Mittwoch, 21. August 2019

Auch bei uns verschreiben katholische KrankenhÀuser keine Pille danach

Beratung ja – Pille nein

Beratung ja – Pille nein. Frauen, die die Pille danach brauchen – auch welchen GrĂŒnden auch immer – bekommen in katholischen KrankenhĂ€usern wie dem Theresienkrankenhaus in Mannheim kein Rezept.

Rhein-Neckar, 05. Februar 2013. (red/ld) Es muss keine Vergewaltigung sein. Das sind die seltensten FĂ€lle, in denen Frauen sich die „Pille danach“ verschreiben lassen. Eine wilde Nacht, ein gerissenes Kondom oder die Pille vergessen sind die hĂ€ufigsten GrĂŒnde fĂŒr Frauen, die gynĂ€kologische Notfallberatung der KrankenhĂ€user und FrauenĂ€rzte in Anspruch zu nehmen. Eile ist in jedem Fall geboten und auch in der Metropolregion verschreiben katholische KrankenhĂ€user die „Pille danach“ nicht.

Von Lydia Dartsch

Die „Pille danach“ ist keine Abtreibungspille,

sagt Dr. Kay Goerke, Chefarzt der GynĂ€kologie der GRN-Klinik Schwetzingen. Sie verhindere, dass sich eine befruchtete Eizelle in der GebĂ€rmutter einnisten kann. Von einer Abtreibung sprechen Mediziner erst, wenn sich die Eizelle eingenistet hat, wenn bereits Leben entstanden ist. Genau das wird durch die Pille verhindert: Die GebĂ€rmutterschleimhaut wird abgestoßen, wie zur normalen Monatsblutung. Es kommt zu Zwischenblutungen und die befruchtete Eizelle wird mit der Schleimhaut ausgeschwemmt. Aus medizinischer Sicht kommt es zu keiner Schwangerschaft.

Nur 72 Stunden Zeit

Nach dem Sex rennt die Zeit: Ist das Kondom geplatzt und die „Pille davor“ vergessen, hat die Frau knapp 72 Stunden Zeit, die „Pille danach“ einzunehmen, also drei Tage danach. Um die Pille danach verschrieben zu bekommen, braucht es aufklĂ€rendes GesprĂ€ch mit einem Arzt, die sogenannte „Notfallberatung“. Darin wird die Patientin befragt – zu ihrer Vorgeschichte, ihrer Periode und ihrem Sexualverhalten. Anschließend fĂŒhrt der Arzt eine gynĂ€kologische Untersuchung durch und macht einen Ultraschall.

Damit soll ausgeschlossen werden, dass die Patientin bereits schwanger ist.

sagt Dr. Goerke. Denn liegt bereits eine Schwangerschaft vor, darf die Pille danach nicht verschrieben werden. Die Gefahr, das ungeborene Kind zu schĂ€digen, ist sonst zu groß. Außerdem darf die Pille nicht verschrieben werden, wenn die Pille im aktuellen Zyklus bereits einmal verschrieben worden ist. Dann ist die Wahrscheinlichkeit zu gering, dass sie wirkt. Außerdem sind die Risiken fĂŒr den Körper zu hoch.

Die Patientin bezahlt die Pille selbst

Die Pille wird nur an einem speziellen Punkt im Zyklus verschrieben: Etwa drei Tage vor bis fĂŒnf Tage nach dem Eisprung. Dieser findet bei den meisten Frauen zwei Wochen nach ihrer Periode statt.

Wo kein Ei ist, kann keins befruchtet werden.

sagt Dr. Goerke. Nach der Notfallberatung und der AufklĂ€rung ĂŒber die Pille danach sowie zu sexuell ĂŒbertragbaren Krankheiten, erhĂ€lt die Patientin auf ihren Wunsch ein Rezept fĂŒr die Pille danach, das sie bei der Apotheke einlösen kann. Das Medikament kostet zwischen 20 und 35 Euro und wird in der Regel nicht von der Krankenkasse ĂŒbernommen. Ob die Pille gewirkt hat oder nicht, verrĂ€t ein Schwangerschaftstest, den die Frauen zwei Wochen spĂ€ter durchfĂŒhren sollten. MinderjĂ€hrige benötigen fĂŒr die Verschreibung der Pille danach in der Regel die Zustimmung ihrer Eltern.

