Freitag, 05. Juni 2020

Gabis Kolumne

„Jein“ ist keine Lösung, aber ein Ansatz

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 07. November 2011. Es gibt „Nein-Sager“ und die ewigen „Ja-Sager“ und zwar nicht nur in Indien. Und vielleicht gibt es auch einen Weg dazwischen, fragt sich Gabi.

Dieser Tage habe ich einen Bericht darĂŒber gehört, dass Inder unglaublich hilfsbereit sind und deshalb auch eine Frage niemals mit „nein“ beantworten, denn das ist unhöflich und gegen die Gastfreundschaft.

Fragt man in Indien also nach dem Weg, ist es gleichgĂŒltig, ob der Gefragten ihn kennt oder nicht, er wird versuchen, eine Wegbeschreibung abzugeben.  Folglich wird dem Fragenden in Indien stets geholfen und selbst, wenn er letztendlich in Katmandu und nicht am Taj Mahal ankommt. „Nein“ sagen ist in Indien demnach absolut verpönt.

Filmplakat zum "Ja-Sager".

Die amerikanische Filmindustrie hat diesem PhĂ€nomen mit dem „Ja-Sager“ sogar eine eigene Komödie gewidmet und schon Bertolt Brecht hat 1930 ein LehrstĂŒck ĂŒber den „Jasager“ geschrieben.

Aber so weit muss man ja gar nicht gehen. Auch hier zu Lande, fĂ€llt vielen das „Nein“ sagen schwerer als das „Ja“ sagen und so kann die Frage, „kannst du mir einen Salat fĂŒr meine Party machen“, in einen absoluten Stress ausarten. Denn selbst, wenn man weiß, dass man ĂŒberhaupt keine Zeit hat, sagt man meistens „Klar, doch, gerne“, mit dem Resultat, man gerĂ€t in absolute Hektik und landet an der KĂŒhltheke des Supermarktes.

KĂŒrzlich fragte mich eine Freundin: „Kannst du mich heute Mittag eventuell vom Bahnhof abholen?“ Sofort antwortete ich: „Ja, gerne doch“, obwohl ich genau wusste, ich komme erst spĂ€t von der Arbeit nach Hause, die Kinder wollen etwas essen und zudem habe ich noch einen Arzttermin. Das Resultat war, ich geriet in Panik, wurde hektisch und ĂŒbellaunig.

„Ich hoffe, du hattest nicht zu viel Stress.“

Als ich am Bahnhof ankomme, sieht meine Freundin  meine Schweißperlen auf der Stirn und sagt: „Ich hoffe, du hattest nicht zu viel Stress.“ Und was antworte ich? Na, richtig, ich sage „Das war ĂŒberhaupt kein Problem, das mache ich doch gerne“.

Das „Ja-Sagen“ wird spĂ€testens dann fatal, wenn man Kinder hat. Das fĂ€ngt im Kindergarten an, betrifft die Teilnahme jeglicher FreizeitaktivitĂ€ten und gipfelt in der Schulzeit.

Ich gehöre demnach prinzipiell immer zu den ersten, die bei Sommerfesten Kuchen backen und die sich in die Helferliste eintragen. Ich war ElternbeirĂ€tin – und das war keine Ehre, sondern eindeutig Pflichtprogramm -, hole meinen HalbwĂŒchsigen nebst weiterer Kids nachts um drei Uhr nach einer Venedig-Exkursion vom Bus ab, bekoche spontan – „Mama, du hast doch nichts dagegen, ich habe noch ein paar Freundinnen zum Essen mitgebracht“ – vier kichernde Teenager und trage mich immer ein, wenn Fahrdienste gesucht werden.

Und natĂŒrlich wissen auch meine Kinder, meine Freunde und mein Mann, dass ich es mit dem „Nein-sagen“ nicht so habe – und nutzen dies – so meine ich – schamlos aus.

Meistens reicht ein „Wenn-es-dir-zuviel-ist“ oder „ich-kann-es-auch-selbst-machen“ oder ein „es-wĂ€re-toll-wenn-du-mir-helfen-könntest“ aus und ich stehe parat.

Wenn ich mich also kritisch betrachte, heißt das eindeutig, ich möchte gebraucht werden, ich möchte die Retterin in der Not sein, ich lechze nach „das-hast-du-toll-gemacht“.

KĂŒrzlich habe ich mit einer Freundin ĂŒber diesen Gen-Defekt gesprochen. Sie selbst bekennt sich freimĂŒtig zu den „Nein-Sagern“.

„Weißt du“, sagte sie, „wenn du „nein“ sagst, kannst du daraus auch noch ein „Ja“ machen, umgekehrt funktioniert das nicht. Also sage ich erst mal „Nein“ und warte dann ab.“

Das Resultat ist eindeutig, wĂ€hrend sie abwartet, haben die „Ja-Sager“ schon lĂ€ngst ihre aktive Rolle ĂŒbernommen und die „Nein-Sager“ können sich zurĂŒcklehnen, aufatmen und sagen: „Im Notfall hĂ€tte ich schon mitgemacht, aber ihr braucht mich ja nicht mehr“.

