Samstag, 02. Juli 2022

Gabi´s Kolumne: Wir Deutsche jammern und meckern gerne

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Heddesheim, 12. Oktober 2009.

Gemeinsam jammern ist nicht wirklich schlimm, sondern gehört irgendwie zum guten Leben dazu und verbindet, meint Gabi.

Wer kennt sie nicht – die Gespräche übers Wetter: Drei Tage trüber Himmel und wir reden mit Freunden, im Büro oder auch auf der Straße mit anderen darüber, dass uns das depressiv macht.

Aber kaum haben wir drei Tage über 30 Grad, halten wir sie nicht aus, die Hitzeperiode. Sonne, Regen, Wind und Schnee… alles schlägt uns aufs Gemüt und was gibt es dann Schöneres als gemeinsam zu jammern.

Jammern verbindet.

Denn: Jammern verbindet. Kürzlich saß ich über eine Stunde im überfüllten Wartezimmer eines Augenarztes, als eine ältere Frau sich laut in den Raum beschwerte: „Das gibt’s doch gar nicht, jetzt sitze ich schon eine Ewigkeit hier und nichts tut sich“, woraufhin ein Mann mittleren Alters im Anzug ergänzte, „wenn ich so meinen Job machen würde…“ Zustimmendes Gemurmel im ganzen Raum. Im Leid des Wartens waren wir vereint.

Meine Kollegin lamentierte letzten Montag früh über ihr schreckliches Wochenende, sie lag zwei Tage mit Migräne im Bett, ihr Mann hatte Zahnschmerzen.

Gestern Nachmittag rief mich meine Freundin an und erzählte mir von der schrecklichen neuen Mathelehrerin ihres Sohnes, „die gibt so viel Hausaufgaben auf, dass der arme Junge den ganzen Nachmittag dran sitzt. Zudem kapiert das ja keiner und ich habe schließlich ja auch Besseres zu tun als meinen Tag mit Mathe zu verbringen.“

Stöhnen, Klagen, Beschweren.

„Also nach Frankreich fahren macht ja auch keinen Spaß mehr“, beschwerte sich eine Bekannte nach ihrem Urlaub. „Alles ist überteuert und die Straßen an der Côte d’Azur sind vollkommen überfüllt.“

„Bei den Preisen macht es ja überhaupt keinen Spaß mehr einkaufen zu gehen“, stöhnte eine Freundin, während sie mir ihre neuen Errungenschaften zeigte.

„Ich stand das ganze Wochenende nur in der Küche, kein Mensch hat mir geholfen“, klagte meine Mutter nach einem Besuch von Freunden.

Und wer kennt sie nicht die Tiraden nach den Feiertagen über das viele Essen und die zusätzlichen Kilos, denen man jetzt wieder mit einer Diät „zu Leibe“ rücken müsse.

Schluss mit dem Jammern und Motzen.

Irgendwann wurde es mir zu viel. Ich beschloss, jetzt ist es Schluss mit dem Jammern und Motzen. Ich werde nicht mehr einstimmen in die Litanei des Unglücks und vor allem möchte ich sie nicht mehr hören. Positiv möchte ich meine Tage beginnen und aufhören.

Die Regentage werde ich als Chance nutzen, das Haus auf Vorderfrau zu bringen. Das Warten beim Arzt werde ich mit Durchblättern von Zeitschriften genießen.

Und ich werde überfüllte Straßen und überteuerte Preise als gegeben hinnehmen, die vielen Hausaufgaben der Kinder als eine Bereicherung betrachten und mich an üppigem Essen und danach an meiner üppigen Figur erfreuen.

Ein paar Tage gelang es ganz gut mit dieser neuen Haltung durch den Alltag zu kommen, auch wenn mein Freundeskreis und meine Familie leicht irritiert reagierten.

Doch dann rief mich gestern Abend eine Freundin an und erzählte mir von ihrer schrecklichen Woche, von der vielen Arbeit, dass sie zu nichts gekommen sei und dass sie sich über ihren Mann und ihre Kinder geärgert hatte und dass der Chef ungerecht war …

Oder doch nicht?

„Oh, das kenne ich so gut“, platzte es aus mir heraus und die Worte des Jammern waren nicht mehr zurückzuhalten. Und es tat so gut, gemeinsam zu leiden.

Glücklich und zufrieden legte ich nach unserem Gespräch den Hörer auf.

Und mir war klar: Gemeinsames Jammern verbindet und macht alles ein bisschen leichter – irgendwie.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.