Nach drei Tagen hilft keine Pille mehr. Das Risiko, dass sich die befruchtete Eizelle eingenistet hat, ist dann zu groß. Es gilt, sich zu entscheiden: Kind ja oder nein? Steht eine Schwangerschaft und der Nachwuchs im Konflikt mit der aktuellen Lebenssituation oder Lebensplanung, helfen Beratungsstellen wie ProFamilia, oder die Caritas und die Diakonie weiter.

Kein Rezept von katholischen Kliniken

Notfallberatungen können alle Ärzte durchfĂŒhren. In der Regel sind es niedergelassene FrauenĂ€rzte sowie Kliniken mit einer gynĂ€kologischen Ambulanz. Rund 100 Patientinnen im Jahr nehmen die Notfallberatung beispielsweise in der GRN-Klinik Schwetzingen in Anspruch. Auch katholische KrankenhĂ€user fĂŒhren sie durch, inklusive dem Hinweis auf die Pille danach. Möchte die Patientin ein Rezept dafĂŒr, wird dies nicht nur in Köln, sondern auch hier von katholischen KrankenhĂ€user abgelehnt. Die Frau werden fortgeschickt:

Das St. Josefskrankenhaus weist keine hilfesuchenden Menschen zurĂŒck, gleich ihrer medizinischen Indikation. Die Ärzte behandeln und beraten jeden Patienten nach bestem Wissen und Gewissen. Falls sich eine Frau dazu entscheidet, sich die Pille danach verschreiben zu lassen, so wird diese an einen niedergelassenen Arzt ĂŒberwiesen.

sagt Christian Klehr, Pressesprecher des katholischen St. Josephkrankenhaus Heidelberg und Theresienkrankenhaus Mannheim. Doch was, wenn Wochenende ist und die Frau schon Zeit hat verstreichen lassen mit der Frage, ob sie oder ob sie nicht diese Pille möchte? Was „nach bestem Wissen und Gewissen“ klingt, kann fĂŒr die Frau fatal sein. Die Zeit lĂ€uft. Und die Frage, ob eine „Beratung“ objektiv lĂ€uft, darf man getrost dahingestellt sein lassen. Die Haltung der katholische Kirche ist unmissverstĂ€ndlich.

Aus katholischer Sicht ist das Abtreibung

Nach der katholischen Auffassung beginnt die Schwangerschaft bereits mit der Befruchtung einer Eizelle. Also noch bevor Ärzte von einer Schwangerschaft sprechen. Wird nach der Befruchtung also eine Notfallkontrazeption, wie die Pille danach auch genannt wird, verabreicht und die Eizelle wird ausgeschwemmt, kommt das nach katholischen Gesichtspunkten einer Abtreibung gleich. Leben wird zerstört.

Diese unterschiedlichen Ansichten fĂŒhren zu Konflikten, vor allem, weil es Aufgabe der Ärzte ist, Leben zu erhalten: In der GynĂ€kologischen Notfallberatung können sich Frauen nach einer Untersuchung durch den Frauenarzt die Pille danach verschreiben lassen.

Wenig Erfahrung mit Vergewaltigungsopfern

Opfer von Vergewaltigungen werden gleichfalls von katholischen KrankenhÀusern behandelt, wie von allen anderen. Bei dieser Behandlung steht vor allem die Anonyme Spurensicherung (ASS) im Mittelpunkt. Allerdings haben nur wenige GynÀkologen Erfahrung mit der Behandlung von Vergewaltigungsopfern. Meist erstatten die Opfer zuerst Anzeige bei der Polizei, die dann mit ihnen einen Spezialisten aufsuchen, der die Untersuchung, die Spurensicherung sowie die Notfallberatung vornimmt.

Die Beamten wissen eigentlich, wohin sie sich mit den Opfern wenden mĂŒssen.

sagt Dr. Goerke von der GRN-Klinik Schwetzingen. Die Polizei in Mannheim wendet sich in solchen FÀllen an die UniversitÀtzsmedizin Mannheim (UMM):

Je nachdem, wie lange die Tat her ist, nimmt die gynÀkologische Ambulanz die Àrztliche Versorgung und gynÀkologische Untersuchung vor. In besonderen FÀllen rufen wir auch die Rechtsmedizin dazu, wenn beispielsweise besondere Verletzungsmuster vorliegen.

sagt Erster Kriminalhauptkommissar Otto Steinbrenner, Leiter Dezernat fĂŒr Sexualdelikte, in Mannheim. In der UMM erhalten die Opfer auf Wunsch auch die Pille danach.

