Donnerstag, 21. November 2019

VerkehrszĂ€hlung als „Chaos“-Forschung: Blöde Haltung

Guten Tag!

Rhein-Neckar/Heidelberg, 19. Oktober 2010. Die kilometerlangen Staus heute Morgen sollen der „Allgemeinheit“ dienen und seien „unumgĂ€nglich“ haben unsere Nachfragen bei Ämtern und Polizei ergeben. Ist das so? Sind die Staus „unumgĂ€nglich“? ErhĂ€lt man nur durch das programmierte Chaos „vernĂŒnftige Daten“? Zweifel an der Methode sind angebracht.

Kommentar: Hardy Prothmann

Auf der B 37 und B 3 stand wie an so vielen Tagen der Verkehr. Erfahrene Berufspendler versuchen ihr Verhalten anzupassen, um nicht in den allmorgendlichen Stau zu fahren. Man fĂ€hrt andere Wege und passt seine Zeiten an – oftmals reicht es aber nicht, frĂŒher oder spĂ€ter zu fahren, man muss einfach mehr Zeit einkalkulieren.

Klar ist: Die zentrale Zufahrt nach Heidelberg von der A 5 aus ist ein Nadelöhr, die Autobahn und die Bundesstraße sind zu „Stoßzeiten“ immer belastet. Eine Verkehrsbefragung soll helfen, das Fahrverhalten der Menschen zu messen und zu verstehen, um daraus SchlĂŒsse zu ziehen und Maßnahmen einzuleiten, die der „Allgemeinheit“ dienen. Das ist begrĂŒĂŸenswert.

Die Haltung und die Argumentation hinter dieser Befragung sind aber selbst Ă€ußerst „fragwĂŒrdig“. Man wolle „unerfĂ€lschte“ Daten heißt es bei den verantwortlichen Ämtern. Das sei zwar bitter fĂŒr die Verkehrsteilnehmer, aber „hinnehmbar“, schließlich befrage man ja nur stichprobenhaft. FĂŒr die Statistik sei es „unerlĂ€sslich“, möglichst „reale“ Situationen zu messen.

Und hier wird es „unscharf“. Denn die statistische Erhebung sorgt selbst fĂŒr eine nicht realistische Situation. Klar, Stau ist oft, fast immer. Aber am heutigen Tag hĂ€tte es vielleicht „laufen“ können – durch die kĂŒnstliche Verengung aber war der Stau „kĂŒnstlich“ vorprogrammiert.

Das wird auch Einfluss auf die Daten haben: Sagen die Befragten tatsĂ€chlich das, was man von ihnen will oder erzĂ€hlen sie aus Wut ĂŒber die „Misshandlung“ irgendwas? Auch das muss eine ordentliche statistische Erhebung einkalkulieren. Und je grĂ¶ĂŸer die Datenbasis, umso besser das Ergebnis. Konkret heißt das: Es mĂŒsste an möglichst vielen unterschiedlichen Tagen zu unterschiedlichen Zeiten gemessen werden. Auch besondere AnlĂ€sse wie Feste, SchlussverkĂ€ufe und alle anderen denkbaren Situationen mĂŒssten gemessen werden, um ein möglichst zutreffendes Ergebnis zu erhalten.

TatsĂ€chlich wurde die Befragung aber aufgrund des selbst geschaffenen Chaos abgebrochen und soll vielleicht heute, vielleicht die nĂ€chsten Tage fortgesetzt werden. Und dann? Erhalten die Forscher dann wirklich „valide Daten“? Ist es notwendig, die Autofahrer unvorbereitet ins Chaos zu schicken, um eine möglichst „realistische“ Verkehrssituation zu haben?

Es kann heutzutage mit diesen Methoden kein unverfĂ€lschtes Ergebnis mehr geben. Innerhalb kĂŒrzester Zeit werden die Verkehrsteilnehmer informiert, ĂŒbers Radio oder Mobiltelefone. Sofort werden tausende von individuellen Entscheidungen getroffen: Fahre ich vielleicht besser so oder so? Breche ich meine Fahrt ab und gehe irgendwo noch was einkaufen und fahre spĂ€ter in die Stadt? FĂŒge ich mich meinem Schicksal?

Angeblich sei diese Meßmethode die „einzig denkbare“. Das sollten die Verkehrsplaner nochmals ĂŒberdenken.

Ganz sicher: Eine umfassende Information der Bevölkerung im Vorfeld einer Befragung wĂŒrde einige Leute dazu bringen, sich auf die Situation einzustellen und ihr Verkehrsverhalten zu verĂ€ndern. Ein Versuch wĂ€re es wert, an die Vernunft und die Teilnahme von allen zu appellieren: „Leute, es wird eine Belastung geben, stellt euch drauf ein und wer kann, fĂ€hrt frĂŒher oder spĂ€ter, sagt uns das aber bitte.“ Auch diese Angaben ließen sich statistisch verwerten und „hochrechnen“.

