Donnerstag, 09. April 2020

Was darf man glauben?

In Heddesheim hat am 26. August 2009 wieder der „Dialog“kreis getagt, zum dritten Mal. Wieder traten Experten mit ihren Gutachten auf. Es ist ein mĂŒhsamer Prozess. Aber er lohnt sich, weil hinter den versprochenen Fakten andere Informationen öffentlich werden.

Kommentar: Hardy Prothmann

Bei der 2. „Dialog“kreissitzung sagte Herr Nitzinger auf meine Frage, wann denn die Entscheidung fĂŒr Heddesheim gefallen sei: „Anfang Februar.“

Ich habe nachgebohrt, weil nach den von mir recherchierten Informationen bereits im Herbst 2008 ein Gleisanschluss bei der Bahn beantragt wurde. Herr Nitzinger sagte, das sei nur eine Anfrage gewesen. Nun gut, das kann man glauben oder nicht.

Vom Architekten GĂŒnter KrĂŒger wollte ich wissen, wie er denn innerhalb von etwas mehr als zwei Monaten so umfangreiche PlĂ€ne erstellen konnte, wenn die Entscheidung erst Anfang Februar 2009 gefallen sein soll. Der meinte, man habe fĂŒr drei oder vier (komisch, dass er nicht wusste ob drei oder vier) Standorte bereits Vorplanungen im Jahr 2008 gemacht und sich dann sehr angestrengt, die PlĂ€ne schnell zu erstellen. Die Entscheidung sei erst Anfang Februar 2009 gefallen.

Karl-Martin Pfenning wirbt fĂŒr BIMSch – das sind Lager, die unter die Störfall-Verordnung fallen.

Hinweis der Redaktion: Die unterstrichene Information im nachfolgenden Absatz ist nicht korrekt. Lesen Sie die Korrekturmeldung.

Jetzt erhĂ€lt die Redaktion einen Hinweis auf den Fachinformationsdienst CheManager und die Ausgabe 2/2009. Die ist am 29. Januar 2009, also eine Woche vor der Unterzeichnung des stĂ€dtebaulichen Vertrags erschienen. Zuvor musste sie bearbeitet und gedruckt werden. Der Redaktionsschluss war der 05. Januar, der Anzeigenschluss der 19. Januar 2009. Trotzdem befinden sich darin ein „Kommentar“ (der kein Kommentar, sondern nur eine Eigenwerbung ist) des Firmenchefs Karl-Martin Pfenning und eine Anzeige von Pfenning logistics fĂŒr ein Chemielager.

Im Text und in der Anzeige ist nicht von „haushaltsĂŒblichen“ Waschmitteln die Rede, wie Herr Nitzinger immer wieder dieses Chemielager schön redete. Hier wird ganz klar gesagt, dass es sich um ein Lager handelt, dass unter die „Störfall-Verordnung“ fĂ€llt und immense Sicherheitsauflagen erfĂŒllen muss. Karl-Martin Pfenning drĂŒckt die „Störfall-Verordnung“ sachlicher aus: BIMSch-fĂ€hige Lager seien das. Und das lobt er sogar aus, denn die gibt es wegen der SicherheitsansprĂŒche nicht an jeder Ecke.

Erst 1000 – dann 300-500 ArbeitsplĂ€tze. Je nach Bedarf.

„Pfenning“ hat den Standort beworben, weil es dort bis zu 1000 ArbeitsplĂ€tze geben sollte. 500 ArbeitsplĂ€tze wĂŒrde das Unternehmen aus der Region zusammenlegen – weitere wĂŒrden entstehen. Der aktuellste Stand ist, dass 300 ArbeitsplĂ€tze verlagert werden und je 100 Leiharbeiter und Subunternehmer nach Bedarf dazu gebucht werden.

Angeblich wollte „Pfenning“ nur zehn Prozent seines Verkehrs ĂŒber die Ringstraße und den Ort schicken. Plötzlich fĂ€hrt kein Lkw mehr durch den Ort und auch ĂŒber die Ringstraße soll keiner mehr fahren. Nachgefragt, murmelte Herr Nitzinger ein „Ja“ in seinen Bart und auf die Bitte, doch deutlich in einem Satz zu sagen: „Ich verspreche hiermit, dass kein Lkw ĂŒber die Ringstraße und durch den Ort fĂ€hrt“, blafft er nur: „Ich bin doch keine Sprechpuppe.“

Auch den Vorwurf, „Pfenning“ zahle schlechtere GehĂ€lter als andere bei gleichzeitiger Mehrarbeit und verstoße gegen arbeitsrechtliche Vorschriften wies Herr Nitzinger in der 2. „Dialog“sitzung empört zurĂŒck. Man habe alle Prozesse, ĂŒber die damals berichtet wurde (2000-2002, Anm. d. Red.), gewonnen. Ich habe Herrn Nitzinger gebeten, mir doch Kopien der Urteile zu schicken, was er bestĂ€tigt hat. Das war vor vier Wochen – bis heute habe ich keine Post und ich bin fast sicher, ich erhalte keine Post mehr von ihm.

