Freitag, 30. September 2022

Wer braucht die Kerwe?

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Guten Tag!

22. Oktober 2009

Kommentar: Hardy Prothmann

Wir haben intensiv ├╝ber die „Kerwe“ berichtet, die aus mehr besteht, als einem „Fahrgesch├Ąft“ und Preisen f├╝r Wurst, Pommes und gebrannte Mandeln. Die Kerwe hat eine lange und wichtige Tradition – und damit ist eine kritische Betrachtung auch berechtigt. Ein Kommentator kommt zu dem Schluss: „Die Kerwe ist tot“. Ist sie das?

Die vielen feierenden Menschen belegen das Gegenteil. Die vielen, die nicht daran Teil genommen haben, best├Ątigen die These.

Die Kerwe hatte fr├╝her etwas mit Religion zu tun. Sie war geschichtlich betrachtet ein wichtiges soziales und auch politisches Ereignis. Das Kirchweihfest. Am Ende der Ernte. Wenn alles getan war – vor der besinnlichen Zeit.

Die Krise der Kerwe hat ausnahmsweise nichts mit der Globalisierung zu tun – sondern nur mit uns selbst.

Die Frage, ob wir noch „Kirchweih“ feiern wollen ├é┬áhat sich erledigt, betrachtet man die sinkenden Zahlen der Mitglieder der Kirchen – und der aktiven Kirchg├Ąnger.

Was bleibt? Der Rummel. Der ist woanders gr├Â├čer – mit ziemlicher Sicherheit in Fu├čballstadien und im Fernsehen.

teaserbaum

Fahrendes Volk brachte fr├╝her neue Nachrichten und spannende Momente ins Dorf. Heutzutage wei├č man Monate im voraus, wann die Buden kommen und die Karussellbremser, die es schon lange nicht mehr gibt.

Die Kerwe als Kerwe hat also nur noch ein Chance in der Tradition. Das bedeutet aktive Gestaltung der Vergangenheit mit dem Willen auf deren Zukunft.

Der Mannheimer Morgen berichtet: „Liebesgl├╝ck war nur von kurzer Dauer“.

Vordergr├╝ndig beschreibt dessen Bericht eine Binse. Liebesgl├╝ck ist immer nur von kurzer Dauer, wenn man nur den Moment betrachtet.

Die Kerwe und die Anstrengungen des Heimat- und Traditionsvereins und der Kerweborscht sind mehr. Es geht um Traditionen, um den Jahreslauf, um die Chance, nach getaner Arbeit einfach mal die „Sau raus zu lassen“ und die sp├Ąter zu verlosen.

Menschen brauchen Feste, in denen sie sich wieder finden. Insofern war die Kerwe ein wichtiger Beitrag f├╝r viele Heddesheimer ein St├╝ck Gesellschaft herzustellen.

Doch das wird in der Tradition der Kirchweih immer schwerer – vor allem, weil die Kirchen und ihre Vertreter eine immer geringere Rolle im Leben der Menschen spielen.

Die Kerwe verliert Teilnehmer – ebenso wie das „traditionelle Wellfleischessen„. Warum?

Weil heute keine Kirchen mehr eingeweiht werden und sich niemand Speck vor dem (harten) Winter anfressen muss.

Wer heute Kerwe feiert oder Wellfleisch isst, bekennt sich zu ├╝berkommenen Traditionen.

Wenn diese Traditionen geeignet sind, die Menschen zusammen zu f├╝hren, sind sie zu begr├╝├čen.

Wenn sie nur aus Routine veranstaltet werden, kann man getrost auf sie verzichten.

Die Redaktion des heddesheimblogs hatte deswegen viel Freude an der Begleitung der Veranstaltungen des Heimat- und Traditionsvereins.

Ein wenig mehr „Routine“ w├Ąre aus Planungsgr├╝nden w├╝nschenswert gewesen – aber die Gaudi hat das aufgewogen.

Die Kerwe soll wieder „in den Ort kommen“ fordern viele.

Die Forderung ist berechtigt, wenn es um das Bewusstsein und die Tradition geht. Die hat nichts mit „Fahrgesch├Ąften“ zu tun, sondern mit dem Leben der Menschen und dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Eine solche Kerwe, als Veranstaltung der Menschen – und nicht nur als Rummel ist sicherlich m├Âglich „in den Ort zu holen“.

Wenn alle mitmachen – auch f├╝r die, die Kerwe als Entweihung verstehen.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.