Montag, 09. Dezember 2019

Mariettas Kolumne: Zwischen Wechseljahren und Midlife Crisis – oder einfach nur in der Lebensmitte?


Rhein-Neckar, 24. Juli 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben Рmanchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der Realität. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich da manchmal die Sphären. Und wie ist das mit den Wechseljahren, der Midlife Crisis und mit den Männern? Kompliziert. Soviel steht fest.

Von Marietta Herzberger

Schwaches Geschlecht?

Mit ungefähr Mitte vierzig ist es erstrebenswert, persönliche Ziele, soweit vorhanden, annähernd erreicht zu haben oder sich zumindest in einem gewissen Zustand der Zufriedenheit zu befinden.

Gehen wir davon aus, das Projekt „Zielerreichung“ oder „angenehmer Zufriedensheitspegel“ wurde in weiten Teilen umgesetzt, so lehnt man sich zur√ľck, schaut sich das Ganze bewusst an und res√ľmiert: Alles wunderbar. Kann so bleiben.

Dann erwischt sie dich, die Erkenntnis, dass du massiv auf die Wechseljahre zusteuerst oder schon direkt drin bist. So genau kann das keiner sagen, weil diese individuellen Befindlichkeiten bei Frauen gut 15 Jahre dauern k√∂nnen. Die Grenzen zwischen Beginn und Ende sind flie√üend und k√∂nnen nicht mal hundertprozentig √ľber einen Hormontest fixiert werden. Je nach Tageszeit, Laune, Fett- und Antibiotikumgehalt der Vortagesmahlzeit.

Mal ehrlich: Haben wir als Frau nicht sowieso schon, und v√∂llig ungerechtfertigterweise, den Stempel des schwachen Geschlechtes? Kurz aufgelacht. Wir pubertieren im Laufe eines weiblichen Lebens gleich zweimal und zwischendrin bekommen wir im schlimmsten Fall einmal im Monat schreckliche Bauchkr√§mpfe, welche sich immer den besten Zeitpunkt, wie zum Beispiel den j√§hrlichen Urlaub, aussuchen. In jungen Jahren werden wir schlagartig mit √Ėstrogenen zugesch√ľttet, die Br√ľste wachsen, die H√ľften werden rund, die Pickel sprie√üen. Nach einer Weile lichtet sich das Hormonchaos und wir haben uns daran gew√∂hnt, mehr oder weniger.

Totale Fehlplanung

Knappe drei√üig bis f√ľnfunddrei√üig Jahre sp√§ter spult der Film r√ľckw√§rts. Das √Ėstrogen hat keine Lust mehr und zieht sich zur√ľck. Der langsame R√ľcklauf jedoch funktioniert nicht in allen Bereichen so wie wir es gerne h√§tten. Ich gebe zu, die Zeit ohne diesen monatlichen Dorn stelle ich mir recht angenehm vor. Die d√§mlichen Begleiterscheinungen jedoch m√ľssten nicht sein. Hat das √Ėstrogen damals Brust und H√ľften wachsen lassen, l√§uft das jetzt nicht unbedingt umgekehrt. Bl√∂de Sache. Der Br√ľste schrumpfen zwar, das Gewebe aber bleibt und zieht nicht nur deine Selbstachtung nach unten. Die H√ľften schrumpfen allerdings nicht. Sch√∂n w√§re es. Nein, sie wachsen weiter, weil der sich der Stoffwechsel ohne sein √Ėstrogen auch nicht mehr so frisch f√ľhlt und in aktive Altersteilzeit wechselt. Er ist zwar noch da, arbeitet jedoch nur noch anteilig. Wir setzen mehr Fett um die K√∂rpermitte an, um das in kalten Wintern zu sch√ľtzen, was wir dann sowieso nicht mehr brauchen. Totale Fehlplanung.

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K√∂nnten wir nicht auf die letzten Meter noch mal sch√∂n schlank, glatt und gestrafft sein? Nein, k√∂nnen wir nicht, weil die Natur vorsieht, nur die Geb√§rfreudigen und -f√§higen ins Beuteschema fallen zu lassen. Verabschiedet sich bei uns das letzte Ei, k√∂nnen die Herrschaften noch so lange Nachwuchs zeugen, bis sie tot √ľberm Pissoir h√§ngen. Das ist der Gipfel der Evolutionsunversch√§mtheiten. Wenn dann kein finanzielles Polster zur besonderen Verf√ľgung tr√§ge auf dem Konto liegt, um die Vielfalt der Sch√∂nheitschirurgie auszutesten, wird man sich weise und erhaben dem ganz nat√ľrlichen Prozess √ľberlassen m√ľssen. Wenn ich es mir so recht √ľberlege, ich das angesichts der zuhauf in den Medien vertretenen Botox-Monster sicher nicht das Falscheste.

