Samstag, 28. Mai 2022

Chaos-Berichterstattung: Verschmolzene Nachrichten

Guten Tag!

Rhein-Neckar/Japan/Welt, 13. M├Ąrz 2011. (red) Die Erdbeben-Katastrophe hat zuerst Japan ersch├╝ttert und enorme Zerst├Ârungen angerichtet. Auf die Naturkatastrophe folgt die technische Katastrophe. Weitere, weltweite „Ersch├╝tterungen“ werden folgen. Politische und wirtschaftliche, eventuell auch gesundheitliche. W├Ąhrenddessen ist die Berichterstattung ├╝ber die Katastrophe ein Teil davon.

Von Hardy Prothmann

Die erste Meldung, die ich zur Erdbeben-Katastrophe in Japan wahr genommen habe, sprach von einem starken Beben und mehreren Dutzend Toten.

Ein "Retter" h├Ąlt einen Jungen", tr├Ągt ihn aus der Zone der chaotischen St├Ârung. Der Jung scheint unverletzt, die Kleidung ist sauber, er hat beide Schuhe an, gibt keinen Laut von sich. Ist das glaubhaft, wenn man die Zerst├Ârung im Hintergrund sieht? Oder ist das eine "gestellte" Aufnahme? Die ARD stellt die Frage nicht, sondern zeigt die Bilder und best├Ątigt damit deren "Echtheit". Quelle: ARD

Jede Hoffnung auf einen „glimpflichen Ausgang“ der Tr├Ągodie habe ich mittlerweile aufgegeben.

Denn ein paar Stunden sp├Ąter sind es schon hundert oder zweihundert Tote und ein „enorm schwereres“ Beben.

Einen Tag sp├Ąter ist es das „schwerste, je gemessene“ Beben, dass die japanische Insel seit Beginn der Aufzeichnungen ersch├╝ttert hat und es sind „vermutlich“ ├╝ber 1.000 Tote.

Wiederum Stunden sp├Ąter sind es „m├Âglicherweise“ mehr als 10.000 Tote – die K├╝stenstadt Minamisanriku sei „v├Âllig zerst├Ârt“.

Seit das Beben der St├Ąrke 8,8 auf der Richter-Skala am 11. M├Ąrz 2011 um 06:45 Uhr unserer Zeit das weit entfernte Japan ersch├╝ttert hat, sind noch nicht einmal zwei Tage vergangen.

Die Energie der Katastrophe wird immer unfassbarer.

Und die Nachrichten verdichten sich, schmelzen zusammen. Die Energie der Zerst├Ârung wird immer deutlicher, wenn auch immer noch unfassbar.

Das ausl├Âsende gro├če Beben ist vorbei, Nachbeben ersch├╝ttern das Land.

Und die f├╝rchterlichste Katastrophe l├Ąuft langsam, aber „sicher“ ab. In Block 1 des Kernkraftwerks Fukushima I droht eine „Kernschmelze“.

Die Kettenreaktion der Nachrichtenschleife wiederholt sich.

Auch andere Reaktoren sollen „Probleme“ haben – die Nachrichtenschleife beginnt von vorne.

Erst hei├čt es, es drohe keine Gefahr. Dann, es g├Ąbe gr├Â├čere Sch├Ąden, aber alles sei aber unter Kontrolle. Dann werden Schwierigkeiten gemeldet – die sind nat├╝rlich „unvermutet“.

Alles, was nach „echten Schwierigkeiten“ klingen k├Ânnte, wir dementiert.

Alle Nachrichten sind unsicher. Dann wird best├Ątigt, dass Fukushima „m├Âglicherweise au├čer Kontrolle“ sei. Dann explodiert was. Was genau, kann niemand ganz genau sagen. Aber die Bev├Âlkerung wird zur „Ruhe“ aufgefordert.

"Kontrolleure" winken Personen durch. Ist das glaubw├╝rdig, wenn einer nach dem anderen "durchgewunken" wird? Quelle: Spiegel online

Dann wird eine Sicherheitszone von zehn Kilometern eingerichtet, sp├Ąter auf 20 Kilometer erweitert.

Dann verdichten sich die Nachrichten, dass eine Kernschmelze bevorstehe oder bereits begonnen habe.

