Samstag, 13. August 2022

Zweites „Dialog“-Gespräch: Erregte Diskussion II

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Heddesheim, 30. Juli 2009. Unter TOP3 widmete sich der „Dialog“ zur geplanten Pfenning-Ansiedlung dem Thema „Zukunftsperspektiven Heddesheims“ zu. Dabei wurde deutlich, dass ein Dialog dringend notwendig ist, aber auch, dass er trotz der dafür eingeschalteten PR-Firma IFOK nicht stattfindet. Wieder wurde heftig diskutiert – bis an die Grenzen des Zumutbaren.

Als erster „Dialog“-Teilnehmer meldete sich zum Thema der Bürger Heinz Franke zu Wort. Heddesheim sei für ihn eine Wohngemeinde am Rande der Industriestadt Mannheim. Heddesheim biete ein hervorragendes Umfeld durch seine Einrichtungen wie beispielsweise den Sportanlagen. „Ich befürchte, dass eine derart große Ansiedlung wie Pfenning diese Attraktivität zunichte macht.“

Weiter sagte Herr Franke: „Damit ich richtig verstanden werde, ich bin eindeutig nicht gegen das Unternehmen Pfenning an sich. Ich denke nur, dass das Projekt zu groß ist für unsere Gemeinde und das Fass der Verkehrsbelastung zum Ãœberlaufen bringt. Die Errichtung einer Monowirtschaft würde den Standard Heddesheims auf Jahrzehnte festlegen, jede Entwicklung wäre erledigt.“

„Die Frage muss lauten, was ist für die Bürger gut?“

An die Politik richtete er den Appell: „Als Bürger habe ich den Eindruck, dass beim Pfenning-Projekt nur darüber nachgedacht und verhandelt wird, was für Pfenning gut ist. Das ist falsch. Die Frage muss lauten: Was ist für die Bürger gut?“

Als nächster sprach Josef Doll: „Wir brauchen für die Zukunft Heddesheims neue Arbeitsplätze, um unsere Einrichtungen finanzieren zu können.“

Andreas Schuster sagte: „Ich verstehe Herrn Franke: Niemand hat etwas gegen Pfenning, die schiere Größe des Projekts macht aber Angst, dass hier etwas entsteht, was nicht mehr umkehrbar ist.“

Frank Hasselbring sagte: „Natürlich stellen wir unsere Erwartungen an die Firma Pfenning und erwarten Antworten von der Firma.“

Herr Franke sagte: „Herr Doll, ich merke, dass Sie sich im Recht fühlen. Das Problem ist, dass es keine öffentliche und kontroverse Diskussion im Vorfeld der Entscheidung des Gemeinderats gegeben hat. Deswegen haben Sie jetzt das Problem, weil Sie die Bürger nicht mitgenommen haben. Deshalb ist es auch richtig, dass sich die Kirchen um den Seelenfrieden im Ort sorgen. Für mich geht es gerade weniger um Pfenning, als um den Frieden in der Gemeinde.“

Es gab keine breite politisch-gesellschaftliche Diskussion
über das Projekt – das war ein Fehler.

Klaus Schuhmann sagte: „Das muss ich selbstkritisch bestätigen. Wir hätten damals eine politische Diskussion über das Projekt suchen sollen. Das waren wir alle nicht getan. Das tun wir aber jetzt und zwar mit der Frage, ob wir in einigen Jahren noch zu einer wie auch immer getroffenen Entscheidung stehen können.“

Uwe Nitzinger sagte: „Unsere Ansiedlung wird keinen zusätzlichen Verkehr in die Kerngemeinde bringen. Wir werden das mit der Gemeinde sicherstellen. Was uns betroffen macht, es wird immer so dargestellt, als würden wir nur Unfrieden stiften.“

Herr Nitzinger verwies auf das Beispiel Worms, wo das Logistik-Unternehmen Fiege, dass viel größer sei als Pfenning, ebenfalls nicht Besitzer des Geländes und der Hallen sei: „Diese Konstellation ist durchaus üblich.“

Weiter sagte Herr Nitzinger: „Sie müssen die Dimension verstehen. Es handelt sich hier um eine Organverpflanzung. Wir geben unsere alten Standort auf und fassen unsere Betriebsteile in der Region in Heddesheim zusammen. Wir gehen mit allem, was wir haben von Viernheim weg. Wir wandern sozusagen aus.“

Herr Nitzinger stellte dabei fest, dass auch ein Tochterunternehmen aus dem IT-Bereich mit umziehen werde – als Beispiel, dass auch die geplante Pfenning-Ansiedlung anderen Gewerben nützlich sein wird.

