Samstag, 13. August 2022

Gabi´s Kolumne: Sind wir Helden?

Guten Tag!

Heddesheim, 07. November 2009.

Sind wir Helden?, fragt sich Gabi. Etwa weil wir eine Kindheit ohne Fahrradhelme und Kindersitze ├╝berlebt haben? Weil Arznei- und Putzmittel noch keinen Sicherheitsverschluss hatten und es noch keine Handys gab? Ganz zu schweigen von Babyphon, T├╝rschutzgitter und Steckdosensicherungen?

Als ich mein erstes Kind bekam tauchte ich gleich ein in einen Ozean der Gefahren. Nein, eigentlich schon in der Schwangerschaft wusste ich, dass Rohmilchk├Ąse f├╝r das Ungeborene fast genauso gef├Ąhrlich werden kann wie Alkohol oder Zigaretten.

Kaum hatte ich meinen Sohn im Arm wurde ich von allen Seiten – wenn ich es nicht schon im Ratgeber gelesen hatte – ├╝ber die drohenden Gefahren aufgekl├Ąrt: Das Neugeborene durfte nicht auf dem Bauch schlafen, ich durfte keine Zwiebeln oder Schlimmeres essen, dann bekam mein Baby Koliken und auf Kaffee musste ich in der Stillzeit v├Âllig verzichten. Bestimmte Schnuller gaben gef├Ąhrliche Chemikalien ab und ├╝ber den Sinn oder Unsinn von Impfungen konnte man stundenlang diskutieren.

Risiken f├╝r die Kinder – wie alt sie auch sind und wo sie auch sind…

Kaum war diese Neugeborenenphase ├╝berlebt, kam das risikobehaftete Kleinkindalter. Die Wohnung musste sicher gemacht werden. Riegel f├╝r Schrankt├╝ren, Treppenabsperrungen, Herdsicherung, um nur einiges zu nennen, mussten her, damit das Kleinkind gefahrlos durch die Wohnung krabbeln konnte – ich erinnere mich an ein Kinderbild von mir im Laufstall, aber das war p├Ądagogisch ein absolutes „No go“ und es gab in dieser Zeit bestimmt genug Menschen, die r├╝ckwirkend Hersteller von Laufst├Ąllen verklagt h├Ątten.

Wenn Kind und Eltern das alles bis zum Kindergarten ├╝berlebt hatten, begann der Stress mit dem geeigneten Kinderrad nebst T├╝v-gepr├╝ftem Fahrradhelm. Beim Elternabend wurden wir dar├╝ber informiert, welche Teufel sich in der Fr├╝hst├╝cksbox verstecken k├Ânnen und wie gesundheitssch├Ądlich, der von der Werbung angepriesene Kinderriegel, eigentlich war.

Sp├Ątestens jetzt wurden uns auch die Gefahren der Medienwelt bewusst. Brutale Zeichentrickfilme, Computerspiele, die schon Kleinkinder abh├Ąngig machen, f├╝hrten uns direkt ins Einschulungsalter.

Auch hier lauerten tausend Gefahren: Der Schulranzen musste nicht nur h├╝bsch, sondern er musste auch ergonomisch geformt sein, um sp├Ątere Haltungssch├Ąden zu vermeiden. Der Schulweg sollte sicher, aber auf alle F├Ąlle zu Fu├č – Bewegung muss schlie├člich sein – begangen werden. Und immer wieder die Diskussion um die Pausenbrote.

Nach der Grundschulzeit verlie├č mein Sohn die Sicherheit Heddesheims und musste in die gro├če Stadt zur Schule fahren. ├â┼ôber die dort lauernden Gefahren m├Âchte ich gar nicht schreiben ├óÔéČ┬Ž

Ist es ein Fortschritt, vor allem Angst zu haben?

Dass wir unsere Kinder beh├╝ten und besch├╝tzen wollen, versteht sich von selbst. Dass bei dem heutigen Verkehr Fahrradhelm und Autositz nicht zu umgehen sind, kann man nicht abreden. Aber manchmal frage ich mich, wie viel Freir├Ąume geben wir noch unseren Kindern und auch uns, die sie und wir brauchen, um erwachsen zu werden, Erfahrungen zu machen bzw. los zu lassen.

Ist unsere Welt so gef├Ąhrlich geworden, dass unsere Kinder ohne Handy nicht mehr „unterwegs“ sein k├Ânnen? Da fragt man sich nur, wer beh├╝tet werden muss.

Und man fragt sich, worin eigentlich der Fortschritt begr├╝ndet ist, wenn nichts mehr geht und alles angstbesetzt ist? Ist das nicht ein R├╝ckschritt?

Vielleicht waren wir Helden, weil und wie wir unsere Kindheit ├╝berlebt haben – aber heutzutage bewachen wir manchmal zu ├Ąngstlich die Kindheit und Jugend unserer Kinder. Denn Angst war noch nie ein guter Begleiter durchs Leben.