Dann gibt es Meldungen, dass Menschen „in Sicherheit“ gebracht, also vermutlich evakuiert w├╝rden.

200.000 Menschen in Sicherheit?

Dann sind es „vermutlich“ 100.000, dann 110.000 und gegen Mitternacht meldet Spiegel Online: „Japan bringt 200.000 Menschen in Sicherheit.“

Das mag man so gerne glauben: Sicherheit f├╝r die Menschen in den betroffenen Gebieten.

├â┼ôberall laufen Videobilder: Menschen werden auf „radioktive Konterminierung“ gepr├╝ft und d├╝rfen weggehen, Helfer holen Kinder, Alte und Verletzte aus den feuchten M├╝llw├╝sten, die der Tsunami hinterlassen hat.

Auffanglager werden gezeigt und statt „Durchhalteparolen“ d├╝rfen interviewte Personen sagen, dass sie Angst haben, aber hoffen und es keinen Ausweg gibt.

Tatsache ist:

Seit um 06:45 Uhr unserer Zeit ein gigantisches Erdbeben Japan ersch├╝tterte, wird zun├Ąchst Japan von einer unglaublichen Katastrophe heimgesucht.

Das Erbeben hat enorme, noch nicht bezifferbare Sch├Ąden ausgel├Âst.

Auf das Erdbeben folgt ein Tsunami mit einer unglaublich zerst├Ârerischen Energie. Aus der sichereren Hubschrauberperspektive aufgenommene Bilder belegen eine nat├╝rliche Zerst├Ârungsgewalt, die bar jeder „Ideologie“ ist, sondern nur physikalischen Gesetzen folgt. Es gibt kein „gut“ oder „schlecht“, sondern nur hohe Wellen mit einem gigantischen Druck, die alles mitrei├čen.

Auf die Naturkatastrophe folgt die technische Katastrophe. Die Infrastruktur des Landes ist besch├Ądigt. Die K├╝hlsysteme von einigen Atomkraftwerken sind angegriffen und versagen.

Die Medien transportieren lange vor der m├Âglichweise stattfindenden Kernschmelze Meldungen aus allen Richtungen, die alle nicht „sicher“ sind.

Die Hoffnung ist zu sp├╝ren – die Meldungen entwickeln sich schlecht.

Oft ist den Meldungen die Hoffnung anzumerken, dass die Katastrophe nach der Katastrophe ausbleibt.

Aber die Meldungen entwickeln sich schlecht und es wird immer klarer, dass der Tsunami die schlimmste Naturkatastrophe in der „aufgezeichneten“ Geschichte Japans ist, aber die sich ank├╝ndigende technische Katastrophe noch „schlimmer“ sein k├Ânnte.

Um das Kernkraftwerk Fukushima wird eine „Sicherheitszone“ eingerichtet, erst zehn Kilometer, dann zwanzig Kilometer.

Ob ARD, ZDF, Spiegel oder andere Nachrichten"quellen" - ├╝berall diesselben Bilder derselben Turnhalle, die als Beleg daf├╝r herhalten muss, dass hunderttausende von Menschen evakutiert werden. Quelle: Spiegel online

Angeblich werden 200.000 Menschen „in Sicherheit“ gebracht. Innerhalb von Stunden – wie das „logistisch“ in einem Land m├Âglich ist, dessen Infrastruktur empflindlich gest├Ârt wurde, berichtet kein Medium. Ebensowenig, wie man mal eben innerhalb von Stunden eine Logistik aufbaut, um 200.000 Menschen „aufzufangen“.

Die Medien berichten trotzdem weiter. Meldung um Meldung kommt in die Redaktionen, wird dort „bearbeitet“ und verl├Ąsst sie wieder – dann und dann sind die Nachrichten auf Sendung, dann und dann m├╝ssen Zeitungen gedruckt werden. Immer braucht es die „neueste“ Nachricht, die „letzte Meldung“.

Doch die Zeitverschiebung verst├Ąrkt das Chaos – Europa ist acht Stunden „hinter“ Japan. Wer sich am Nachmittag oder Abend informieren will, gekommt keine neuen Nachrichten, denn es ist dann Nacht in Japan.

Nachrichten ohne Halbwertzeit.