Die BĂŒrgerInnen hĂ€tten dadurch die Möglichkeit, sich selbst mit einzubringen. Es wĂ€re ein Zeichen, dass man ihnen auch etwas zutraut. Man wĂŒrde sie „mitnehmen“. Beim angeblich „einzig denkbaren“ Weg, den man heute genommen hat, zeigen Ämter und Forscher einfach nur Arroganz und eine Gewissheit: Sie halten uns alle fĂŒr blöd.

Nur blöd, dass dadurch wieder einmal der Unmut wĂ€chst: ÃƓber diese blöde Haltung. Denn wer einerseits argumentiert, es gĂ€be keine andere Lösung ein „unverfĂ€lschtes“ Ergebnis zu erhalten und andererseits zugibt, dass man weiß, dass die Menschen sich durch Hörfunk und Mobiltelefone anders verhalten, als wĂŒssten sie nichts von der Maßnahme und man diese Erkenntnis wiederum „herausrechnen“ kann, der muss ich fragen lassen, ob man ein kalkuliertes Anpassungsverhalten durch eine ordentliche Information nicht auch „einrechnen“ könnte.

Geplatzte Termine, entgangene UmsĂ€tze, Frust und Ärger und Chaos, die von der Straße in die Arbeitsstellen mitgenommen werden, ja die werden in dieser Statistik ganz sicher nicht mit „einkalkuliert“, sondern provoziert.

„UnumgĂ€ngliches“ Chaos: Berufspendler in Richtung Heidelberg „stinksauer“

Guten Tag!

Rhein-Neckar/Heidelberg, 19. Oktober 2010. Eine Verkehrsbefragung hat heute morgen auf der A 5 zu mindestens fĂŒnf Kilometern Stau in beiden Richtungen gefĂŒhrt. Auch die B 3 war zeitweise „dicht“. Auf der B 37 (A 656) an der Stadteinfahrt Heidelberg hatte die Polizei von zwei auf eine Fahrspur verengt: Der „Geschwindigkeitstrichter“ sorgte fĂŒr Stau und großen Unmut.

Von Hardy Prothmann

Bis gegen 09:00 Uhr gingen rund ein Dutzend Anrufe in der Redaktion ein – bei der Polizei in Heidelberg ein Vielfaches: „Wir haben gefĂŒhlt an die 100 Beschwerdeanrufe erhalten“, sagt der Heidelberger Polizeisprecher Harald Kurzer auf Anfrage. Darunter auch sehr aufgeregte GeschĂ€ftsleute, die mit Klagen drohten, weil ihre Angestellten teils ĂŒber eine Stunde zu spĂ€t zur Arbeit kamen und damit der GeschĂ€ftsbetrieb empfindlich gestört wurde.

Die Polizei ist fĂŒr das Chaos nicht verantwortlich, sondern ist nur Hilfeleister: „Nur die Polizei darf Autofahrer anhalten“, erklĂ€rt Harald Kurzer. Und das tat sie: Rund jeder zehnte Autofahrer in Richtung Heidelberg wurde heute Morgen „herausgewunken“. Wer ĂŒber das Radio oder Mobiltelefone vom Stau erfahren hatte, versuchte sein GlĂŒck ĂŒber die B 3: „Ab Hirschberg und Schriesheim stand hier dann auch alles.“

Die Stadt Heidelberg fĂŒhrt diese Verkehrsbefragung durch. Gestern gab es in Heidelberg dazu eine Pressekonferenz – viel zu kurzfristig aus Sicht der Autofahrer. „Wir können und wollen das nicht großartig ankĂŒndigen, weil sonst das wissenschaftliche Ergebnis verfĂ€lscht wĂŒrde“, sagte Bert-Olaf Rieck vom Amt fĂŒr Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Heidelberg. „Wir wissen, dass die B 37 eine problematische Stelle ist und haben mit RĂŒckstau gerechnet, aber nicht in diesem Umfang.“

Die Befragung wurde abgebrochen und könnte im Lauf des Tages weitergefĂŒhrt werden, sagte Sebastian Gieler vom Amt fĂŒr Verkehrsmanagement auf Anfrage: „Das ist sicher fĂŒr die Autofahrer nicht schön, aber wir benötigen diese Daten eines möglichst unbeeinflussten Verkehrsverhaltens.“ Das sei die einzig denkbare Möglichkeit, um an gute Daten zu kommen, „die schließlich der Allgemeinheit zu gute kommen“. Man habe im Vorfeld intensiv ĂŒber die Maßnahme diskutiert, dieses Verfahren sei „unumgĂ€nglich“.

ZusĂ€tzlich gibt es noch Haushaltsbefragungen und VerkehrszĂ€hlungen. Die Stadt rechnet damit, dass bis Januar die Daten von einem Berliner IngenieurbĂŒro ausgewertet sein werden und im Februar öffentlich gemacht werden können.

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das heddesheimblog