Dienstag, 12. Dezember 2017

25. Februar bis 03. März 2013

Diese Woche: Tipps und Termine

Rhein-Neckar, Tipps und Termine f√ľr den 25. Februar bis 03. M√§rz 2013. Montags erscheinen unsere Veranstaltungstipps f√ľr die laufende Woche. Die Redaktion nimmt gerne weitere Termine und Anregungen auf. Die Kontaktm√∂glichkeiten finden Sie am Ende der Seite.

Mehr Veranstaltungen vor Ort finden Sie ins unseren Kalendern auf allen Blogseiten im Men√ľ Nachbarschaft im Men√ľ ‚ÄúTermine‚ÄĚ. [Weiterlesen…]

„Und das Licht! So gem√ľtlich!“ – bei freiem Eintritt


Rhein-Neckar, 09. Mai 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber viellicht auch nur wegen der Realit√§t. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich die Sph√§ren. Im Mittelpunkt steht der Mensch und der ist immer √ľberraschend. Vor allem die eigenen Eltern. Und vor allem dann, wenn F√§sbuk auf Schwarzwald und Urlaubstr√§ume trifft.

Von Marietta Herzberger

Es ist unvermeidlich. Drei- bis viermal im Jahr hat irgendeiner im ersten bis zweiten Verwandtschaftsgrad Geburtstag und man findet sich ein. Die Lokalität wechselt dabei ständig. Mal ist es die Wohnung meiner Eltern, mal unsere, mal der Balkon meiner Eltern oder unsere Terrasse.

Gelegentlich darf es auch mal ein Restaurant sein. Das kommt bei meinen Eltern aber nur in Frage, wenn das Restaurant bekannt, der Koch gut und ebenfalls bei meinem Vater bekannt ist. Die Hauptkriterien sind grunds√§tzlich und in jedem Fall der Preis, N√§he der Gastst√§tte sowie Gr√∂√üe und Konsistenz der Schnitzel und des Kochs. Bevorzugt sind Kegelbahnen mit Anschluss an die Gastronomie und Sch√ľtzenvereine.

Wie bei de Gerda.

„Des schmeckt do fascht so gud wie bei de Gerda, sach ich. Un koschte duts beinoh nix. Do geh mer gern hi, gell Gerda!“, pflegt Hannes zu loben, wenn es geschmeckt hat, reichlich und g√ľnstig war.

Das Schicksal legte meinen diesj√§hrigen Geburtstag auf einen Dienstag. Ich mag Dienstage. Nur nicht an meinem Wiegenfeste. Die obligatorische Einfindung meiner Eltern fand auf unserer Terrasse statt. Nachdem ich morgens meine Kollegen bereits mit reichlich Kuchen und Geb√§ck begl√ľcken durfte – selbstgekauft versteht sich, denn von einer perfekten Hausfrau bin ich ungef√§hr so weit weg wie Papua Neuguinea von Toiletten mit flie√üend Wasser – schnitt ich am Nachmittag den in der Vorwoche gekauften und frisch aufgetauten K√§sekuchen an.

Bitte glauben Sie nun nicht, meine Eltern w√§ren mir auch nur im Ansatz zuwider. Nein, im Gegenteil. Ich liebe sie, wie eine Tochter ihre Eltern nur lieben kann. Mit all ihren kleinen Fehlern und liebenswerten Macken, welche im Alter bisweilen zutage treten. Ich trenne sie nur strikt von meinem Freundeskreis, der an meinen Geburtstagen zu einem anderen Zeitpunkt geladen wird. Aus Kostengr√ľnden und um unertr√§gliche Gespr√§chsspitzen zu vermeiden.

Es klingelt. Der Hund √∂ffnet die T√ľr. Das Kind st√ľrzt hinterher. Mein Mann br√ľllt: „Deine Eltern sind da!“

Schnell lege ich noch Servietten neben die Teller und bearbeite den K√§sekuchen leicht mit den F√§usten. Wirkt authentischer. Dann haste ich ebenfalls zur T√ľr. Es ist ein heiteres Willkommen. K√ľsschen links, K√ľsschen rechts. Die stets selbstlose Ella will wissen, ob Opa auch ihr Geschenke mitgebracht hat, w√§hrend der Hund an Oma Gerda hochspringt und versucht sie abzulecken.

