Donnerstag, 04. Juni 2020

Gebenzte Berichterstattung – wie der MM seine Leser tĂ€uscht


Guten Tag!

Mannheim, 31. Januar 2011. Die seit Tagen andauernde Berichterstattung des Mannheimer Morgens (MM) in Sachen „Benz“ hat gute GrĂŒnde. Erstens gibt es viel Werbung und zweitens versucht die Zeitung verzweifelt, sich als lokalpatriotische Stimme aufzuspielen. Ein ernstzunehmender Journalismus bleibt dabei auf der Strecke.

Von Hardy Prothmann

„Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“, zitiert der MM-Redakteur Martin Tangl den SĂ€nger Xavier Naidoo. Das gilt auch fĂŒr diesen Artikel, Martin Tangl, Xavier Naidoo und den SWR. Und auch fĂŒr die Leserinnen und Leser und Zuschauer des SWR.

Bunte Geschichten

Ich kenne den MM-Redakteur Martin Tangl noch aus meiner Zeit als Student und Freier Mitarbeiter beim Mannheimer Morgen (1991-1994). Er hat sich gerne als erfahrener Journalist dargestellt, aber irgendwie hat er mich schon damals nicht besonders beeindruckt.

Das dauert bis heute an, denn Martin Tangl hat ein „buntes StĂŒck“ geschrieben, in dem es sehr „bunt“ zugeht. Vor allem mit den Fakten, dem Können und der journalistischen Haltung.

Beispielsweise zur Person „Xavier Naidoo“. Der sei ein „leidenschaftlicher Autofahrer“, schreibt Tangl und dass „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“, auch den Autoerfinder Carl Benz meinen könnte.

Denn Herr Tangl berichtet ĂŒber einen Film im SWR-Fernsehen, der heute Abend um 18:15 Uhr in der „Landesschau unterwegs“ lĂ€uft: „Unser Benz! Der Autoerfinder bewegt die Kurpfalz.“ Autor: Eberhard Reuß.

Pop-Berichterstattung

Wieso Herr Reuß auf die Idee gekommen ist, einen notorischen Schnellfahrer, der ĂŒber lange Jahre den FĂŒhrerschein wegen wiederholter Vergehen abgenommen bekommen hat und wegen Fahrens ohne FĂŒhrerschein und Drogenbesitz vor dem Richter gestanden hat, ist klar.

Benz-Titelseite vom MM. Quelle: MM

Herr Reuß wollte den Film „aufpeppen“ oder auch „aufpoppen“. Mit dem „zur Zeit wohl bekanntesten Sohn Mannheims“. Und der ist halt ein „leidenschaftlicher Autofahrer“. Diese Verbindung reicht heute im SWR-Fernsehen, um einen Zusammenhang herzustellen.

Herr Reuß lĂ€sst Herrn Naidoo dann mehrmals „Mercedes Benz“ der Rock-Star-Legende Janis Joplin (1943-1970) singen, die auf der ÃƓberholspur des Lebens mit 27 Jahren an einer ÃƓberdosis Heroin gestorben ist. Drei Tage, bevor der Song „Mercedes Benz“ veröffentlicht wurde: „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“ – „Oh Gott, willst Du mir keinen Mercedes Benz kaufen?“ Die Zeile geht weiter: „My friends all drive Porsches, I must make amends“ – „Meine Freude fahren alle Porsche und ich muss aufholen.“

Der Joplin-Song ist eine massive Kulturkritik am Prestigedenken – dem Gegenteil also, was man mit einem „Mercedes Benz“ oder Porsche oder auch „Farbfernsehen“ verbindet, das damals noch ein Luxus war („So oh lord won’t you buy me a color TV“). FĂŒr den SWR ist das nicht wichtig. Schließlich hat Joplin „Mercedes Benz“ gesungen und Herr Naidoo lĂ€sst sich dazu auch animieren. Und ist man nicht auch „color TV“? Also Luxus? Passt also.

„Eine wunderbare Erfindung von Benz, dafĂŒr danke ich ihm“, sagt der Pop-Star nicht nur einmal im SWR-Film. Da Naidoo sonst gerne ĂŒber „Gott“ singt, und das sehr dankbar, gibt es da sicher aus Sicht von Herrn Reuß wieder irgendeine Verbindung.