„Wir sind eine Integrationswerkstatt.“

Dann sagte Herr Nitzinger: „Mich regt auch die Diskussion über „gering qualifizierte Arbeitsplätze“ auf. Wir geben Menschen Arbeit, aus allen Nationen. Wir sind sozusagen eine Integrationswerkstatt.“

Und weiter: „Wir sind zu Zugeständnissen bereit. Wir wollten ein Industriegebiet. Das haben wir nicht bekommen, sondern nur ein Gewerbegebiet, das als Sondergebiet ausgewiesen wurde. Und wir schaffen dort Arbeitsplätze und die schaffen Wohlstand.“

Dann setzt Josef Doll in einem langen Beitrag nochmals die demographische Entwicklung Deutschlands in Beziehung zu Heddesheim. Dann erinnert er daran, dass die Gemeinde mit dem Verkauf von Grundstücken viel Geld erwirtschaftet habe und die geplante Pfenning-Ansiedlung wieder Geld bringen würde, was dringend gebraucht wird.

Herr Franke erinnert an die Erfahrungen mit Großprojekten in Heddesheim: „Größe ist immer faszinierend, aber schauen Sie sich an, ob wir mit unseren Großbauten heute zufrieden sind – das sind wir nicht. Auch bei der Edeka wird das so sein. Das hat man anders angefangen, als es heute ist. Heute ist die Edeka ebenfalls ein Logistik-Zentrum.“

„Wir wollen eine Gewerbeentwicklung.“

Bürgermeister Michael Kessler sagte: „Mich wundert, dass Herr Franke von sich glaubt, in die Zukunft schauen zu können. Aus unserer Sicht ist die Weiterentwicklung des Gewerbegebiets richtig und ich kann Herrn Nitzinger nur unterstützen. Und die Edeka hat für Heddesheim eine große Bedeutung: sie hat Gewerbesteuer und Arbeitsplätze gebracht. Bedauerlich ist, dass sie den Unternehmenssitz verlagert hat, das ist halt so.“

Weiter sagte er: „Heddesheim hat sich stark entwickelt. Natürlich gibt es viele Fragen zum Pfenning-Projekt, die wir auch erörtert haben. Generell gilt die Aussage: Wir wollen eine Gewerbeentwicklung.“

Hardy Prothmann sagte: „Ich möchte mich zu Herrn Dolls Ausführungen äußern: Wenn das so war, dass durch Flächenverkauf Geld erwirtschaftet wurde, dann ist doch die Erkenntnis, dass jetzt kaum noch etwas zu verkaufen ist, aber eine nachhaltige, zukunftsorientierte Entwicklung der Gewerbe unterblieben ist. Diese Versäumnisse mit einem Schlag durch Pfenning lösen zu wollen, ist mehr als fraglich. Darüber hinaus wird der Frieden in der Gemeinde durch die permanente Angstkampagne gewisser Leute beschädigt, die uns einreden wollen, ohne Pfenning müssten wir vieles zusperren, nach dem Motto: Können wir unsere Kindergärten halten? Das ist unredlich.“

„Wir wollen nicht länger das Dorf in der Umgebung sein.“

Jürgen Merx sagte: „Unser Ziel ist der Wohlstand. Und wir schließen natürlich keine Kindergärten. Und natürlich kann die Größe des Projekts schon erschrecken. Wir Gemeinderäte müssen uns aber der Entscheidung stellen. Wissen Sie, außerhalb wird Heddesheim immer noch als Dorf betrachtet. Ich sage aber: Stillstand ist Rückschritt. Wir wollen nicht länger das Dorf in der Umgebung sein.“

Herr Doll rechnet vor, dass die eigene Entwicklung des Geländes für Heddesheim zu teuer wäre: „Der durchschnittliche Preis für den Quadratmeter Gewerbegrundstück liegt bei 120 Euro. Das können wir als Gemeinde gar nicht stemmen. Wir brauchen aber einen Schub für das Gewerbegebiet und den wird Pfenning bringen.“

„Viele Heddesheimer sind misstrauisch.“

Andreas Schuster sagte: „Die können mir viel erzählen, sagen die Menschen mittlerweile. Viele Heddesheimer Bürger sind misstrauisch, weil viele Behauptungen nicht mit konkreten Aussagen unterfüttert sind. Das sollten wir ändern.“

