Samstag, 06. Juni 2020

"Ent"tÀuschende "Berichterstattung"

Geprothmannt: Bagatell- vs. Kollateralschaden

Bleiben am Ende nur noch TrĂŒmmer? Journalismus war mal ein angesehener Beruf - heute ist das Image beschĂ€digt. Archivbild

 

Mannheim/Viernheim/Rhein-Neckar, 18. Juni 2012. (red) Es gibt einen Brand, die Feuerwehr löscht diesen schnell. Der Schaden bleibt eigentlich ĂŒberschaubar und doch nicht. Das „Opfer“ ist das „Scheck In-Center“ in Viernheim. Aber es kommt noch ein weiteres hinzu, dass mit allem gar nichts zu tun hat: Die Bevölkerung. Der Schadensverursacher: Journalisten. Der Schaden: GlaubwĂŒrdigkeitsverlust in unbekanntem Ausmaß.

Von Hardy Prothmann

Der Ruf von Journalisten ist nicht der beste. Vollkommen zurecht. Sie fragen sich jetzt, wieso ein Journalist dem eigenen Berufsstand ein schlechts Zeugnis ausstellt? Die Antwort ist ganz einfach: Nur wenn man sich nach vorne verteidigt, kann man hoffen, weitere SchĂ€den zu verhindern. Das ist durchaus egoistisch gedacht. Denn ich und meine Mitarbeiter achten sehr auf bestmögliche QualitĂ€t unserer Informationen – egal, ob wir ĂŒber leichte Themen wie Feste und AktivitĂ€ten berichten oder ĂŒber anspruchsvolle wie Kultur und Wirtschaft oder Politik und Sport.

Ganz klar machen auch seriöse Journalisten Fehler. Wenn diese passieren, sollten die Leserinnen und Leser aber darĂŒber informiert werden. Doch das tun die meisten Medien nicht. Auch klar: Wenn wir einen Rechtschreibfehler entdecken oder auf Fehler hingewiesen werden, verbessern wir den auch ohne eine Korrekturmeldung, wenn es sich um eine Bagatelle handelt. Berichte mit kapitalen Fehlern legen wir in der Kategorie „Korrektur“ ab, damit Leserinnen und Leser sofort und ohne lange Suche eine zunĂ€chst fehlerhafte Berichterstattung sowie die Korrektur finden können. Auf dem Heddesheimblog sind dort seit dem Start vor drei Jahren „nur“ acht von ĂŒber 2.500 Berichten als fehlerhaft gekennzeichnet. Wir Ă€rgern uns ĂŒber jeden Fehler und haben diese korrigiert.

Falscher Eindruck vermittelt

Der Mannheimer Morgen hat aktuell ĂŒber einen Brand im Viernheimer Scheck In-Center „berichtet“. Der „Bericht“ ist mit dem KĂŒrzel „bhr“ gekennzeichnet. Der unbedarfte Leser denkt jetzt: „Ok, jemand, dessen Namen mit bhr abgekĂŒrzt wird, war vor Ort oder nach sich zumindest telefonisch oder auf anderem Weg die Informationen besorgt, geprĂŒft und dann seinen Bericht verfasst.“ Doch dieser naheliegende Gedanke ist in diesem Fall und leider viel zu oft ein Fehler. Denn kein Journalist des MM war vor Ort und es wurde auch sonst nichts recherchiert.

TatsĂ€chlich wurde also keine „journalistische Leistung“ erbracht. Durch das geschickte Setzen von An- und AbfĂŒhrungszeichen liest sich der Text, als habe „bhr“ mit dem Pressesprecher der Feuerwehr Viernheim gesprochen, denn er zitiert ihn ja „wörtlich“. TatsĂ€chlich ist dieser Eindruck aber eine TĂ€uschung. Auf Nachfrage bestĂ€tigte uns der Pressesprecher Andreas Schmidt, dass er mit niemandem vom MM in dieser Sache gesprochen hat:

Die haben automatisch eine email mit dem Pressetext bekommen, wie alle Redaktionen, die das wollen.