Wir Frauen m√ľssen irgendwann mal w√§hrend der Sch√∂pfung ganz laut „Hier!“ geschrien haben. Hier, wir nehmen das k√ľnftige Leid aller Menschen auf uns, sind einmal im Monat unrein und geb√§ren unter Schmerzen unsere Kinder – so wurde es zumindest – und wird es manchmal auch immer noch, von den verschiedenen Religionen gepredigt. Ein gut funktionierendes Modell? Nach dem Motto: „Never change a running system“?
Und die M√§nner? Das starke Geschlecht? Meine lieben Damen, liebe M√ľtter und Verb√ľndete. Mal ehrlich, wie vielen M√§nnern gebt ihr die Chance eine Geburt zu √ľberleben? Richtig. Keine. Die Menschheit w√§re ausgestorben, w√ľrden wir diesen Part dem starken Geschlecht √ľberlassen!

Wechseljahre oder Midlife Crisis. Was ist besser?

In der Jugend kämpfen sie ebenfalls mit der Pubertät, den sprießenden Pickeln und Рdavor bleiben wir verschont Рdem einhergehenden Stimmbruch. Kommen wir in die Wechseljahre, kommen sie in die Midlife Crisis. Das klingt besser. Ist es auch.

Haben wir Schwei√üausbr√ľche, weil die Hormone versuchen, sich auf Teufel komm raus gegenseitig zu ersetzen, haben sie Schwei√üausbr√ľche, wenn die nette junge Nachbarin ein zartes, junges „Hallo“ haucht. Haben wir Schwindelanf√§lle, weil der K√∂rper sich umstellt, ist ihnen schwindelig, wenn sie zu viel trinken oder sich mit Mitte f√ľnfzig noch mal ins Cabrio setzen (das sie sich erst jetzt leisten k√∂nnen) und zu schnell fahren.

Was f√ľr uns der T√∂pferkurs zur Selbstfindung, ist f√ľr sie die neue junge Frau mit der Wahnsinnsfigur. Ist die Midlife Crisis nichts anderes, als der verzweifelte Versuch eines alternden Mannes, seine Samen nochmals erfolgreich in die Welt zu streuen? Das Res√ľmee in der Lebensmitte? Reichen ihm Frau und Kinder? Ist der Job der richtige? Hat er alles getan, was er tun konnte? War es das jetzt? Er stellt seine Erfolge in Frage und sich in Szene. Einige setzen dann noch mal ganz neu auf.

Wenn ich detailliert dar√ľber nachdenke, dann haben wir Frauen nicht nur die Wechseljahre sondern zu allem √ÉŇďberfluss die Midlife Crisis gratis dazu. Auch wir ziehen Res√ľmee und so manche fragt sich, ob es das jetzt war, mit dem ehemaligen Adonis, der inzwischen gesch√§tzte 120 Kilos auf die Waage bringt, auf dem Sofa sitzt und weder seinen Geist noch seinen Hintern hochbekommt.

Wir versuchen, uns zu erhalten. Sie versuchen, sich zu vermehren. Ganz simpel eigentlich, wenn man es schwarz-wei√ü sieht. Tun wir aber nicht, daf√ľr sind wir Frauen. Wir sind verst√§ndnisvoll und beleuchten immer alles von allen Seiten, um es allen anderen und uns selbst Recht zu machen. Wir sind stolz darauf, was wir sind und insgeheim wissen wir, dass das vermeintlich „starke Geschlecht“ unterhalb von Weicheiern begrenzt ist. Und trotzdem lieben wir es!

Warum erzähle ich das alles? Nun ja, mit Mitte vierzig ist man eben keine dreißig mehr.
In diesem Sinne

Eure Marietta

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

Die erste Woche – der Weg zum Nichtraucher ist steinig und schwer …


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 29. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger h√∂rt auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. Daf√ľr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich f√ľhlt. Sie schreibt √ľbers Aufh√∂ren, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie √ľbers Anfangen, um aufzuh√∂ren? Wir alle dr√ľcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche H√ľrden sie dabei zu √ľberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch f√ľr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdr√ľcken“. Die erste Woche – als Fast-Nichtraucher.

Von Marietta Herzberger

Nur dieses eine Mal ...

Haben auch Sie Angst, aufzuh√∂ren? Das Rauchen sein zu lassen und sich keine mehr anzustecken? Finden Sie tausend verschiedene Gr√ľnde, weiter zu rauchen? Willkommen im Club der Meister der Selbstl√ľge.

Ein Beispiel, wie sehr sich der Mensch selbst und mit wachsender Begeisterung in die Tasche l√ľgen kann, ist Karla.

Sie ist eine entfernte Verwandte von mir und schon seit ich sie kenne mal mehr, mal weniger √ľbergewichtig und Raucherin. Sie erz√§hlte mir, dass sie irgendwann mal aufgeh√∂rt und spontan f√ľnf Kilo zugenommen hatte. Dann fing sie wieder an, um nicht weiter Gewicht aufzubauen. Damals fragte ich sie, ob sie die f√ľnf Kilo wieder abgenommen h√§tte. Nein, h√§tte sie nicht. Aber zugenommen habe sie seitdem auch nicht mehr. Deswegen w√ľrde sie ja rauchen, um essen zu k√∂nnen.