Herr Nitzinger sagte: „Unser Projekt bietet die Möglichkeit einer positiven Abstrahlung. Wir bringen frisches Blut nach Heddesheim. Unsere Mitarbeiter werden einen wesentlichen Teil ihres Lebens hier verbringen. Sie kaufen in Heddesheim ein oder gehen auch hier in die VHS. Die gesamte Gemeinde wird profitieren.“

Herr Prothmann sagte: „Ich möchte darauf hinweisen, dass die Gemeinde sich im Vorgriff auf die tatsächliche Entwicklung schon als Logistik-Standort präsentiert. Tatsächlich bin ich der Ãœberzeugung, dass diese Kennzeichnung für Heddesheim von Schaden sein wird. Wenn die Menschen beim Namen Heddesheim an Logistikstandort denken, werden die Immobilienpreise hier fallen und der von vielen zu Recht gewünschte Zuzug von gut ausgebildeten Neubürgern aus dem Mittelstand ausbleiben. Keiner zieht freiwillig an einen Logistikstandort. Insofern stelle ich zur Diskussion, ob eine Pfenning-Ansiedlung nicht einen Image-Schaden für die Gemeinde nach sich zieht.“

Und weiter: „Zudem hat die Logistik nicht den allerbesten Ruf und im Speziellen ist die Firma Pfenning in der Vergangenheit negativ aufgefallen mit Schlagzeilen wie „Betriebsratschef zusammengeschlagen“ und „Politik appelliert an Unternehmen“.“

Herr Prothmann wird heftig von Herrn Nitzinger wiederholt bei seinen Ausführungen unterbrochen. Es wird heftig und laut diskutiert. Herr Nitzinger überzieht Herrn Prothmann mit einer Beleidigung, die er nicht öffentlich zitiert haben will.

Moderator Andreas Ingerfeld: „Ich bitte die Teilnehmer, die Emotionen zurück zu nehmen und von weiteren, persönlichen Angriffen abzusehen.“

Heiner Gladbach sagte: „Ich finde die Vorwürfe gegen Pfenning schon bedeutend und würde gerne wissen, ob man das mit Fakten belegen kann.“

Herr Nitzinger betont, dass alle Anschuldigungen und Behauptungen falsch seien und Pfenning alle Prozesse damals gewonnen hätte.

„Es gibt nichts zu bedauern.“

Herr Franke sagte: „Ich finde es bedauerlich, dass Sie mit ihrer Vermarktung des Geländes alle hier Anwesenden in Verlegenheit gebracht haben. Die Leute denken doch: Worüber reden die eigentlich, wenn Pfenning das Gebiet schon verkauft?“

Herr Nitzinger sagte: „Wir haben lange Vorlaufzeiten in unserem Geschäft, deswegen müssen wir so handeln.“

Dieser Punkt wird diskutiert. Es wird Verständnis geäußert, dass das Unternehmen den Vorlauf braucht, aber festgehalten, dass auch hier die Kommunikation versagt hat.

Herr Franke sagte: „Für mich ist das eine Frage des Stils und des Anstands. Sie sollten das wenigstens bedauern, oder?“

Herr Nitzinger: „Wir haben nichts zu bedauern.“

Pélagie Mepin sagte: „Sie müssen das so sehen, wir investieren viel Geld in die Kampagne. Sollte das Projekt nicht kommen, haben wir viel Geld verloren.“

Herr Franke: „Ich gebe meine Frage an den Bürgermeister weiter.“

Bürgermeister Kessler: „Ich kann die Haltung von Pfenning nur unterstützen. Natürlich müssen die sich um ihr Geschäft kümmern.“

Herr Schuster sagte: „Ich sehe hier einen Konflikt zwischen einer PR-Katastrophe und einem Unternehmen, dass sich nach außen mit einer gewissen Potenz darstellen muss, um als attraktiver Geschäftspartner wahr genommen zu werden.“

Frau Kemmet sagte: „Ich fände es wichtig, wenn wir im Dialog einen Katalog für die verwendeten Begriffe aufstellen würden, beispielsweise ist „Nachhaltigkeit“ ein Wort, das viel sagt, weil es viele Definitionen dazu gibt. Ich denke, dass überfordert viele Bürger.“

Kurz nach 21:30 Uhr war die „Dialog“-Zeit zu Ende.

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Das heddesheimblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.