Montag, 21. Juni 2021

„Ein Ich wird man nicht allein.“ Renan Demirkan liest aus ihrem neuen Buch

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Guten Tag!

Heddesheim, 24. Oktober 2009. Am Freitagabend las Renan Demirkan aus ihrem neuen Buch „Septembertee oder das geliehene Leben“. Gut 70 Zuhörer waren fasziniert von der PrĂ€senz der deutsch-tĂŒrkischen Autorin und Schauspielerin im „Pflug“. Eine zierliche Frau stellt ein starkes Buch vor, das biographisch, politisch und poetisch ist.

Von Sabine Prothmann

Sie kommt herein, ist klein, zierlich, bildhĂŒbsch und prĂ€sent. Sie bringt eine WĂ€rme mit, denen sich die gut 70 Zuschauer im voll besetzten „Pflug“ von der ersten Minuten an nicht entziehen können.

Renan Demirkan ist heute Abend in Heddesheim, um aus ihrem aktuellen Buch „Septembertee oder das geliehene Leben“ zu lesen. Und das tut die Schauspielerin gekonnt – die eineinhalbstĂŒndige Lesung wird zur AuffĂŒhrung.

„Man wollte keine Akademiker – man wollte starke MĂ€nner.“

Doch bevor sie liest, berĂŒhrt sie.

Sie erzÀhlt von ihrer Jugend in den Siebzigern, als Betroffenheit noch eine Lebenseinstellung war. Sie bekennt sich, radikal humanistisch zu sein und dass sie Unrecht nicht zulassen kann.

Sie erzĂ€hlt von einem Handelsabkommen in den 60-er Jahren, als man Geld fĂŒr tĂŒrkische MĂ€nner bezahlte, damit sie nach Deutschland kommen. „Man wollte keine Akademiker, man wollte starke MĂ€nner“.

„Bildungsferne Menschen produzieren bildungsferne Kinder.“

Den Vorwurf, dass sich tĂŒrkische Frauen nicht integrieren wollten und wollen weist sie zurĂŒck. Wie soll man sich integrieren, wenn man die Sprache nicht spricht? Wie soll man eine Sprache lernen, wenn man nicht lesen und schreiben kann? Wenn man oft die eigene Sprache nicht mal richtig kann. Sie sagt, sicherlich in Bezug auf die Debatte um die Aussagen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarazzin: „Bildungsferne Menschen produzieren bildungsferne Kinder.“ Und das betreffe alle Nationen.

Sie erzĂ€hlt von ihrer Arbeit in einem Kinderheim, sie erzĂ€hlt von dem Projekt „MĂŒtter fĂŒr MĂŒtter“ in Berlin Moabit, wo Integration zwischen MĂŒttern auf Augenhöhe betrieben wird. Wo sich MĂŒtter aus dem Haus wagen und ihre Kinder von der Straße zurĂŒckholen. Wo das Kopftuch keine Rolle mehr spielen soll.

demirkan

Renan Demirkan bewegt das Publikum mit WĂ€rme und Weisheit. Foto: hblog

Mutter zu sein in der Migration sei ein Galeerenjob, wenn man die Außenwelt nicht versteht, wenn man den Kindern die Gesellschaft nicht erklĂ€ren kann. Das ist kein „Nicht-Wollen“, sondern ein „Nicht-Können“.

„Ich gehöre hierher.“

Als 2005 ihre Mutter starb, „endete meine Migration“, sagt sie. Renan Demirkan hat ihre Mutter zurĂŒckgebracht und in der TĂŒrkei beerdigt, so wie diese es sich gewĂŒnscht hat. „Ich war nicht mehr Kind, ich habe den Ort der Trauer verloren.“ Es schloss sich ein Kreis und sie sagt: „Ich gehöre hierher.“

Das Buch „Septembertee“ ist in 5 Essays gegliedert. Es ist politisch, poetisch, persönlich, nein, es ist schon fast privat. Sie widmet es „denen, die geblieben sind und sich weggesehnt haben, und denen, die weggingen, aber nicht bleiben konnten. Und alle jenen, die das nicht verstehen können, und jenen, die es verstehen wollen. Und den zwei Menschen, die so verschieden waren wie das Schwarz und Weiß auf einem Schachbrett. Ich widme es meiner Mutter. Meinem Vater.“

Der Vater ist Akademiker, Ingenieur und Bewunderer von Hegel, Kant und Schopenhauer. Er liebt Beethoven und das Land der Denker und Komponisten. Er kam nach Deutschland, um hier zu bleiben.

Die Mutter war dem Mann gefolgt, aber „sie hatte die RĂŒckfahrkarte in der Seele“. Und wartete darauf, dass es vorĂŒbergeht.

FĂŒr sie selbst sei es das reinste GlĂŒck gewesen, hier aufgewachsen zu sein. „Ich habe nur profitiert.“

In dem Kapitel „Semihas Tochter“ erzĂ€hlt sie von dem Tod ihrer Mutter, durch den sie „abgeschnitten wurde von der eigenen Geschichte“. „Sie war mein Planet, mein Almanach, ñ€© wenn ich jetzt ohne Anfang leben muss, wie sieht dann meine Zukunft aus?“

Als sie nach dem Tod innerhalb 24 Stunden in die TĂŒrkei gebracht und beerdigt werden sollte, wie der Koran es vorsieht, wird diese Frau zum ersten und letzten Mal nicht als AuslĂ€nderin behandelt, als gebe es keine NationalitĂ€ten, erledigen sich die FormalitĂ€ten wie von selbst – eine „verkehrte Welt“.

