Freitag, 24. November 2017

Geprothmannt: Weg mit den Waffen!

Kinder sind immer Opfer – nicht nur in Newtown

Rhein-Neckar, 17. Dezember 2012. (red/pro) Das Massaker von Newtown/Connecticut hat weltweit Entsetzen ausgel√∂st. Jeder mitf√ľhlende Mensch nimmt Anteil und verabscheut diese Bluttat. Nach dem ersten Schock ist aber k√ľhler Verstand gefragt, um dieses Drama und andere einzuordnen. Denn Newtown kann √ľberall sein und ist es auch.

Von Hardy Prothmann

26 Tote – davon zwanzig Kinder. Wie das St√§dtchen Newtown (25.000 Einwohner) dieses furchtbare Massaker verkraften kann, fragen sich √ľberall auf der Welt die Menschen, nat√ľrlich auch hier bei uns vor Ort. Der amerikanische Pr√§sident versuchte vor Ort Trost zu Spenden – doch was n√ľtzt das? Die Medien berichten „neu“-gierig √ľber alles, was man vermeintlich √ľber den T√§ter an Informationen finden kann. Berichten, hoffentlich einf√ľhlsam und sorgsam, √ľber die Familien und Freunde, √ľber deren Trauer und Schmerz. Anders als bei Spiegel Online, die √ľber ein Asperger-Syndrom des M√∂rders im Zusammenhang mit der Bluttat spekulierten. Weil sich Autisten zu Recht gegen diese Darstellung gewehrt hatten, erg√§nzte Spiegel-Online den Text.

Doch der Fokus ist mit dem Blick auf Newtown zu eng gew√§hlt. Ein bis zwei Dutzend Massaker finden j√§hrlich in den Vereinigten Staaten statt. Das Massaker von Newtown war schon das 20. in diesem Jahr. Rund 30.000 Menschen werden hier Jahr f√ľr Jahr durch den Einsatz von Schusswaffen get√∂tet: Davon sind 18.000 Selbstmorde und 12.000 Menschen werden Opfer von anderen, die – warum auch immer – mit meist gro√ükalibrigen Waffen auf andere Menschen schie√üen:

Auch Deutschland hat schon sechs „School-Shootings“ erlebt, darunter zwei besonders entsetzliche.¬† 2002 in Erfurt: Der 19-j√§hrige Robert Steinh√§user t√∂tete 17 Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Der 17-j√§hrige Tim Kretschmer t√∂tete 2009 in Winnenden insgesamt 15 Menschen, verletzte elf weitere Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Beide hatten √ľber ihr pers√∂nliches Umfeld Zugang zu Waffen. Ob nun berechtigt oder nicht, spielt keine Rolle. Waffen waren teil ihrer Erfahrungswelt. Und beide konnten mit Waffen umgehen. (Uns bleibt hoffentlich eine Debatte √ľber vermeintlich verantwortliche „Killerspiele“ erspart: „Der M√∂rder, die Journalisten und ihre √Ėffentlichkeit„.)

Jung, männlich, verwirrt Рmit Waffe tödlich

Beim Amoklauf von Ansbach 2009 wurden zwei Sch√ľlerinnen schwer, sowie sieben Sch√ľler/innen und eine Lehrerin leicht verletzt. Der 18-j√§hrige T√§ter hatte „nur“ ein Beil, zwei Messer und Molotowcocktails. Nicht auszudenken, wieviele Todesopfer es durch den Einsatz von Schusswaffen m√∂glicherweise gegeben h√§tte.

Fast alle Schulmassaker werden von jungen M√§nnern ver√ľbt. H√§ufig erf√§hrt man etwas √ľber „psychologische Probleme“ der T√§ter. Die These, dass die Zahl der Massaker und die Zahl der Toten weniger mit einem „Lattenschuss“ als dem Zugang zu t√∂dlichen Schusswaffen zu tun hat, ist angesichts der F√§lle nicht von der Hand zu weisen.

Der Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Sckerl forderte Anfang 2010 vollkommen zu Recht eine Versch√§rfung des Waffenrechts. Newtown mag manchen weit weg vorkommen: Erfurt ist von uns aus nur etwas mehr als 300 Kilometer entfernt, Winnenden nur noch 125 Kilometer. Und die Bedrohungslage ist bei uns Vort ganz real: In Mannheim gab es zwei Amok-Drohungen an Schulen, in Schriesheim eine. 2009 legte ein Mann aus Viernheim Bomben in Weinheim und verminte seine Wohnung. Er verf√ľgte √ľber ein be√§ngstigendes Waffenarsenal.

So bitter das klingt: √úberall in Deutschland ist es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem √§hnlichen Drama kommen kann. Zwischen April 2002 und September 2009 gab es sechs Amokl√§ufe an Schulen. Dass seit drei Jahren „nichts“ passiert ist, darf man nicht glauben. Es passiert st√§ndig in den K√∂pfen von verwirrten jungen Menschen – ohne t√∂dliche Waffen bleiben „Rachegel√ľste“ aber nur Gedanken und verschwinden irgendwann hoffentlich wieder.

Kinder sind immer Opfer – egal in welchem Kriegsgebiet

Amerika wird von vielen immer noch als vorbildliches Land gesehen. Das ist es nicht. Dieses Land lebt im Dauerausnahmezustand – im Krieg mit sich selbst. Bis an den Hals bewaffnet. Mindestens 250 Millionen Waffen sollen dort in Privatbesitz sein – darunter viele Kriegswaffen. 30.000 zivile Opfer durch Schusswaffengebrauch – das ist eine Zahl von Toten, die in vielen „realen“ Kriegsgebieten nicht erreicht wird.

Nach Angaben von Unicef starben in den vergangengen zehn Jahren zwei Millionen Kinder in den Krisengebieten dieser Welt, in Afrika, Asien, S√ľdamerika und den Randregionen Europas: Ob durch Schusswaffen oder durch Bomben. Sechs Millionen weitere wurden k√∂rperlich verletzt. Die seelischen Sch√§den kann niemand z√§hlen. Davon erf√§hrt man nur selten.

Ohne das Leid der Familien in Newtown zu missachten: Kinder und deren Familien, die in der dritten Welt Opfer von Waffengewalt werden, haben meist keinen Zugang zu einer medizinischen Versorgung, erhalten keine psychologische Betreuung und in aller Regel auch keine Anteilnahme in der Welt, denn meistens erfährt man nichts davon.

Anmerkung der Redaktion: Im aktuell erschienenen R√ľstungsexportbericht der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) vom 10.12.2012 ist nachzulesen: „Kleine und leichte Waffen sowie Munition gingen erneut an Staaten im Nahen und Mittleren Osten sowie an L√§nder in Asien. Insgesamt gingen 8.158 Kleinwaffen an Drittstaaten. Wichtigste Abnehmer waren Saudi-Arabien (4.213 Sturmgewehre), Indonesien (242 Maschinenpistolen, 102 Sturmgewehre) und der Kosovo (900 Sturmgewehre). Gleichzeitig wurden 6.051 leichte Waffen aus Deutschland exportiert. Der Gro√üteil dieser Waffen ging an Singapur (r√ľcksto√üfreie Waffen). Die GKKE fordert die Bundesregierung dazu auf, den Export von kleinen und leichten Waffen sowie dazugeh√∂riger Munition deutlich restriktiver zu handhaben. Angesichts der Zahlen aus dem Berichtszeitraum 2011 verwundert der Vermerk, dass die Bundesregierung auch in Zukunft Kleinwaffenexporte in Entwicklungsl√§nder besonders restriktiv handhaben werde.“