Ist die Nachricht aber falsch? Ja und nein. Sie erweckt den falschen Eindruck, als habe der Journalist mit dem Pressesprecher gesprochen. Und sie erweckt den Eindruck, der Journalist habe selbstĂ€ndig recherchiert und den Bericht selbst verfasst. Die Fakten sind aus Sicht der Feuerwehr sicher zutreffend. Die Mutmaßung ĂŒber die Schadenshöhe ist es nicht.

Die Originalmeldung der Feuerwehr. Quelle: FFW Viernheim

 

Die geguttenbergte Version im Mannheimer Morgen. Quelle: SHM

Geguttenbergter Journalismus ist Betrug am Leser

Diese Form „journalistischer“ Arbeit ist gĂ€ngig in vielen Redaktionen: Bei Zeitungen, Magazinen, im Radio und Fernsehen und im Internet. Man nimmt frei zugĂ€ngliche Informationen, „etikettiert“ sie ein wenig um und schon hat man einen „eigenen“ redaktionellen Bericht. Das ist und bleibt Betrug am Leser.

Sie fragen sich, warum das passiert? Warum andere Redaktionen so verfahren? Warum es nicht alle ehrlich und transparent wie wir mit unseren Blogs berichten? Fragen Sie die Redaktion Ihres Vertrauens. Ich versichere Ihnen, man wird Sie nicht sonderlich ernst nehmen. Erst, wenn Sie das Abo kĂŒndigen wollen.

Wir tun das, was eigentlich eigentlich selbstverstĂ€ndlich sein sollte. Wir benennen nĂ€mlich immer deutlich die Quelle, wie auch in diesem Fall ist der Text mit „Information der Feuerwehr Viernheim“ klar gekennzeichnet worden. Das hat mehrere GrĂŒnde. Der wichtigste: Wir respektieren die Arbeit von anderen. Wir schmĂŒcken uns nicht mit „fremden Federn“. Der nĂ€chste Grund ist: Wo bei uns „Redaktion“ draufsteht, ist auch Redaktion drin. DafĂŒr sind wir verantwortlich. Und ein ebenfalls sehr wichtiger Grund ist: Wir können nur dafĂŒr einstehen, was wir selbst recherchiert haben. Wir wollen uns weder fremde Inhalte aneignen, noch darin enthaltene Fehler.

Der Einsatzbericht der Feuerwehr beispielsweise ist ĂŒberwiegend korrekt – hat aber den Eindruck eines großen Schadens hinterlassen. Viele Kunden blieben heute deswegen dem Markt fern. Wir haben die Meldung ebenso gebracht, waren aber bis 14:00 Uhr das einzige Medium, das einen Reporter vor Ort hatte, um sich ein Bild zu machen und haben danach umgehend berichtet, dass es fĂŒr Kunden keine EinschrĂ€nkungen gibt und der Schaden eher ĂŒberschaubar ist.

Außerdem konnten wir recherchieren, dass in diesem Fall wohl eine „Klarstellung“ in der morgigen Ausgabe der Zeitung folgen soll – man darf gespannt sein. Denn die Scheck In-LĂ€den gehören zur Edeka-Gruppe. Und dort ist man „not amused“ ĂŒber den scheinbar redaktionellen Bericht im Mannheimer Morgen. Die Edeka selbst ist ein sehr großer Kunde der Zeitung und dĂŒrfte pro Jahr Anzeigen im Wert von einigen Millionen Euro bei der Zeitung schalten. Ich versichere Ihnen, dass man bei der Zeitung in diesem Fall den Ärger sehr ernst nimmt. Aber nicht, weil man „journalistisch“ besser oder wenigstens „korrekt“ arbeiten will, sondern um den Umsatz nicht zu gefĂ€hrden.

