort „Bratwurstjournalismus“ schnell auf und verbreiteten es ĂĽber Online-Medien, Nachrichtenagenturen, Fachdienste, „social networks“ sowie blogs.

gluehwein

Dampfender GlĂĽhwein - dankbare Abnehmer. Quelle: MM

wohl

FĂĽrs leibliche Wohl ist gesorgt. Quelle: MM

wettergott

Wohlwollender Wettergott - bunte Vielfalt. Quelle: MM

Ins Internet kam der Begriff durch ein Interview des Journalisten Peter Viebig, NĂĽrnberger Zeitung, mit mir: „Was ist ein Bratwurstjournalist?“. Als mich der Kollege befragte, wusste ich noch nicht, welche Folgen das eher spaĂźige Interview haben wĂĽrde. Viebig forderte zur Löschdebatte: Rettet den Bratwurstjournalismus. Damit meinte er hoffentlich natĂĽrlich den Begriff und nicht diese Form von „Journalismus“. Die Twitter Aktion „Rettet den Bratwurstjournalismus“ wurde zuvor von Daniel Schultz auf „Presseschauer“ ins Leben gerufen.

Teile davon wurden in den Wikipedia-Artikel eingearbeitet, aber auch in anderen „Wikis“, beispielsweise hier: http://marjorie.wikia.com/wiki/Bratwurstjournalismus und hier http://franken-wiki.de/index.php/Bratwurstjournalist.

Obwohl also der Begriff bei Wikipedia als Definition gelöscht wurde, lebt er im Netz weiter. Denn merke: Was hier einmal drin steht, ist fast nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der Bratwurstjournalismus wird als Begriff also ĂĽberleben. Als Methode wird er weiterhin täglich im Lokaljournalismus angewendet – besonders auf den Rhein-Neckar-Seiten des Mannheimer Morgen durch „Freie Mitarbeiter“ wie Dietmar Thurecht oder Redakteurinnen wie Anja Görlitz.

Ich bin gespannt, wann der Begriff auch im Artikel zu „Heddesheim“ gelöscht wird. Doch das wäre schade. Denn NĂĽrnberg ist fĂĽr die gleichnamigen BratwĂĽrste bekannt, ebenso leihen ThĂĽringen und die Pfalz ihren BratwĂĽrsten ihren Namen. Wie auch immer: Heddesheim ist jetzt auch ĂĽberregional bekannt, weil hier der Bratwurstjournalismus „erfunden“ wurde.

Als „Erfinder“ des Worts gebe ich es aber frei: Es darf in jedem Ort verwendet werden, um die Lokalpresse damit zu bezeichnen – sofern diese Bratwurstjournalismus betreibt.

Und ob es bei Wikipedia einen Artikel dazu gibt oder nicht, ist mir ehrlich gesagt, ziemlich Wurscht.