Freitag, 10. April 2020

Gabis Kolumne

„Jein“ ist keine L√∂sung, aber ein Ansatz

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 07. November 2011. Es gibt „Nein-Sager“ und die ewigen „Ja-Sager“ und zwar nicht nur in Indien. Und vielleicht gibt es auch einen Weg dazwischen, fragt sich Gabi.

Dieser Tage habe ich einen Bericht dar√ľber geh√∂rt, dass Inder unglaublich hilfsbereit sind und deshalb auch eine Frage niemals mit „nein“ beantworten, denn das ist unh√∂flich und gegen die Gastfreundschaft.

Fragt man in Indien also nach dem Weg, ist es gleichg√ľltig, ob der Gefragten ihn kennt oder nicht, er wird versuchen, eine Wegbeschreibung abzugeben.√ā¬† Folglich wird dem Fragenden in Indien stets geholfen und selbst, wenn er letztendlich in Katmandu und nicht am Taj Mahal ankommt. „Nein“ sagen ist in Indien demnach absolut verp√∂nt.

Filmplakat zum "Ja-Sager".

Die amerikanische Filmindustrie hat diesem Ph√§nomen mit dem „Ja-Sager“ sogar eine eigene Kom√∂die gewidmet und schon Bertolt Brecht hat 1930 ein Lehrst√ľck √ľber den „Jasager“ geschrieben.

Aber so weit muss man ja gar nicht gehen. Auch hier zu Lande, f√§llt vielen das „Nein“ sagen schwerer als das „Ja“ sagen und so kann die Frage, „kannst du mir einen Salat f√ľr meine Party machen“, in einen absoluten Stress ausarten. Denn selbst, wenn man wei√ü, dass man √ľberhaupt keine Zeit hat, sagt man meistens „Klar, doch, gerne“, mit dem Resultat, man ger√§t in absolute Hektik und landet an der K√ľhltheke des Supermarktes.

K√ľrzlich fragte mich eine Freundin: „Kannst du mich heute Mittag eventuell vom Bahnhof abholen?“ Sofort antwortete ich: „Ja, gerne doch“, obwohl ich genau wusste, ich komme erst sp√§t von der Arbeit nach Hause, die Kinder wollen etwas essen und zudem habe ich noch einen Arzttermin. Das Resultat war, ich geriet in Panik, wurde hektisch und √ľbellaunig.

„Ich hoffe, du hattest nicht zu viel Stress.“

Als ich am Bahnhof ankomme, sieht meine Freundin√ā¬† meine Schwei√üperlen auf der Stirn und sagt: „Ich hoffe, du hattest nicht zu viel Stress.“ Und was antworte ich? Na, richtig, ich sage „Das war √ľberhaupt kein Problem, das mache ich doch gerne“.

Das „Ja-Sagen“ wird sp√§testens dann fatal, wenn man Kinder hat. Das f√§ngt im Kindergarten an, betrifft die Teilnahme jeglicher Freizeitaktivit√§ten und gipfelt in der Schulzeit.

Ich geh√∂re demnach prinzipiell immer zu den ersten, die bei Sommerfesten Kuchen backen und die sich in die Helferliste eintragen. Ich war Elternbeir√§tin – und das war keine Ehre, sondern eindeutig Pflichtprogramm -, hole meinen Halbw√ľchsigen nebst weiterer Kids nachts um drei Uhr nach einer Venedig-Exkursion vom Bus ab, bekoche spontan – „Mama, du hast doch nichts dagegen, ich habe noch ein paar Freundinnen zum Essen mitgebracht“ – vier kichernde Teenager und trage mich immer ein, wenn Fahrdienste gesucht werden.

Und nat√ľrlich wissen auch meine Kinder, meine Freunde und mein Mann, dass ich es mit dem „Nein-sagen“ nicht so habe – und nutzen dies – so meine ich – schamlos aus.

Meistens reicht ein „Wenn-es-dir-zuviel-ist“ oder „ich-kann-es-auch-selbst-machen“ oder ein „es-w√§re-toll-wenn-du-mir-helfen-k√∂nntest“ aus und ich stehe parat.

