Samstag, 21. Juli 2018

Eltern w├╝nschen sich inklusiven Unterricht, der bisher als Schulversuch l├Ąuft

Nele ist ein Kind wie alle anderen – nur geh├Ârlos

Nele und Linn Sch├╝├čler besuchen die selbe Grundschule in Heddesheim. Ohne ihre Implantate w├Ąre Nele taub.

Nele und Linn Sch├╝├čler besuchen dieselbe Grundschule in Heddesheim. Ohne ihre Implantate w├Ąre Nele (links) aber taub.

Heddesheim/Weinheim/Rhein-Neckar, 16. Oktober 2013. (red/ld) Ihre Taubheit sieht man Ihr nicht an: Sie mag Musik, egal ob laut oder leise. Sie liebt Hip-Hop und Tanzen, Voltigieren und Karate. Nele ist von Geburt an geh├Ârlos. Trotzdem geht die Siebenj├Ąhrige auf dieselbe Schule wie ihre Schwester. Seit drei Jahren haben Eltern beeintr├Ąchtigter Kinder das Recht, ihre Kinder auf eine Regel- und nicht auf die Sonderschule zu schicken. Und das wird sehr gut angenommen – trotz vieler H├╝rden. [Weiterlesen…]

„Schicker“ Auftritt: Wenn eine Kultusministerin das reale Leben trifft, wird viel gel├Ąchelt

Guten Tag

Heddesheim/Hirschberg, 22. September 2010. (red) Der 20. September 2010 ist f├╝r Hirschberg ein besonderer Tag. Die neue baden-w├╝rttembergische Kultusministerin Marion Schick tr├Ągt sich ins goldene Buch der Gemeinde ein und redet ├╝ber „Inklusion“ – so nennt man die Teilnahme von behinderten Sch├╝lerinnen in „normale“ Klassen. Frau Schick gibt sich offen, l├Ąchelt viel, redet viel und ist bester Laune. Viele der G├Ąste habe hingegen Sorgen.

Von Hardy Prothmann

Ich bin nun schon zwanzig Jahre „im Gesch├Ąft“. Als Journalist habe ich viel gesehen, erlebt, erfahren. Aber ich lerne immer wieder neu dazu.

So geschehen am Montag, den 20. September 2010. Frau Kultusministerin Prof. Dr. Marion Schick besucht die Martinsschule in Ladenburg und „stellt“ sich dann der „Diskussion“ zum Thema „Inklusion“ in der Martin-St├Âhr-Grund-und Hauptschule Hirschberg, die sich aber ausweislich eines an eine Leinwand gebeamten Textes „Grund- und Werkrealschule Hirschberg/Heddesheim“ nennt. Der Name ist weder offiziell noch richtig.

Schick. Adrett. Beredt.

Frau Schick ist eine adrette Person. Anfang 50, schlank, Anzugtr├Ągerin, Kurzhaarfrisur. Sie hat ein fr├Âhliches Naturell und lacht gerne. Dabei kann sie auch reden wie ein Wasserfall. Die bayerische Herkunft kann sie nicht verleugnen, sie jauchzt und juxt. Und sie redet und redet. ├â┼ôber „Inklusion“, also das gemeinsame Unterrichten behinderter und „normaler“ Kinder. ├â┼ôber Kosten, Gelder, Pl├Ąne und vor allem Erfolge und dann sagt sie fr├Âhlich: „Ich habe Sie jetzt wahrscheinlich provoziert und freue mich auf Ihre Fragen.“

marion-schick015

L├Ącheln, lachen, jauchzen. Staatssekret├Ąr Wacker und seine Chefin Schick.

Zuvor hat allerdings der Hirschberger B├╝rgermeister Manuel Just provoziert. Der Hirschberger B├╝rgermeister bezeichnete den integrativen Unterricht von behinderten Kindern in „normalen“ Schulen als „eines der wichtigsten Themen ├╝berhaupt“ und zeigte sich in seiner engagierten Rede in einer ganz ungewohnt sozialpolitischen Position, die er einf├╝hlend und glaubhaft vertrat: „Wir stehen alle am Anfang eines Prozesses der Akzeptanz, der einen moralischen Diskurs ersetzt.“

Er verweist auf wissenschaftlicher Erkenntnisse, die die Sorgen der Eltern „normaler Sch├╝ler“ beruhigen kann – „st├Ąrkere Sch├╝ler“ werden durch „schw├Ąchere“ nicht „behindert“.

Wer soll das bezahlen?

B├╝rgermeister Manuel Just w├Ąre nicht er selbst, wenn er nicht ├╝ber Zahlen reden w├╝rde: „Doch wer soll das, was von uns Kommunen abverlangt wird, bezahlen?“ Er redet ├╝ber die Belastungen der Kommunen. Dann ist die Frau Ministerin an der Reihe.