In manchen FĂ€llen kommen die Frauen zuerst ins Krankenhaus. In Schwetzingen kommt das im Schnitt drei Mal im Jahr vor, sagt Dr. Goerke. Dann nimmt der diensthabende GynĂ€kologe die Untersuchung und Spurensicherung vor. Anschließend werden die sichergestellten Spuren und Proben drei Monate lang aufbewahrt fĂŒr den Fall, dass sich das Opfer erst nachtrĂ€glich zu einer Strafanzeige entschließt.

Den Kommentar unserer Autorin Lydia Dartsch (29) zum Verhalten der katholischen Kirche lesen Sie hier.

Serie: SexualitÀt beginnt im Kindesalter

Guten Tag!

Heddesheim, 18. MĂ€rz 2010. „Doktorspiele“ sind wichtige Erfahrungen fĂŒr kleine Kinder, sagt unsere Autorin und Expertin Antonia Scheib-Berten. Die kindlichen Erfahrungen helfen den Kindern, sich und ihre „Umwelt“ zu entdecken und somit eine „natĂŒrliche“ SexualitĂ€t zu entwickeln. Strafen verhindern das, „Kontrolle“ muss aber trotzdem sein.

Von Antonia Scheib-Berten

Nadine und Torben sind schon lÀngere Zeit im Kinderzimmer. Es ist erstaunlich ruhig, kein Lachen, Toben oder Gezanke. Nach einiger Zeit will die Mutter nachschauen und findet die beiden gemeinsam im Bett liegen und kuscheln.

Die Kinder haben sich ausgezogen und die Mutter kann ein aufgebrachtes: „Was macht ihr denn da?“ nicht vermeiden. Sie schimpft laut und die Kinder sind verunsichert und weinen. Nadine und Torben sind fĂŒnf Jahre alt.*

Doktorspiele

Kinder gehen in der Regel in unbedarfter Art und Weise mit Körperlichkeit, NÀhe und SexualitÀt um.

Unter ñ€ơDoktorspielen’ verstehen wir in unserer Gesellschaft das kindliche Erforschen der SexualitĂ€t. Meist sind es eher die erwachsenen, gesellschaftlichen Phantasien, die kindliche Neugierde in strafbare sexuelle Handlungen ummĂŒnzen.

Eltern werden natĂŒrlich auch mit ihrer eigenen SexualitĂ€t konfrontiert sehen, wenn sie mit kindlicher, sexueller Neugierde in BerĂŒhrung kommen. Sie stellen sich Fragen wie folgende: Ist mit meinem Kind etwas nicht in Ordnung, wenn ich es bei Doktorspielen erwische? Ist es normal, wenn ein fĂŒnfjĂ€hriger Junge an seinem Penis spielt? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich es beobachte? Was passiert, wenn man ein Verbot ausspreche? Was ist, wenn ich Dinge erlaube, die andere Eltern verbieten?

Warum machen Kinder Doktorspiele?

Kinder sind von Anfang an sexuelle Wesen. Schon beim Stillen genießen Babies die Mutterbrust und das Saugen. Zwischen dem 6. und 8. Monat fangen viele Babys an, mit ihren Geschlechtsteilen zu spielen und sind in der Lage, dabei Lust und Spaß zu empfinden.

Die an und fĂŒr sich unnatĂŒrliche, in unserer Gesellschaft jedoch ĂŒbliche Hygienemaßnahme der Plastikwindel verhindert dies, aber im Sommer, wenn die Kinder frei in der Luft liegen können, oder auch beim Wickeln werden sie beobachten können, dass Kinder ganz natĂŒrlich auch an ihre Geschlechtsteile fassen.

Das Kind empfindet seinen gesamten Körper als Einheit – alles ist gut! Erst die Erziehung, gesellschaftliche und religiöse PrĂ€gungen teilen den menschlichen Körper in ñ€ơsaubere’ und ñ€ơschmutzige’, also verbotene Teile auf.

Ab dem Alter von etwa zwei Jahren nimmt das Interesse der Kinder fĂŒr ihre Geschlechtsorgane weiter zu. Die Zeitspanne von 3 und 6 Jahren ist das typische Alter fĂŒr sogenannte „Doktorspiele unter Freundinnen und Freunden“.

Harmloses Vergleichen

Im Prinzip wird Arzt gespielt, es wird nachgeahmt. Der „Patient“ oder die „Patientin“ liegt auf dem Bett oder dem Boden, wĂ€hrenddessen der „Arzt“ oder die „Ärztin“ sie oder ihn grĂŒndlich untersucht. Im Prinzip geht es um das Erkunden des anderen Körpers, d. h. das Kind lernt andere Körper als den eigenen kennen, geht also ĂŒber die eigenen körperlichen Grenzen.

