Donnerstag, 18. August 2022

„Entschuldige, Schatz, du weißt doch, meine Hypophyse!“


Rhein-Neckar, 24. Juli 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der RealitĂ€t. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich da manchmal die SphĂ€ren. Und niemals hĂ€tte Marietta gedacht, dass Schwangerschaft und Mutter-Dasein solch‘ massive VerĂ€nderungen mit sich bringen – doch dann fand sie die ErklĂ€rung.

Von Marietta Herzberger

Die Hypophyse. Quelle: Wikipedia/ Patrick J. Lynch, medical illustrator.

Wussten Sie schon, dass eine Frau sobald sie ein oder mehrere Kinder zur Welt bringt, keine folgerichtigen SchlĂŒsse mehr ziehen oder eine komplexere betriebswirtschaftliche Berechnung ausfĂŒhren kann? Nein? Dann lesen Sie weiter.

Bis ich eines Besseren belehrt wurde, war ich der irrigen Annahme erlegen, dass Kinderkriegen eine Sache von höchstens ein paar Stunden ist – die Zeit der Schwangerschaft nicht eingerechnet – und das war es dann auch. Völlig falsch!

Genauso wie die Annahme, Lappen dienen lediglich zur SÀuberung diverser GegenstÀnde. Klar. Keine Frage. Oder doch nicht? Genau. Auch hier: Völlig falsch.

Als halbwegs gebildete Mutter weiß ich heute, dass es Vorder-, Mittel- und Hinterlappen gibt. Und die sind wichtig, sehr wichtig sogar. Insbesondere fĂŒr Frauen, die Kinder bekommen. Gemeint ist die Hypophyse. Auch als HirnanhangdrĂŒse bezeichnet.

Zur Verdeutlichung: Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „das unten anhĂ€ngende GewĂ€chs“, obwohl sich dieses Etwas direkt in unserem Hirn befindet und ich es in der deutsch-wörtlichen ÃƓbersetzung eher dem Manne zugesprochen hĂ€tte. Genauer befindet sich dieses GewĂ€chs tief im SchĂ€del in der Höhe etwa zwischen den Augen.

Dieser Teil unseres Körpers verĂ€ndert sich dramatisch, wĂ€hrend man vergnĂŒgt dabei ist, ein kleines Menschlein wachsen zu lassen. Das Absurde hier: Es ist egal, ob man kastriert wird oder schwanger ist. In beiden FĂ€llen schwillt die Hypophyse an, nimmt VerĂ€nderungen an besagten Hirnlappen vor und bringt einen dazu, wirre Dinge zu tun wie Schokoriegel mit Senf zu essen oder den Partner anzubellen, weil er bereits zum wiederholten Male unertrĂ€gliche GerĂ€usche beim Fußnagelklipsen produziert.

Licht kam in mein Mysterium!

Diese Tatsache wurde mir klar, als ich ziemlich umfangreich beim Frauenarzt saß, auf meinen Termin wartete und mir in stoischer GleichmĂŒtigkeit einen Artikel ĂŒber VerĂ€nderungen im Körper wĂ€hrend der Schwangerschaft durchlas. Da kam Licht in mein Mysterium – und nebenbei auch in das meines Mannes; schließlich war ich eines fĂŒr ihn geworden. Endlich waren alle meine Fragen beantwortet.

Die Hypophyse ist schuld! Ich war nicht bescheuert, sondern schwanger und dabei hat die Hypophyse einiges mitzureden. Endlich hatte ich eine Entschuldigung fĂŒr all meine verbalen Fehltritte: „Entschuldige, Schatz, du weißt doch, meine Hypophyse!“

Wie dem auch sei, die Schwangerschaft ist vorbei, das Kind ist da. Ist dann alles wieder in Ordnung? Oh nein, ist es nicht! Die niedlichen LĂ€ppchen verwandeln sich nĂ€mlich nicht wieder zurĂŒck. Die bleiben, wie sie sind. Was aber nicht heißen soll, dass ich nun mein Lebtag ungenießbares Zeug verschlingen werde. Die VerĂ€nderung vollzieht sich viel dramatischer. Sie wĂŒhlt sich subtil in alle Lebensbereiche. Latent und doch offensichtlich.

Ich gehe nicht mehr shoppen! Ich gehe einkaufen. Zielgerichtet und vernĂŒnftig. Und ich kaufe nicht etwa Schuhe fĂŒr mich, nein, ich kaufe Kinderklamotten, GlitzerhaarbĂ€nder und Lutscher.

Pizza, Cheeseburger & Co waren gestern. Heute koche ich gesund, mineral- und vitaminreich und auf die Frage meines Mannes, wann wir mal wieder skaten gehen, schaue ich ihn nur verstĂ€ndnislos an und teile ihm entrĂŒstet mit, dass ich schließlich einmal die Woche zum Kinderturnen gehe. Was geben mir Theaterbesuche oder das Konzert von Toto, wenn ich auch vorm Kinderkarussell stehen kann?

Das hĂ€tte mir mal vorher einer sagen sollen! Vor der Schwangerschaft noch milde belĂ€chelt, trifft es dich danach mit voller Wucht und das Schönste daran ist: Du merkst es nicht. Dein Partner schon, deine Umwelt auch, du selbst nicht. Daran wiederum ist nicht allein die Hypophyse schuld, die ich stĂ€ndig und unentwegt als EntlastungsbeweisstĂŒck aus der Jackentasche ziehe. Einfach der Umstand der Mutterschaft reicht gelegentlich schon aus. Was das Ganze nicht wirklich einfacher macht.

Was soll®s. Ich kann gleichzeitig kochen, telefonieren, meine Emails abrufen und die Hausaufgaben meiner Tochter ĂŒberwachen. Das soll mir mal einer – da meine ich den mĂ€nnlichen Teil der Bevölkerung – nachmachen! Ich habe die Herrschaft und den ÃƓberblick ĂŒber die Temperatur meiner Tochter, den Liebesbarometer meines Mannes, der halbjĂ€hrlichen IdentitĂ€tskrise meiner Freundin, die familieneigenen Finanzen, den Bewegungsdrang eines gefrĂ€ĂŸigen Hundes und schaffe es mittlerweile trotzdem noch, den KĂŒhlschrank zu bestĂŒcken und meine unqualifizierten Zellen ins BĂŒro zu schleppen, um produktiv tĂ€tig zu werden.

So! Und was habe ich davon?

UnĂŒbersehbar klebt mir der Stempel „verantwortungslose und total ĂŒberforderte Rabenmutter“ auf der Stirn. Schande ĂŒber mich. Dann schaue ich nach rechts auf die Zweifachmutter und Nur-Hausfrau neben mir. Und was sehe ich? „Eine gluckende ÃƓbermutter mit viel Zeit zum Nichtstun.“

Also MĂ€dels, sobald sich die Hypophyse einmischt, wird alles anderes, ob ihr wollt oder nicht. Und der Rest der Welt auch.

Sobald ihr Mutter seid, könnt ihr euch mit grĂ¶ĂŸtmöglicher Mutterliebe der Erziehung widmen, nebenbei euren Doktor nachholen, ein Buch schreiben und in einem Frauen-Netzwerk mitmischen, wĂ€hrend ihr wohlgeformte und wunderbare Geliebte eines treuen Ehemannes seid.

Es ist garantiert nicht einfach. Aber wir haben nun – egal fĂŒr was – eine Entschuldigung.

Sorry – die Hypophyse!

Eure Marietta

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ĂŒber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ĂŒberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kĂ€mpft, kann verlieren. Wer nicht kĂ€mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir wĂŒnschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!