Die redet engagiert und lacht und zeigt Z├Ąhne und sagt: „Gerade ist es es mir kalt den R├╝cken hinunter gelaufen“, und meint damit das, was der fr├╝here K├Ąmmerer Manuel Just gefragt hat: „Wer soll das bezahlen?“ Sie redet ├╝ber den „Beginn eines tiefgreifenden Prozesses“: „Wir kommen aus den 60-er Jahren als die Schulpflicht f├╝r behinderte Kinder ├╝berhaupt erst eingef├╝hrt wurde.“ ├â┼ôber ein neues Lehramt f├╝r Sonderp├Ądagogik. Sonderp├Ądagogische Kompetenzzentren. Und die Sorgen und ├âÔÇ×ngste der Eltern, deren Kinder auf „Regelschulen“ gehen, in denen „Sondersch├╝ler“ mitlernen sollen: „Es geht darum, sich auf den Weg zu machen“, sagt die fr├Âhliche Ministerin und verweist auf geltendes Recht: „Wir m├╝ssen die UN-Konvention umsetzen.“

Dann fordert sie die rund 70 G├Ąste auf, „alles zu fragen, was sie wollen.“

In der „Martin-St├Âhr-Schule“, die laut Beamer „Grund- und Werkrealschule Hirschberg/Heddesheim“ hei├čt, hat anscheinend niemand Fragen an die fr├Âhliche Frau Ministerin.

Niemand will sich melden, bis der Ladenburger B├╝rgermeister Rainer Ziegler den „Eisbrecher“ macht, die peinliche Situation l├Âst und um das Mikrofon bittet. Er spricht die gew├╝nschte Barrierefreiheit in den Schulen an, fragt nach finanzieller Unterst├╝tzung vom Land und auch der „Inklusion“ in die Realschulen.

Schicke Selbstinszenierung.

Die Frau Ministerin redet wieder lange und fr├Âhlich und ernst: „Wir beziehen Pr├╝gel von der Deutschen Gesellschaft f├╝r Menschenrechte….“ und endet: „Es kann nicht sein, dass wir eine positive Diskriminierung schaffen.“

Damit meint sie, dass es nicht angehen k├Ânne, dass man zum Nachteil der „normalen“ Sch├╝ler die „Sondersch├╝ler“ bevorteile: „Daf├╝r halten Herr Wacker und ich unsere R├╝cken hin.“ Und dann jauchzt und l├Ąchelt die Frau Ministerin.

Scheinbar steht sie auf Schmerzen – von denen berichten dann viele. Denn das „Eis“ ist nun gebrochen. Die Offenheit, die sich die Ministerin durch ihre „Provokationen“ gew├╝nscht hat, ermuntert die G├Ąste, nach dem Mikrofon zu verlangen.

Mehrere Lehrerinnen, Schulrektorinnen und B├╝rgermeister beschreiben ihre Lage, allesamt respektvoll vor dem Status der Ministerin. Allesamt offen und glaubw├╝rdig. Allesamt progressiv und offen f├╝r die „Inklusion“, diesem schrecklichen Wort f├╝r die normalste Sache der Welt, „Sondersch├╝lern“ eine gro├če Chance zu geben.

Sorgen und ├âÔÇ×ngste werden weggel├Ąchelt.

Und es werden auch „Sorgen und ├âÔÇ×ngste“ ge├Ąu├čert, ob es „Quoten“ geben werde, also „Prozents├Ątze“, wie viele „Sondersch├╝ler“ in den „normalen Klassen“ unterrichtet werden k├Ânnten.

Die Ministerin lacht, zeigt Z├Ąhne, jauchzt, verweist auf die Kosten, dass alles „individuell“ entschieden werden m├╝sse, f├╝r manche auch die „Sonderschule“ die beste L├Âsung sei und auf Investitionen, die „aber erst ab 2012 get├Ątigt“ werden k├Ânnten.

B├╝rgermeister Manuel Just sitzt bei dieser „Diskussion“ zwar auch auf dem Podium, sagt aber kein Wort mehr. Der B├╝rgermeister Ziegler und sein Kollege aus Schriesheim, Hansj├Ârg H├Âfer, haben sich einmal zu Wort gemeldet, schweigen dann aber.

Kurz vor Schluss, meldet sich der Rektor der Martinsschule in Ladenburg, Kurt Gredel und bittet die Ministerin: „Sie haben immer wieder von Regelschulen gesprochen, in denen behinderte Kinder unterrichtet werden. Ich m├Âchte Sie darauf aufmerksam machen, dass auch die Martinsschule eine Regelschule ist.“

Die Ministerin lacht und jauchzt: „Das habe ich mir notiert. Das wird mir nicht mehr passieren. Nat├╝rlich ist auch ihre Schule eine Regelschule“, sagt sie und gibt sich offen und transparent und fr├Âhlich und lernbegierig. Sie l├Ąchelt die Peinlichkeit ihres eigenen Auftritts einfach weg. Hatte sie nicht gerade die Regelschule f├╝r Behinderte aus den 60-er Jahren als gro├če Entwicklung benannt, unterschied sie 50 Jahre sp├Ąter ganz aktuell und life zwischen „Regelschule“ und „Sonderschule“. Herr Gretel l├Ąchelt auch, setzt sich und denkt sich wahrscheinlich seinen Teil.