Die Kinder ziehen sich dazu aus, zeigen sich gegenseitig die Geschlechtsteile und betasten sich. Vielen Kindern wird hierbei erstmalig der Geschlechtsunterschied von MÀdchen und Jungen deutlich. Besonders Einzelkinder, die sich nicht mit Geschwistern vergleichen können, haben hier die Möglichkeit von grundsÀtzlich harmlosen Vergleichen.

Die Kinder probieren vieles aus und spĂŒren so, was Spaß macht und was unangenehm ist. Da die Kinder in diesem Alter in der Regel gelernt haben, „Nein“ zu sagen, kann von gegenseitigem EinverstĂ€ndnis ausgegangen werden.

Diese Doktorspiele werden meist in dem Moment langweilig , in dem Kinder die wichtigsten Unterschiede zwischen MĂ€dchen und Jungen verstanden haben. Dann wenden sie sich wieder anderen, neuen, spannenden Dingen zu.

GrundsÀtzlich sind Doktorspiele oder auch Selbstbefriedigung im Klein-Kindesalter im Rahmen der Entwicklungspsychologie etwas sehr Normales. Sie sind als Teil der kindlichen Entwicklung einzustufen.

Gesellschaftliche PhÀnomene

Manche Erwachsenen egal in welchem Lebensalter verdrĂ€ngen ihre eigenen Unternehmungen in der Kindheit diesbezĂŒglich und reagieren so, als wĂ€re etwas ganz Unvorstellbares passiert. Damit stigmatisieren sie das normale Verhalten des Kindes als Krankhaft oder als SĂŒnde.

Blicken wir zurĂŒck in die 70Jahre des 20. Jahrhunderts. In antiautoritĂ€ren KinderlĂ€den wurden Kinder förmlich dazu angehalten, frĂŒhzeitig sexuelle Erkundungen vorzunehmen. Die Eltern, selbst meist in der Verklemmtheit der 30er, 40er und 50er Jahre aufgewachsen, fielen von einem Extrem ins andere. Sie wollten ihren Kindern die Freiheit bieten, die ihnen selbst verwehrt geblieben war.

Studien bei den spĂ€ter erwachsenen KinderlĂ€den-Kindern ergaben, dass es ihnen hĂ€ufig eher unangenehm war, diese ĂŒbertriebene sexuelle Freiheit mit FKK-Strand, gemeinsamer Sauna und Nacktheit in der WG zu leben.

Wichtig scheint also, ein gesundes, natĂŒrliches Mittelmaß zu finden! Sexuelles Tabuisieren ist offensichtlich genau so schĂ€dlich wie grenzenlose Sexualisierung.

Wie man sich „am besten“ verhĂ€lt

Interessant ist, sich mit dem Begriff der Sexualerziehung im Allgemeinen auseinander zu setzen. Diese fĂ€ngt in der Tat viel frĂŒher an als man denkt: Bei Sexualerziehung geht es um BerĂŒhrung, Trösten, NĂ€he und körperliche WĂ€rme. Sexualerziehung ist das UnterstĂŒtzen und Fördern der Eltern in der Körperlichkeit des Kindes.

Dein Körper ist okay. Dein Geschlechtsteil ist nicht „bĂ€ und pfui“, sondern ein Teil von der Dir. Der Inhalt deiner Windel ist nicht eklig. Auch das ist ein Teil des Kindes.

Gehen Sie mit SexualitĂ€t unverkrampft und unkompliziert um, dann ebnen sie eine ausgezeichnete Basis fĂŒr ein glĂŒckliches, erfĂŒlltes Leben und sind ein wunderbares Vorbild fĂŒr ihr Kind! ÃƓberfordern sie ihr Kind nicht und beantworten sie nur Fragen, die das Kind auch stellt. AufklĂ€rung erfolgt in Etappen – ihr eigener Instinkt wird ihnen zeigen, wann welche Themen dran sind.

Und: VergegenwĂ€rtigen sich immer wieder dass SexualitĂ€t ein ganz natĂŒrliches, menschliches BedĂŒrfnis ist wie Essen und Trinken.

SexualitÀt darf keine Abwertung erfahren

Einmischen sollten sie sich dann, wenn ihr Kind „danach“ bedrĂŒckt wirkt und stiller auftritt als sonst. Problematisch könnte es sein, falls ein Kind wesentlich Ă€lter ist und die anderen dominiert.

