Dienstag, 30. November 2021

Was Gutachten gut achten

Print Friendly, PDF & Email

Als Student bei einem Forschungsinstitut habe ich gelernt: Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefÀlscht hast. Warum sollte ich mich Gutachten, die ich nicht erstellt habe, anders umgehen?

Kommentar: Hardy Prothmann

Die Pressemitteilung der IFOK wird uns folgendermaßen informieren: „Erörtert wurde die Verkehrsanalyse vom Juli diesen Jahres, bei dieser wurde der Knotenpunkt rund um das Gewerbegebiet untersucht. (…) Bei der Erschließung der geplanten FlĂ€che sind anhand bundesweit gĂŒltiger Regelwerte 3200 Verkehrsbewegungen (LKW und PKW) zu erwarten. Dieser Wert reduziert sich basierend auf den Angaben der Firma Pfenning auf 2250 Bewegungen.“

Diese Botschaft ist fĂŒr jeden klar denkenden Menschen klar, wie es klarer nicht sein kann: Pfenning bringt uns mehr Verkehr, aber immerhin ein Drittel weniger als wenn irgendwelche KFZ-Fuzzis oder Software-Pioniere sich hier kleinteilig ansiedeln wĂŒrden. Die Botschaft habe ich verstanden.

Auch dass „Mittelwerte“ zustande kommen, weil Leiharbeiter nicht mit dem Auto, sondern per Bus angefahren werden, befriedigt mich. Das ist ökologisch sinnvoll.

„Die Stichhaltigkeit dieser Angaben werden vom Gutachter durch eine StichprobenzĂ€hlung bei der Logistikfirma Dachser bestĂ€tigt. Laut Darstellung von Herrn Nitzinger (Pfenning) handelt es sich bei den Angaben um obere Grenzwerte.“

Auch diese Botschaft habe ich verstanden. Herr Nitzinger geht immer vom Worst-case aus, also unbezahlten ÃƓberstunden ohne Ende und Ausgleich. Da er der Chef ist, wird er schon dafĂŒr sorgen, so wie er sich um alles sorgt, dass das nicht kommt.

„Vertreter der Firma Pfenning erklĂ€rten darĂŒber hinaus, dass durch firmeninterne organisatorische Maßnahmen sichergestellt wird, dass kein zusĂ€tzlicher Schwerlastverkehr ĂŒber die Ringstraße gefĂŒhrt wird. 100 Prozent des Schwerlastverkehrs wird direkt auf die Autobahn geleitet. Zudem versicherte das Unternehmen, dass auch die Ortsmitte Heddesheim durch Pfenning mit Schwerlastverkehr nicht weiter belastet wird. Allerdings wird aufgrund der zusĂ€tzlichen ArbeitsplĂ€tze der PKW-Verkehr in der Ortmitte zunehmen (laut Studie ca. 13 Fahrzeuge pro Stunde mehr).“

Das ist doch mal eine Aussage, die jede Anstrengung des heddesheimblogs rechtfertigt: Zuvor wollte Pfenning noch jeweils 5 Prozent ĂŒber die Ringstraße und durch den Ort lenken, also rund 80 Lkw-Fahrten pro Tag, die jetzt gestrichen sind. Leider bleiben 13 Fahrzeug mal, sagen wir 14 Stunden, das macht, grummelgrummel, 10×14=140 und 3×14=42, zusammen 182 Autos mehr pro Tag. Na das geht ja. Das sind ja nur… 182/14, genau: 13 Autos mehr pro Stunde. Oder anders 60/13, also nur ungefĂ€hr alle 4,5 Minuten ein Auto mehr – vorausgesetzt, die Prognose basierend auf den Zahlen von Pfenning stimmt. Ich habe schließlich aufgepasst.

„Auf die RĂŒckfrage von Teilnehmern wurde noch eingehender die Fragen erörtert: Auf welche KapazitĂ€t ist der Verkehrsknoten ausgelegt? Wie viel Verkehr herrscht aktuell? Wann sind wir an der Grenze? Der Gutachter betonte, dass die Verkehrssituation durch die Ansiedlung von Pfenning nicht besser, aber auch nicht wesentlich schlechter wĂŒrde. Konkretes Beispiel: Die aktuell beim Gutachten festgestellte mittlere Wartezeit am Knoten betrĂ€gt 7 Sekunden; die Experten haben errechnet, dass sich diese mittlere Wartezeit im Jahre 2012 auf 9 bis 10 Sekunden erhöhen wird.“

Dieser Abschnitt der Pressemitteilung ist sehr interessant. Der Gutachter sagt also, es wird nicht besser, aber auch nicht wesentlich schlechter. Da sind wir wieder bei der Statistik. Wenn ich bislang 7 Sekunden warten musste und in Zukunft 9 Sekunden, ist das eine Zunahme der Wartezeit um 28 Prozent, bei zehn Sekunden sind es sogar 30 Prozent.

In Bezug auf Sekunden ist das fĂŒr uns klar denkende Menschen klar, dass Herr Leutwein sagt, das sei nicht wesentlich schlechter. In Bezug auf unser Gehalt wĂŒrden wir das anders denken. Es kommt halt immer auf die BezugsgrĂ¶ĂŸe an und wie man die versteht.

„Insgesamt sei durch die Ansiedlung von Pfenning eine zentrale Steuerung der Verkehrsströme des neuen Gewerbegebiets gegeben. Damit seien die Grundbedingungen fĂŒr die Gemeinde besser als bei einer kleinteiligen Erschließung des GelĂ€ndes. Die Gesamtbelastung durch eine andere Nutzung des GelĂ€ndes wĂ€re somit grĂ¶ĂŸer.“

Zentrale Steuerung klingt gut. „Bessere Grundbedingungen“ auch. Und eine „grĂ¶ĂŸere Gesamtbelastung durch eine andere Nutzung“ will niemand.

Puhh, wenn ich alles klar verstanden habe, ist Pfenning mit durchschnittlich 500 Lkw-Bewegungen am Tag und nur 800 am Tag in der Spitze ein GlĂŒcksfall fĂŒr Heddesheim. Gott sei Dank ist niemand auf die Idee gekommen, das alles kleinteilig zu entwickeln.

Mit Pfenning wird also alles besser, dass habe ich klar verstanden. Was mich nur ein wenig gewundert hat, ist, dass der Gutachter, als ich ihn ein wenig zu den Zahlen gefragt habe, plötzlich in nicht-klare ErklÀrungsnöte geriet und stÀndig etwas von Prognosen, Angaben, PlausibilitÀten, Annahmen usw. erzÀhlte und sich nicht festlegen wollte.

Glaubt er am Ende seiner eigenen Statistik nicht?

Oder hat es etwas damit zu tun, dass es nicht seine Statistik war, die er vorgestellt hat, sondern die von seinem Angestellten, Herrn Wammetsberger?

Auch der MM berichtet zum Thema:
Gutachter: Verkehrssituation am Kreisel zu bewÀltigen

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.