Und niemals sagt jemand: „Stop – nichts, von dem, was wir berichten, kann irgendjemand ├╝berpr├╝fen. Solange das nicht „gecheckt“ ist, gehe ich damit nicht auf Sendung.“ Oder: „Sie sehen hier Bilder, die wir gekauft haben. ├â┼ôber die Zuverl├Ąssigkeit k├Ânnen wir Ihnen keine Auskunft geben, weil wir nicht vor Ort waren.“

Es gibt keine Halbzeitpause und schon gar keine Halbwertzeit f├╝r Nachrichten.

Nach und nach „verdichten“ sich aber die Nachrichten und es wird immer „klarer“, dass alles, was noch Stunden zuvor gemeldet worden ist, keine G├╝ltigkeit mehr hat.

Aus Sicht der Medien, vor allem der H├Ârfunk- und Fernsehsender, ist das egal. Je mehr Dramatik, umso besser – damit kann man den „Flow“, also die Nachrichtenkette wunderbar weiterf├╝hren.

Voranschreitendes Ungl├╝ck f├╝r Tageszeitungen.

F├╝r die Tageszeitungen, vor allem die lokalen, ist ein solch dramatisch voranschreitendes Ungl├╝ck aber eine andauernd zeitversetzte Katastrophe. Was in der Zeitung als Nachricht steht, ist schon l├Ąngst „vergl├╝ht“ und stimmt aktuell nicht mehr.

Gerade die Lokalzeitungen sind „doppelt getroffen“ – einerseits von dem unglaublichen Ereignis und seiner Geschwindigkeit und andererseits, weil sie keine eigenen Leute vor Ort haben. Korrespondenten leistet sich so gut wie keine Monopolzeitung mehr.

Sie k├Ânnen nur abschreiben, was „die Agenturen“ berichten. Und das nur bis zum Druck des Blattes – jede Korrektur in den Stunden danach findet in der Lokalzeitung nicht mehr statt.

Kollektiver Gau aller „Nachrichtenredaktionen“.

Was es bedeutet, mal eben innerhalb von „Stunden“ 200.000 Menschen dauerhaft zu evakuieren, fragt keiner. Die sind „in Sicherheit gebracht“ und „schlucken Jod-Tabletten“, damit sich kein radioaktives Jog in deren Schilddr├╝se einlagert.

Die Bilder, wo diese „200.000 Menschen“ untergebracht sind, fehlen. Die Frage, wie man das mal eben so innerhalb eines Tages organisiert, auch.

├â┼ôber Gro├čveranstaltungen im Heimatland wie Rock-Konzerte wird hingegen ├╝ber Monate im voraus berichtet, ├╝ber die Herausforderungen f├╝r den Verkehr, die Polizei, die Rettungskr├Ąfte, die Veranstalter und die zu erwartende Show – und das bei funktionierender Infrastruktur.

Sehnsucht nach Halt im Chaos, w├Ąhrend die Kerne schmelzen.

Darum geht es aber gerade nicht. Es geht um die Sehnsucht, dass irgendjemand wei├č, was er tut. Es geht um einen „Halt“ im Tsunami der sich ├╝berschlagenden Nachrichten.

Im Internet und dann auch im Fernsehen werden eine „Turnhalle“ und ein „Zeltunterstand“ mit Bildern von „Kontrolleuren“ in vermeintlichen Maler-Papieranz├╝gen gezeigt, mit der Bildaussage, das „alles unter Kontrolle“ ist.

Nachrichten im Sog der Kernschmelze.

Sp├Ątestens dann wird klar, dass eine journalistische Kernschmelze begonnen hat und nichts mehr „unter Kontrolle“ ist. Dass nur noch in Konkurrenz zu anderen um „die besten Bilder“ ein Theater veranstaltet wird, das seinesgleichen sucht.

Ich gehe davon aus, dass die „Nachrichten“ der kommenden Tage eine Katastrophe zeigen, die noch „unglaublicher als unglaublich“ sein wird.

Die Informationen werden ersch├╝tternd sein – f├╝r Weltbilder, f├╝r die Wirtschaft, f├╝r die Politik, f├╝r den Glauben an die „Zukunft“ – zumindest in Japan, aber vermutlich in der ganzen Welt.

├â┼ôber die Folgen hat noch niemand berichtet – sie werden ebenfalls „unglaublich“ sein.

Bis man sie glauben muss.

