Montag, 25. September 2023

Was in jede Reiseapotheke gehört I

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Wolfram Ströck ist Allgemeinmediziner. Der Arzt hat seine Praxis in Heddesheim und erklärt im Interview mit dem heddesheimblog, was Urlauber auf einer Reise unbedingt an Medikamenten dabei haben sollten.
Welche Vorbereitungen zu treffen sind und wie man sich im Fall der Fälle richtig verhält.

Teil I: Magen-Darm-Infektionen, Arztbesuch, Schmerzmittel

Interview: Hardy Prothmann

Herr Ströck: Was bringen Urlauber am häufigsten an Erkrankungen mit nach Hause?
Wolfram Ströck: „Eindeutig Magen-Darm-Infektionen. Das hängt damit zusammen, dass gerade in südlichen Ländern Keime im Essen zu finden sind, die die Körper der Urlauber nicht gewohnt sind und damit nicht abwehren können.“

Was empfehlen Sie gegen „Montezumas Rache“?
„Ich arbeite gerne mit Kohle. Die fängt die Gifte ein, die die Bakterien produzieren. Und Kohle hat absolut keine Nebenwirkungen. Auch Menschen, die unter Verstopfung leiden, können Kohle problemlos einnehmen.


Aber Achtung: Kohle sollte nur mit einem ausreichenden zeitlichen Abstand mit anderen Medikamenten eingenommen werden, beispielsweise der Anti-Baby-Pille.

Denn die Kohle bindet nicht nur bakterielle Abfälle, sondern eventuell auch die Wirkstoffe von anderen Medikamenten. Ich empfehle mindestens eine Stunde.

stroeck

Allgemeinmediziner Wolfram Ströck: "Urlaub ist eine schöne Sache, eine gute Gesundheit auch." Bild: pro

Gehören Schmerzmittel in die Reiseapotheke?
„Unbedingt. Jeder kennt das: Reisestress, lange Flüge oder Autofahrten, ein ungewohntes Klima am Urlaubsort, eine Erkältung durch die Kombination Hitze und Klimaanlagen… da treten schnell mal Kopfschmerzen oder auch fiebrige Zustände  auf. Paracetamol ist ein geeignetes Mittel dagegen.

Der Ruf des Medikaments hat zwar ein wenig gelitten und es ist dadurch rezeptpflichtig geworden, aber bei diesem Medikament sind immer noch die wenigsten Probleme bekannt und es ist recht gut verträglich. Man sollte aber auf die richtige Dosierung achten.“

„Ich empfehle dringend einen Trombose-Schutz.“
Wolfram Ströck

Sie haben gerade Flüge und Autofahrten angesprochen: Sollte man sich gegen Trombosen schützen?
„Meiner Meinung nach eindeutig ja. Wer mit dem Auto fährt, macht vernünftigerweise spätestens alle zwei Stunden einen Halt und ein wenig Gymnastik. Aber alle Flüge, die mehr als zwei bis drei Stunden dauern, sind eine extreme Belastung für den Körper, auch wenn man „nichts“ tut.

Hier steigt selbst bei absolut gesunden Menschen die Trombosegefahr. Alle Menschen, die Herz-Lunge-Probleme oder Bluthochdruck haben oder übergewichtig sind, sind sogar außerordentlich gefährdet.“

Was hilft?
„Hier helfen Heparin-Spritzen über einen Zeitraum von sechs bis acht Stunden. Die kann man sich selbst subkutan, also unter die Haut, spritzen. Das pikst ein wenig und gibt eventuell einen blauen Fleck, aber mehr auch nicht.

Das Medikament kostet nicht viel und es sind keinerlei Belastungen für den Körper damit verbunden. Was ich immer betone: Durch die Klimaanlagen herrscht in Flugzeugen eine sehr trockene Luft. Ganz wichtig ist: Trinken Sie so viel wie möglich – damit meine ich keine alkoholischen Getränke, sondern am Besten Wasser.“

Was halten Sie von Kompressionsstrümpfen?
„Die helfen natürlich auch, aber viele Menschen empfinden sie als unbequem und schwitzen darin. Und sie sind teuer.“

An welche weiteren Medikamente sollte man denken?
„Ich empfehle eine jodhaltige Salbe für kleinere Verletzungen, die beim Sport, beim Wandern oder einen Sturz auftreten können. Bei großer Hitze steigt die Infektionsgefahr auch bei kleinen Wunden, da hilft eine solche Salbe. Natürlich sollte man auch etwas Verbandszeug und Pflaster dabei haben.“

„Bei Tierbissen müssen Sie einen Arzt aufsuchen.“

Bei welchen Verletzungen sollte man vor Ort dringend den Arzt aufsuchen?
„Absolut unbedingt bei allen Tierbissen. Gerade Hundebisse sind häufig und die Tiere haben einen Erreger-Cocktail im Maul, der hochinfektiös ist. Solche Wunden müssen von einem Arzt versorgt werden. Am Meer sind Muscheln und Seeigel eine Gefahr und ebenfalls hochinfektiös. Die Menschen sollten Verletzungen, auch wenn sie „klein“ scheinen, unbedingt versorgen lassen, sonst droht beispielsweise eine Blutvergiftung.“

Das kostet aber Geld, weil die meisten Krankenversicherungen außerhalb Europas die Kosten nicht übernehmen…
„Das ist richtig. Aber für zehn bis fünfzehn Euro kann man eine Auslandskrankenversicherung abschließen, die ordentliche bis sehr gute Leistungen bietet und meist ein Jahr lang gilt. Ich würde niemals ohne eine solche Versicherung mit meiner Familie in Urlaub fahren. Vor Ort müssen Sie aber zunächst meist mit Bargeld die Leistungen bezahlen, die sie später erstattet bekommen.“

Verdienen sich die Versicherer nicht eine goldene Nase daran?
„Sicherlich verdienen die Versicherer daran, sonst würden Sie es nicht anbieten. Aber rechnen Sie einfach gegen: Zehn Euro für eine Versicherung, die im Fall der Fälle Kosten übernimmt, die schnell mehrere tausend Euro umfassen können. Urlauber fahren gerne motorisierte Zweiräder im Urlaub, teils ohne Führerschein, ganz oft ohne genügend Ãœbung. Die Straßen sind schlechter, der Verkehr chaotisch.  Gerade die Deutschen machen das gerne. Wenn es zum Unfall kommt, Knochenbrüche oder innere Verletzungen die Folge sind, brauchen Sie medizinische Hilfe und die zahlen Sie dann ohne Versicherung aus der eigenen Tasche…“

Lesen Sie hier weiter in Teil 2: Impfungen, Viagra, Zoll

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.