Samstag, 06. Juni 2020

In eigener Sache: Wartungsarbeiten

Rhein-Neckar, 19. April 2013. (red) Heute streiken die Gewerkschafter von Ver.di und Bahnen und Busse stehen still. Bei uns wird nicht gestreikt, aber es kommt sicher zu Verzögerungen der Berichterstattung. Das hat zwei Gründe: Wir führen Wartungsarbeiten am System durch und bekommen neue Fenster. [Weiterlesen…]

Kampagne: Die Vielfalt der Zeitung

Rhein-Neckar/Koblenz/Bundesgebiet, 13. September 2011. Die Kampagne „Die Vielfalt der Zeitung“ geht auch 2011 weiter – solange, bis ein Verlag sie ab- oder einkauft. Das Netz ist aufgerufen, die Zeitung zu retten. Absurd? Keineswegs. Die Zeitung ist eine Wundert√ľte. Denn auch in T√ľten k√∂nnen Wunder schlummern…

Aktualisiert: Dieser Artikel wurde seit Erscheinen am 03. M√§rz 2011 fortlaufend aktualisiert und wird heute mit aktuellem Datum neu ver√∂ffentlicht. Schlie√ülich geht es um Zeitungen! In den vergangenen Monaten streikten Redakteure √ľberall im Land und erz√§hlten was von Qualit√§tsjournalismus. Doch darum geht es gar nicht. Es geht um Service. Um Nutzwert. Mittlerweile hat unsere Kampagne 47. Argumente f√ľr die Zeitung. Allen, die mitmachen, wird eine Erfolgsbeteiligung garantiert, falls ein Zeitungsverlag die Kampagne endlich kauft. Denn es geht um die Zukunft der Zeitung – nein, sogar mehr. Es geht um die Zukunft der Zivilisation, oder so √§hnlich!

Von Hardy Prothmann

"Ein bisschen Spa√ü muss sein...", Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung ist eigentlich ein ganz seri√∂ser Journalist - hat aber auch ab und an den Schalk im Nacken. Hier pr√§sentiert er in bunten Hosen die Bastelanleitung f√ľr eine Narrenkappe. Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung.

Die Zeitungen habens arg schwer – die Abos und Leserzahlen gehen zur√ľck und noch viel schlimmer: Die Werbeums√§tze. Laut Experte Marian Semm verlieren Zeitungen pro 100.000 Auflage seit 2001 rund vier Prozent Umsatzerl√∂se, was rund einer Million Euro entspricht.

Der MM beispielsweise hat im zweiten Quartal 2010 gut 1.500 Abos verloren und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Da ich mit der Zeitung aufgewachsen bin, best√ľrzt mich diese Situation zutiefst. √É‚Äěhnlich wie bei den Robben-Babys, dem Deutschen Wald und ganz allgemein der Umwelt und unserer Zukunft, muss eine Kampagne her, die dieses langsame Dahinsiechen aufh√§lt und die Zukunft der Zeitung sichert.

Vergessen Sie das Leistungsschutzrecht, verehrte Verlage. Selbst die Wirtschaft h√§lt das f√ľr eine Art von Raubrittertum. √ÉŇďberzeugen Sie mit Leistung, dass ist der beste Schutz und das beste Recht.

Ich habe deshalb im Oktober 2010 eine Kampagne gestartet, mit der die bedrohten Zeitungsverlage die Vielfalt der Zeitung darstellen und bewerben können.

Im vergangenen Jahr kamen sage und schreibe 36 Vorschl√§ge zusammen. Nummer 37 und der erste f√ľr dieses Jahr kommt von der Rhein-Zeitung (Koblenz) – die schl√§gt vor, dass man Narrenkappen aus der Zeitung basteln kann. Sehr kreativ, wie ich finde.

Machen Sie auch mit: Reichen Sie Vorschl√§ge ein. Save the wundert√ľte!

Denn die Zeitung ist eine wahre Wundert√ľte – es steckt viel mehr in ihr, als man zun√§chst vermutet.

Das l√§sst sich in Wort, Bild, Ton und Video in eine wunderbare Imagekampagne umsetzen. Darum d√ľrfen die Verlag ab sofort gerne pitchen – nat√ľrlich k√∂nnten die auch Ideen klauen (was man durchaus gewohnt ist), aber ich setze hoffnungsvoll auf einen Rest von Ehrlichkeit.