Bagatell- vs. Kollateralschaden

Nach dem Brand ist im Scheck In – anders als im Feuerwehrbericht gemutmaßt – nur ein „Bagatellschaden“ entstanden. Dieser Schaden wurde unnötig durch UmsatzausfĂ€lle fĂŒr das Unternehmen vergrĂ¶ĂŸert. Der große Kollateralschaden entsteht aber durch den alltĂ€glichen Guttenberg-Journalismus, bei dem nach Lust und Laune geklaut und abgekupfert, umetikettiert und abgeschrieben wird. Sie halten diesen „Fall“ fĂŒr eine Bagatelle? Ist er nicht, weil er nur ein Beispiel fĂŒr eine systematische TĂ€uschung vieler Mediennutzer ist. (Haben Sie die „Jogi“-FĂ€lschung bei der EM mitbekommen? Das ZDF zeigte eine „Live-Berichterstattung“, in die Aufnahmen hineingeschnitten wurden, die vor dem Spiel, also nicht „live“ entstanden sind. Das hat zu heftiger Kritik gefĂŒhrt. FAZ: „Die Regie spielt falsch„)

Einen Brandschaden kann man beseitigen – eine beschĂ€digte GlaubwĂŒrdigkeit ist nur schwer wieder zu bereinigen.

Darunter leiden aber nicht nur die Schummler, sondern auch alle, die sich grĂ¶ĂŸte MĂŒhe geben, einen herausragende oder zumindest ehrlichen Journalismus zu bieten. Leider tun das immer weniger und der fĂŒr die Gesellschaft und Demokratie so wichtige Journalismus verliert weiter an Ansehen. Da können sich Politiker und Journalisten die Hand geben – aber es gibt auch in der Politik „anstĂ€ndige“ Leute.

Die Leserinnen und Leser können ebenso wie Unternehmen aber deutlich machen, ob sie QualitÀt wollen oder nicht.

Bei einer Wahl macht macht das mit einer Stimme. Im Markt hat man auch Macht: Minderwertige Produkte kann man abbestellen oder muss sie nicht kaufen. Und Werbung kann man im glaubwĂŒrdigen Umfeld schalten, wo sie auch am besten wirkt.

Weitere Informationen:

Wie aus einer gemeindlichen Pressemitteilung ein Redakteursbericht wird, lesen Sie hier: „Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?

Wie die RNZ einen PR-Text eines Politikers zu einem Redakteursbericht macht, lesen Sie hier: „Nachgefragt: Wie wird aus einer politischen PR-Meldung ein redaktioneller Text in der RNZ?

In Sachen Guttenberg war die mediale Empörung groß. Dabei sind viele Medien selbst sehr erfahren in Plagiaten. „Plagiator-Formel: Dreist, dreister, Journalist – wie Tageszeitungen tagtĂ€glich “bescheißen”

Ein unabhĂ€ngiger Reporter berichtet ĂŒber eine SPD-Hauptversammlung. Weit gefehlt. Der Reporter ist selbst Mitglied im Ortsverein. „Was von der Berichterstattung der RNZ unter dem KĂŒrzel “stu” zu halten ist

Auch wir machen Fehler – und reagieren angemessen: „Urheberrecht vermutlich missachtet

 

Anm. d. Red.: Um MissverstĂ€ndnissen vorzubeugen: Die Freiwillige Feuerwehr wird ausdrĂŒcklich nicht kritisiert. Die hat wie so oft ihren Job gemacht und einen grĂ¶ĂŸeren Schaden verhindert.

Heddesheims Hauptamtsleiter Julien Christof ist Freizeitjournalist, Blogger, WahlkÀmpfer. Mit dem Segen seines Chefs


Heddesheim/Osterburken, 24. MĂ€rz 2011. (red) BĂŒrgermeister Michael Kessler hat ein Problem mit neuen Medien: „Twitterei“ und Blogs sind ihm suspekt. Auch Journalisten sind im suspekt. Journalisten, die neue Medien benutzen, findet er gar „ekelhaft„. Sein Hauptamtsleiter Julien Christof hingegen ist ein Experte. Er nutzt die neuen Medien rege – als ĂŒberzeugter CDU-Parteimann, Mitglied des Kreisvorstands, Pressesprecher, Internetbeauftragter und aktiver WahlkĂ€mpfer im Landtagswahlkampf. Und betĂ€tigt sich dann und wann auch noch als Journalist. Das macht er selbstverstĂ€ndlich alles in seiner Freizeit.

