Samstag, 15. Dezember 2018

Viele Waffen, kaum Kontrollen: Drei Tote in Dossenheim, zwei in Eberbach, drei in Sinsheim und ein √ľberfordertes Landratsamt

Tödliches Risiko РSWR-Film kritisiert zu lasche Waffenkontrollen

Mannheim/Stuttgart/Rhein-Neckar, 23, Juli 2013. (red) Der Amoklauf in Dossenheim, das Beziehungsdrama in Eberbach, drei Tote in Sinsheim ‚Äď alle Taten wurden mit legalen Schusswaffen ausge√ľbt. Insbesondere die Gr√ľnen kritisierten zu lasche Kontrollen, sind jetzt aber selbst am Ruder und die Kontrollen bleiben lasch. Der SWR-Autor Claus Hanischd√∂rfer zeigt eine √ľberforderte Beh√∂rde, traumatisierte Opfer und stellt viele Fragen, auf die es wenn, dann oft nur unzureichende oder fassungslos machende Antworten gibt. Klar ist: Waffen sind nicht nur Sport-, sondern auch T√∂tungsger√§te. Bessere Kontrollen k√∂nnten mehr Schutz bieten – bis dahin bleibt ein t√∂dliches Risiko. Filmtipp heute Abend, 20:15 Uhr, SWR-Fernsehen. [Weiterlesen…]

Doppelmord von Dossenheim heizt Debatte an

Schärfere Waffengesetze?

Blumen f√ľr die Opfer.

Blumen f√ľr die Opfer. W√§re der Doppelmord von Dossenheim mit einem sch√§rferen Waffengesetz m√∂glicherweise nicht geschehen?

 

Rhein-Neckar/Dossenheim, 22. August. (red) Der Schock √ľber den Doppelmord von Dossenheim sitzt tief. Ein 71-j√§hriger Sportsch√ľtze hat mit einer gro√ükalibrigen halbautomatischen Pistole zwei Menschen get√∂tet, f√ľnf weitere schwer verletzt und sich dann selbst erschossen. Die Verletzten hatten Gl√ľck – sie k√∂nnten genauso tot sein, denn der T√§ter hatte nach Einsch√§tzung der Polizei einen absoluten T√∂tungsdrang. Erst Anfang des Jahres t√∂tete ein Sportsch√ľtze seine fr√ľhere Freundin und deren Partner in Eberbach. Soll man nun die Waffengesetze versch√§rfen oder ist das sinnlos, weil sich solche Trag√∂dien auch mit sch√§rferen Gesetzen nicht verhindern lassen? [Weiterlesen…]

Ex-Freund bedroht Frau und greift sie an

Auf Ex-Freundin losgegangen

Heddesheim/Weinheim, 20. Februar 2013. (red/pol) Die Trennung von seiner Freundin hat ein 42-jähriger Weinheimer offensichtlich noch nicht ganz verwunden. Am Montag wartete der betrunkene Weinheimer vor der Wohnung der Frau in Heddesheim und griff sie an.

Information des Polizeipräsidiums Mannheim:

„In der Nacht zum Montag, gegen 01:00 Uhr, wartete der Mann vor der Wohnung des neuen Freundes der Frau in Heddesheim. Als die 49-J√§hrige in Begleitung des 40-j√§hrigen Mannes auf die Stra√üe trat, ging sie ihr Ex t√§tlich an und bedrohte sie. Bei der k√∂rperlichen Auseinandersetzung zog sich die Gesch√§digte beim Sturz auf die Stra√üe eine Kopfverletzung zu.

Die hinzugerufene Polizeistreife des Ladenburger Polizeireviers fand bei dem aggressiven Ex-Freund nicht nur ein Springmesser, die Beamten stellten zudem fest, dass der Nordbadener mit fast 1,4 Promille nicht unerheblich betrunken war. Gegen ihn ermittelt nun der Polizeiposten Heddesheim wegen des Verdachts der K√∂rperverletzung und eines Versto√ües gegen das Waffengesetz.“