Ein Zeitungskollege schreibt als Vorschlag: „Man kann daraus Papierkugeln basteln und Prothmann damit bewerfen. Besser jedenfalls als mit Watteb√§uschchen“. Diesen Vorschlag lasse ich nicht unerw√§hnt, f√ľge ihn aber nicht als ernst gemeint ein.

Ihre Zeitung – Ihre Vielfalt:

  1. Man kann einen Fisch drin einwickeln (jahrhundertealte Tradition).
  2. Man kann M√ľcken damit totschlagen (sowie die Zeit).
  3. Man kann sich draufsetzen (gerade bei vollgekoteten Parkbänken sinnvoll).
  4. Man kann Geschirr darin einschlagen (wer schon mal umgezogen ist, weiß das).
  5. Man kann damit Fenster putzen (auch wenn manche auf HaRa schwören).
  6. Man kann damit Meerschweinchenst√§lle auslegen (auch f√ľr Kaninchen und Goldhamster geeignet).
  7. Man kann damit Räume zum Renovieren auslegen (das weiß doch jeder).
  8. Man kann daraus „Malerh√ľte“ bauen (ist echt einfach).
  9. Man kann darin Blumen einwickeln, vorzugsweise auf dem Wochenmarkt (auf dem Markt Ihrer Wahl).
  10. Man kann damit basteln (Kindergarten und Schule und privat).
  11. Man kann damit Kunst machen (siehe Beuys).
  12. Man kann damit eine Unterlage f√ľr Gipsarme machen (einfach mal ausprobieren).
  13. Man kann sie gegen Fettablagerung auf K√ľchenschr√§nke legen (das wei√ü jede gute Hausfrau).
  14. Man kann daraus Möbel basteln (Kreativkurs).
  15. Man kann daraus zusammengerollt eine Selbstverteidigungswaffe machen (siehe Jackie Chan).
  16. Man kann investigativ durch die Zeitungslochtechnik recherchieren (James Bond).
  17. Man kann andere im Zug davon abhalten, ein Gespräch anzufangen (in allen Bahnen dieser Welt).
  18. Man kann damit wichtig aussehen, vor allem, wen man möglichst viele Bordexemplare auf einmal in allen Sprachen mit zum Platz nimmt.
  19. Man kann damit nasse Schuhe trocknen (Wanderer-Trick 1).
  20. Man kann damit auch im Wald – Sie wissen schon (Wanderer-Trick 2).
  21. Man kann damit den Kamin anz√ľnden. (read it – then burn it- Prinzip)
  22. Man kann sich damit daten (die und die Zeitung unterm Arm).
  23. Man kann sie sammeln.
  24. Man kann Artikel aus ihr Ausschneiden (sehr beliebt bei B√ľrgermeistern und Gemeinder√§ten der Gr√ľnen).
  25. Man kann sich dahinter verstecken (auch den kl√ľgsten Kopf).
  26. Man kann unter Zugabe von Leim jeden Trabbi damit reparieren (fragen Sie Ossis).
  27. Man kann damit seinen Frust abbauen: Stichwort Wutkrumpeln (macht viel mehr Spaß als Wutbälle).
  28. Man kann die Wutkrumpel seinen Katzen zum Spielen geben (die haben auch Spaß damit).
  29. Man kann die Zeitung im Zug vergessen und hoffen, dass sich jemand anderes dr√ľber freut (Danke an Phil, siehe Kommentare).
  30. Man kann sich aus der Zeitung ein Kleid basteln (Danke an Christian Lindner, Chefredakteur Rhein-Zeitung http://ht.ly/31TTj).
  31. Man kann damit seinen Hund erziehen (politisch vielleicht nicht ganz korrekt – danke an Paul J. Hahn).
  32. Man kann damit seinen Briefträger trainieren (erweiterter Vorschlag auf Arg. 31, Danke an Thomas).
  33. Man kann den Hund die Zeitung zerfetzen lassen und damit andere Schäden vermeiden (Danke an Thomas).
  34. Man kann daraus Buchstaben f√ľr Bekenner- und Erpresserschreiben ausschneiden (Danke an Michael Klems).
  35. Man kann sie k√ľndigen und bei Abo-Neuabschluss ne Kaffeemaschine als Pr√§mie bekommen.
  36. Man kann sie wunderbar als Unterlage beim Gem√ľsesch√§len verwenden (Danke an Karen Belghaus).
  37. Man dann sich daraus eine Narrenkappe basteln (besten Dank an Christian Lindner von der Rhein-Zeitung.)
  38. Man kann aus Zeitungen auch Br√ľcken bauen (Japan). (Danke an Christoph von Gallera)
  39. Man kann Zeitungen als T√ľrsturzf√ľllung verwenden (im eigenen Haus gefunden als F√ľllmaterial aus den 50-er Jahren). (Danke an Christoph von Gallera)
  40. Man kann mit einer Zeitung unterm Arm so tun, als wäre man gebildet. (Danke an Michi.)
  41. Man kann mit einer Zeitung politisch korrekt Geschenke einpacken. (Dank an Michi.)
  42. Man kann mit einer Zeitung Boxen ausstopfen. (Danke an Michi.)
  43. Zur Not kann man sie auch als Klopapier verwenden. (Danke an Michi.)
  44. Man kann mit einer Zeitung und Kleister h√ľbsche Lampfenschirme basteln. (Danke an Michi.)
  45. Man kann mit der Zeitung auch „Langeweile“ √ľberwinden und zun√§chst ein Zimmer damit tapezieren und dann erst alle „A“-Buchstaben, dann alle „B“ usw, einkringeln – vielleicht ein neuer Therapie-Ansatz? (Danke an Marietta)
  46. Man kann die Zeitung als Unterlage verwenden, damit man die Tischdecke nicht verkleckert. (Dank an Giesela S.)
  47. Man kann mit einer Zeitung (politisch korrekt) Geschenke einpacken. (Dank an Torsten S.)