„Jein“ – ein Kompromiss?

Bingo, so funktioniert das Spiel. Ich habe verstanden.

Das heißt, „Nein“ sagen und abwarten und der Kelch geht vorĂŒber. Und wenn das alle machen, passiert gar nichts mehr. Alle sagen „Nein“, folglich alles stagniert.

Das kann also nicht die Lösung sein.

Der Kompromiss wĂ€re also ein „Jein“. Aber das ist eigentlich nur ein irgendwo „Dazwischen“. Und zwischen zwei StĂŒhlen sitzt es sich bekanntlich am Schlechtesten.

In letzter Zeit habe ich mir deshalb angewöhnt, erst mal tief Luft zu holen und mir eine Atempause zu gönnen, sprich, ich antworte nicht gleich und gestehe mir und meinem GegenĂŒber zu, dass ich mir meine Antwort ĂŒberlegen kann, vor allem bei Spontan-Anfragen.

Das heißt, wenn mich spĂ€tabends mein Sohn anruft und fragt, kann ich bei XY ĂŒbernachten, wenn mein Mann fragt, kannst heute Nachmittag fĂŒr mich XY machen, wenn eine Freundin fragt, treffen wir uns am XY – ich muss es aber gleich wissen -, wenn meine Tochter fragt, können wir gleich ins Einkauszentrum fahren, um XY zu kaufen, wenn mein Chef sagt, ich mĂŒsste bis zum nĂ€chsten Tag XY erledigen, dann sage ich ganz entspannt: „DarĂŒber muss ich noch nachdenken, fragt mich in einer halben Stunde noch mal.“

Oft klappt es, oft auch nicht. Aber ich arbeite daran. Und wenn ich mal nach Indien reise, werde ich mich nicht wundern, wenn ich in Katmandu lande und nicht am Taj Mahal, und vorsorglich werde ich mir eine Straßenkarte mitnehmen.

gabi

Gabis Kolumne

24 Stunden Wellness – wer wird sich davon stressen lassen?

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Guten Tag!

Heddesheim, 8. November 2010. Gabi verbrachte mit ihrem Mann und Freunden 24 Stunden in einem Wellness-Hotel. Was als Entspannung gedacht war, kann manchmal auch im Stress enden, musste Gabi feststellen.

Wir hatten genau 24 Stunden, um das Angebot des Hauses optimal auszuschöpfen, und da muss man schauen, dass das nicht in Stress ausufert.

wellness

Wellness.

Wir trafen uns kurz nach Mittag vor Ort und besprachen unser Programm. Unsere Freunden hatten sich schon schlau gemacht: Fixpunkte waren Kaffee und Kuchen am Nachmittag, Sektempfang um 17 Uhr und spĂ€testens(!) um 20 Uhr das 4-Gang-Menu, alles Inklusiv-Leistungen, versteht sich. Dazwischen Sauna, Dampfbad und Entspannung – da mussten wir uns sputen.

Zudem, und das wurde wirklich knifflig, hatten wir noch einen Gutschein fĂŒr ein romantisches Wellness-Weinbad.

Freundlicherweise konnten alle Termine – mit Ausnahme des Abendessens – im Bademantel eingenommen werden, so dass das An-, Aus- und Umziehen keinen weiteren zeitlichen Druck erzeugen konnten.

Also rauf auf’s Zimmer und ab in den Bademantel, der in einer gepackten Wellness-Tasche inklusive HandtĂŒcher und Badeschuhen schon bereit stand.

Und sofort ging es in den „Spa-Bereich“ (laut Wikipedia ein Oberbegriff fĂŒr den Gesundheits- und Wellnessbereich). Ganz gechillt begannen wir mit dem Dampfbad, um dem Kreislauf nicht gleich die 92-Grad-Sauna zuzumuten. Zum Relaxen gingen wir, natĂŒrlich mit der Wellness-Tasche bepackt, in die Ruhezone. Hier fanden wir sieben Liegen vor, davon vier belegt und die drei restlichen vorsorglich besetzt.

„So geht das aber nicht“, motzte mein Herzallerliebster, worauf eine Dame widerstrebend HandtĂŒcher von einem Platz rĂ€umte und meinte: „Sie können ja auch in das Kaminzimmer, in die „Oase der Ruhe“ gehen. Das ist ein Stockwerk tiefer, da kommen sie mit dem Aufzug hin“.

Auf der Suche nach der „Oase der Ruhe“

In der Ermanglung eines vierten Platzes machten wir uns also auf den Weg und suchten nach der „Oase der Ruhe“ – natĂŒrlich mit der Wellness-Tasche. Was man uns nicht gesagt hatte, dass man erst mit dem Aufzug einen Stock höher fahren, dann einen Aufenthaltsraum queren musste, um dann in ein Treppenhaus zu gelangen, durch das man wieder ein Stockwerk tiefer die „Oase der Ruhe“ erreichen konnte. Aber wahrscheinlich wollte man uns ja auch so schnell wie möglich loswerden.

