Dienstag, 16. August 2022

Der Bürgermeister und die Ratlosigkeit

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Heddesheim, 17. September 2009

Kommentar: Hardy Prothmann

Der Heddesheimer Bürgermeister Michael Kessler lässt sich eigentlich fast zu jeder Gelegenheit blicken. Bei diesen Gelegenheiten ißt er was, trinkt was, oft sagt er was und dann lässt er sich gerne grinsend fotografieren.

Die Veranstaltung des BUND hat der Bürgermeister nicht besucht. Das ist seine freie Entscheidung.

Ein Bürgermeister ist aber nicht so ganz frei in der Entscheidung wie andere Menschen. Er ist schließlich das „Oberhaupt“ der Gemeinde. Er ist Repräsentant. Er ist der Chef der Verwaltung. Er steht für Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Ein Bürgermeister kann nicht sagen: „Das interessiert mich nicht.“

Er ist von Berufs wegen somit unfreier als andere: Er kann nicht einfach sagen: „Das interessiert mich nicht.“ Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht von einem Bürgermeister, dass er sich für ihre Belange interessiert – auch wenn es ihm nicht passt.

Dass der Bürgermeister Kessler eine Veranstaltung ignoriert, auf der kritische Bürger sich über die möglichen negativen Folgen und Nachteile der geplanten „Pfenning“-Ansiedlung informieren wollen, ist ein Symbol. Eines der Ignoranz oder der Arroganz oder beidem.

Dieses Symbol kann auch in Worte gefasst werden: „Was ihr da macht – ist mir vollkommen egal.“ Oder auch: „Eure Bedenken sind mir nichts wert.“ Oder auch: „Das ist unter meiner Würde.“

Daraus könnte man ableiten, dass Herr Kessler alle diese Bürger, die sich um das Wohl der Gemeinde ernsthaft sorgen, in ihrer Sorge entwürdigt. Vielleicht hatte er aber einfach auch nur schwere Beine vom Radfahren. Der Bürgermeister setzt die Prioritäten – solange es die der Bürger sind.

Wenn das Herz von Herrn Kessler aus Beton und Stahl ist, kann man ihn verstehen.

Warum Herr Kessler denkt, dass er es sich leisten kann, einer Informationsveranstaltung des BUND verbleiben zu können, ist nicht nachzuvollziehen. Der BUND ist Deutschlands größter Umweltschutzverein, ein so genannter „Träger öffentlicher Belange“ und weltweit eine der hervorragendsten Verbände in Sachen Natur und Umwelt.

Wenn Herr Kessler ein Herz aus Beton und Stahl hat, sowie Diesel im Blut, dann kann man seine „Haltung“ verstehen. Dann ist es nachzuvollziehen, dass sich Herr Kessler zur Ausbeutung von Arbeit bekennt. Es ist nachzuvollziehen, wenn Herr Kessler endlich zugibt, dass er der größte Kessler aller Heddesheimer Zeiten werden will und wenn er zugibt, dass ihn die Sorgen eines großen Teils seiner Bürger am Allerwenigsten interessieren.

Der Bürgermeister und ignorante Gemeinderäte kommen ihren Aufgaben nicht nach.

Doch der Bürgermeister „glänzte“ nicht alleine durch Abwesenheit.

Außer ihm fehlten noch die Gemeinderäte der SPD, bis auf Michael Bowien, der einen Vortrag hielt und Jürgen Habarth, der sich zwar die Veranstaltung angeschaut hat, aber lieber etwas zurückgezogen auf der Tribüne.

Es fehlten die Gemeinderäte der CDU: Bis auf Dr. Josef Doll und Reiner Hege, die vielleicht im heddesheimblog den Auftruf zur Information gelesen haben. Es fehlten die zwei Gemeinderäte der FDP.

Und es fehlte urlaubsbedingt Andreas Schuster, die anderen fünf Grünen-Gemeinderäte waren vor Ort.

Doch muss man Herrn Doll, Herrn Hege und Herrn Habarth dafür loben? Ãœberhaupt nicht. Ihre Anwesenheit ist eine Selbstverständlichkeit! Das ist ihre Aufgabe!

Diese Gemeinderäte, die sich der Information und dem Dialog verschließen, bilden eine starke Front, zusammen mit dem Bürgermeister: Ignoranz oder Arroganz oder beides kennzeichnet ihre Haltung.

Und ebenso wie der Bürgermeister sagen sie entschieden:

  • Wir verzichten auf alle Informationen, die nicht zu unserer Ãœberzeugung passen.
  • Wir verzichten auf einen Dialog.
  • Wir verzichten darauf, unsere Stimmen durch Abwägen des Für und Wider aufzuwerten.
  • Wir haben uns entschieden und das Letzte, was uns von unserer Entscheidung abbringt, sind irgendwelche Bürger und deren querulante Sorgen.
Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.