Spitze GegenstĂ€nde o. Ă€. können natĂŒrlich nicht toleriert werden. Hier sollte man behutsam eingreifen. Wichtig ist, dass die Kinder sich nur auf das einlassen, was sie möchten.

Vermeiden sie solche Aussagen wie: „Das darf man nicht. Davon bricht er ab.“, oder das frĂŒher vielfach angewandte „Davon wird man dumm.“, wenn der kleine Sohn beim Masturbieren erwischt wurde.

Vielleicht kann sich der eine oder andere Leser, vielleicht auch eine Leserin an solche Killerphrasen aus der eigenen Kindheit erinnern und die Ängste und Sorgen, die in Kinderseelen damit eingepflanzt werden. Sexuelle Spielereien dĂŒrfen unter keinen UmstĂ€nden mit Drohungen und Strafen belegt werden.

SexualitÀt darf also nicht mit Abwertung oder Verurteilung in Verbindung gebracht werden.

Am Wichtigsten ist eine Eltern-Kind-Beziehung, die von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit geprÀgt ist. Alles, was einem Kind diese Werte vermittelt, stellt eine positive Sexualerziehung dar. Denn was Kinder in den ersten Jahren in der Familie erlebt haben, das wird spÀtere Liebesbeziehungen und SexualitÀt prÀgen.

Und wenn ich es einfach verbiete?

Alle Eltern wissen, dass ein Verbot Dinge erst interessant macht. Je massiver Eltern also gegen Doktorspiele einzuschreiten versuchen, desto spannender wird es fĂŒr die Kinder werden.

Wird die sexuelle BetĂ€tigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verlacht, so ist damit zu rechnen, dass generell sexuelle Regungen mit Angst vor Strafe oder Angst vor Erniedrigung besetzt werden, und zwar ĂŒber die Kindheit hinaus. Menschen sind im Erwachsenenalter mit den möglichen Konsequenzen konfrontiert, die sich in der Vermeidung sexueller Kontakte, Impotenz und sexueller Lustlosigkeit Ă€ußern können.

HĂ€ufig wird den Betroffenen der Zusammenhang zwischen diesen Problemen und den frĂŒhkindlichen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie erst im Rahmen einer Beratung oder Therapie bewusst.

Liebe und Lust als Erfahrung fĂŒrs Leben

Durch Doktorspiele lernen Kinder unter anderem, den Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau zu begreifen. Als Teil der normalen kindlichen Entwicklung stellen sie nichts Beunruhigendes dar.

Eltern sollen dem Kind ermöglichen, den eigenen Körper und den anderer zu erforschen und dafĂŒr nicht bestraft zu werden. Eltern sollen selbstverstĂ€ndlich darauf achten dass Doktorspiele nur im Einvernehmen der Kinder gespielt werden.

Bei großem Altersunterschied der Kinder oder bei auffĂ€lligem Verhalten eines Kindes „danach“ sollten Eltern das GesprĂ€ch suchen. Gegebenenfalls kann eine Beratungsstelle hilfreich zur Seite stehe

Wenn das Kind im angstfreien, natĂŒrlichen und altersentsprechenden Rahmen Erfahrungen sammeln kann, wird es im spĂ€teren Leben fĂ€hig sein, körperliche Liebe mit viel Lust zu empfinden. SexualitĂ€t sollte als eine Art und Weise begreifbar sein, Liebe zu zeigen.

Wird die sexuelle BetĂ€tigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verboten, so fĂŒhrt dieses zu schwerwiegenden sexuellen Störungen ĂŒber die Kindheit hinaus kommen.

*Nadine und Torben dienen nur als beispielhafte Namen, Anm. d. Red.

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters.

Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂŒtzung. Die Beratung findet im geschĂŒtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Serie: Sex bei Opa und Oma? Lassen Sie uns darĂŒber reden!

Guten Tag!

Heddesheim, 11. MĂ€rz 2010. Wir starten heute eine neue Serie – am Donnerstag. Im Fokus steht die SexualitĂ€t… im Alter – die hat aber viel mit der Lebens- und Liebeserfahrung davor zu tun, weswegen auch hierzu Texte veröffentlicht werden. Zum Start der Serie haben wir unsere Autorin, Antonia Scheib-Berten, interviewt. Die Expertin weiß: SexualitĂ€t im Alter ist ein schwieriges Thema – aber eins, ĂŒber das man reden kann und sollte. Dann finden sich auch Antworten.

