Montag, 10. Dezember 2018

„Die Vögel brauchen uns.“

Guten Tag!

Heddesheim, 14. April 2010. Der FrĂŒhling kommt, wenn auch regnerisch. Die Vögel zwitschern. Alles scheint wie immer zu sein. Die Natur erwacht, die Jahreszeiten nehmen ihren Lauf. Ist das so? Der Naturschutzbeauftragte der Vogelfreunde und -pfleger, Kurt Klemm, sagt: Nein. „Die Vögel brauchen uns.“

Interview: Hardy Prothmann

Herr Klemm, der FrĂŒhling ist da, die Vögel zwitschern. Finden die schon genug zu fressen?

Kurt Klemm: „In einer Feldflur wie Heddesheim, die dermaßen ausgerĂ€umt ist, gibt es so gut wie keine Wildpflanzen mehr, die manche abschĂ€tzig als „Unkraut“ bezeichnen. Diese Wildpflanzen sind die ErnĂ€hrungsgrundlage fĂŒr viele körnerfressenden Vögel. Die Vögel haben MĂŒhe, genug zum Fressen zu finden.“

Welche Vögel sind das beispielsweise?

Klemm: „Der GrĂŒnfink, der BluthĂ€nfling, Girlitz, Stieglitz. Diese Vögel sind auf halbreife SĂ€mereinen bei der Aufzucht ihrer Jungvögel angewiesen. Sie brauchen Löwenzahn, Vogelmiere, Spitzwegerich, Breitwegerich, Wiesenknopf, Wegwarte. Diese Samen sind ein prĂ€chtiges Futter, die alles enthalten, was die Jungen brauchen.“

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Specht und Meisen im Winter werden durch "ZufĂŒtterung" unterstĂŒtzt - auch im Sommer brauchen viele Vögel "UnterstĂŒtzung". Bild: privat

Wollen Sie damit sagen, dass Gartenbesitzer kein Unkraut mehr jĂ€ten dĂŒrfen?

Klemm: „SelbstverstĂ€ndlich können die Menschen ihre Blumen und Beete pflegen, aber es ist sicherlich möglich, eine kleine naturbelassene Ecke im Garten fĂŒr unsere Vögel zur VerfĂŒgung zu stellen. Was fĂŒr die Menschen „Unkraut“ ist, ist fĂŒr die Vögel Futter, also Nahrung.“

Eine „Unkrautecke“ im Garten liefert Nahrung.

Soll oder muss man die Vögel auch in der Zeit von FrĂŒhjahr bis Herbst fĂŒttern oder werden diese dadurch vom Menschen abhĂ€ngig?

Klemm: „Man spricht nicht von FĂŒttern, sondern von ZufĂŒttern. Das ist sehr sinnvoll, damit genug Futter zur Jungenaufzucht zur VerfĂŒgung steht. Die Vögel werden dadurch nicht abhĂ€ngig. In England beispielsweise ist das ZufĂŒttern weit verbreitet. Die Folgen sind nur positiv, weil der ArtenrĂŒckgang gestoppt werden konnte und gefĂ€hrdete Vogelarten dadurch gerettet werden konnten.“

Welches Futter sollte man anbieten?

Klemm: „Auf jeden Fall kein Winterfutter, dort sind zu große tierische Fettanteile enthalten, die leicht ranzig werden können. Die Industrie hat auch durch die positiven englischen Erfahrungen ein Sommerfutter entwickelt. Das gibt es seit vier Jahren und ist im Fachhandel erhĂ€ltlich, in Heddesheim beispielsweise beim Raiffeisenmarkt.“

In vielen BaumĂ€rkten gibt es jetzt das Winterfutter sehr gĂŒnstig?