Das sind jede Menge gute Gr√ľnde, die zeigen, wie vielf√§ltig Zeitung ist oder sein kann – auch wenn viele sie f√ľr einf√§ltig halten. Ob man sie auch noch lesen kann oder will, ist doch nun wirklich nur ein Grund unter vielen.

Und versuchen Sie mal einen der oben genannten Gr√ľnde mit Ihrem Notebook, Ihrem Handy√ā¬† oder dem IPad… (naja, bis auf Grund 22, 40).

Sie sehen Рdie Qualität der guten alten Tante Zeitung ist einfach atemberaubend vielfältig.

Unglaublich ist auch ihr Beitrag zur V√∂lkerverst√§ndigung – den √ľberall auf der Welt, in allen Sprachen, mit allen politischen Hintergr√ľnden gelten alle Pro-Argumente √ľberall gleich.

Und jetzt kommen Sie und zeigen mir auch nur ein einziges Produkt, ein einziges Kulturgut, das ähnlich vielfältig wie die Zeitung ist.

Sie werden keins finden – die Zeitung ist das Symbol f√ľr Vielfalt, f√ľr jedweden Nutzen. Oder?

Jetzt muss sich nur noch eine Zeitung finden, die mutig, humorvoll und selbstironisch genug ist, all diese positiven Eigenschaften zu bewerben.

Mal schauen, wer sich so alles um diese einzigartige Kampagne bewerben wird.

Sollte es so sein wie seit vielen Jahren, kopiert irgendjemand aus dem Internet die Idee sehr erfolgreich und die Zeitungen haben wieder das frustvolle Nachsehen.

Lehnen Sie sich auf, verehrte Zeitungsverleger. Geben Sie Gas. Seien Sie mutig.

Es lohnt sich.

Wenn Sie jetzt denken, dass Sie daf√ľr nichts zahlen m√ľssen, sind Sie schief gewickelt.

Gute Ideen haben immer ihren Preis – schlechte Zeitungen nicht.

Mariettas Kolumne: Vom „Isch m√§hn doch nur“ und „So isser halt, de Dieter!“


Guten Tag!

Heddesheim, 24. Januar 2011. Marietta ist noch jung und unerfahren, als sie mit ihrem zuk√ľnftigen Mann die erste Wohnung beziehen will. Dort wird sie mit Dieter konfrontiert, ihrem heutigen Schwiegervater, und es wird eine ganz besondere Begegnung. Lesen Sie selbst.

Von Marietta Herzberger

Kennen Sie Heinz Beckers „Ich saans jo nur√Ę‚ā¨¬¶“?
Die entnervten Antworten seines Sohnes Stefan: „Jooo, Vadder!“ und Hildes resigniertes „Ach, Heinz, des kansch doch so net√Ę‚ā¨¬¶“?

Ist Ihnen Knallinger√ā¬īs „Ja, guten Tach, ich h√§b do mol √§ Froog√Ę‚ā¨¬¶.“, nicht ganz unbekannt?
Dann kennen Sie möglicherweise auch Dieter. Wenn nicht, dann stellen Sie sich eine ungewollt komische Mischung der beiden vor und Sie haben ihn vor Augen.