Landtagsabgeordneter Uli Sckerl kritisiert Waffenbesitz und -gesetze

Doppelmord in Eberbach: „Das sind zwei Tote zuviel“

Rhein-Neckar/Eberbach, 08. Januar 2013. (red/pro) Der gr√ľne Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Sckerl zeigt sich wie alle Menschen tief betroffen vom Doppelmord in Eberbach, bei dem ein Lehrer und Stadtrat sowie seine Ehefrau, eine Kinder√§rztin am vergangenen Freitag erschossen im Wohnhaus aufgefunden worden sind. Der innenpolitische Sprecher der Fraktion B√ľndnis90/Die Gr√ľnen im Stuttgarter Landtag √§u√üert sich im Exklusiv-Interview angesichts der Bluttat kritisch gegen√ľber dem deutschen Waffenrecht und dem Besitz von Waffen.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Sckerl, zwei Menschen sind kaltbl√ľtig im beschaulichen Eberbach umgebracht worden. Die beschauliche Stadt im Odenwald trauert um die Eheleute, zwei engagierte, beliebte und friedliche Mitb√ľrger, die, wie nun feststeht, bereits in der Nacht zum 2. Januar gezielt vom Ex-Freund der Frau erschossen worden sind. Der zweij√§hrige Enkel √ľberlebte vermutlich nur durch Zufall. Wie haben Sie das aufgenommen?

Der Jurist Hans-Ulrich Sckerl ist Landtagsabgeordneter f√ľr den Wahlkreis 39 Weinheim und innenpolitischer Sprecher von B√ľndnis90/Die Gr√ľnen. Er fordert seit Jahren mehr Kontrollen und ein sch√§rferes Waffengesetz. Fot0: privat

Hans-Ulrich Sckerl: Mit Entsetzen wie wohl alle Menschen im Land. Das ist einfach furchtbar. Ich hoffe vor allem f√ľr die Tochter, das Enkelkind und die gesamte Familie, dass sie dieses traumatische Erlebnis irgendwie verarbeiten k√∂nnen.

Sie haben bereits vor drei Jahren in einem Interview mit unserer Redaktion eine verst√§rkte Waffenkontrolle gefordert – jetzt sind die Gr√ľnen an der Macht. Wann kommen die st√§rkeren Kontrollen?

Sckerl: Die sind bereits auf den Weg gebracht, aber es muss noch besser werden. Das Innenministerium hat seit 2011 die Kontrolldichte erhöht und es gibt vermehrt unangemeldete Kontrollen, ob Waffen legal besessen werden und sachgerecht aufbewahrt werden. Aber die unteren Waffenbehörden sind personell zu schwach besetzt und die Kontrollen sind nur ein Teil der Lösung auf dem Weg zu weniger Waffen. Noch wichtiger wäre, das Waffengesetz zu verschärfen. Doch das ist nicht Länder- sondern Bundessache.

„Waffen sollten √ľberhaupt nicht privat aufbewahrt werden d√ľrfen“

Was sollte da geändert werden?

Sckerl: Grunds√§tzlich sind wir gegen den privaten Besitz gro√ükalibriger Waffen. In jedem Fall muss die Aufbewahrung bei allen privaten Waffen neu geregelt werden. Mir w√§re am liebsten, dass Waffen √ľberhaupt nicht privat aufbewahrt werden d√ľrfen, aber das ist sehr schwierig umzusetzen. Auf jeden Fall aber sollten Waffen und Munition getrennt aufbewahrt werden, damit der unmittelbare Zugang deutlich erschwert wird.

Was ist daran schwierig?

Sckerl: Ein Beispiel sind J√§ger, das habe ich lernen m√ľssen. Wenn die einem verletzten Unfalltier den Gnadenschuss geben, h√§ufig nachts, irgendwo im Wald, brauchen die eine Waffe und Munition daf√ľr. Bei einem Sportsch√ľtzen kann ich aber keinen einzigen Grund erkennen, warum Waffen und Munition nicht getrennt aufbewahrt werden sollten.

Das wird die Sportsch√ľtzen nicht freuen.

Sckerl: Ich habe √ľberhaupt nichts gegen Sportsch√ľtzen und will auch nicht, dass sie diesen Sport nicht mehr betreiben k√∂nnen. Aber es gibt zu viele F√§lle, bei denen Menschen durch Waffen von Sportsch√ľtzen umgekommen sind, Erfurt und Winnenden sind besonders dramatische Beispiele.

Die Menschen in Eberbach waren fassungslos. Zun√§chst wusste niemand, warum der Lehrer und die Kinder√§rztin sterben mussten. Die Ermittlungsbeh√∂rden fanden heraus, dass der Exfreund der √Ąrztin vermutlich aus verzweifelten Motiven handelte. Als Sportsch√ľtze hatte er gro√ükalibrige Waffen, die auch das Milit√§r benutzt. Mit einer Pistole erschoss der ge√ľbte Sch√ľtze das Ehepaar kaltbl√ľtig. Beide traf er ins Herz, bei der Frau setzte er einen Nachschuss in den Kopf an.