Propaganda-Rolle

Bei der Premiere des Films am 28. Januar 2011 im Ladenburger Carl-Benz-Museum war Herr Preuß jedenfalls mĂ€chtig stolz. Das konnte man nicht ĂŒbersehen.

Der Film funktioniert wie eine Propaganda-Rolle. Carl heißt nicht Karl Benz, ist der Erfinder des Autos und nicht „der Daimler“, die Kurpfalz ist den Schwaben voraus und ein „Youngtimer-Sammler“ hat viele Kinder und ein Hobby: Mercedes Benz. Der Clou – er arbeitet fĂŒr Porsche. Dazu gibt es hĂŒbsche Bilder und Werbespots von „Benz“ aus frĂŒheren Zeiten.

Verkauft wird das als „Dokumentation“.

Das muss sich einfach irgendwie alles zusammenfĂŒgen und dann wird die Urenkelin von Benz noch mehrfach ins Bild gesetzt und das Carl-Benz-Museum in Ladenburg und dessen Kopf Winfried Seidel.

Der freut sich auch – dabei mĂŒsste ihm die Freude angesichts des laschen Filmchens im Kontrast zu seiner harten Museumsarbeit vergehen. Seidel leistet herausragende Arbeit und ist ein akribischer Mensch. Aber natĂŒrlich freut er sich ĂŒber die PopularitĂ€t. Das ist auch sein gutes Recht.

ZurĂŒck zu Martin Tangl. Den freut nicht die PopularitĂ€t, sondern der muss eine bunte, schöne Geschichte schreiben und kommt zum Ende:

„Dass in Mannheim Omnibusse und Lkw-Motoren produziert werden, hĂ€tte Carl Benz gefallen, wie Jutta Benz erzĂ€hlt: „Er hat sein Augenmerk aufs Transportwesen gerichtet, Carl Benz wollte Lieferwagen bauen.“ Und bei der Geschwindigkeit seien dem Ur-Großvater 50 km/h genug gewesen. Ob das allerdings Xavier Naidoo gefallen hĂ€tte? Berichtet er doch, dass ihm einmal wegen zu schnellen Fahrens der FĂŒhrerschein abgenommen wurde.“

Die LĂŒge

Diese unkritische ÃƓbernahme der Filmbotschaft wird als LĂŒge in der Zeitung fortgesetzt: „Berichtet er doch, dass ihm einmal wegen zu schnellen Fahrens der FĂŒhrerschein abgenommen wurde.“

Naidoo - Leidenschaft Auto - Hauptsache, alles bunt. Quelle: MM

Herr Tangl stellte sich vor 20 Jahren schon gerne als „erfahrener Journalist“ dar und sollte die Zeit genutzt haben, um „Erfahrungen“ zu sammeln. Eine ist: „Schau ins Archiv, um mindestens zu wissen, was schon berichtet worden ist.“

Am 16. Mai 2009 berichtet der Mannheimer Morgen:

„Naidoo ĂŒbersteht einen jahrelangen Rechtsstreit mit Pelham, einen dramatischen Drogenprozess und jede Menge FĂŒhrerschein-Schlagzeilen. Erst der absolute Höhepunkt seiner PopularitĂ€t, als „Dieser Weg“ zur Hymne des Fußball-SommermĂ€rchens 2006 wird, bringt die Schattenseiten des Ruhms ans Licht: Genervt zieht sich der glĂŒhende Lokalpatriot aus der Öffentlichkeit und teilweise auch aus Mannheim zurĂŒck.“

Am 02. Juni 2007 berichtet der Mannheimer Morgen:

„Die Amtsanwaltschaft Frankfurt bestĂ€tigte gestern, dass gegen den SĂ€nger ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist. Ihm wird vorgeworfen, einen angemieteten Porsche Cayenne an einen Freund weitergegeben zu haben, der selbst keinen FĂŒhrerschein besaß. Der Mann war im MĂ€rz 2006 in MĂŒnchen von der Polizei erwischt worden. Naidoo hĂ€tte sich als Halter des Wagens vom Vorhandensein einer Fahrerlaubnis ĂŒberzeugen mĂŒssen, so der Vorwurf. Nun drohe ihm eine Geldstrafe oder bis zu ein Jahr Haft.“

Am 15. August 2006 titelt der Mannheimer Morgen:

„Xavier Naidoos FĂŒhrerschein liegt bei den Akten
Zwei Monate Fahrverbot wegen GeschwindigkeitsĂŒberschreitung / Gibt es eine „Lex Popstar“?“

