Montag, 28. November 2022

Sieben Thesen eines Sozialdemokraten zu „Pfenning“

Print Friendly, PDF & Email


Gastbeitrag: Michael Bowien

Vorbemerkung: Nachdem die SPD-Fraktion in Heddesheim mehrheitlich leider immer noch f√ľr das Pfenning-Projekt votiert und dies auch in ihrer offiziellen Stellungnahme zur B√ľrgerbefragung zum Ausdruck bringt, m√∂chte ich an dieser Stelle meine Minderheits-Position darlegen, f√ľr die ich weiterhin innerhalb und au√üerhalb meiner Partei werbe.

bowien1

Gemeinderat Michael Bowien (SPD). Bild: hblog

1. Heddesheim ist f√ľr Pfenning ein optimaler Standort, aber Pfenning ist f√ľr Heddesheim nur ein zwar m√∂gliches, aber schlechtes Projekt, in dem die Nachteile deutlich √ľberwiegen.

2. Der Fl√§chennutzungsplan weist das fragliche Gel√§nde zwar als Gewerbegebiet, insbesondere geeignet f√ľr Logistik, aus. Zugleich stellt der Fl√§chennutzungsplan den Konfliktgehalt einer solchen Widmung zu den verschiedenen Umweltzielen aber als hoch dar.

3. Dieser Widerspruch in sich wird im Flächennutzungsplan letztlich nicht aufgelöst. In einer solchen Situation ist die Gemeinde aufgefordert, durch ein den Flächennutzungsplan ergänzendes eigenes Leitbild zu klären, inwieweit sie tatsächlich bereit ist, die ökologischen Ziele zu opfern oder welchen Entwicklungs-Alternativen sie den Vorzug gibt.

4. Dabei sollten zwei Dinge im Vordergrund stehen: a) der Charakter der Gemeinde Heddesheim als Wohngemeinde und b) die gro√üen Herausforderungen, denen wir uns gegen√ľbersehen: Sicherung der Energieversorgung und Klimaschutz.

zu a):
Es kann nicht Ziel sein, die Wohngemeinden im Umland der Gro√üst√§dte nachtr√§glich zu industrialisieren. Ein bestimmtes Ausma√ü an kleinem und mittlerem Gewerbe ist zul√§ssig und notwendig, aber Industrieansiedlung ist Aufgabe der Gro√üst√§dte. Im Mannheimer Hafen (Rheinauhaufen und Friesenheimer Insel) stehen gro√üe Fl√§chen zur Verf√ľgung.

Das Ausmaß des Pfenning-Projekts mit seiner Einrichtung von BimSch-fähigen Chemie-Lagern kommt jedoch einer Industrialisierung gleich.

zu b):
Die gro√üen globalen Herausforderungen, denen wir uns gegen√ľbersehen und die auch im Partei- bzw. Wahl-Programm der SPD eine wichtige Rolle spielen, hei√üen: Sicherung der Energieversorgung und Klimaschutz. Diese Probleme werden aber nicht in Stuttgart, Berlin oder Br√ľssel gel√∂st. Dort kann nur an Stellschrauben des gesetzlichen Ordnungsrahmens gedreht werden.

F√ľr die tats√§chliche Problem-Bew√§ltigung gilt: global denken, lokal handeln. Nur im konkreten Handeln vor Ort k√∂nnen die Probleme angegangen werden.

Ich pl√§diere daher f√ľr ein Leitbild, in dem folgende Akzente wesentlich sind:

  • die Weiterentwicklung der Gemeinde Heddesheim insgesamt als familienfreundliche und sport-orientierte Wohngemeinde
  • die Weiterentwicklung der Gewerbefl√§chen im Sinne echter Nachhaltigkeit

(Stichworte dazu: Ansiedlung von Einrichtungen aus Forschung und Wissenschaft, die sich mit erneuerbaren Energien oder Klimaschutz befassen; Errichtung eines Blockheizkraftwerks oder eines Biomassekraftwerks -was beides wesentlich weniger Fl√§che verbrauchen w√ľrde als f√ľr Pfenning vorgesehen- und Anbindung an die √∂rtliche Energieversorung u.a.m.)

5. Pfenning w√ľrde s√§mtliche Fl√§chenreserven der Gemeinde Heddesheim f√ľr sich beanspruchen. Pfenning steht damit nicht nur im Konflikt mit den im Fl√§chennutzungsplan selbst verankerten Umweltzielen, sondern beraubt uns auch auf unabsehbare Zeit der M√∂glichkeit, alternative zukunftstr√§chtige L√∂sungen auf den fraglichen Fl√§chen zu entwickeln.

6. Als Sozialdemokraten k√§mpfen wir f√ľr L√∂hne, die ein menschenw√ľrdiges Dasein erm√∂glichen. Die Logistik-Branche ist aber ihrer Natur nach -was von Pfenning auch immer wieder betont wird- starken saisonalen Schwankungen unterworfen und besch√§ftigt daher zu einem √ľberdurchschnittlich hohen Anteil Saison- und Leih-Arbeitskr√§fte, Mini-Jobber und „Sub-Unternehmer“. Also ungesicherte Jobs, mit denen h√§ufig nur ein Zubrot verdient werden kann. (Nicht umsonst wehrt Hr. Nitzinger jede Frage nach der genauen Zahl und Zusammensetzung der Arbeitspl√§tze regelm√§√üig ab).

Das hei√üt selbstverst√§ndllich nicht, dass die Wirtschaft insgesamt auf solche Arbeitspl√§tze verzichten k√∂nnte. Es hei√üt aber, dass die Gemeinde Heddesheim angesichts der Tatsache, dass sie bereits jede Menge Logistik beherbergt (Edeka, Sch√ľchen, Hermes, UPS …), nicht den kompletten Rest an Gewerbe-Fl√§che auch noch der Logistik widmen und damit zu einer Logistik-Monokultur werden sollte.

7. Es geht letztlich nicht um eine blo√üe Ablehnung von Pfenning, sondern um die Entwicklung echter Alternativen. Um zukunftsf√§hige, nachhaltige Projekte, die dem Gemeinwohl Heddesheims tats√§chlich dienen. Ich pl√§diere daher jetzt f√ľr ein Nein zu Pfenning und danach f√ľr die Erarbeitung eines angemessenen Leitbilds und die Umsetzung entsprechender Projekte.

Damit bin ich √ľbrigens gar nicht besonders originell. Es gibt in Deutschland schon eine Reihe von Kommunen und Kreisen, die sich in diese Richtung orientieren, sogar etliche, die sich um eine hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien bem√ľhen bzw. dies bereits geschafft haben, sogenannte 100%-EE-Regionen.

Es wird Zeit, dass wir in Heddesheim diese Diskussion nicht länger verschlafen, sondern uns dieser Bewegung anschließen. Stellen wir die Vision einer 100%-EE-Kommune der Monokultur der LKWs entgegen!

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.