Heiner Knalliger war gestern. Ebenso Gerd Dudenhöfer alias Heinz Becker. Denn es gibt Dieter. Aber das wissen nur wenige Auserwählte. Beispielsweise ich, mein Mann, dessen Familie, sowie wenige eingeweihte Freunde, denen ich gelegentlich mein Leid klage.

Jetzt kommt Dieter – mein Schwiegervater!

Jetzt kommt Dieter: Der Vater meines Mannes, Großvater unserer Tochter. Mein Schwiegervater!

Dieter ist der verbal zerst√∂rende Faktor jeder Familienzusammenkunft und der Alptraum eines jeden Telefongespr√§ches. Dieter ist nicht nur Brillen-, sondern auch Bedenkentr√§ger und sieht √ľberall die Saat des B√∂sen. Dieter ist der evolutionstechnisch gescheiterte Versuch, aus Knallinger und Dudenh√∂fer einen Mordsbr√ľller entstehen zu lassen.

Da bleibt nur noch Sabbatical oder Valium!

Meine Geschichte mit Dieter beginnt vor ungef√§hr f√ľnfzehn Jahren. Mein Freund – heutiger Ehemann – und ich bezogen stolz unsere erste, total verfallene Wohnung. Seine Eltern erkl√§rten sich bereit, uns bei den umfangreichen Renovierungsarbeiten zu helfen.

Damals freute ich mich noch – √ľber die segensreiche Hilfe. Mit dem heutigen Wissen allerdings w√ľrde ich mir ein dreimonatiges Sabbatical nehmen, um die Bude auf Vordermann zu bringen; Alternativ zwei: Valium einwerfen.

Ach, was waren wir stolz auf unser erstes Domizil. Klein, ein wenig Schimmel hier und da. Mit zugigen Holzfenstern und modrigem Keller, aber unser. Wie schön!

Der Profi bei der Arbeit: Der guude Tipp.

Dieter schlich bei der Erstbesichtigung mit Mundschutz und Werkzeugkoffer im Anschlag durch jedes Zimmer, klopfte die Wände ab, rubbelte an den Aufputz-Rohren, wischte, trat, saugte und blies. Sein Weib Traudl folgte ihm wortlos mit bedeutungsschwerer Miene.

Weise und erfahren grummelte er wiederholt unter dem Rand seiner schwarzger√§nderten Brille „Hm, Hm, oh je, ach Gott n√§√§…“, wobei er seine Augenbrauen abwechselnd hoch- und zusammenzog.

Ich warf einen irritierten Blick zu meinem Mann „Was soll das?“ Er antwortete mit m√ľrbem Gesichtsausdruck: „Das macht er immer so.“

Dann kam der Moment, in dem ich zum ersten Mal die Worte vernahm, die mir den Rest meines Schwiegertochterlebens in regelmäßigen Abständen begegnen sollten:
„Horsche mol zu√Ę‚ā¨¬¶.!“ Dann folgt eine bedeutungsschwangere Pause: „Wenn ich eisch mol√ā¬īn guuude Tipp gewwe derf√Ę‚ā¨¬¶“

Dieter stand vor uns, ich hing ahnungslos und wissbegierig an seinen Lippen, w√§hrend er mahnend seinen Zeigefinger vor unsere Nasen hob: „Isch h√§dd des net gemacht, mit dere Wohnung do. Also, des iss jo√ā¬īn hauffe √É‚Äěrwed. Ihr wissd gar net, wasser eisch domit aduht!“

Kopfsch√ľttelnd wandte er sich ab, zog seinen Mundschutz herunter und murmelte scheinbar fassungslos so etwas wie „Was des koscht! N√§√§, n√§√§.“

Restlos verschuldet bis ans Lebensende?