 

„Hier steht Gesch√§ft gegen ein Recht auf Sicherheit der B√ľrger.“

Warum verschärft die Bundesregierung das Waffengesetz Ihrer Meinung nach nicht?

Sckerl: Da ist eine m√§chtige Lobby am Werk, der es um’s Gesch√§ft geht. Mit Waffen l√§sst sich eben nicht nur in Amerika viel Geld verdienen ‚Äď letztlich auf Kosten der Sicherheit der Bev√∂lkerung. Die Menschen haben ein Recht auf Sicherheit und das wird durch das aktuelle Waffengesetz, eine vielerorts zu lasche Handhabung und durch viele Vollzugsdefizite verletzt.

Was können Sie unternehmen?

Sckerl: Mit dem Innenminister herrscht Einigkeit dar√ľber, dass wir eine Bundesratsinitiative zur Eind√§mmung des privaten Waffenbesitzes einbringen wollen. Aber daf√ľr brauchen wir Verb√ľndete, damit das zum Tragen kommt. Das ist harte √úberzeugungsarbeit gefragt, damit wir an den aktuellen Zust√§nden was √§ndern k√∂nnen.

Was sollte ein neues Waffengesetz regeln?

Sckerl: Wie gesagt, halte ich eine Trennung von Waffen und Munition f√ľr wichtig. Wie man das regelt, muss halt verhandelt werden. Weiter w√ľnsche ich mir eine regelm√§√üigere und strengere Eignungspr√ľfung, ob der Betreffende zum Waffenbesitz auch f√§hig ist. Da viele Menschen zahlreiche Waffen und hohe Mengen an Munition zu Hause lagern, muss der Bedarf sehr kritisch auf den Pr√ľfstand. Bei jemandem, der nicht ernsthaft und pflichtbewusst seinem Sport nachgeht, muss angeordnet werden k√∂nnen, dass er die Waffen abzugeben hat.

„Der Doppemord zeigt alarmierend, dass hier Handlungsbedarf besteht.“

Der Doppelm√∂rder von Eberbach ist 2004 Mitglied in einem Sch√ľtzenverein geworden und ist regelm√§√üig zum Schie√ütraining gegangen.

Sckerl: Das zeigt, dass auch die psychologische Verfassung eines Menschen einen einmal erteilten legalen Waffenbesitz sehr problematisch machen kann. Hier wird zu untersuchen sein, welche √úberpr√ľfungen des Waffenbesitzes es seit 2004 gab, ob eine √úberpr√ľfung der Eignung stattgefunden hat. Im aktuellen Eberbacher Fall war der T√§ter wohl in einer psychisch sehr labilen Verfassung. Gleichzeitig war er ein trainierter Leistungssch√ľtze. So jemand darf aber gar keine Waffe besitzen.

Der Sportsch√ľtze verwendete f√ľr seinen Doppelmord ein deutsches Fabrikat, eine SIG Sauer 9 Millimeter. Die Pistole ist selbstladend und wird vor allem vom Milit√§r eingesetzt. Abbildung √§hnlich. Quelle: Wikipedia, Rama, CC BY-SA 2.0 FR

Er hatte sieben Waffen und eintausend Schuss Munition sowie Jagd- und Kampfmesser.

Sckerl: Das zeigt doch in alarmierendem Umfang, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht. Wenn jemand so viele Waffen und diese riesige Menge Munition besitzt, dann hat das nach meiner Erfahrung nur noch wenig mit ‚Äěharmlosem Sport‚Äú, aber viel mit einem Waffennarr zu tun.

Der Täter hatte eine weitere Waffe und weitere Munition bei sich. Hätte es noch schlimmer können, wenn beispielsweise eine Polizeistreife ihn angehalten hätte?

Sckerl: Dar√ľber mag ich √ľberhaupt nicht spekulieren. Fest steht, zwei Menschen sind umgebracht worden. Die Familien trauern wie auch die gesamte Eberbacher B√ľrgerschaft um den Verlust dieser ehrbaren Menschen, die in ihrer Heimatstadt √§u√üerst beliebt waren. Angesichts dieser f√ľrchterlichen Trag√∂die will ich mich weiter daf√ľr einsetzen, dass die Menschen ihr Recht auf Sicherheit bekommen. Das Recht auf Waffen geh√∂rt nicht dazu.