Samstag, 11. Juli 2020

Herr Biedermann und sein Bericht – trĂŒbe Aussichten ohne „Defizite“

Guten Tag!

Heddesheim, 21. April 2010. Die Jugendarbeit in Heddesheim hat einen Namen: Ulrich Biedermann. Damit ist der Inhalt der Sitzung des Jugendausschuss treffend wiedergegeben. Oder vielleicht nicht ganz: Berichtet wurde ĂŒber die Jahre 2008 bis 2009. Die „Perspektiven“ fĂŒr 2010 sind eher dĂŒster. Ulrich Biedermann erwartet noch mehr Arbeit, als er schon hat.

Kommentar: Hardy Prothmann

Gestern schrieb eine Leserin per email an die Redaktion. Sie bezog sich auf einen Artikel im Mannheimer Morgen und sah wichtige Fragen nicht beantwortet.

Da ging es ihr wie uns. Die Sitzung des Jugendausschusses war nicht einfach nur eine Sitzung – sie wirft Fragen auf. An den Antworten arbeitet die Redaktion. Dazu gehört auch, sich die Fragen von LeserInnen zu eigen zu machen.

Fragen einer Leserin.

Unsere Leserin, Mutter von drei Kindern, schreibt:

„Können Sie mir erklĂ€ren, warum das Jugendhaus genau in der Zeit (Sommerferien), in der es Jungendliche nach meiner Meinung zum Teil dringender benötigen als sonst, immmer 4 Wochen schließt?“

Die ErklĂ€rung ist einfach: „In den Sommerferien hat das Jugendhaus Just vier Wochen zu. Dann ist auch fĂŒr Sozialarbeiter und Just-Leiter Ulrich Biedermann Urlaubszeit“, schreibt der Mannheimer Morgen.

Was der MM nicht schreibt – wenn Herr Biedermann fehlt, ist auch das „Just“ zu.

„Selbst wenn berufstĂ€tige Eltern keinen gemeinsamen Urlaub machen wĂŒrden, könnten Sie immer noch keine 13 Wochen Schulferien ĂŒberbrĂŒcken.
Ich habe das jetzt schon einige Jahre immer wieder im MM gelesen und nie verstanden, warum dies angeblich niemanden stört. Aber vielleicht ist auch das eine Heddesheimer SpezialitĂ€t – so wie das Ferienprogramm der Vereine, das meistens am Wochenende stattfindet.“

Heile Welt.

Die Antwort darauf ist auch einfach. Störend werden wohl eher kritische Fragen empfunden – das bietet der MM nicht, dafĂŒr aber eine heile Welt:

„Erfreulich hingegen: Auch einige zuletzt als problematisch aufgefallene Jugendliche hĂ€tten wieder den Weg ins Just gefunden, wie Walter Gerwien, CDU-Gemeinderat und Jugendsachbearbeiter im Polizeiposten Heddesheim, beobachtet hat.“

Bei dieser Berichterstattung sind leider zwei Dinge problematisch: Es wird etwas als „erfreulich“ eingestuft und unrecherchiert ĂŒbernommen. HĂ€tte eine Recherche stattgefunden, wĂ€re dies mindestens mit einem Satz erwĂ€hnt worden.

Und dann wird halbrichtig etwas berichtet, dass sich zunĂ€chst positiv ließt: „Zugenommen hat laut Biedermann auch die Zahl der Eltern, die im Just Beratung in Erziehungsfragen suchen“, steht es im MM. Die Information, dass viele dieser Eltern „erscheinen mĂŒssen“, hĂ€tte vielleicht die positive Wirkung der „Information“ geschmĂ€lert.

GĂ€nzlich seltsam ist es, wenn der MM berichtet:
„Bis 2006 wurde er, anstelle der „FSJ-lerin“, von Studentinnen im Praktikum unterstĂŒtzt: alle sechs Monate eine „Neue“. Die Umstellung auf die Freiwilligen im Sozialen Jahr brachte mehr KontinuitĂ€t ins Just, wie Biedermann am Dienstagabend dem Jugendausschuss des Gemeinderats berichtete. „Eine Verbesserung“ folglich, denn gerade den MĂ€dchen soll die Zweite im Team Vertrauensperson sein. 2008 schrumpfte das Just dennoch fĂŒr ein paar Monate zur „One-Man-Show“: Der FSJ-Mitarbeiterin hatte sich vorzeitig eine Job-Möglichkeit geboten.“

Auch diese Wiedergabe ist der Ă€ußeren Form nach korrekt. Nachgedacht ist es nicht: „Eine Verbesserung“ folglich…schrumpfte das Just….zur „One-Man-Show.“

Verbesserung?

Was soll das heißen? Das System, das eine Verbesserung darstellen soll, fĂŒhrt dazu, dass Ulrich Biedermann plötzlich alle Aufgaben alleine bewĂ€ltigen muss? Ist das folglich eine „Verbesserung“?