Am 27. Juli 2006 schreibt der Mannheimer Morgen:

„Popstar Xavier Naidoo (34) soll beim DrĂ€ngeln auf der Autobahn in eine Radarfalle gerast sein. Nun könnte ihm ein erneuter FĂŒhrerscheinentzug drohen. Der Mannheimer sei mit seinem Porsche auf der A 5 in Richtung Karlsruhe zu dicht aufgefahren, bestĂ€tigte die Mannheimer Anwaltskanzlei Naidoos gestern entsprechende Medienberichte.“

Bis zum Jahr 2000 lassen sich ausweichlich des Archivs keine Berichte finden, aber im November 2000 schreibt der MM:

„Dass er im Dezember 1999 mit einem Porsche 944 der Mannheimer Polizei ins Netz gegangen war, hatte dem Autonarren schon eine Vorstrafe eingetragen: fĂŒnf Monate auf BewĂ€hrung. Seinen FĂŒhrerschein hat Naidoo seit einer Alkoholfahrt im Jahr 1993 nicht mehr – obwohl er zwischenzeitlich eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung bestanden hat. „Warum haben Sie nicht einfach den FĂŒhrerschein wieder gemacht?“, wunderte sich Offermann. „Keine Zeit“, ließ ihn der Angeklagte wissen.“ Angeblich sollte Naidoo bis zu 21 Monate Haft drohen, heißt es in dem Artikel.

AbhÀngige Berichterstattung

„Berichtet er doch, dass ihm einmal wegen zu schnellen Fahrens der FĂŒhrerschein abgenommen wurde“, ĂŒbernimmt Martin Tangl die Informationen aus dem SWR-Film. Ohne kritische PrĂŒfung, ohne Recherche, ohne journalistische Verantwortung.

Das ist auch wenig erstaunlich. Die „Benz“-Feier beim Mannheimer Morgen ist durch viel Werbung begleitet. Da weiß die Redaktion, wo das Geld herkommt und was sie zu tun hat.

Gemeinhin nennt man das „Hofberichterstattung“. „Man beißt die Hand nicht, die eine fĂŒttert“, sagen andere.

Herr Martin Tangl muss sich als verantwortlicher Redakteur des Mannheimer Morgens fragen lassen, ob er und seine „unabhĂ€ngige Zeitung“ mittlerweile auf das Niveau von miserablen AnzeigenblĂ€ttern abgestiegen sind.

Dabei geht es nicht um eine „Archiv-Schau“ oder darum, Herrn Naidoo seine Verfehlungen ewig nachzutragen. Der Pop-Star hat einen „harten Weg hinter sich“, seit ein paar Jahren scheint er „sauber“ zu sein und auch ein KĂŒnstler hat ein Recht auf Privatleben. Dann lĂ€sst man das aber auch privat.

Wenn Herr Naidoo aber die Öffentlichkeit sucht und das in einem „Umfeld“, mit dem er ĂŒber lange Jahre „große Schwierigkeiten“ hatte, muss die Öffentlichkeit auch im Kern ĂŒber „wesentliche Informationen“ informiert werden.

Das unterlĂ€sst Herr Tangl. Garantiert gegen besseres Wissen. Und wenn ers nicht besser wĂŒsste, sollte er den Job sofort aufgeben.

Der SWR-Film bedient das Publikum, das auch zur Premiere erschienen ist. ÃƓberwiegend etwas gesetzter. Man findet den Film „schÀÀ“, trinkt einen Prosecco, „der ist umsonst“ und knabbbert Brezeln, die als „B“ fĂŒr „Benz“ gebacken sind. Nachdenken muss man beim „Benz-Film“ nicht.

Sondern bei der „Premiere“ dabei sein, so, als sei das ein wirklich wichtiges Ereignis.

So ist das Fernsehen leider oft.

Nachdenklich muss man allerdings werden, wenn der „Lokalpatriot“, als der sich der Mannheimer Morgen darstellen will, frei von Recherche und Fakten eine Geschichte wider besseren Wissens „nacherzĂ€hlt“ und dabei journalistisch versagt.

Denn wenn man nachdenkt, wird man wissen, dass sowohl der Film als auch viele der Berichte dazu, nicht wirklich informieren, sondern nur gefallen und verklÀren wollen.

Werbung will gefallen. Das ist ihr Recht und nicht zu beanstanden.