Julien Christof findet es gut, die GrĂŒnen als "Dagegen-Partei" zu benennen. Quelle: JU NOK Facebook

Als Hauptamtsleiter gibt Julien Christof immer den neutralen Beamten in Diensten der Gemeinde. Sobald er Freizeit hat, ist er aber ein glĂŒhender Parteisoldat in Diensten der CDU.

Nicht einfach ein Mitglied, auch nicht einfach ein aktives Mitglied  – nein, Julien Christof mischt ganz vorne mit.

AusgefĂŒllte Freizeit als Journalist und Blogger

In seinem Heimatort Osterburken ist er stellvertretender Vorsitzender, er ist im Vorstand der Jungen Union Neckar-Odenwald-Kreis aktiv und Pressesprecher der agilen Truppe. Die betreiben verschiedene CDU-Blogs, inklusive Twitter und Facebook. Herr Christof benutzt beim Twittern auch gerne mal Pseudonyme, „Mephjizzo“ beispielsweise.

Außerdem ist er im Kreisvorstand der CDU Neckar-Odenwald-Kreis, dort als „Beauftragter fĂŒr Presse und Öffentlichkeitsarbeit.“

Die erledigt er fleißig. So schreibt er unter anderem fĂŒr die Rhein-Neckar-Zeitung und fĂŒr die FrĂ€nkischen Nachrichten. Die FrĂ€nkischen Nachrichten wiederum gehören zur Dr. Haas-Gruppe, zu der auch der Mannheimer Morgen gehört. Und sogar in der SĂŒdwestpresse Ulm ist ein „Julien Christof“ mit journalistischen TĂ€tigkeiten zu finden – vielleicht gibt es aber auch mehrere „Julien Christof“, die zufĂ€llig in der selben Gegend als Journalisten tĂ€tig sind.

Herr Christof beschreibt seine journalistische TĂ€tigkeit auf Anfrage so:

„Ich habe im Jahr 2001 als 16-JĂ€hriger ein gymnasiales Schulpraktikum bei der
Lokalredaktion Buchen der Rhein-Neckar-Zeitung absolviert. Seitdem bin ich
dort unregelmĂ€ĂŸig als freier Mitarbeiter tĂ€tig. Dabei war ich bereits fĂŒr
den Lokalteil, die Jugendseite und die Fußballberichterstattung im Einsatz.

Mit Aufnahme meines Studiums an der FH Kehl im Jahr 2005 habe ich die
journalistische TĂ€tigkeit reduziert. Momentan schreibe ich gelegentlich
Artikel fĂŒr die Lokalteile des Bereichs Buchen. Es gibt fĂŒr meinen Heimatort
Osterburken einen freien Mitarbeiter, den ich ab und an vertrete. Der
neueste Artikel war vergangene Woche ĂŒber die Vereinsehrungen der Stadt
Osterburken, insgesamt hat die TĂ€tigkeit natĂŒrlich auch aus ZeitgrĂŒnden
geringen Umfang.“

WahlkÀmpfer Julien Christof (3. von links) am Parteistand in Sennfeld. Quelle: JU NOK Facebook

Einen „geringen Umfang“ also. Also so eine Art kleiner Nebenjob. Den erledigt er trefflich – als Pressesprecher der CDU schreibt er gleichzeitig auch gerne als Journalist ĂŒber die CDU. Die frohen Botschaften erscheinen dann in der Zeitung. In diesem Fall aber unter dem KĂŒrzel JC.

Christof ist mal Pressesprecher, mal Journalist, mal beides.

Eventuell könnte es sein, dass man als Leser einfach nicht verwundert sein soll, wenn Julien Christof ĂŒber sich selbst und seine CDU und deren Erfolge in einem „journalistischen“ Medium schreibt. Denn ĂŒber die CDU schreibt Herr Christof dann doch schon hĂ€ufiger, was er aber als „geringen Umfang“ versteht.

