Montag, 10. Mai 2021

„Kein Gruppenfoto ohne Sponsor“

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Guten Tag!

Heddesheim, 24. August 2009. Die Tennis-Regeln sind ziemlich einfach. Die Tennis-Welt hingegen nicht. Notizen ├╝ber eine absurde Begegnung.

Von Hardy Prothmann

Kurz nach 14:00 Uhr treffe ich am Sonntag, den 24. August 2009, im Heddesheimer Tennis-Club ein. Mein Begehr: Ein paar sch├Âne Bilder von der Tennis-Jugend machen, ein paar Zeilen dazu schreiben. Nichts Aufregendes. Einfach ein Lokaltermin – journalistisch eher anspruchslos.

Doch es kommt anders. Ich spreche einen Mann an, der aussieht, als h├Ątte er etwas mit dem Turnier zu tun. Man begr├╝├čt sich. Der Mann ist der Turnierleiter und Sportjugendwart und Tennistrainer Holger Fuchs aus Leimen.

„Super, dann bin ich bei Ihnen ja richtig, um Informationen zu erhalten. Ich w├╝rde gerne Bilder machen, wo kann ich das am besten?“, frage ich.

„Wichtig ist, dass unser Sponsor auf dem Bild ist.“ Holger Fuchs

Der Herr Jugendwart und Turnierleiter Fuchs f├╝hrt mich weg von den Tennispl├Ątzen, auf denen die Kinder und Jugendlichen ihr Turnier austragen und um jeden Punkt k├Ąmpfen. Hin zu einem Tisch, auf dem die Pokale stehen: „Hier wird sp├Ąter das Gruppenfoto gemacht. Wichtig ist, dass unser Sponsor mit auf dem Bild ist.“ Herr Fuchs grinst, aber er meint das ganz ernst.

pokale

Gerne h├Ątten wir die Sieger mit ihren Pokalen gezeigt... aber ohne den Sponsor im Bild kein Foto. Wir haben deshalb verzichtet. Bild: heddesheimblog

Ich gucke Herrn Fuchs verwundert an und sage: „Entschuldigen Sie, aber was ich fotografiere, entscheide ich selbst.“ Herr Fuchs sagt: „Der Sponsor muss mit auf dem Bild sein.“ Ich sage: „Mit m├╝ssen habe ich so meine Schwierigkeiten. Warum sollte ich ein Bild mit Werbung f├╝r den Sponsor ver├Âffentlichen? Wenn der Sponsor bei mir Werbung machen will, kann er das gerne tun. Unabh├Ąngig davon berichte ich als Journalist frei von Sponsoren.“ Herr Fuchs sagt: „Das ist die Bedingung, kein Gruppenfoto und kein Bericht ohne unseren Sponsor.“ Ich sage: „Ist das das Wort zum Sonntag?“ Herr Fuchs sagt: „Ja.“ Neben Herrn Fuchs steht der „Pressewart“ Thomas Fritz. Der sagt kein Wort, aber auch er l├Ąchelt freundlich.

blick

Der eine hat den Ball und den Punkt im Blick... Bild: hblog

Ich sage: „Gut, wenn das so ist, gehe ich und werde ihren Vorstand ├╝ber dieses mehr als seltsame Gespr├Ąch informieren.“ Das interessiert weder Herrn Fuchs noch Herr Fritz. Man gibt sich die Hand, Herr Fuchs und Herr Fritz l├Ącheln freundlich und ich verlasse den Ort.

Ich informiere telefonisch den Vorstand Michael Bowien ├╝ber die seltsame Begegnung. Dem Mann ist das unangenehm. Eigentlich hat er nur den Turnierverlauf im Sinn, dass er sich jetzt mit der Frage von Journalismus in Zeiten des „Sponsoring“ auseinandersetzen muss, hatte er nicht auf dem Zettel.

Herr Bowien versteht sofort, dass bei dieser Begegnung „etwas schief gelaufen ist“ und bem├╝ht sich um Ausgleich.

Also komme ich eine Stunde sp├Ąter wieder in den Club. Ich erhalte „exklusive Vorstandsbetreuung“ durch Herrn Bowien, der mir Informationen zum Turnier gibt.

Die sind eher banal – was auch sonst? Rund 60 Kinder und Jugendliche tragen ein Tennisturnier aus. Sensationsjournalismus geht anders. Es geht um Lokalkolorit, um Vereinsberichterstattung, um die M├╝he, im Alltag zwischen viel wichtigeren Nachrichten wahrgenommen zu werden.