Journalismus hat eine andere Aufgabe. Und das Versagen von Herrn Preuß und Herrn Tangl ist sehr wohl zu beanstanden.

Denn sie werden dem, was sie vorgeben, in keinster Weise gerecht: UnabhÀngig, faktentreu und zutreffend zu berichten.

Gabis Kolumne

Topmodels? Ohne mich!

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Guten Tag!

Heddesheim, 08. MÀrz 2010. Was bewegt Deutschland? Neben der Kopfpauschale und Hartz IV auch das, wovon viele trÀumen: Ein Topmodel zu sein, meint Gabi und sagt wie immer montags, was sie davon hÀlt.

Vergangene Woche ging es wieder los und wird uns siebzehn Wochen lang, jeden Donnerstag Abend, verfolgen: Germany’s Next Topmodel (GNTM). Es ist die 5. Staffel, die unsere Heidi aus dem Rheinland, die Supermutti, Deutschlands Exportschlager und Everybody’s Darling auf Pro7 moderiert. Und ich frage mich wie Millionen anderer Frauen: Soll ich mir das antun?

2000 MĂ€dchen haben sich vergangene Woche in Köln einen Platz beim Massencasting erstĂŒrmt.

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Die fĂŒnfte Staffel. © ProSieben/Oliver S.

Und wĂ€hrend deutsche Frauenzeitschriften wie Brigitte, sich von den Models und dem Magerwahn abwenden, plant Heid Klum noch dĂŒnnere MĂ€dchen auszuwĂ€hlen, noch dramatischere Shootings und noch hĂ€rtere Castings zu zeigen.

An ihrer Seite in der Jury sitzen jetzt auch nicht mehr Peyman Amin – der wollte mit seiner Model-WG seine eigene TV-Karriere anschieben – und Rolf Schneider, sondern Fotograf Christian Schuller und „Q“ alias Qualid Ladraa.

Bunte“Hunde“.

Heidi stellt „Q“ als „bunten Hund der Modewelt“ vor und von sich selbst behauptet der „schöne“ Deutsch-Marokkaner, aus 20 Kilometer Entfernung das Potential eines möglichen Models entdecken zu können.

Brauchen wir so eine Sendung, frage ich mich? Möchte ich, dass meine 11-jĂ€hrige Tochter hier ihre Vorbilder findet? Eine Welt, in der die FĂ€higkeit auf 15-Zentimeter-High-Heels ĂŒber den Catwalk zu laufen, das Maß aller Dinge ist?

Ich muss gestehen, dass ich bei den vergangenen beiden Staffeln ziemlich hĂ€ufig reingeschaltet habe und, natĂŒrlich auch meine Favoritinnen hatte. WĂ€hrend mein Mann und mein Sohn schreiend das Wohnzimmer verließen, haben meine Tochter und ich zuweilen mitgefiebert.

Denn es gab und gibt ja auch viel zu sehen:

Wen trifft diesmal die Kritik am hÀrtesten? Wer bricht in TrÀnen aus? Und bei wem entdeckt Heidi Persönlichkeits- und Entwicklungspotenzial?

Ist es nicht einfach zu spannend?

Die einzelnen Shootings sind ja auch zu spannend: Wer traut sich mit Kakerlaken, Krokodilen, Vogelspinnen oder Schlangen zu posieren? Wer schafft es in die Tiefe? In den Windkanal? In höchste Höhen? In die Eiskammer? Oder stundenlang in den kalten New Yorker Regen? Und so Àhnelt das alles schon eher einem Survival-Traing als einer Casting-Show.

Ebenso spannend ist das Drama zwischen den Kandidatinnen: Da wird gemobbt und gezickt, was das Zeug hĂ€lt. RegelmĂ€ĂŸige NervenzusammenbrĂŒche sind hier an der Tagesordnung.

Mittendrin gibt Heidi mal die Psychologin, mal die Mutti, aber natĂŒrlich auch die knallharte Mode-Business-Frau, die dann schon mal sagt „Wer was erreichen will, muss da durch, wenn du das ñ€© nicht kannst, kannst du gleich nach Hause gehen.“

Heidi piepst was von „Persönlichkeit“.

Mit ihrer Piepsstimme verkĂŒndet Frau Klum, die ja inzwischen Frau Samuel heißt, dass sie bei den MĂ€dchen die Persönlichkeit, das gewisse Etwas sehen und finden möchte. NatĂŒrlich gepaart mit den Modelmaßen 90-60-90 und mindestens 1,75 Meter GrĂ¶ĂŸe.

