Samstag, 02. Juli 2022

„Von gestern“

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Leserbrief: Helle Sema

Lieber Mannheimer Morgen,

ich bin ein großer Fan der 4. Gewalt, also dem Journalismus, und weiß, dass ihr (also die Journalisten) einen echt schweren Job macht. Ihr mĂŒsst so viele Gesetze beachten und recherchiert immer hart an der Grenze – wenn es denn sein muss.

Aber manchmal komme ich nicht mehr mit: Am Samstag schreibt ihr einen Artikel „IG „neinzupfenning“ will Kessler antworten

Ich lese:
„Zwischen der IG neinzupfenning (plötzlich sind die AnfĂŒhrungszeichen verschwunden) und dem Rathaus geht der Briefwechsel offenbar weiter.“

Das hört sich an wie eine Vermutung und stellt doch fest, dass es „offenbar„, also fast etwas „religiöses“ hat. Klingt zumindest wie „Offenbarung“ (der IG, des BĂŒrgermeisters, eines unbekannten Dritten?).

Was mich wundert, ist, wieso in letzter Zeit stĂ€ndig solche ZusĂ€tze in AnfĂŒhrungszeichen und Klammen in den Artikel stehen: im „MM“-GesprĂ€ch und (wir berichteten)? Ist doch klar, dass „ihr“ berichtet. Wer denn sonst? Ihr habt doch schließlich (oder offenbar?) das Monopol?

Und dann kommen Nachrichten „von gestern„: „Wir werden diesen Termin nicht wahrnehmen“, antwortete IG-Sprecher Hans Weber gestern Nachmittag auf Anfrage des „MM„.“

Ihr schreibt also nicht nur ĂŒber gestern, sondern stellt auch „Fragen“… Das beruhigt mich.

Als ich das in der Zeitung gelesen habe, dachte ich nur, „welche Offenbarung„, weil das ja schon im heddesheimblog stand. Also ehrlich, aktuell geht anders.

Aber das „stand“  ja nur Internet. Aber so schwarz auf weiß wie im „MM“, hat das ja fast einen amtlichen, also geprĂŒften und gestempelten Charakter. Und im Internet kursieren ja so viel „unseriöse Informationen„.

Ihr habt nachgefragt und das war die Antwort:

„Wir werden diesen Termin nicht wahrnehmen“, antwortete IG-Sprecher Hans Weber…. Ein Schreiben entsprechenden Inhalts wollte die IG nach Webers Angaben noch gestern ins Rathaus schicken.“

Mit UPS? Mitternachtspost? Wie soll das gehen? Sie haben das Schreiben natĂŒrlich (vermutlich?) eingeworfen. Sie wollten nicht nur, sie haben es getan! Oder nicht? Was glauben Sie, mal ehrlich? Was haben Sie dazu recherchiert, mal ehrlich?

Dann folgt mal eine ansatzweise Recherche.

Sie zitieren fast, aber eben auch nur fast, aus dem Brief der IG an den BM und dann wird es leider ungenau, genauer können Sie das hier nachlesen, falls Ihnen der Brief noch nicht zugeschickt wurde – oder die Post VerspĂ€tung hatte… oder heute, also am Montag, den 22. Juni 2009, erst nach 11:00 Uhr kommen sollte… oder sie auf Mallorca sitzen sollten, gerade Urlaub haben, aber einen Blackberry in der Hand, so wie alle „guten“ Journalisten.

Am Freitag (also in Zeiten des Internet, des Blackberry… vor vier Tagen) schreiben Sie zum Ende (was dann Samstag in der Zeitung stand, also vor drei Tagen): „Da Kessler die „Einladung“ nach Angaben der IG gestern noch nicht vorliegen konnte, hat der „MM“ von der Bitte um eine Stellungnahme zunĂ€chst abgesehen. agö“

Da bin ich zunÀchst erstaunt, dann unglÀubig und jetzt wirklich sauer. Ich erklÀre Ihnen, warum.