„Der Kuche iss awer gud.“

Mein Mann hilft seinem Schwiegervater Hannes aus der Jacke. Bei Gerda hat das der Hund schon erledigt. Ella versucht ihre Oma in ihr Zimmer zu ziehen, um ihr die neue Bettw√§sche zu zeigen. Das Ganze spielt sich auf ungef√§hr 1,5 qm Flur ab. Schlie√ülich hat jeder sein K√ľsschen auf der Wange, die Jacke an der Garderobe, Geburtstagsw√ľnsche an mich √ľbermittelt und mir das j√§hrliche Geldgeschenk nebst S√∂hnlein Brillant √ľberreicht.

Ella ist sauer, weil keiner ihre Bettw√§sche bewundern will. Ich seufze. Auch das geht vor√ľber und wir an den Tisch.

„Der Kuche iss awer gud“, lobt mich Papa, „Hoscht den selwer gebagge?“

Mein Mann springt f√ľr mich in die Bresche: „Schmeckt der wie gekauft, Hannes?“
„Ah n√§√§, isch froog jo nur.“

„Noch Kaffee?“

„Noch Kaffee?“, l√§chele ich meine Mutter an.

„Nee Kind“, winkt sie ab, „du wei√üt doch, so sp√§t am Nachmittag√Ę‚ā¨¬¶dann schlaf ich wieder nicht.“

„Die vertr√§gt des nimmer, die Gerda. So iss des hald, wemmer ald werd“, sinniert Hannes.

Gerda nickt bedeutungsschwer: „Na ja, man muss schon auf die Ern√§hrung achten. Auch wenn man nicht wei√ü, wie lange man noch lebt√Ę‚ā¨¬¶“

Gro√ües Kino: „Wie war denn euer Urlaub?“

Meine Tochter Ella verdreht die Augen und kaut Käsekuchen.

„Wie war denn euer Urlaub?“, wechselt mein Mann galant das Thema.

Ich habe einen guten Ehemann. Er ersp√ľrt negative Schwingungen sofort und steuert dagegen. Anders als ich. Ich steuere immer direkt drauf zu. Wir erg√§nzen uns. Aber ich schweife ab√Ę‚ā¨¬¶

Der Blick, das Licht - 20 Jahre. Urlaub ist was sch√∂nes. Jeder hat eine andere Vorstellung davon. Marietta zahlt f√ľr die Extra-Vorstellung noch nicht mal Eintritt. Bild: wikipedia/Arminia

Leider ist Gegensteuern auch nicht immer die beste Wahl. Unwissentlich gibt er damit den Startschuss f√ľr Hannes gef√ľrchtete Monologe.

„Mama?“, mein cleveres Kind erkennt die Situation pfeilschnell und versuchte, sich zu retten, „Darf ich raus, spielen gehen? Ich bin satt.“

„Klar“, sage ich neidvoll und entlasse sie mit einem huldvollen Wink in die Freiheit.

„Also des h√§dds bei uns frieher net gewwe“, entr√ľstet sich Hannes mit erhobenem Zeigefinger, „Mir h√§wwe am Tisch sitze bleiwe misse, bis√Ę‚ā¨¬¶“

„Wo wart ihr in Urlaub?“ Mein Mann beugt sich nach vorne und schaut meinen Vater interessiert an. Wie macht er das nur? Ich lehne mich zur√ľck, schaue alles andere als interessiert und atme tief.

„Ja, wo war mer in Urlaub?!“, kl√§fft mein Vater ungl√§ubig, „Do wo mer immer sin. Seid zwonzisch Johr jetz schun.“

Bes√§nftigend schiebt sich meine Mutter dazwischen: „Ach Hannes, lass doch“, und zu uns gewandt, „Beim H√§userwirt im Schwarzwald. Ihr wisst doch, der mit nur einer Ferienwohnung.“

Wir nicken eifrig und haben nicht den Hauch einer Ahnung.

Hannes haut begeistert mit der Hand auf den Tisch: „Also des iss √§ suber Wohnung!“ Kurze Pause. „Awwer pass uff! Die derfter net in F√§sbuk oder im Innerned oder so zeige, gell! Sunschd griehe mer die vielleicht nimmer, wenn die donn jeder will!“ Wieder eine kurze, dieses Mal jedoch mahnende Pause. Das Gewicht der Worte soll sich setzen.