Wenn ich mich also kritisch betrachte, hei√üt das eindeutig, ich m√∂chte gebraucht werden, ich m√∂chte die Retterin in der Not sein, ich lechze nach „das-hast-du-toll-gemacht“.

K√ľrzlich habe ich mit einer Freundin √ľber diesen Gen-Defekt gesprochen. Sie selbst bekennt sich freim√ľtig zu den „Nein-Sagern“.

„Wei√üt du“, sagte sie, „wenn du „nein“ sagst, kannst du daraus auch noch ein „Ja“ machen, umgekehrt funktioniert das nicht. Also sage ich erst mal „Nein“ und warte dann ab.“

Das Resultat ist eindeutig, w√§hrend sie abwartet, haben die „Ja-Sager“ schon l√§ngst ihre aktive Rolle √ľbernommen und die „Nein-Sager“ k√∂nnen sich zur√ľcklehnen, aufatmen und sagen: „Im Notfall h√§tte ich schon mitgemacht, aber ihr braucht mich ja nicht mehr“.

„Jein“ – ein Kompromiss?

Bingo, so funktioniert das Spiel. Ich habe verstanden.

Das hei√üt, „Nein“ sagen und abwarten und der Kelch geht vor√ľber. Und wenn das alle machen, passiert gar nichts mehr. Alle sagen „Nein“, folglich alles stagniert.

Das kann also nicht die Lösung sein.

Der Kompromiss w√§re also ein „Jein“. Aber das ist eigentlich nur ein irgendwo „Dazwischen“. Und zwischen zwei St√ľhlen sitzt es sich bekanntlich am Schlechtesten.

In letzter Zeit habe ich mir deshalb angew√∂hnt, erst mal tief Luft zu holen und mir eine Atempause zu g√∂nnen, sprich, ich antworte nicht gleich und gestehe mir und meinem Gegen√ľber zu, dass ich mir meine Antwort √ľberlegen kann, vor allem bei Spontan-Anfragen.

Das hei√üt, wenn mich sp√§tabends mein Sohn anruft und fragt, kann ich bei XY √ľbernachten, wenn mein Mann fragt, kannst heute Nachmittag f√ľr mich XY machen, wenn eine Freundin fragt, treffen wir uns am XY – ich muss es aber gleich wissen -, wenn meine Tochter fragt, k√∂nnen wir gleich ins Einkauszentrum fahren, um XY zu kaufen, wenn mein Chef sagt, ich m√ľsste bis zum n√§chsten Tag XY erledigen, dann sage ich ganz entspannt: „Dar√ľber muss ich noch nachdenken, fragt mich in einer halben Stunde noch mal.“

Oft klappt es, oft auch nicht. Aber ich arbeite daran. Und wenn ich mal nach Indien reise, werde ich mich nicht wundern, wenn ich in Katmandu lande und nicht am Taj Mahal, und vorsorglich werde ich mir eine Straßenkarte mitnehmen.

gabi

Gabis Kolumne

Nur eine „Klamottenfrage“ oder doch viel mehr?

Guten Tag

Heddesheim, 4. Oktober 2010. Unsere Kolumnistin Gabi fragt sich, wie Kinder sich heutzutage abgrenzen, wenn Eltern oft die gleichen Klamotten tragen und die gleiche Musik hören.

„Hot ma des awwl so?“, fragte mich meine Gro√ütante – (ich wei√ü weder wie man das schreibt und kann es auch nicht w√∂rtlich √ľbersetzen, wusste aber sinngem√§√ü, was sie meinte) – als ich ein Teenager war und mich kleidete, wie es gerade angesagt war.

Sie sagte nie, wie schrecklich meine Henna gef√§rbten Haare zu dem √ľbergro√üen gr√ľnen Pullover, den ich heimlich aus der Altkleidersammlung meines Vaters rausgezogen hatte, aussah. Ganz im Gegenteil, als ich ihr meine neuen geschn√ľrten Stiefel zeigte, schlurfte sie in ihre Kammer und brachte mir schwarze Altdamen-Stiefetten herbei und meinte, die w√ľrden mir sicherlich passen.