Eine solche TĂ€tigkeit muss genehmigt werden, wenn beispielsweise nach §62 Absatz 2, Nr. 2 des Landesbeamtengesetz folgendes zu befĂŒrchten ist:

(2) Die Genehmigung ist zu versagen, wenn zu besorgen ist, dass durch die NebentÀtigkeit dienstliche Interessen beeintrÀchtigt werden. Ein solcher Versagungsgrund liegt insbesondere vor, wenn die NebentÀtigkeit

  1. die Beamtin oder den Beamten in einen Widerstreit mit den dienstlichen Pflichten bringen kann oder
  2. die Unparteilichkeit oder Unbefangenheit der Beamtin oder des Beamten beeinflussen kann oder

Herr Christof beantwortet und Anfrage aber mit einem anderen Paragrafen und bestĂ€tigt, dass BĂŒrgermeister Michael Kessler ĂŒber die journalistischen NebentĂ€tigkeiten informiert ist und diese genehmigt hat (sonst dĂŒrfte er diese ja nicht ausĂŒben).

Eine journalistische TĂ€tigkeit muss nach § 63 Abs. 1 und 2 des Landesbeamtengesetzes angezeigt werden, in bestimmten FĂ€llen nach Abs. 3 auch nicht. Diese ist meinem Dienstvorgesetzten bekannt.

Absatz 3 betrifft „schriftstellerische, wissenschaftliche, kĂŒnstlerische oder VortragstĂ€tigkeiten“, all das ist Journalismus nicht. Journalismus ist ein sogenannter freier Beruf, der nach § 63, Absatz 1, Nr. 1 a) genehmigungspflichtig ist.

AusgefĂŒllte Freizeit als engagierter Pro-Stuttgart21-Demonstrant und CDU-WahlkĂ€mpfer

Als wĂŒrde ihn der Job als junger und noch gar nicht so lange im Amt befindlicher Hauptamtsleiter kaum auslasten, reichen diese FreizeitbetĂ€tigungen aber noch lange nicht. Hauptamtsleiter Privatmann Julien Christof ist mitten im Landtagswahlkampf – als Mitglied des „AK Wahlkampf“ von Kandidat Peter Hauk, der im Neckar-Odenwald-Kreis antritt. Der Ex-Minister gilt mit seiner Funktion als CDU-Fraktionsvorsitzender im Stuttgarter Landtag als Nummer 2 hinter MinisterprĂ€sident Mappus und gilt als rabenschwarzer CDU-Hardliner.

Julien Christof (rechts vorne) vor einer Pro-Stuttgart21-Demo zusammen mit Peter Haus (2. von links). Quelle: JU NOK Facebook

Als aktiver WahlkĂ€mpfer und Mitglied des „Team Hauk“ kommt Julien Christof in seiner Freizeit viel rum. Er fĂ€hrt zur Pro-Stuttgart21-Demo nach Stuttgart, hilft am Wahlkampfstand aus und plant mit anderen zusammen in der „Arbeitsgruppe Wahlkampf“ die Auftritte des „Schwarzen Peter“, wie sich Peter Hauk gerne nennen lĂ€sst.

Christof und der Schwarze Peter

Auch die Website „Der schwarze Peter“ wird durch die Junge Union Neckar-Odenwald-Kreis betrieben, bei dem Herr Christof im Vorstand tĂ€tig ist.

Der wiederum hatte im Herbst in Hirschberg verkĂŒndet, dass es „dem Land Baden-WĂŒrttemberg Wurscht sein kann, ob Stuttgart 21 jetzt zehn oder fĂŒnfzehn Milliarden Euro kostet“ – damit ist er der Zeit voraus. Im Moment liegen die SchĂ€tzungen bei sechs bis sieben Milliarden Euro, nachdem Stuttgart21 ursprĂŒnglich mal zwei Milliarden kosten sollte.

SelbstverstĂ€ndlich muss man annehmen, dass Julien Christofs diverse NebentĂ€tigkeiten und Engagements nicht die „Unparteilichkeit und Unbefangenheit des Beamten beeinflussen können“, denn sonst dĂŒrfte er diese TĂ€tigkeiten ja nicht ausĂŒben, mĂŒsste also sein Dienstherr, Michael Kessler, ihm diese untersagen.