Das Kaminzimmer war dann auch echt der KnĂŒller. In sanften, warmen Tönen gehalten, freie Liegen, ein knisterndes Feuer – hier wartete endlich die Entspannung. Wir packten die Wellness-Taschen aus, kuschelten uns in Decken, nahmen uns LektĂŒre zur Hand und begannen zu relaxen.

Doch kaum zehn Minuten spĂ€ter: „Mist, gleich ist es 16 Uhr, wir verpassen noch Kaffe und Kuchen“, merkte unser Freund an. Also packten wir unsere Wellness-Taschen, gingen das Treppenhaus wieder hoch, querten den Aufenthaltsraum, nahmen den Fahrstuhl und betraten – wohlgemerkt im Bademantel – das CafĂ©.

Relaxt plauderten wir bei himmlischem Kuchen und leider etwas dĂŒnnem Kaffee. „Mist“, sagte unser Freund, „es ist gleich 17 Uhr, wir mĂŒssen zu unserem Sektempfang“. Also verließen wir, natĂŒrlich mit Wellness-Tasche und im Bademantel, das CafĂ©, nahmen den Aufzug und trafen pĂŒnktlich – wir hatten uns ja inzwischen mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht – im Aufenthaltsraum ein.

Rot fĂŒr beruhigend oder Weiß fĂŒr anregend

Hier konnten wir auch endlich mit der Wellness-Beraterin unser Wellness-Weinbad besprechen. Wir wurden darĂŒber aufgeklĂ€rt, dass wir uns zwischen einem Dornfelder-, also rot, und einem Riesling- Bad, also weiß, entscheiden konnten. Rot wirke beruhigend, weiß anregend, erklĂ€rte sie. Eine Flasche Wein komme ins Badewasser, eine sei zum Trinken. „Schatz, wie sollen wir das denn machen“, fragte mein Göttergatte, „du magst ja keinen roten und ich keinen weißen“, wĂ€hrend wir noch diskutierten, erfuhren wir, dass man nach dem Bad ungefĂ€hr 2,2 Promille hĂ€tte, was sich aber, da vor allem ĂŒber die Haut aufgenommen, schnell wieder verflĂŒchtigen wĂŒrde.

„Um 19 Uhr habe ich noch einen Termin frei“, sagte die Wellness-Beraterin und strahlte uns an. Das sei ja sehr stressig, man mĂŒsse ja schließlich um 19.45 Uhr beim Abendessen sein, gab mein Mann zu Bedenken. Nein, nein, das Bad sei gar nicht stressig und sie habe auch noch einen Termin am nĂ€chsten Morgen um 11 Uhr. Na prima, dachte ich, vormittags schon 2,2 Promille.

Letztlich konnten wir uns auf keinen Termin einigen und schließlich hatten wir noch immer keinen Saunagang genossen. Das mit dem Bad wĂŒrden wir dann erst mal lassen, sagten wir, nahmen den Aufzug und endlich ab in die Sauna.

Zwei – sehr heiße – SaunagĂ€nge spĂ€ter relaxten wir wieder in der „Oase der Ruhe“. Endlich, endlich war es genau so, wie wir es uns vorgestellt haben: Kuscheldecken, Ruhe, Entspannung. „Mist“, sagte unser Freund, „es ist schon nach 19 Uhr, jetzt mĂŒssen wir uns aber beeilen, wenn wir noch pĂŒnktlich zu unserem 4-Gang-Menu kommen wollen“.

Also Wellness-Tasche packen, Treppe hoch, Aufzug runter und ab ins Zimmer, denn jetzt mussten wir den Bademantel ausziehen und zivilisiert im Restaurant erscheinen.

Köstlichstes wurde uns, leider etwas zu schnell, serviert und beim Nachtisch ging gar nichts mehr, sprich, die MĂŒdigkeit ĂŒbermannte uns. Kurz nach 22 Uhr, und wir waren die letzten, schleppten wir uns auf unsere Zimmer und dann war Entspannung in Form von Tiefschlaf angesagt.

Der Rest ist kurz erzĂ€hlt, nach einem opulenten FrĂŒhstĂŒck entschieden wir uns am nĂ€chsten Morgen gegen die 2,2 Promille und checkten gegen 11 Uhr aus und beschlossen bei herrlichstem Herbstwetter einen Spaziergang durch die Weinberge zu machen. Und jetzt endlich spĂŒrte ich Ruhe und Entspannung. Was fĂŒr ein erholsames Wochenende, dachte ich.

gabi

Anmerkung der Redaktion: Sie finden uns bei Facebook unter Redaktion heddesheimblog.