„Nach Angaben der IG“…
haben Sie, obwohl Sie schon so lange „vor Ort“ berichten, tatsĂ€chlich keine Handynummer vom BM, um nachzufragen, ob er den Brief nicht schon hat? Kann ja wohl nicht sein, dass Sie sich dafĂŒr auf die „Angaben der IG“ verlassen mĂŒssen.

Und wieso sind Sie nicht in der Lage, nach all den „heißen, exklusiven und „“investigativen““ Informationen, diese dem BM per email zu schicken und nachzufragen, ob er die schon hat und was er dazu sagt?

Haben Sie vergessen, was es heißt, zu „reportieren“? An einer Story dran zu bleiben? FĂŒr die BĂŒrger? FĂŒr die Öffentlichkeit?

Sind Sie schon Teil der „Verwaltung“ die von „etwas absieht“ oder was auch immer?

Haben Sie eigentlich noch Lust und Freude, mich zu informieren oder geht alles nur seinen „dienstlichen Gang“, sprich, ihren tariflich garantieren Arbeitszeiten? Sie sind doch in der Gewerkschaft, oder?

Mit welchem Recht entscheiden Sie eigentlich, „wovon man „absehen“ kann“?

Oder denken Sie am Ende gar, dass auch ein BM, egal, wie prekĂ€r die Lage ist, ein Anrecht auf ein „ruhiges Wochenende“ haben darf… der Dienst geht erst wieder Montag los und endet am Freitag um 11:00 Uhr?“

Frau Görlitz, so geht das nicht!

Seit 47 Jahren bin ich treuer Abonnent des „MM“, ein bisschen lĂ€nger als Sie auf der Welt sind. Aber deswegen bin ich noch nicht „von gestern“.

Dass ich ihre VorgĂ€nger „ertragen“ habe, ist eine Leistung. Sogar eine immense (nein, ich werde deswegen nicht fĂŒr den Gemeinderat kandidieren, in fĂŒnf Jahren – ich brauche keine “ selbstherrlich-verstĂ€ndliche Verdienst-Aufgabe fĂŒr all mein Engagement – ich habe es gerne gemacht. Ohne KalkĂŒl.“

Aber nach ihren „VorgĂ€ngern“ musste ich nicht nur lesen, was sie schreiben, sondern ich musste mich auch an all das von ihren VorgĂ€ngern erinnern und an all das, was die schrieben und was dasselbe ist, was Sie heute schreiben.

Deswegen mein dringender Appell: Strengen Sie sich bitte etwas mehr an. Vielen ihrer Leser wurde auch nichts geschenkt! Und meine langjÀhrige Geduld geht bald zu Ende.

Ich habe hier mein „Netzwerk“ genutzt und in der Redaktion vom heddesheimblog nachgefragt, und die sagten mir, dass der BM am Samstag um 11:07 auf eine email vom heddesheimblog eine Antwort gesendet hat. Er war also, obwohl „Sie davon abgesehen haben“ auch am Samstag im Dienst.

Ist halt ein BĂŒrgermeister und nicht nur einfach eine Angestellte wie Sie eine sind. Der BM weiß halt, was es heißt, „Verantwortung“ zu tragen.

Sie hĂ€tten also weniger „absehen“ sollen und ein bisschen mehr „nachfragen“.

Heute, also am Montag, den 22. Juni 2009, lese ich also leider nichts von Ihnen dazu, wie der BĂŒrgermeister „eine Bitte um Stellungnahme von Ihnen“ beantwortet.

Aber sicher stellen Sie die heute. Schön wÀre es, wenn eine Veröffentlichung bis Donnerstag zeitlich und rÀumlich möglich wÀre, denn ab Freitag habe ich nur bedingt Zeit.

Aber wenn das so wÀre, dann wÀre das so.

Und ich mĂŒsste ein, vielleicht auch zwei Tage ihrer hervorragenden Berichterstattung versĂ€umen.

Dann warte ich halt bis zum nĂ€chsten „Morgen“. Nomen est halt omen.

Ihr bislang treuer

Helle Sema

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.