„Es ist nicht verboten, sich politisch zu engagieren“, sagt Christof.

Julien Christof sieht keine Befangenheit, ganz im Gegenteil antwortet er auf unsere Anfrage:

„Seit einigen Jahren bin ich Mitglied der Jungen Union Adelsheim/Osterburken im Neckar-Odenwald-Kreis. Dort bin ich stellvertretender Ortsvorsitzender sowie im Kreisvorstand. Einer meiner BeweggrĂŒnde fĂŒr die Mitgliedschaft war mein Interesse fĂŒr die Kommunalpolitik und Politik allgemein. Generell halte ich es fĂŒr gut, wenn sich junge Menschen fĂŒr Politik interessieren und auch politisch engagieren, egal ob und in welcher (demokratischen) Partei; zum Auftrag der Parteien vgl. § 1 des Parteiengesetzes.

Nach den Beamtengesetzen ist es Beamten nicht verboten, sich politisch zu engagieren oder Parteimitglied zu sein, denn das Grundgesetz und hier speziell die Meinungsfreiheit gelten auch fĂŒr Menschen, die im öffentlichen Dienst tĂ€tig sind. Auch erstreckt sich die Mitgliedschaft nicht auf Heddesheim oder den Rhein-Neckar-Kreis, sondern den Nachbarkreis.“

Julien Christof (links) demonstriert in seiner Freizeit fĂŒr Stuttgart21. Quelle: JU NOK Facebook

Engagement ist gut und richtig, ebenso die Sache mit der Meinungsfreiheit. Herr Christof verweist vollkommen zu recht auf das Grundgesetz – auch wenn er es sonst nicht so damit hĂ€lt und beispielsweise auf Anordnung oder freiwillig (das ist nicht bekannt) in öffentlichen Gemeinderatssitzungen GemeinderĂ€te observiert und aus seiner Sicht „problematische“ MeinungsĂ€ußerungen sofort seinem Chef, dem BĂŒrgermeister Kessler meldet, der sich dann jedesmal unter Verwendung von Worten wie „unanstĂ€ndig“, „wĂŒrdelos“ und „respektlos“ ereifert.

Christof „gefĂ€llt“ die CDU-Seite: Die-dagegen-Partei

Vielleicht verstehen Herr Kessler und Herr Christof „Unparteilichkeit“ und „Unbefangenheit“ ja auch nur sehr eindimensional und nicht so ganz allgemein.

Wiederum vermutlich nur in seiner Freiheit ist Herr Christof auch bei Facebook aktiv. Hier kann man durch Klicken der SchaltflĂ€che „GefĂ€llt mir“ seine Stimmung zum Ausdruck bringen (siehe erstes Bild). Herrn Christof gefĂ€llt unter anderem ein Eintrag mit Hinweis auf die Website „Die-dagegen-Partei“ – eine Website die von der „CDU Deutschlands“ unter Vorsitz von Frau Bundeskanzelerin Merkel verantwortet wird.

Die Facebook-Seite wiederum ist eindeutig von der Jungen Union Neckar-Odenwald-Kreis verantwortet und man darf vermuten, dass Herr Christoph hier in seiner Freizeit auch aktiv mitwirkt. Auf der CDU-eigenen-Seite „Die-dagegen-Partei“ schließt sich dann der Kreis zu Heddesheim – auch hier wird ein Dagegen-Projekt der GrĂŒnen aufgefĂŒhrt:

„Gewerbeansiedlung

In Heddesheim bei Mannheim sind die GrĂŒnen gegen die Ansiedlung eines Logistikunternehmens. Mit dem Projekt könnten bis zu 1.000 neue ArbeitsplĂ€tze entstehen. Bei einer BĂŒrgerbefragung hatte sich eine Mehrheit fĂŒr die Ansiedlung ausgesprochen.
(Demo-Aufruf der GrĂŒnen Heddesheim fĂŒr den 06.11.2010)“

Jetzt könnte man vermuten, dass die Berliner CDU entweder sehr gute Rechercheure hat, um herauszubekommen, zu welcher Demo die „GrĂŒnen Heddesheim“ am 06. November 2010 aufgerufen haben. Oder man könnte vermuten, dass die CDU auch Rechercheure vor Ort hat – Herrn Christof ist das Recherchieren als Nebenerwerbsjournalist sicher nicht gĂ€nzlich fremd.