Die verworrenen Thesen des Dr. Josef Doll

Guten Tag!

Heddesheim, 05. Februar 2010. Im aktuellen Mitteilungsblatt schreibt Dr. Josef Doll zur Schulpolitik. Reichlich wirr dokumentiert der CDU-Fraktionsvorsitzene darin, dass er, obwohl promoviert, nicht in der Lage ist, wissenschaftliche Studien korrekt wiederzugeben. Bei der Anzahl der Falschaussagen, unkorrekten Bez├╝ge und mangelhaften Schlussfolgerungen muss man sich ernsthaft sorgen, wie die CDU-Fraktion zu ihren Beschl├╝ssen kommt. Die Redaktion dokumentiert den Artikel, dessen Aussagen, Quellen und die massiven Fehler eines heillos wirren Verfassers.

Dokumentation, Faktencheck und Einordnung

doll

Dokumentation: Dr. Josef Dolls Text im Mitteilungsblatt, Nr. 5/2010. Klicken Sie f├╝r eine gr├Â├čere Darstellung. Quelle: Mitteilungsblatt

Im Mitteilungsblatt Nr. 5/2010 schreibt Dr. Josef Doll auf Seite 22:

„Im Gemeinderat wurde mit 14 zu 7 Stimmen bei einer Enthaltung abgestimmt. Gr├╝ne + GR Prothmann waren dagegen. Das hat mit Ansiedlung Pfenning nichts zu tun. Ein Vorschlag war von der Gegnerseite die Einf├╝hrung der Einheitsschule bis zur zehnten Klasse.“

Zutreffend ist die Darstellung der Abstimmung. Was das allerdings mit „Pfenning“ zu tun oder nicht zu tun haben soll – erschlie├čt sich dem Leser nicht. Vermuten l├Ąsst sich, dass anders als behauptet, f├╝r Herrn Dr. Doll irgendwie doch alles mit „Pfenning“ zu tun hat.

Fixe Idee

Denn direkt im Anschluss benennt er die „Gegnerseite“. Die „Gegner“ scheinen eine fixe Idee bei ihm zu sein. Sieben Gemeinderat haben mit „Nein“ gestimmt. Damit ├╝ben sie ihr demokratisches Recht aus, was sie noch lange nicht zu pauschalen „Gegnern“ macht.

Ganz im Gegenteil befindet sich darunter ein Lehrer an der Johannes-Kepler-Schule. Der Gemeinderat Uli Kettner war zun├Ąchst f├╝r den Antrag auf eine gemeinsame Werkrealschule, stimmte dann aber gegen den Antrag, weil dieser nur noch eine Schulleitung vorsieht. Diese Haltung hat er umfangreich begr├╝ndet.

Zu keiner Zeit haben er oder andere die „Einf├╝hrung der Einheitsschule bis zur zehnten Klasse“ gefordert. Vielmehr wurde f├╝r ein m├Âglichst langes gemeinsames Lernen pl├Ądoyiert. Dieses Pl├Ądoyer betraf eine politische Forderung der Partei der Gr├╝nen und ganz sicher nicht eine Beschlussvorlage des Gemeinderats. Auch wenn Herr Dr. Doll gerne so tut, als w├╝rden doch landespolitische Entscheidungen getroffen.

Weiter schreibt Herr Dr. Doll:
„Dies ist die Forderung der sechziger und siebziger Jahre und wissenschaftlich seit einigen Jahren ├╝berholt. So haben Lehmann und Lenkeit in der wissenschaftlichen Studie ELEMENT (2008) deutlich bei empirischen Untersuchungen nachgewiesen, dass der „Einheitsgedanke bis zur zehnten Klasse“ nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, da er sich zum Nachteil der Sch├╝ler auswirkt.“

Erstaunlich ist, wie es Herrn Dr. Doll gelingt, in einem einzigen Satz ein solche F├╝lle von falschen, halbwahren und verdrehten Behauptungen aufzustellen.