Damit ĂŒberhaupt etwas funktioniert, braucht das „Just“ UnterstĂŒtzung durch Vereine, ehrenamtliche Helfer und auch die Polizei.

Ulrich Biedermann trĂ€gt vor, was im und ums „Just“ geleistet wird. Das ist sehr viel.

Aber es ist auch deutlich zu wenig. Herr Biedermann benennt die GrĂŒnde – allerdings nur, wenn man aufpasst.

Eine „zweite im Team“ sollte also „Vertrauensperson“ fĂŒr die MĂ€dchen da sein – und wars dann nur kurz, weil sie irgendwo kein Praktikum, sondern einen Job gefunden hat. Ihr Egoismus ist nachvollziehbar.

MĂ€dchen und Jungs – zwei Welten.

Nicht verstĂ€ndlich ist, dass keiner in der Sitzung hören wollte, was gesagt wurde: Die MĂ€dchen nutzen das „Just“ sehr intensiv und bringen sich ein.

Viele der Jungs tun das nicht.

Der MM schreibt:
„Denn diese werden im Just eingebunden. Sie können (und sollen) auch Dinge in eigener Regie auf die Beine stellen: Partys, Konzerte, Sonntagsöffnung. Derzeit, rĂ€umt Biedermann ein, sei dies „aufgrund der Besucherstruktur weniger möglich“. Die Jugendlichen seien „nur noch partiell bereit, sich einzubringen.“

„Nur noch partiell bereit, sich einzubringen“ also. Was heißt das?

Das bedeutet Stress, Kampf, Geduld, Mut, Fantasie, Energie, Kraft.

Und Entmutigung, Motivation, Fremde.

Das erlebt ein Sozialarbeiter wie Ulrich Biedermann stĂ€ndig. Als „One-Man-Show“. Als Mann nur bedingt als „Vertrauensperson“ fĂŒr MĂ€dchen (mit Migrationshintergrund) geeignet zu sein. Da kann er sich noch so anstrengen – als Mann bleibt er Fremder.

In der Sitzung fragt sich der GrĂŒnen-Gemeinderat GĂŒnther Heinisch, ob sich vor der Leistung eines Herrn Biedermanns nicht die Frage stellt, ĂŒber eine Personalaufstockung nachzudenken?

BĂŒrgermeister Michael Kessler hatte sichtbar keine Lust nachzudenken und sagte sehr unwirsch und streng, er könne keine Defizite erkennen. Worauf Heinisch zu recht sagte, dass er ĂŒberhaupt nicht von Defiziten, sondern von Chancen fĂŒr noch mehr gute und wichtige Jugendarbeit gesprochen habe.

Grenze der Belastbarkeit.

Kessler ließ das nicht gelten und gab CDU-Gemeinderat Walter Gerwien das Wort. Der ist Jugendsachbearbeiter im Polizeiposten Heddesheim. Gerwien bedankte sich und sagte: „Ich frage mich, wie der Mann das alles bewĂ€ltigt. Und sehe ihn langsam an der Grenze der Belastbarkeit.“

Damit meinte er nicht Herrn Kessler, sondern Herrn Biedermann.

BĂŒrgermeister Michael Kessler ließ diesen Beitrag unkommentiert und ging zum nĂ€chsten Tagesordnungspunkt ĂŒber.

Im Zuschauerraum saß ĂŒbrigens genau ein (Ă€lterer) BĂŒrger, der sich fĂŒr die vergangene und kĂŒnftige Jugendarbeit interessierte.

Die „kĂŒnftige“ Jugendarbeit war fast kein Thema, die vergangene macht acht Seiten aus – voller AktivitĂ€t, aber auch Problemen:

Der Bericht ĂŒber die AktivitĂ€ten des Jugendhauses ist 8,5 Seiten lang. Der interessanteste Teil steht am Ende unter „Perspektiven und Schwerpunkte“.

Darin heißt es:
„Das Förderungs- und UnterstĂŒtzungsangebot der Jugendlichen in den Bereichen Schule, Arbeit, und Familie verbunden mit der Vermittlung lebenspraktischer Kompetenzen wird mittelfristig an Bedeutung gewinnen, da sich die Situation am Arbeitsmarkt eher noch dahingehend verschĂ€rfen wird, dass es immer weniger niederqualifizierte Stellen geben wird, deren Lohnentwicklung dem Mittellohnsektor hinterherhinken wird.“

Die Folge: Die Eltern haben „mehrere ArbeitsverhĂ€ltnisse“, noch weniger Zeit fĂŒr die Kinder, Erziehungsdefizit – Schulen, KindergĂ€rten, noch Biedermann haben eine Chance, das „aufzufangen“.

Die „One-Man-Show“, Herr Biedermann, schreibt:

„In genau dieser Schnittstelle bewegt sich die Offene Jugendarbeit mit der Ausrichtung zukĂŒnftiger Förderangebote.“