Unverz√ľglich wollte ich ein Stockwerk tiefer zum Vermieter st√ľrzen, um den Mietvertrag r√ľckg√§ngig zu machen. Wie konnten wir nur so blind sein. H√§tten wir doch vorher√Ę‚ā¨¬¶ Wenn wir eher den Dieter gefragt h√§tten. Wenn, wenn, wenn√Ę‚ā¨¬¶

Was sollten wir jetzt tun? Verschulden w√ľrden wir uns! Restlos! Bis an unser Lebensende w√ľrde die por√∂se Badewanne des Nachts unsere Tr√§ume heimsuchen und vorwurfsvoll die Ein-Hebel-Mischgarnitur schwenken. T√§glich w√ľrden wir uns bei kargem Fr√ľhst√ľck, Wasser und Brot, gegenseitig anklagen: „Ach, h√§tten wir doch Dieter gefragt!“

Bl√∂dsinn. Ich war nicht bereit, mir „unser“ kaputter machen zu lassen, als es war. Gerade wollte ich zum Sprung ansetzen, da riss mich die beschwichtigende, jedoch leicht genervte Stimme meines Mannes j√§h zur√ľck: „Mensch, Vadder!“

„So schlimm isses doch net.“

Dann vernahm ich die eher zur√ľckhaltende Wortmeldung meiner zuk√ľnftigen Schwiegermutter: „Ach Dieter, komm. So schlimm isses doch net.“

Wie? So schlimm ist es gar nicht? Mein gequ√§lter Blick prallte an der m√§nnlichen Pr√§senz meines Schwiegervaters ab, der unerwartet ausdruckslos den Mundschutz wieder hochzog, den Werkzeugkoffer absetzte, ihn √∂ffnete und dabei nuschelte: „Isch m√§hn jo nur√Ę‚ā¨¬¶“

Gehetzt sah ich zu meinem Mann hin√ľber, der erst die Augen verdrehte und mir dann zuzwinkerte. „Alles halb so schlimm, lass dich nicht verunsichern“, sagte mir seine Geste. „Okay√Ę‚ā¨¬¶ Verstanden“, sagte ich.

Traudl begann, Fenster zu putzen. Es kam mir zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn, sie zu fragen, warum sie das tat, wenn doch erst die Tapeten herunter mussten. Ich war jung und unwissend. Wahrscheinlich m√ľssen M√ľtter das tun, sagte ich mir. Erst einmal Fenster putzen. Dann sieht man „weiter“. Irgendwie.

Dieter war unterdessen dabei, irgendwo ein Loch hineinzubohren. Wahrscheinlich wollte er testen, ob das Fundament das aushalten oder gleich alles einst√ľrzen w√ľrde. Mein Mann pulte Tapeten ab. Ich beschloss, die Situation nun auch f√ľr mich zu entsch√§rfen und tat es ihm gleich.

„Sind wir hier in den 50er Jahren?!“

Dann kam Dieter auf mich zu, dr√ľckte mir Schippe und Besen in die H√§nde und fuchtelte wild mit dem Zeigefinger in Richtung frisch gebohrtes Loch: „Do, mache mol Fraue√§rwed. Mach des mol weg do.“

Und schon bohrte er an anderer Stelle männlich qualifiziert weiter.

Da stand ich nun mit Schippe und Besen – ich Frau – und fing an zu hyperventilieren. Mein Mann lie√ü alle Tapetenreste aus seinen H√§nden fallen und hechtete auf mich zu. Er kannte mich schon verdammt gut. Traudl erstarrte mitten in ihrer schwungvollen Fensterpolieraktion und schaute blutleer zu mir her√ľber.

Doch es war zu spät. Der Schaum stand mir bereits in den Mundwinkeln, meine Hände zuckten unkontrolliert und die Schippe hielt sich verzweifelt an meinem Finger fest.
„Sind wir hier in den 50er Jahren?!“, bl√§ffte ich barsch: „Mach doch deinen Dreck selber weg!“

„So isser halt, de Dieter!“

„Ganz ruhig…,“ tr√∂stend und gleichzeitig nerv√∂s nahm mein Mann mich in den Arm, w√§hrend er mir vorsichtig den Besen aus den verkrampften Fingern l√∂ste.

Traudl stellte sich sch√ľtzend vor ihren Ern√§hrer, Vater ihres einzigen Sohnes, und versuchte, die Situation zu retten. Verlegenen Blickes und sichtlich peinlich ber√ľhrt sagte sie diesen Satz, den ich in Zukunft noch √∂fter h√∂ren durfte: „Ach, der Dieter meint das doch nicht so.“

Der bohrt weiter L√∂cher in die Wand und murmelt: „Isch m√§hn doch nur√Ę‚ā¨¬¶.“

Entschuldigendes Schulterzucken in unsere Richtung von Traudl: „So isser halt, de Dieter!“

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir begr√ľ√üen sie herzlich und freuen uns auf die Zusammenarbeit. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!