Von Hardy Prothmann

Frau Scheib-Berten, im neuen „Spiegel Wissen“ beschreibt ein Text eine Frau, die Demenzkranken und Behinderten als Sexualassistentin GesprĂ€che und Massagen anbietet, die auch zum Orgasmus fĂŒhren (sollen). Ihre Kunden sind Ă€lter, einige besucht die Frau im Altenheim. Ist so eine Arbeit anstĂ¶ĂŸig, ist das Prostitution?

Antonia Scherb-Berten: „Die TĂ€tigkeit der Sexualassistentin nichts Neues. In Holland gibt es diese Variante der Assistenz im Rahmen der Arbeit mit jĂŒngeren Behinderten schon seit Jahren. Teilweise wurden, zumindest in der Vergangenheit, die Kosten durch offizielle KostentrĂ€ger ĂŒbernommen.

BegrĂŒndet wurde es damit, dass auf diesem, sozusagen natĂŒrlichen Wege Spannungen abgebaut werden und somit Medikationen zur Beruhigung oder zur Aggressionshemmung ĂŒberflĂŒssig wĂŒrden.

Dass Frauen wie Nina de Vries mit Dementen reden, sie streicheln und massieren, das lĂ€sst sich wohl kaum im Bereich der AnstĂ¶ĂŸigkeit einordnen.

Der Spiegel-Text beschreibt auch eine Frau, deren 80-jĂ€hriger Ehemann Nacht fĂŒr Nacht Sex will. LĂ€sst sich das mit „Sexualassistenz“ beruhigen?

Scherb-Berten: Im benannten Fall der durch den drĂ€ngenden Mann ĂŒberforderten Ehefrau (80) wĂ€re gegebenenfalls eher die Gabe eines Medikaments zur Reduktion des Sexualtriebes fĂŒr den Patienten Ă€rztlich zu prĂŒfen. Die pflegenden Angehörigen mĂŒssen manchmal durch die Ärztin oder den Arzt vor ÃƓbergriffen geschĂŒtzt werden. Außerdem ist die ĂŒberbordende Triebhaftigkeit fĂŒr den Patienten sehr belastend und stressend.

Angehörige trauen sich leider zu wenig ĂŒber den
gesteigerten Sexualtrieb beim „Opa“ zu reden.

Leider trauen sich zu wenige Angehörige, das Thema in der Àrztlichen Beratung zu besprechen.

Es gibt FĂ€lle, in denen im Rahmen einer Demenz die SexualitĂ€t plötzlich eine neue, dominierende Rolle bekommt. Manchmal zeigt sich dies in Masturbation. Hier hilft meist schon, dem Patienten einen geschĂŒtzten Rahmen zu schaffen und ihn nicht zu bestrafen oder moralisch zu verurteilen.“

Eine Sexualassistenz dĂŒrfte aber bei vielen Menschen als unmoralisch gelten?

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Antonia Scheib-Berten berÀt in Sachen Beziehung, Liebe, SexualitÀt. Bild: asb

Scheib-Berten: „Was anstĂ¶ĂŸig ist, das liegt im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Es gibt hier keine generelle Antwort. Als Sexualberaterin sage ich, durch Assistenz kann kranken Menschen Entspannung und GlĂŒcksgefĂŒhl geboten werden.

Wenn gelebte SexualitĂ€t natĂŒrlich im Rahmen der Paarbeziehung möglich ist, so ist dies auf jeden Fall zu bevorzugen. Liebe kaufen kann man sich natĂŒrlich nicht!“

Im Spiegelbericht werden sowohl Angehörige als auch Seniorenheime und sogar die Prostituiertenorganisation „Hydra“ mit ihren Zweifeln in Sachen „Sexualassistenz“ darstellt. Es steht zwar nicht im Text, aber die Frage ist auch in VorgesprĂ€chen zu diesem Interview aufgekommen: Ist das nicht vielleicht irgendwie „pervers“?

Scheib-Berten: „Was heißt eigentlich „pervers“? Bei Perversionen geht es um die Abgrenzung von in einer Gesellschaft herrschenden Moralvorstellungen. Vielleicht spielen auch unsere eigenen Phantasien im Zusammenhang mit den AktivitĂ€ten von Frauen wie Nina de Vries eine große Rolle. Was stellt sich die BĂŒrgerin, die Altenpflegerin, der Sohn des Patienten oder auch der Pfarrer vor, wenn er den Artikel bei Spiegel-Wissen liest? Vermutlich gehen die eigenen Phantasien weit ĂŒber das hinaus, was letztendlich geschieht.“

Es gibt auch juristische Fragen.