„Die hot alles, die Wohnung√Ę‚ā¨¬¶√É‚Äě Kisch mit Gscherrspielmaschien unn e riese Schlofzimmer mit √§m riese Bett. „Jo, allerdings…“, Hannes schaut meinen Mann taxierend an, „fer disch kenns e bissl eng werre, so um do so uff die Seit ons Bett zu kumme mit deiner Gree√ü und deiner Breit√Ę‚ā¨¬¶“.

„Wie? Ich bin doch noch gar nicht breit!?“ Mein Mann ist sichtlich belustigt. Ich bin peinlich ber√ľhrt und r√ľhre meinen Kaffee um. Das mache ich bereits seit Beginn des Gespr√§chs.

„Ja n√§, ich m√§hn doch so vom Zugang zum Bett her und so. Isse bissl eng, aber mir reicht des.“

„Achso√Ę‚ā¨¬¶“, allgemeines Nicken. Nur nicht n√§her drauf eingehen.

Er f√§hrt fort mit seiner Lobeshymne: „Ach, un des Wohnzimmer. So √§ gro√ües Wohnzimmer. Net altmodisch. Eher√Ę‚ā¨¬¶modern. Un √§ Leddersofa, eschd Kunschtledder. So √§ gro√ües Ums-Eck-Sofa. Do hoscht viel Blatz unn√Ę‚ā¨¬¶“

„Ach und das Licht“, mischt sich schw√§rmend meine Mutter ein, „Wenn man da das Licht anmacht, das ist ja so gem√ľtlich, so gem√ľtlich. Da kann man abends sitzen √Ę‚ā¨¬¶ach, so gem√ľtlich.“

Suttereng

Hannes pflichtet ihr begeistert bei: „Die Terrass! Die Terass. So schee. Wonn du do drausse hogscht√Ę‚ā¨¬¶“

„Ja, so gem√ľtlich! Und das Licht!“ Mutters Augen gl√§nzen.

„M√∂chte jemand ein Bier?“, fragt mein Mann. Ich nicke benommen. Eigentlich trinke ich kein Bier. Aber die Kaffetasse ist leer und Bier ist besser als gar kein Alkohol.

„Des iss so schee, wonn du do hoggscht. Okay, die Aussicht iss net so toll, weil do de Parkplatz direkt vor de Terass iss√ā¬ł aber√Ę‚ā¨¬¶“

„√Ę‚ā¨¬¶das Licht. So gem√ľtlich“, erg√§nzt Mama.

Prost, ein Bier aufs Licht!

Hannes nippt am seinem Bier: “ Also√Ę‚ā¨¬¶die Wohnung√Ę‚ā¨¬¶so was Guudes.“

„Und das Licht!“

„In de Kisch steht√ā¬īn riese Tisch. Do konscht dro sitze.“ Hannes wackelt leicht mit dem Kopf: „Un die Leit, die am Fenschder vorbei laafe, die stere net.“
Gerda nickt zustimmend.

„Wisster, die Wohnung liegt im Suttereng, do kenne die Leit net so nei gucke, wonn se vorbei laafe. Auch net ins Schlofzimmer. Awwer mer sinn jo Friehuffsteher!“
Fr√ľhaufsteher? Was? Habe ich etwas verpasst? Kurz eingenickt?

„Wieso Fr√ľhaufsteher?“, frage ich perplex.

Vom Vogel, vom Fr√ľhaufsteher und Brieftr√§ger.

„Ah, weil uns donn de Brieftr√§ger net steert.“

Nun ist auch mein weiser, stets jeder Situation gewachsener Mann irritiert: „Brieftr√§ger?“

„Ei jo, weil doch die Briefk√§schde direkt am Schlofzimmer sin, so vun ausse, verschdehscht?“

Gerda l√§chelt erhaben: „Ja, wenn der Brieftr√§ger morgens um sechs Uhr die Briefe einwirft, dann sind wir ja schon lange wach.“

„De friehe Vogel,√Ę‚ā¨¬¶kennt er doch, des Sprichword, gell?“

M√ľde l√§chle ich meinen Vater an. Was will ich eigentlich? Andere zahlen f√ľr so was Eintritt.

„Und das Licht! So gem√ľtlich!“

„Gerda, mir packens. Danke fer den leckere Kuche und des Bier“, sagt mein Vater und dr√§ngt seine Frau. Ella zeigt ihr noch schnell die Bettw√§sche, mein Mann r√§umt auf.

„Un ja ned ins F√§sbuk stelle, sonschd gibt’s √É‚Äěrscher“, sagt mein Vater noch. „Nein, Papa, bestimmt nicht.“

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!