Ob den Heddesheimer GrĂŒnen dieses „Engagement“ gefĂ€llt und sie kĂŒnftig glauben, Herr Christof sei „unparteilich“, ist mal dahin gestellt. Aber vielleicht hat ja auch ein anderer CDU-Mann, beispielsweise der Internet-Experte Reiner Hege oder gar die stellvertretende BĂŒrgermeisterin Ursula Brechtel den Tipp gegeben.

Auch Heddesheim ist in der Dagegen-Kartei der CDU

Interessant ist der Konjunktiv „könnten entstehen“ und der Ausdruck „Mehrheit“ fĂŒr einen Stimmenvorsprung von 40 Stimmen bei einer „BĂŒrgerbefragung„. Auch so bringt man komplexe kommunalpolitische VorgĂ€nge und „Interesse fĂŒr Kommunalpolitik“ auf ein kurzes Karteikartenformat.

Gut vernetzte CDU - sogar Heddesheim hat es ins "Dagegen-Angebot" der "CDU Deutschlands" geschafft. Quelle: die-dagegen-partei.de

Offen ist nun die Frage, wie mit der Aussage umzugehen ist, dass Herr Christof sich nur „im Nachbarkreis“ politisch so massiv engagiert, wenn sein Kandidat auch in diesem Kreis auftritt – dazu noch in Hirschberg, dem Nachbarort von Heddesheim, der ebenfalls von einer „Gewerbeansiedlung“ betroffen sein wird.

Julien Christof als "Beauftragter fĂŒr Presse und Öffentlichkeitsarbeit" des CDU-Kreisverbands Neckar-Odenwald. Quelle: CDU NOK

Und seine vielfĂ€ltigen AktivitĂ€ten im Internet schließen diese „Kreise“ oder heben sie vielmehr auf, weil diese Informationen nicht an Kreisgrenzen halt machen, sondern wie gezeigt selbst bis nach Berlin reichen und von dort wieder zurĂŒck.

Parteiliche Freizeit vs. unparteiliche Arbeitszeit?

Herr BĂŒrgermeister Michael Kessler wiederum wird sich die Frage gefallen lassen mĂŒssen, ob er das „freizeitliche Treiben“ seines Hauptamtsleiters weiterhin so genehmigt oder nicht eventuell etwas „unverschĂ€mt“ und „respektlos“ findet – mal ganz abgesehen von der Frage, ob man tatsĂ€chlich davon ausgehen kann, dass Herr Christof seine „FreizeitbeschĂ€ftigungen“ und seine Pflicht zur Unparteilichkeit als Beamter sauber trennen kann.

Insgesamt muss Herr Christof viel Freizeit haben, denn als Anschrift gibt er die Mauritiusstraße in Osterburken an. Zwischen seinem Wohnort und seinem Arbeitsort im Rathaus am Fritz-Kessler-Platz liegen je nach gewĂ€hlter Fahrtstrecke 105-120 Kilometer – die schnellste Strecke dauert einfach 1 Stunde 17 Minuten. Aber das ist theoretisch – denn es geht ĂŒber die A6 und die ist stĂ€ndig zu.

Wer vermutet, dieses „freizeitliche Engagement“ diene nur dem „Interesse fĂŒr die Kommunalpolitik und Politik allgemein“, wie Herr Christof uns geschrieben hat, muss respektvoll anerkennen, welch „herausragenden“ Einsatz dieser junge Mann doch so bringt. Und das alles in der Freizeit.