Rein juristisch geht es natĂŒrlich auch um die Persönlichkeitsrechte des Patienten. MĂŒsste, wenn Frau de Vries ganz offiziell zum Einsatz kommen sollte, sogar der gesetzliche Betreuer seine Zustimmung geben? Eine Frage an die Juristinnen!

Sollte keine gesetzliche Betreuung bestehen, so wĂ€re die Inanspruchnahme von Diensten einer Assistenz vielleicht nur das FortfĂŒhren einer lebenslangen Gewohnheit des Dementen. Vielleicht ist er wĂ€hrend seines gesamten erwachsenen Lebens regelmĂ€ĂŸig zu Prostituierten gegangen? WĂ€re es dann nicht sogar ein Entzug von ñ€ơregelmĂ€ĂŸig wiederkehrenden Diensten’, also eine Ungleichbehandlung gegenĂŒber Nicht-Dementen?

Auch Frauen belĂ€stigen MĂ€nner durch ÃƓbergriffe.

Geht es eigentlich bei der Frage nur um MĂ€nner?

Scheib-Berten: „Interessant ist, dass bei diesem Thema nie von weiblichen Dementen die Rede ist. Dass auch Frauen ĂŒbergrifflich werden, dass mĂ€nnliche Altenpfleger in der Balintgruppe von BelĂ€stigungen durch Heimbewohnerinnen sprechen, scheint nicht im Bereich des Möglichen – ist jedoch RealitĂ€t.“

Sex und Alter ist oft ein noch grĂ¶ĂŸeres Tabuthema als Alter und Tod. Immer wieder gibt es Umfragen und Statistiken, welches Volk das sexuell aktivste ist, wer in welchem Alter wie oft… Bei gefĂŒhlten 60 oder 65 Jahren gibt es aber keine Informationen mehr. Hört ab diesem Alter das Sexualleben auf?

Scheib-Berten: „Zum einen halte ich absolut nichts von Statistiken, die es vermutlich gibt, die mich persönlich aber nicht interessieren. Wie heißt es so schön: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefĂ€lscht hast.“ Also: Keine Konkurrenz zwischen feurigen Italienern, stolzen Spaniern und unseren deutschen MĂ€nnern! Schon gar nicht ausgetragen ĂŒber Zahlen.

In der Tat wird SexualitĂ€t und Liebe, zwei Nomen, die ich gerne auch im Zusammenhang nenne, fast ausschließlich mit Jugend, attraktiven Körpern, FortpflanzungsfĂ€higkeit und VitalitĂ€t in Verbindung gebracht. Ich erinnere mich, dass ich bereits 1993, als ich bei der pro familia in Mannheim als GeschĂ€ftsfĂŒhrerin gearbeitet habe, auf die Dringlichkeit hinwies, dass sich Sexualberater der Generation 50 plus zuwenden mĂŒssen.

SexualitÀt spielt in jedem Alter eine wichtige Rolle.

Seinerzeit wurde ich belĂ€chelt. Mittlerweile merken auch die professionellen Berater, dass SexualpĂ€dagogik ab dem mittleren Lebensalter ein wichtiger Baustein der Arbeit ist. Ich hatte eine Frau in der Beratung, die erst nach Ende der Menopause mit einem neuen Partner orgasmusfĂ€hig wurde. Welche Befreiung, welches GlĂŒck!

Fakt ist, dass die LiebesfĂ€higkeit grundsĂ€tzlich nie aufhört. Hormone beeinflussen unseren Körper und steuern auch unsere Libido. Doch das ist nur eine Seite der Stimulation. Nur in Verbindung mit gĂŒnstigen Rahmenbedingungen wird gespĂŒrte Lust zu gelebter Lust! Ein alleinstehender Mann, der kein Zielobjekt von körperlicher Lust hat, wird möglicherweise versuchen, seine sexuelle Energie umzuleiten. Eine unglĂŒckliche Paarbeziehung ist nicht gerade der richtige Ort fĂŒr körperliche NĂ€he und lebenslustige SexualitĂ€t – egal in welchem Alter.“

Was wĂŒnschen sich Ă€ltere und alte Menschen in Sachen SexualitĂ€t? Sind diese WĂŒnsche anders oder entsprechen sie den „durchschnittlichen“ Vorstellungen?