Unzul├Ąssige Vergleiche

„Forderung der sechziger und siebziger Jahre“: Tats├Ąchlich lassen sich erste Forderungen f├╝r eine Gesamtschule bis ins 17. Jahrhundert zur├╝ckverfolgen – also noch lange vor der Einf├╝hrung der allgemeinen Schulpflicht im K├Ânigreich Preussen. Bei Wikipedia (siehe unter „Geschichte“) l├Ąsst sich nachlesen: „Die erste ausf├╝hrliche Konzeption f├╝r eine Gesamtschule legte 1809 der preu├čische Leiter der Sektion f├╝r Kultus und Unterricht Wilhelm von Humboldt vor.“
In dem Abschnitt ist sehr ├╝bersichtlich die Geschichte der Gesamtschule erkl├Ąrt.

Was der „Einheitsgedanke bis zur zehnten Klasse“ sein soll, wei├č nur Herr Dr. Doll. Er setzt den Ausdruck in Anf├╝hrungszeichen und tut damit so, als w├╝rde er eine Person oder einen Fachterminus zitieren. Tats├Ąchlich gibt es keinen solchen.

Wieder zitiert Herr Dr. Doll falsch und bem├╝ht daf├╝r die Studie ELEMENT. Dolls Behauptung: Hier sei empirisch nachgewiesen worden, dass gemeinsames Lernen bis zur zehnten Klasse „sich zum Nachteil der Sch├╝ler auswirkt.“.

Tats├Ąchlich handelt es sich bei der Studie um eine „Erhebung zum Lese- und Mathematikverst├Ąndnis Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin“. Auch in dieser Studie taucht der Begriff „Einheitsgedanke bis zur zehnten Klasse“ niemals auf, mal abgesehen davon, dass nur bis zur 6. Klasse untersucht wurde. Und: Es geht um den ├â┼ôbergang ins Gymnasium, nicht um eine Werkrealschule. Allein deshalb ist der Vergleich schlicht unzul├Ąssig.

Der Verfasser der Studie, Prof. Dr. Rainer Lehmann, Professor f├╝r Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universit├Ąt Berlin, sieht allerdings die Ergebnisse seiner Studie sehr differenziert, wie dieses Interview mit Deutschlandradio belegt.

Im Kern stellt seine Studie heraus, dass f├╝r etwa zehn Prozent der leistungsst├Ąrkeren Sch├╝ler der ├â┼ôbergang von der 4. Klasse ins Gymnasium von Vorteil ist. „Im Prinzip ist die Berliner L├Âsung bis zur 6. Klasse gar nicht so verkehrt“, sagte uns Professor Lehmann auf Anfrage: „Nur eben f├╝r diese Gruppe der leistungsstarken Sch├╝ler nicht.“ Dabei verweist der Professor auf eine Vielzahl von Einflussfaktoren, beispielsweise dass in der Grundschule fast keine Fachlehrer des Bereichs Mathematik zum Lehreinsatz kommen und es eine „gewisse Infantilisierung der Grundschule in den vergangenen Jahren“ gegeben habe: „Der ├â┼ôbergang zum Gymnasium ist f├╝r viele Kinder dann ein Schock.“

Herr Dr. Doll schreibt:
„Nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung Ungleicher.“ Dieser Satz ist eine Behauptung – weder logisch, noch empirisch begr├╝ndet. Herr Dr. Doll verwendet dieses chiastisch angelegte Postulat als Beleg gegen das Konzept der Gesamtschulen.

Herr Dr. Doll hat vor allem eines – keine Ahnung von dem, ├╝ber das er schreibt

Mal unabh├Ąngig davon, ob man nun f├╝r oder gegen ein solches Konzept ist, verkennt Herr Dr. Doll in krasser Unkenntnis der praktischen Umsetzung von Lerninhalten an Gesamtschulen, dass dort die Kinder keineswegs gleich behandelt werden.

Es gibt Kurs- und F├Ârdersysteme, die Sch├╝ler nach ihren Leistungen in Teilen eben unterschiedlich unterrichten – nur eben ├╝berwiegend zusammen. Herr Dr. Doll behauptet, dass alle Sch├╝ler „gleich“ behandelt w├╝rden. Das ist falsch.

Das gemeinsame Lernen hat vor allem einen sozialen Ansatz und soll die „soziale Trennung“ der Sch├╝ler eind├Ąmmen – etwas, was der Christdemokrat Doll anscheinend ├╝berhaupt nicht will.