Wer vermutet, dieses Engagement könne vielleicht der „Beförderung“ auf höhere Weihen dienen ebenso wie der Hauptamtsleiterposten, der nur ein Zwischenjob fĂŒr den ehrgeizigen CDU-Mann sei, naja, der wird sich mit ziemlicher Sicherheit vom BĂŒrgermeister Kessler sagen lassen mĂŒssen, dass das eine „unerhörte Vermutung“ ist.

Julien Christof (rechts) beim Gruppenbild. Quelle: JU NOK Facebook


Dokumentation: Das Schweigen der CDU

Guten Tag,

das heddesheimblog bemĂŒht sich seit Wochen, Antworten auf Fragen von der Heddesheimer CDU zu erhalten. Aber weder Fraktionsspitze, nach Parteivorstand, noch Pressesprecher Doll fĂŒhlen sich zustĂ€ndig.
DafĂŒr wird gerne behauptet, dass andere (das sind alle außer der CDU) „falsche“ Informationen verbreiten. Im Gegensatz zur CDU, die die „echten“ Informationen hat.
Das heddesheimblog hat diese Aussagen dokumentiert und sich per email nochmals an Herrn Doll gewandt. Herr Doll ist zwar offiziell Pressesprecher, sortiert aber genau, mit welcher Presse er spricht. GegenĂŒber dem heddesheimblog schweigt er lieber:

Presseanfrage vom 2. Juni 2009

„Sehr geehrter Herr Dr. Doll,

wie Sie vielleicht verfolgt haben, hat das heddesheimblog zur CDU-Veranstaltung am 22. Mai in Heddesheim berichtet.

Falls Sie die Berichterstattung nicht verfolgt haben, möchten wir Sie auf zentrale Aussagen aufmerksam machen:
„ÃƓber TĂ€uscher, die Wahrheit und Herrn Doll“

Im Bericht heißt es, dass Sie persönlich zwei Mal das Urheberrecht verletzen.
Außerdem heißt es darin, dass Sie öffentlich die Unwahrheit sagen.
Und, dass Sie das Publikum tÀuschen.

Dazu fragen wir um ihre Stellungnahme an. Denn sicherlich wollen Sie diese „Anschuldigungen“ nicht „auf sich sitzen lassen“.

Außerdem wĂŒrden wir gerne wissen, welche Studie des Regionalverbandes Sie öffentlich zitiert haben, nach der pro Arbeitsplatz durch Pfenning in Heddesheim 0,6-0,8 weitere ArbeitsplĂ€tze entstehen? Nach unseren Recherchen gibt es keine solche Studie. Aber es kann natĂŒrlich sein, dass wir etwas ĂŒbersehen haben.

Da Sie der Pressesprecher der CDU Heddesheim sind, bitten wir um eine zeitnahe Beantwortung unserer Fragen. Da keine Wahlkampftermine mehr anstehen, ist es sicherlich möglich, im Laufe des 3. Juni eine Antwort zu erteilen.

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen

Hardy Prothmann
Redaktion
das heddesheimblog“

Dokumentation: das heddesheimblog

Lesen Sie zum Thema auch:

Faktencheck: Mehr ArbeitsplĂ€tze durch das „Riesending“ Pfenning?
Leserbrief: Eine tapfere Frau
Artikel: Heddesheimer Jugend. „Keine echten Angebote.“
Artikel: Christliche Kandidatenvorstellung: Nicht zu widerlegen
Kommentar: Kein Anschluss unter dieser Nummer
Dokumentation: ÃƓber TĂ€uscher, die Wahrheit und Herrn Doll
Meldung: Ulrike LochbĂŒhler ist aus der CDU ausgetreten
Meldung: CDU, FDP und SPD lehnen BĂŒrgerbefragung rundweg ab
Kommentar: Leerstunde der Demokratie
Artikel: Top 6 abgelehnt – Gemeinderat gegen BĂŒrgerbeteiligung
Meldung: neinzupfenning verteilt neuen Flyer
Kommentar: Leicht zu verstehen – schwer zu widerlegen
Leserbrief:Wer ist fĂŒr dieses Desaster verantwortlich?“
Glosse: Das Gesetz der Omerta