Die gute Laune ist das Signal.

Staatssekret├Ąr Georg Wacker (CDU) l├Ąchelt mit seiner „Chefin“ Schick um die Wette und versucht gute Laune zu signalisieren. Dabei redet er mehrmals was vom „sch├Ânsten Landkreis in Baden-W├╝rttemberg“ und zeigt sich vor allem unterw├╝rfig gegen├╝ber seiner Chefin: „Ich w├╝rde mir niemals anma├čen….“ Das soll irgendwie „Gentlemen-like“ wirken.

Nach gut 70 Minuten ist die Vorf├╝hrung zu Ende.

Es wurde vor allem viel geredet und noch mehr gel├Ąchelt und gute Laune gezeigt. Von Frau Schick und Herrn Wacker.

Der Rektor, der wie auch immer hei├čenden Schule, Jens Drescher, war aufgeregt, sicher auch stolz, aber auch ehrlich: Er will, wie die vielen seiner Rektoren- und Lehrerkollegen ganz klar mitmachen bei der „Inklusion“.

Er fragt aber auch, wie das gehen soll, also nach Geld und Personal.

Schema F.

Die Ministerin jauchzt und l├Ąchelt und ist guter Laune w├Ąhrend ihres Auftritts, der wahrscheinlich weniger der L├Âsung finanzieller und personeller Fragen galt, sondern vielmehr der Auftakt des Wahlkampfes ist: „Wir machen in der Schulpolitik nichts nach Schema F“, sagt sie k├Ąmpferisch.

Nur schade, dass Herr Staatssekret├Ąr Wacker mich nicht drangenommen hat, obwohl ich mich ausgiebig und deutlich als Fragesteller gemeldet habe.

Ich wollte die Ministerin fragen, wie denn die schwierigen Fragen zur „Inklusion“ gel├Âst werden k├Ânnen, wenn sie selbst gerade in einer Schule referiert, die eine „individuelle L├Âsung“ in Sachen „Werkrealschule“ zum „Wohle der Kinder“ gemeinsam mit Heddesheim vorgelegt hat. Diese L├Âsung wurde nach „Schema F“ abgelehnt.

Die Schule hat bis heute, ein halbes Jahr nach der Verwaltungsentscheidung keinen offiziellen Namen. Der neue Leiter, Rektor Jens Drescher, ist bislang nur „kommissarischer Leiter“. Als solcher verdient er weniger Geld als ihm f├╝r seine Arbeit zusteht.

Frau Schick sagte zuvor, l├Ąchelnd und jauchzend und auch ein wenig ernst, dass „man auch von den Lehrern erwarten muss, sich an neue Arbeitsbedingungen anzupassen“ und lobte das Schulamt f├╝r dessen „Leistungen“, in diesem Jahr 2.500 „neue Lehrer“ eingestellt zu haben.

Dar├╝ber, dass viele Lehrer nur Zeitvertr├Ąge erhalten und zum Ende des Schuljahres arbeitslos werden, um dann nach 6-w├Âchiger Arbeitslosen-Phase wieder eingestellt zu werden, sagt sie nichts.

Komplexes Thema – Hilfe gew├╝nscht.

Das Thema ist fraglos komplex. Ich kann als Journalist zu diesem Zeitpunkt nur berichten, was ich gesehen und erlebt habe.

Das Thema „Inklusion“ ist wichtig und wird durch unsere Redaktion weiter bearbeitet werden.

Im Mannheimer Morgen, der Rhein-Neckarzeitung und den Weinheimer Nachrichten wurde kaum kritisch ├╝ber das wichtige Thema „Inklusion“ und dessen gesellschaftliche und finanzielle Umsetzung berichtet. Hier durften die Ministerin und ihre Staatssekret├Ąr gute Laune verbreiten.

Wenn Ihnen diese vergangen ist, wenn Sie mehr zu erz├Ąhlen haben, als die verk├╝rzten Zeitungsberichte „verk├╝ndet“ haben, dann nehmen Sie Kontakt zu uns auf.

Wir w├╝nschen uns Ihre Unterst├╝tzung. Als Eltern, als Lehrer, als Rektoren. Kommen Sie auf uns zu, berichten Sie uns von dem, was ist, was Sie sich w├╝nschen und von Ihren Sorgen und N├Âten. Wir garantieren Ihnen Vertraulichkeit – aber gleichzeitig ├ľffentlichkeit f├╝r das, was wir durch Sie als Informanten erfahren.

Das „Thema“ ist zu wichtig, um nur f├╝r ein paar Monate Wahlkampf missbraucht zu werden.

Kontakt:
Telefon: 06203/ 49 23 16
email: redaktion (at) heddesheimblog.de


Bericht im Mannheimer Morgen

Bericht in der Rhein-Neckar-Zeitung
Bericht in den Weinheimer Nachrichten

[nggallery id=137]