Und so startete die 5. Staffel vergangenen Donnerstag mit dem ersten groben Aussortieren. Und wieder achteten Heidi und ihre Juroren auf eine Dramen versprechende Mischung in ihrer Auswahl der Kandidatinnen:

Die schĂŒchterne 16-jĂ€hrige mit der Zahnspange, eine aufgedonnerte Miss-Russland, die laut dem Fotografen Christian Schuller, einem Frauenbild nacheifert, das in unserer westlichen Welt nicht mehr existiert.

Eine große HĂŒbsche mit einem abstehenden Ohr namens „Freddy“ – und halt, haben wir nicht irgendwann auch mal in den Medien gelesen, dass Heidi ihren BrĂŒsten Namen gegeben hat, aber das nur am Rande – , zwei DunkelhĂ€utige und zwei MĂ€dchen aus Bayern und Österreich, die sich beim Casting kennengelernt haben und sich jetzt schon „so lieb“ haben.

Endlose LĂ€ngen bis zum „Erfolg“ – fĂŒr wen?

Eine erzĂ€hlt der fassungslosen Jury, dass ihr Freund sie nach drei Jahren verließ, weil sie sich bei GNTM bewarb und bei einer anderen musste wĂ€hrend der Sendung ein Oberlippen-Piercing mit der Zange entfernt werden.

Die AusgewÀhlten mussten die erste Nacht auf Feldbetten in einem Lager verbringen, denn der Weg zur Model-Villa ist steinig und schwer, wie ihnen von der Jury immer wieder bewusst gemacht wird.

Und ich denke, diesmal werde ich diesen Weg nicht begleiten. Ich möchte keine weiteren Dramen und Mutproben mehr sehen und ich möchte keine nerviges und menschenunwĂŒrdiges Niedermachen und Rausschmeißen mehr ertragen, was andauernd durch Werbeblöcke endlos in die LĂ€nge gezogen wird.

Und vor allem möchte ich nicht, dass meiner Tochter diese unrealistischen Werte als richtig und wichtig fĂŒr ihr Leben vermittelt werden.

Heidi „go your way“, aber ohne mich – zumindest nicht regelmĂ€ĂŸig.

gabi

Äh, Bert, Ă€h – der Ă€h, Ă€h, Ă€h Siegelmann oderoderoder was auch immer

Guten Tag!

Heddesheim, 15. August 2009. Der private Fernsehsender RNF hat eine Sendung, die nennt er „Zur Sache“. Die Sendung ist das AushĂ€ngeschild des Lokalsenders, der schon lange „im GeschĂ€ft“ ist, den aber trotzdem außerhalb des „Sendegebiets“ niemand kennt. Das hat GrĂŒnde.

Essay: Helle Sema

Der wichtigste Grund, warum es ein kleiner Fernsehsender mehr oder weniger niemals in die Schlagzeilen bedeutender Medien schafft (heute ist eine Ausnahme), ist seine strukturell bedingte Begrenztheit.

Die hat viele Ursachen.

Es gibt, salopp gesagt, keine „gescheite“ Redaktion, die ein Thema, selbst wenn es das „Top-Thema“ ist, ordentlich vorbereitet. Deswegen stellt der Moderator stĂ€ndig sachlich falsche Fragen – die auch manchmal einfach nur blöd sind.

Er könnte sich ja auch selbst vorbereiten, aber wenn er der Chef ist – wie das aber oft bei kleinen, vollkommen unbedeutenden TV-Stationen ist – fĂŒhlt er sich als Chef sehr wichtig, er ist ja immerhin Chef und sind Chefs nicht per se wichtig? Und wer wichtig ist, ist grundsĂ€tzlich vorbereitet. Auf was auch immer.

Aber das sind „strukturelle Probleme“.

Fernsehen – selbst provinzielles – braucht aber auch Technik. Es gibt bei TV-Sendern in aller Regel eine Regie, die „regelt“ die Bilder, also das, was der Zuschauer sehen kann.

Bei regionalen Provinzsendern sind das oft auch nur Reglerschieber, die vielleicht nur AushilfskrĂ€fte sind, weil sie fast nie den richtigen Schieber finden, um ein ordentliches Bild zu erzeugen. Vielleicht hat das RNF eine Regie – die muss aber wĂ€hrend der gesamten Sendung auf Toilette gewesen sein.