Steuerzahler oder Steuersparer?

Angeblich ist „Pfenning“ ein großer Gewerbesteuerzahler. Trotzdem kauft die Phoenix 2010 GbR das GrundstĂŒck und lĂ€sst es bebauen und „Pfenning“ wird nur Mieter – vielleicht einer von vielen. Doch nur mit „Pfenning“ gibt es einen stĂ€dtebaulichen Vertrag, der laut BĂŒrgermeister Kessler nicht bindend, sondern nur eine „AbsichtserklĂ€rung“ ist. Dass Phoenix 2010 der Bauherr ist, habe „steuerliche GrĂŒnde“. ÃƓbersetzt heißt das, SteuerspargrĂŒnde.

Was soll man also glauben? Was darf man glauben? Unter den gegebenen UmstĂ€nden nichts. Denn alle Informationen, die gegeben wurden, stellten sich als problematisch dar. Entweder kamen sie nur zögerlich nach und nach ans Licht oder mussten gegen den Widerstand von „Pfenning“ und BĂŒrgermeister Kessler durch Recherche ermittelt werden.

Vertrauen ist eine zarte Pflanze.

Wenn man GeschĂ€fte macht, muss man immer auch Vertrauen haben. Anders geht es nicht. Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, ĂŒber das es viele negative Informationen gibt? Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, dass nur wenn es muss, Informationen herausgibt? Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, dass stĂ€ndig die eigenen Aussagen anpasst? Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, dem man nachweisen kann, dass es nicht die Wahrheit sagt?

Pfenning plant ein 40.000 Quadratmeter großes Chemielager in Heddesheim

Guten Tag!

Heddesheim, 27. August 2009. Die KMP-Holding („Pfenning“) plant ein 40.000 Quadratmeter großes Chemielager in Heddesheim – das sind 40 Prozent der geplanten Hallen. Die Lager fallen mindestens teilweise unter die „Störfall“-Verordnung, sind also Lager, die wegen ihrer GefĂ€hrlichkeit besondere Sicherheitsauflagen erfĂŒllen mĂŒssen.

In der Fachzeitschrift „CheManager“ 2/2009 bewirbt Unternehmenschef Karl-Martin Pfenning den Standort Heddesheim: „Wir haben langjĂ€hrige Erfahrungen in der Chemielogistik und im Umgang mit Chemielagern. In Heddesheim werden wir unseren Kunden nicht nur auslaufsichere, sondern auch BIMSch-fĂ€hige LagerflĂ€chen mit Gleisanschluss zur VerfĂŒgung stellen.“

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Zitat: Karl-Martin Pfenning. Quelle: CheManager 2/2009

In der gleichen Ausgabe schaltet „Pfenning“ eine Anzeige und wirbt fĂŒr 40.000 Quadratmeter „ChemieflĂ€chen – zentral in Europa“: „Gerade schwierige Stoffe bewahren wir besonders sicher auf. (…) Und womit fordern Sie uns heraus?“

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40.000 Quadratmeter Chemielager als Herausforderung. Quelle: CheManager 2/2009, Erscheinungsdatum: 09. April 2009

Hinweis der Redaktion: Der unterstrichene Absatz enthÀlt eine nicht korrekte Schlussfolgerung. Lesen Sie dazu bitte unsere Korrekturmeldung.

Brisant: Die Werbeanzeige und der Kommentar erschienen bereits am 29. Januar 2009. Durch den Anzeigen- und Redaktionsschluss muss davon ausgegangen werden, dass mindestens 14 Tage zuvor schon der Auftrag erteilt wurde – vor der Entscheidung des Gemeinderats.

Lesen Sie auch: Zweifel an Aussagen von Pfenning-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Uwe Nitzinger

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das heddesheimblog

Lesen Sie auch: „Pfenning“ vermarktet bereits ungebaute und noch nicht genehmigte Hallen in Heddesheim

„Pfenning ist die Faust aufs Auge“

Leserbrief: F. H., Heddesheim

Eine gemietete FlĂ€che von der GrĂ¶ĂŸe von zwanzig Fußballfeldern will „Pfenning“ – wenn Heddesheim es will.