Dann kommt Herr Fuchs bei uns vorbei. Eine gute Gelegenheit, die Sache von vorhin zu kl├Ąren, denke ich: „Herr Fuchs, wissen Sie inzwischen, was die Aufgabe der Presse ist?“, frage ich. Herr Fuchs sagt: „Nein, ich wei├č nur, dass Sie fotografieren wollen und der Sponsor mit aufs Bild soll.“

„Es geht darum, dass es ├╝blich ist, dass der Sponsor ins Bild kommt.“ Holger Fuchs

„Dann wissen Sie wenig ├╝ber die Presse.“ Herr Fuchs sagt: „Das stimmt. Aber darum geht es nicht.“

„Worum geht es dann?“, frage ich. „Darum, dass das Turnier ohne unseren Sponsor so nicht m├Âglich w├Ąre“, sagt Herr Fuchs.

Ich sage: „Das ist interessant. Sie sind doch Sportler. Geht es hier um den Sport und die jungen Sportler oder um den Sponsor?“ Herr Fuchs sagt: „Es geht darum, dass es ├╝blich ist, dass die Presse den Sponsor fotografiert, denn der zahlt schlie├člich und damit gibt es die Turniere.“

fuchs

der andere den Sponsor. Preisverleihung, dahin in die Kamera schauen und ab. Bild: hblog

Ich sage: „Ich bin hier wegen des Sports und dar├╝ber will ich berichten.“ Herr Fuchs sagt: „Das k├Ânnen Sie, wenn Sie ├╝ber den Sponsor berichten. Das ist so ├╝blich, alle Pressefotografen machen das so. Bei gro├čen Marken wie Benz oder anderen ist das doch auch so.“

Gruppenfoto mit Sponsor als „Aufgabe“ f├╝r den Journalismus.

Ich sage: „Das mag so sein, aber was f├╝r Sie „├╝blich“ ist, ist f├╝r mich ├╝bler Journalismus. Ich bin eigentlich nicht hier, um ├╝ber das verkommene System des Sport-Sponsorings zu berichten, sondern nur ├╝ber ein Jugendturnier.“ Herr Fuchs sagt: „Aber so ist das nunmal. Dar├╝ber mache ich mir keine Gedanken. Der Sponsor hat schlie├člich viel Geld bezahlt.“

„Wieviel?“, frage ich. „Das werde ich Ihnen nicht sagen“, sagt Herr Fuchs und grinst.

Und: „Was Sie schreiben, kann ich nicht beeinflussen. Das wissen Sie genau. Aber das Gruppenbild wird nur mit unserem Sponsor gemacht. Was anderes interessiert mich auch nicht, weil ich Ihren Text bestimmt nicht lese.“

Herr Fuchs hat zu tun und geht weiter.

Und ich habe viel dazu gelernt. ├â┼ôber einen Jugendwart und wie er seine Aufgabe sieht. Und ├╝ber einen Heddesheimer Verein, der sich sicher nicht wesentlich von anderen Vereinen im Rhein-Neckar-Kreis oder anderswo in Deutschland unterscheidet. Und ├╝ber das Sponsoring, das schon U10 einschlie├čt.

Und dar├╝ber, welche Rolle „├╝blicherweise“ der „Lokaljournalismus“ spielt: Gruppenfoto mit Sponsor. Aufgabe erf├╝llt.

Die vollst├Ąndig ignorante Haltung dieses Jugendwarts, dem der Sponsor wichtiger ist als der sportliche Wettkampf seiner „Sch├╝tzlinge“, ist eigentlich nicht ├╝berraschend.

├â┼ôberraschend ist, mit welcher selbstverst├Ąndlichen Gleichg├╝ltigkeit Herr Fuchs auftritt. F├╝r ihn sind Journalisten nur Promoter f├╝r seine Sponsoren.

„Das ist mir egal.“ Norman Kohl

Bevor ich gehe, treffe ich noch Herrn Norman Kohl von Kohl-Sport, dem Hauptsponsoren. Ich schildere ihm kurz die unerfreuliche Begegnung. Herr Kohl grinst irgendwie wie Herr Fuchs und sagt: „Das ist mir egal.“ Dann grinst er noch mehr.

„F├╝r Sie geht das so in Ordnung?“, frage ich Herrn Kohl. Herr Kohl sagt: „Ja.“

„Und mehr sagen Sie dazu nicht?“, frage ich. Herr Kohl sagt: „Was gibt es dazu mehr zu sagen?“, und grinst.

Ich sage: „Naja, w├Ąre Herr Fuchs etwas „geschickter“ gewesen, h├Ątte ich vielleicht das Foto so gemacht, wie er es wollte, schlie├člich erm├Âglicht das „Sponsoring“ ja das Turnier und mal abgesehen von den Hintergr├╝nden finde ich es gut, wenn die jungen Sportler sich messen k├Ânnen.“

Herr Kohl sagt: „F├╝r mich geht das so in Ordnung.“ Und grinst wieder.

Warum Herrn Kohl dieses kurze Gespr├Ąch dauernd zum Grinsen brachte, habe ich nicht verstanden. Ebenso wenig, warum Herr Fuchs immer grinste.

Offensichtlich verstehen die beiden mehr als ich vom Tennis und vom Sponsoring. Das gebe ich zu.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.