Und es gibt Kameraleute. Kameramann/- frau war mal ein angesehener Ausbildungsberuf. Ob kleine, provinzielle Sender das Geld haben, um ordentlich ausgebildete Kameraleute zu bezahlen, ist nicht immer ganz klar.

Und dann gibt es auch die Grafik. Das sind Leute, die bereiten Bilder fĂŒr die Sendung vor. So was gibt es nicht bei vielen, kleinen, privaten, ums ÃƓberleben kĂ€mpfenden TV-Sendern.

Zumindest bei der RNF-Sendung „Zur Sache“ muss man sich fragen, wo eigentlich das Problem ist: Bei den Kameras, bei der Regie, beim Moderator und Senderchef Bert Siegelmann (der vielleicht vorhandenen „Grafik“) oder bei allen zusammen?

Wie ein Moderator, der sprachlich nicht nur schwach, sondern bei jedem Eignungstest fĂŒr Moderatoren durchfallen wĂŒrde, sich ĂŒber Jahre halten kann, ist nur verstĂ€ndlich, wenn man weiß, dass er der Senderchef ist und auf dem besten Weg, den Äh-Award zu gewinnen.

Andererseits ist ein Moderator immer so gut wie die Zielgruppe, die er erreichen will. Intellektuelle Moderatoren erreichen intellektuelle Zielgruppen, die meistens klein sind, „beliebte Moderatoren“ erreichen die Massen und verdienen viel Geld und provinzielle Moderatoren erreichen die Provinz und die Kellertreppe darunter – zumindest konnte man beim Auftritt des Herrn Siegelmann schon den Eindruck haben, dass das Thema Heddesheim fĂŒr ihn als Mannheimer schon etwas „unter Niveau“ war.

Wenn so ein provinzieller Moderator dann gezwungen ist, sich in den abgelegensten Keller der Provinz zu begeben, zum Beispiel nach Heddesheim, dann packt er an Vorurteilen aus, was er in seinem provinziellen Leben so an Vorurteilen gesammelt hat.

Der Beweis ist die „Moderation“ des Herrn Siegelmann zum Thema: „Der Streit in Heddesheim um Investitionen und ArbeitsplĂ€tze.“ Das hat Herrn Siegelmann ordentlich durcheinander gebracht. So durcheinander, dass er kaum einen Satz zu Ende bringen konnte und viele, viele Ähs benutzen musste, um seine Verzweiflung ob der erschĂŒtternden ZustĂ€nde in der Provinz Herr zu werden.

Dabei will Herr Siegelmann „MeinungsfĂŒhrer“ in der Region sein.

Region, dass ist der Zusammenschluss von Provinzen und da Herr Siegelmann der MeinungsfĂŒhrer ist, ist er der Entwickler, der Äh-Mann und sein Team ist ein Äh-Team.

Vom Dialekt ins Denglische ĂŒbersetzt klingt das wie A-Team und A-Man. Also Top. Top als Wort mag Herr Siegelmann sowieso. Und irgendwie ist er als A-Mann fĂŒr Provinz-TV auch nicht zu toppen.

Dokumentation:

RNF ĂŒber die Sendung „Zur Sache“:

„Dieses (Fehler im Original, d.Red.) einstĂŒndige Diskussionsrunde im RNF-Studio A hat sich lĂ€ngst zum MeinungsfĂŒhrer in der gesamten Metropolregion Rhein-Neckar entwickelt. 3 bis 4 GĂ€ste erörtern – meist unter der GesprĂ€chsleitung von RNF-Programmchef Bert Siegelmann – ein Thema von regionaler Bedeutung: Ohne Unterbrechungen, ohne optische Ablenkung, ohne Filmzuspielungen! Die Sendung vertieft, erlĂ€utert, erklĂ€rt Sachverhalte und wird jeweils am Freitag live produziert und am Wochenende fĂŒnf mal ausgestrahlt. Dies sichert ihr eine hohe Verbreitung und erstklassige Aufmerksamkeit. „Zur Sache“ geht es heftig, mal lustig – am runden Studiotisch wurden schon Wahlen gewonnen – und verloren, Projekte befördert und begrabenñ€©Um dabei sein zu können, wurden auch schon Urlaube und Sitzungen verschoben! Wer in der Metropolregion mitreden will, schaut sich „Zur Sache“ an.“