Was junge Mädchen heutzutage tragen

Ihr Verhalten beruhte nicht auf gro√üer modischer Toleranz, nein eher auf Verwunderung, „was die junge M√§dchen heutzutage tragen“.

Das war bei meinem Vater ganz anders. Die t√§glichen Diskussionen √ľber meine unordentlichen Haare am Abendbrottisch, sind mir noch gut – und in keiner guten – Erinnerung. Er flippte regelrecht aus, als er sah, dass ich mir ein zweites Ohrloch hatte stechen lassen, auch wenn ich das wochenlang unter meinen „unordentlichen Haaren“ verbergen konnte.

Die alte Lederjacke, ein Erbst√ľck von meinem Gro√üvater, mein ganzer Stolz, verursachte bei ihm einen Wutausbruch: „Mit so was gehst du nicht in die Schule“, erkl√§rte er keine Diskussion zulassend.

Mein erster Freund hatte lange Haare, ein absolutes „No-Go“. „Einen Langhaarigen brauchst du nicht mit nach Hause zu bringen“, lautete seine klare Anweisung.

Wie Sie es sich sicher denken k√∂nnen, ich trug die Lederjacke weiterhin und blieb mit meinem Freund √ľber ein Jahr zusammen, aber ich tat jetzt alles so, dass er weder das eine noch das andere mitbekam.

Heute bin ich mir sicher, dass er um Beides wusste, aber sich so leichter vormachen konnte, dass ich mich an seine Gebote und Verbote hielt.

Sind wir eine tolerante Generation?

Meine Kinder sind jetzt im Teenageralter. Und wir geh√∂ren wahrscheinlich zu der Generation, die sich selbst f√ľr die toleranteste h√§lt.

Tragen wir doch die gleichen Jeans und Tops wie unsere Kinder. Schon jetzt holt sich meine 12jährige Tochter Klamotten aus meinem Kleiderschrank und auch ich habe mir hin und wieder einen Schal oder Modeschmuck von ihr ausgeliehen.

Mein Sohn trug seine Haare eine Zeit lang recht lang und ich war richtig enttäuscht, als er sie abschneiden ließ.

Dennoch gibt es bei uns nat√ľrlich Diskussionen √ľber Stylingfragen. So ist die Gr√∂√üe der Ohrringe, die Farbe und L√§nge der N√§gel unserer Tochter eine st√§ndige Streitfrage. Kreolen, die bis zur Schulter reichen und knallroter Nagellack sind absolut tabu. Und da achtet vor allem mein Mann drauf.

Ich dagegen rege mich √ľber zu lange Jeans, deren Hosenbeine durch das Schleifen auf dem Boden ausfranzen besonders auf. Vor allem, wenn mein Sohn mir erkl√§rt: „Das muss so sein“. Aber alles in allem laufen zumindest diese Diskussionen bei uns ziemlich „gechillt“ ab.

Beliebt bei Teenie-Eltern ist auch die Frage, um das wann und ob von Tatoos oder Piercings. Als sich vor einem Jahr die Tochter einer Freundin eine Blume am Kn√∂chel t√§towieren lie√ü, verk√ľndete ich, „das w√ľrde ich nie erlauben“. „Hast du dir schon mal √ľberlegt, wie sich unsere Kinder von uns abgrenzen sollen“, entgegnete meine Freundin. „Meine Mutter war noch gekleidet wie eine Mutter und nicht wie die √§ltere Schwester, an ihren Kleiderschrank w√§re ich nie gegangen. Wir dagegen tragen die gleichen Klamotten und h√∂ren die gleiche Musik.“

Das gab mir zu denken und als ich k√ľrzlich mit meiner Tochter bummeln war und eine diesen Herbst angesagte „Jeggings“ in der Hand hielt, sch√ľttelte meine Tochter nur den Kopf und meinte: „Mama, daf√ľr bist du dann doch etwas zu alt.“

Da legte ich das Kleidungsst√ľck schnell ins Regal zur√ľck.

gabi