Herr Dr. Doll schreibt:
„Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland deutlich niedriger als in den benachbarten L├Ąndern. Dies wird auch auf das gegliederte Schulsystem zur├╝ckgef├╝hrt.“

Knapp vorbei ist auch daneben. So dr├╝ckt sich ein Experte aus: „L├Ąnder mit geringer Jugendarbeitslosigkeit haben zudem ein duales Ausbildungssystem, das den Jugendlichen den ├â┼ôbergang von der Schule in die Arbeitswelt erleichtert. In Frankreich und Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch ist, gibt es dieses System nicht. Die hierzulande oftmals kritisierte Lehrlingsausbildung gilt dort als Modell“, sagt der Sozialforscher Peter Auer in einem Interview mit der Zeit (28. Oktober 2009).

Wieder bringt Herr Dr. Doll also m├Ąchtig etwas durcheinander.

„Die Gegner des Schulantrages nehmen keine R├╝cksicht auf die Interessen der Heddesheimer Sch├╝ler. Die dahinter stehende Ideologie ist falsch. Siehe die Ergebnisse von PISA und die Tatsache, dass Gesamtschulen bis heute nicht mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen als Schulen des gegliederten Schulsystems.“

Auch hier geht Herrn Dr. Doll wieder Einiges durcheinander. „Die Gegner des Schulantrages“ sind nicht gegen die Werkrealschule – sie sind gegen die Zusammenf├╝hrung der Schulen unter eine Leitung. Dahinter steht keine „Ideologie“, sondern der Gedanke, dass eine Hauptschule am Ort mit eigener Leitung besser ist, als eine unter „fremder“ Leitung. Die Hinf├╝hrung auf einen Werkrealschulabschluss w├╝rde auch an dieser Hauptschule stattfinden – nur eben nicht mehr die zehnte Klasse „Werkrealschule“.

Was PISA und die Bildungsgerechtigkeit angeht, kommt der Aktionsrat Bildung der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. zu folgendem Schluss: „Deutschland erreichte in allen Kompetenzbereichen ein Leistungsniveau, das dem OECD-Durchschnitt entsprach (vgl. Prenzel u. a. 2004, S. 70, S. 99, S. 118; vgl. Abb. 2). Allerdings liegen die durchschnittlichen Leistungen einer ganzen Reihe von Staaten (in mehr oder weniger allen Bereichen) deutlich ├╝ber den in Deutschland beobachteten. Der internationale Vergleich f├╝hrt so vor Augen, dass Jugendliche im Alter von 15 Jahren ein sehr viel h├Âheres Kompetenzniveau als in Deutschland erreichen k├Ânnen. Wenn man will, kann man diesen Befund so interpretieren, dass deutsche Jugendliche im Vergleich zu denen anderer Staaten in gewisser Weise „benachteiligt“ sind, denn sie erhielten offensichtlich nicht die gleichen Chancen, ein entsprechend hohes Kompetenzniveau zu entwickeln.“

Dr. Doll und seine „Ideologien“

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft d├╝rfte eher unverd├Ąchtig sein, einer im Sinne von Dr. Doll unterstellten „Ideologie“ zu folgen, der angeblich die Gr├╝nen und der Gemeinderat Hardy Prothmann (Anm. d. Red.: Verantwortlich f├╝r das heddesheimblog) folgen.

Dr. Doll bef├╝rchtet bei einer „Einheitsschule bis zur zehnten, selbst bis zur sechsten Klasse“, dass „Privatschulen, auch f├╝r die Grundschule aus dem Boden schie├čen. Dies ist nicht Ziel der CDU. Ob dies im Sinne der Ablehner ist, wagen wir zu bezweifeln.“

Was genau Herr Dr. Doll da im pluralis majestatis zu „bezweifeln wagt“, kann man nur erahnen.

Weiter schreibt Herr Dr. Doll:
„In jedem Fall ist das ganze schwach recherchiert und ein erneutes Beispiel daf├╝r, dass von den genannten Gruppierungen Ideologie wissenschaftlicher Erkenntnis vorgezogen wird.“

Dieser Satz ist ausnahmsweise richtig – allerdings nur, wenn man ihn auf die Ausf├╝hrung von Herrn Dr. Doll bezieht.

Als guter Christ sollte Herr Dr. Doll vielleicht ├Âfter mal die Bibel zur Hand nehmen und die zehn Gebote durchgehen. Das achte Gebot sagt: „Du sollst kein falsch Zeugnis ablegen.“

Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
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