Klemm: „Damit sollen die LagerbestĂ€nde verkauft werden. Dieses Futter ist ungeeignet und ich empfehle, dieses nicht zu kaufen. Auf meine Intervention hin hat ein Marktleiter sich auf meine Argumente eingelassen und das Futter nicht mehr angeboten. Diese Einsicht fand ich sehr respektabel. Alternativ kann man sich auch Schrotfutter bei einer MĂŒhle besorgen. Das ist gĂŒnstig zu bekommen und ideal fĂŒr unsere Spatzen.“

Der Hunger treibt es rein – und die Vögel verenden daran.

Kann man auch aus dem Haushalt Reste verfĂŒttern?

Klemm: „Auf keinen Fall, alle gĂ€ngigen Lebensmittel sind fĂŒr die Vögel ungeeignet. GewĂŒrzte Lebensmittel sind das reine Gift. Vögel fressen nicht, was Menschen essen.“

Man kann doch aber immer wieder Vögel an MĂŒlleimern sehen, die fressen sogar Pommes.

Klemm: „Daran erkennt man die Not der Vögel, die so groß ist, dass sie aus schierem Hunger auch ungeeignete Nahrung aufnehmen. Was man nicht sieht, ist, wie viele daran elendig zugrunde gehen. Durch das Salz, GewĂŒrze und ranziges Fett.“

Was ist mit den Insektenfressern?

Klemm: „Hier gibt es ein dramatisches Problem, das wiederum mit dem Öko-Kreislauf zu tun hat. Viele Insektenfresser brauchen Schmetterlings- und Falterraupen. Die wiederum legen ihre Eier bevorzugt an die Brennnessel. Die aber wird mit UnkrautbekĂ€mpfungsmittel vernichtet. Und damit auch die Raupen und damit die Nahrung fĂŒr die Vögel. Das ist ein Riesenproblem.“

Wie kann man es lösen?

Klemm: „Wenn jeder Gartenbesitzer einen Quadratmeter fĂŒr Brennnessel zur VerfĂŒgung stellt, wĂ€re den Vögeln sehr geholfen. Auch Gemeinden könnten Brennnesselfelder stehen lassen und nicht immer sofort mĂ€hen. Ich kĂ€mpfe seit Jahren dafĂŒr, dass die Gemeinde sich hier einsichtig verhĂ€lt.“

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Kurt Klemm hat in seinem Garten alles gemacht, damit sich der Vogel an sich, aber auch viele Insekten als Vogelfutter wohl fĂŒhlen. Bild: heddesheimblog

Soll man auch zufĂŒttern?

Klemm: „Das kann man. Viele Meisen und Finken beispielsweise ziehen ausschließlich mit Raupen ihre Jungen groß. Wer vermutet, dass ein Nest in der Umgebung besteht, kann beispielsweise lebende MehlwĂŒrmer anbieten, das ist ein Festschmaus fĂŒr die Vogeljungen. Der Spatz wiederum ist ein nĂŒztlicher SchĂ€dlingsbekĂ€mpfer und hat sich auf BlattlĂ€use spezialisiert. Ein Nistkasten im Garten fĂŒr den Sperling ersetzt die Giftspritze.“

Der Spatz ersetzt die Giftspritze.

Wo und wie sollte man Futter anbieten?

Klemm: „Lebendfutter immer an einem trockenen, ĂŒberdachten Platz. Doch Achtung: Auch die MehlwĂŒrmer mĂŒssen gefĂŒttert werden. Wer sich dafĂŒr interessiert, kann sich fĂŒr eine Beratung an die Vogelfreunde wenden, hier erhĂ€lt man auch die WĂŒrmer zu gĂŒnstigen Preisen.“

Und was gibt es beim Körnerfutter zu beachten?

Klemm: „Ich empfehle hier nicht aus WerbegrĂŒnden, sondern aus KompetenzgrĂŒdnen den Raiffeisenmarkt. Hier gibt es alles, was der Vogelliebhaber braucht. Dazu gibt es eine kostenfrei eine gute Beratung, weil der Markt von uns, also den Vogelfreunden, gut und gerne beraten worden ist.“

Link:
Vogelfreunde und -pfleger 1960 e.V.