Scheib-Berten: (lacht) „Was sind die durchschnittlichen Vorstellungen? SelbstverstĂ€ndlich werden im höheren Alter keine anstrengenden Kamasutra-ÃƓbungen auf der Tagesordnung stehen, wenn die Arthrose plagt und der RĂŒcken schmerzt. Auch mĂŒssen wir unseren Fokus hinsichtlich SexualitĂ€t erweitern. Das hingebungsvolle Streicheln, das Kuscheln, das innige Sich-nahe-sein – all das subsummiere ich unter dem Begriff SexualitĂ€t.

Im Alter wird gekuschelt – aber auch genitale SexualitĂ€t gewĂŒnscht.

Dass natĂŒrlich auch genitale SexualitĂ€t gewĂŒnscht wird, das ist die Regel. Schade ist, dass Ă€ltere und alte Paare hĂ€ufig nicht ĂŒber ihre WĂŒnsche sprechen. Und tragisch ist, dass EinschrĂ€nkungen klaglos als Gegebenheiten angenommen werden. Manchmal wĂŒrde der Besuch eines kompetenten (!) Urologen ĂŒber Potenzschwierigkeiten hinweghelfen oder ein GesprĂ€ch mit der GynĂ€kologin wĂŒrde Erleichterung bringen.“

Haben alle Ă€lteren Menschen das BedĂŒrfnis nach sexueller Befriedigung?

Scheib-Berten: „Durch die BeschĂ€ftigung mit dem Thema „SexualitĂ€t im Alter“ sollte kein Leistungsdruck aufgebaut werden! Jedes Paar sollte fĂŒr sich selbst entscheiden, ob, wie und wie oft sexuelle AktivitĂ€ten ihre Beziehung bereichern. Wenn beide beschließen, in ihrem Leben einen anderen Fokus zu setzen, so ist das völlig in Ordnung! Wenn allerdings eine oder einer von beiden ein Defizit verspĂŒrt, so sollte man nochmals nĂ€her hinschauen. Interessanterweise ist es nicht immer der Mann, der sich mehr AktivitĂ€ten wĂŒnscht!

„Use it or loose it,“(Benutze es oder verliere es!) ist hier auch eine wichtige Maxime. In der Regel werden Menschen, denen SexualitĂ€t wĂ€hrend des gesamten Lebens nicht so wichtig war, auch im Alter kein Defizit verspĂŒren – falls sich nicht die Rahmenbedingungen Ă€ndern! Eine neue Liebe wirkt hier manchmal Wunder!

Warum erfĂ€hrt man so gut wie nichts zu dem Thema? An den Volkshochschulen gibt es oft sehr viele Kurse – nur das Wort Sex kommt dort meist nicht vor – schon gar nicht in Verbindung mit „Alter“.

Scheib-Berten: Das liegt zum Teil auch daran, dass dieser Begriff in der Ausschreibung möglicherweise Menschen geradezu davon abhĂ€lt, zur Veranstaltung zu kommen! Die Scheu ist hier sehr groß! Ich habe vor ein paar Jahren an der Volkshochschule einen GesprĂ€chskreis „Mut zum GlĂŒck“ angeboten. Wir beschĂ€ftigten uns auch mit dem Thema SexualitĂ€t. Sollte ich wieder angefragt werden, so stehe ich gerne zur VerfĂŒgung!“

„SexualitĂ€t im Alter“ gehört in jeden Lehrplan – alles andere ist ein Defizit.

Muss beispielsweise ein Seniorenheim nicht damit rechnen, als unseriös zu gelten, wenn dort das Thema Sex behandelt wird?

Scheib-Berten: „Ganz im Gegenteil. Ich habe bereits bei einigen TrĂ€gern Fortbildungen fĂŒr PflegekrĂ€fte, auch im ambulanten Bereich angeboten. Das Thema ist latent prĂ€sent und gerade auch jĂŒngere Pflegende sind hĂ€ufig ĂŒberfordert. Im ÃƓbrigen steht „SexualitĂ€t im Alter“ mittlerweile auf dem Lehrplan der Ausbildung zur Altenpflegerin/Altenpfleger. Wenn ein BildungstrĂ€ger dies noch nicht anbietet, so bestĂŒnde hier ein Defizit!“

Schauen Sie mal in die Zukunft. Deutschland im Jahr 2050. Wie werden die heute 20- bis 40-jĂ€hrigen dann ĂŒber SexualitĂ€t im Alter sprechen oder diese leben? Ist Sex bei Opa und Oma immer noch ein Tabuthema?

Scheib-Berten: „Ich hoffe, dass das Thema SexualitĂ€t und Alter keinen Sonderstatus mehr benötigt, weil es zur SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden ist.“

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet. Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den  Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂŒtzung. Die Beratung findet im geschĂŒtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com