„Bevor wir ĂŒberhaupt einen KĂŒhlschrank hatten,
besaßen wir die Brockhaus-EnzyklopĂ€die.“

„Ich wieder sĂŒrĂŒk nach Hause“, erklĂ€rte sie immer wieder stolz und jetzt wurde sie zurĂŒck gebracht zu ihrem Ursprung, zu ihrer Erde, zurĂŒck auf den „RĂŒcken ihrer Ahnen.“
Demirkan beschreibt ihre Mutter als Frau, die offen war fĂŒr dieses fremde Land, sie war neugierig auf Kuchenrezepte, darauf wie Geburtstage, wie Hochzeiten gefeiert wurden. „Der „Grund fĂŒr ihr Basisdeutsch war, dass sie auch nur ein BasistĂŒrkisch sprach ñ€© meine Mutter beherrschte eigentlich keine Sprache.“

Ganz anders der Vater. In dem Kapitel „Rochade ins Land des LĂ€chelns“ beschreibt Renan Demirkan ein Schachspiel mit ihrem Vater. Schach wird zum ÃƓberlebenstraining. Und wĂ€hrend die 12-jĂ€hrige in der Erinnerung auf den ersten Zug des Vaters ungeduldig wartet, erklĂ€rt ihr der Liebhaber der deutschen Denker „der Anfang, der erste Zug entscheidet ĂŒber das Spiel.“

„Bevor wir ĂŒberhaupt einen KĂŒhlschrank hatten, besaßen wir die Brockhaus-EnzyklopĂ€die“, erinnert sich Demirkan.

„Ein Ich wird man nicht allein“

BerĂŒhrtsein sein als innere Handlung beschreibt sie im Kapitel „Ein Ich wird man nicht allein“ zum Ende der Lesung.

„Ich war abwechselnd und zuweilen auch gleichzeitig Tochter und SchĂŒlerin, Schwester und Freundin, Geliebte und Mutter, TĂŒrkin und Deutsche. Dabei war und ist keines dieser Ichs eine Solistin.“ Das menschliche Bewusstsein vergleicht sie mit einem Symphonieorchester, mit einem chaotischen Ich-Potpourri, das sich teilweise in Freejazz verwandelte und im Laufe der Jahre zu einem Swing wurde.

„Wir brauchen ein GegenĂŒber, das antwortet, das uns will.“

„Wir brauchen ein GegenĂŒber, das antwortet, das uns will. Und wir sind nur Teil der Gesellschaft, wenn die Gesellschaft antwortet“, sagt sie. Ein weiser Satz, der kurz und bĂŒndig das Problem des Scheiterns und den Weg des Erfolgs von Integration beschreibt.

Renan Demirkan hat gut 90 Minuten erzĂ€hlt und gelesen, die Zuhörer im Pflug sind berĂŒhrt, sind erwĂ€rmt. Es werden Fragen gestellt. „Was ist heute mit dem Vater?“ „Er lebt in Köln und hat sich dort schon ein Grab ausgesucht“, antwortet Renan Demirkan. Ihr Vater hatte keine RĂŒckfahrkarte und auch Demirkans Migration ist beendet.

Nicht beendet ist, dass sich Renan Demirkan viel zu sagen hat: Sie ist politisch, sie ist poetisch, sie ist persönlich und manchmal ist sie auch privat.

Ein Großteil der Zuhörer hat sich ein Buch gekauft und lĂ€sst es sich signieren. Sie nimmt sich Zeit fĂŒr GesprĂ€che. Die AtmosphĂ€re ist ganz warm und die Menschen sind berĂŒhrt. Ein Ich ist man nicht allein.

Zur Person:

Renan Demirkan kam im Jahr 1962 siebenjĂ€hrig mit ihrer Familie nach Hannover, wo sie nach ihrem Abitur bis 1980 Schauspiel studierte. Es folgten jeweils zweijĂ€hrige BĂŒhnenengagements in NĂŒrnberg, Dortmund und Köln; sie steht – neben ihren sonstigen TĂ€tigkeiten – bis heute auf der BĂŒhne. Seit 1981 unternimmt sie auch Soloprogramme und Lesungen.

1982 erhielt sie ihre erste Rolle in einem Film. Bekannt wurde sie durch ihre Rolle in dem Schimanski-Kinofilm „Zahn um Zahn“ (1985). Seitdem spielt sie vor allem in Fernsehfilmen.

1991 erschien mit „Schwarzer Tee mit drei StĂŒck Zucker“ ihr erster Roman. Bis heute folgten vier weitere BĂŒcher. Demirkan schrieb auch fĂŒr die BĂŒhne.

Seit den 1990er Jahren ist sie eine gefragte Moderatorin und Laudatorin von Veranstaltungen u. a. von amnesty international und UNICEF.

1998 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Renan Demirkan war im Jahr 2004 Mitglied der 12. Bundesversammlung. Sie wurde von der SPD nominiert und vertrat das Land Nordrhein-Westfalen.

Sie ist Mutter einer Tochter.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.