Der BĂŒrgermeister will das.

Er will diese FlÀche mit einem Betonmonster von Reihenhallenbauten bis zu 18 Metern Höhe zubauen lassen.

Damit wird das Gesicht dieser Frischluft verbĂŒrgenden Landschaft fĂŒr Jahrzehnte, wenn nicht sogar fĂŒr immer verschandelt und zerstört.

LĂ€rm, Krach, Gestank, Lastwagen rein – Lastwagen raus. Tag und Nacht. Und das alles neben dem Freizeit- Sport- und Erholungsgebiet Heddesheims.

„Pfenning ist die Faust aufs Auge.“

Und das ist im Wortsinn die sprichwörtliche „Faust aufs Auge“ Heddesheims.

Gigantisch, hĂ€ĂŸlich, deplaziert.

Geplant sind bei dem Projekt zwei mehrere zehntausend Quadratmeter große Chemielager mit Gefahrengut, die seit Seveso wegen der potentiellen GefĂ€hrdung der Menschen in der Umgebung der staatlicherseits erlassenen Störfallverordnung unterliegen.

Das mit dem verharmlosenden Hinweis auf die Lagerung von ParfĂŒmflĂ€schchen abzutun, erlaubt Zweifel an der UrteilsfĂ€higkeit des ProjektunterstĂŒtzers.

Ein Schwelbrand in einem Kunststofflager mit Granulatware beispielsweise mit hochgiftigen DĂ€mpfen hat wohl eher eine zu fĂŒrchtende Dimension.

Die Kosten fĂŒr die Gemeinde wĂ€ren in einem solchen Fall unabsehbar.

Die Details offenbaren eine gezielte Desinformation.

Die inzwischen bekannt gewordenen Details offenbaren eine die Tatsachen verschleiernde GeheimniskrĂ€merei – eine gezielte Desinformation.

Siehe dazu das „Gutachten“ zum Verkehrsaufkommen. Die hier von Pfenning und „kompetenten“ Fachleuten gemachten Aussagen und Versprechungen sind den Fetzen Papier nicht wert, auf dem sie notiert wurden.

Schon die derzeitige Verkehrssituation im innerörtlichen Bereich ist fĂŒr die BĂŒrger belastend – genug.

Eine Feinstaubmessung wĂŒrde der Verwaltung mit Sicherheit zu schaffen machen.

Radfahren ist in bestimmten StraßenzĂŒgen lebensbedrohlich geworden. Nicht selten flĂŒchtet man vor einem LasterungetĂŒm auf den Gehweg.

Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass sich die „wie man liest“ bunt gemischte Truppe der Pfenning-Fahrer an Zusagen hĂ€lt?

Veralbern der BĂŒrger oder unverhohlene UnverschĂ€mtheit?

Ein besonders kluger ProjektunterstĂŒtzer war sich nicht zu schade, die monströsen Reihenhallenbauten als „LĂ€rmschutzwand“ zu empfehlen. Was soll das bedeuten? Ein Veralbern der Heddesheimer BĂŒrger oder eine unverhohlene UnverschĂ€mtheit?

Das dialektisch außengesteuerte Verwirrspiel mit lĂ€ppisch ermĂŒdenden Dialog- und DiskussionsbeitrĂ€gen ist genauso unverschĂ€mt wie der „Tag der offenen TĂŒr“ mit kostenlosen BratwĂŒrsten.

Dr. Kurt Fleckenstein hatte Recht, als er in seinem Leserbrief schrieb , dass „Pfenning eine Nummer zu groß ist fĂŒr Heddesheim“.

Der Autor F.H. ist der Redaktion bekannt. Aus der persönlichen Sorge um Nachteile fĂŒr den Verfasser hat die Redaktion ein Pseudonym akzeptiert. Der Autor hat sich in der Vergangenheit bereits politisch engagiert und musste massive persönliche Nachteile dadurch in Kauf nehmen. Seine Lebenssituation ist nicht geeignet, weitere „Nachteile in Kauf zu nehmen“. Unbenommen davon hat er das Recht auf seine MeinungsĂ€ußerung.

Anmerkung der Redaktion:
Leserbriefe sind private MeinungsĂ€ußerungen und geben nicht unbedingt die Ansicht der Redaktion wieder.