Sie raucht also, um essen zu k√∂nnen? Um ruhig zu bleiben. Um sich zu konzentrieren. Um√Ę‚ā¨¬¶

Wir Menschen sind Meister, wenn es darum geht, uns selbst in die Tasche zu l√ľgen.

Diese √É‚Äěngste waren immer mein Hemmschuh auf den halbherzigen Wegen zum Nichtrauchen. √É‚Äěngste, die mich Dinge glauben lie√üen wie: Ich genie√üe es. Ich rauche gerne. Es beruhigt mich√Ę‚ā¨¬¶

Diese √É‚Äěngste sind auch heute noch stellenweise bei mir und dicke befreundet mit Zoppo, meinem Rauchelf, der alles versucht, mich wieder an die Giftst√§ngel zu fesseln.

Nur dieses eine Mal …

Sie fl√ľstern mir dann Dinge in mein offenes Ohr wie: „Komm. Wenn du jetzt keine rauchst, dann isst du diesen Schokoriegel. Denke dran: Wenn du diesen Schokoriegel isst, dann wirst du zunehmen! Das ist echter Hunger. Kein Hunger auf Nikotin. Vertreibe ihn, den echten Hunger. Komm, nur ein paar Z√ľge. Du kannst es doch jederzeit wieder lassen. Nur dieses eine Mal.“

Vor einigen Tagen hastete ich durch Termine verschiedenster Art, meine Tochter bekam spontan schulfrei, mein Hund musste zum Tierarzt, mein Auto ging nicht mehr an, es regnete in Strömen, der Akku meines Notebooks gab den Geist auf und meine Kaffeedose war leer. Mein Mann war beruflich unabkömmlich und die Großeltern meines Kindes in Urlaub. Und was tat ich?

Ich lief auf Notstrom. Was tat ich in solchen Situationen sonst noch? Richtig. Runterkommen. Sammeln. Fokussieren. Erst mal Pause machen. Sprich: Eine rauchen. Und ich tat es. Bis zur H√§lfte. Dann ging es mir besser. Bl√∂d, war aber so. Warum ging es mir dann besser? Keine Ahnung. Wahrscheinlich das Grundbed√ľrfnis, etwas Vertrautes als Tr√∂sterchen zu nutzen, wenn alles um einen herum augenscheinlich im Chaos versinkt. Leider hielt dieses Gef√ľhl: „Mir geht es jetzt besser“ nur so lange an, bis ich die Zigarette ausgedr√ľckt hatte. Dann √§rgerte ich mich √ľber mich selbst.

Ich √§rgerte mich so sehr, dass ich am Abend auf einem Konzert dem Caipirinha dankbar zusprach und dazu rauchte. So war es gut, so war es schon immer und morgen w√ľrde ich das wieder lassen. Der Selbstbetrug ging so weit, dass ich den Abend richtig genoss.

Tröste mich Zigarette, ich hatte einen Scheißtag!

Der fahle Geschmack am n√§chsten Morgen war ekelhaft. Das Gef√ľhl, versagt zu haben, noch schlimmer. Das Wissen, dass ich diesen R√ľckschritt niederschreiben sollte, machte meine Laune nicht wirklich besser.

Was habe ich nun davon?
Entzugstechnisch befinde ich mich wahrscheinlich wieder auf Tag Eins. Auf alle F√§lle f√ľhlt es sich so an.

Und ich nehme mir vor: Bis auf weiteres werde ich bei Festivitäten eher dem Wasser als dem Alkohol zusprechen.

Der Weg zum Nichtraucher ist steinig und mit vielen pers√∂nlichen und ganz individuellen Steinen gepflastert. Manchmal ist man zu m√ľde und die Beine zu lahm, um sie noch √ľber die Steine zu heben. Dann latscht man einfach drauf oder stolpert, statt anzuhalten, kurz Luft zu holen, um Kraft zu sammeln und dann das Bein zu heben. Gehen Sie zur√ľck auf „Los“!

Zur√ľck auf „Los“? Eigentlich nicht. Ich mache dort weiter, wo ich vor dem „Rauch-Ausrutscher“ war. Beim Nichtrauchen.

Im August werde ich in Urlaub gehen und mein Tagebuch nur f√ľr mich schreiben. Es wird seit sehr langer Zeit ein rauchfreier Urlaub werden. Darauf freue ich mich. Ich freue mich darauf, ganz entspannt am Flughafen auf den Flug zu warten. Ich werde nicht √ľberlegen m√ľssen, wo ich im Flughafen rauchen kann. Nicht panisch werden m√ľssen, weil ich im Flieger keine rauchen kann. Ich werde die Reise einfach genie√üen k√∂nnen. Darauf freue ich mich. Ich werde ab Mitte September wieder berichten. Schonungslos ehrlich.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und h√∂rt auf, Raucherin zu sein. Dar√ľber schreibt sie so, wie sie das m√∂chte. Am Anfang schrieb sie t√§glich, sp√§ter immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Jetzt geht sie erst mal in Urlaub und wir sind schon gespannt, was sie uns danach berichten wird.

Gl√ľckwunsch! Unsere Autorin Marietta gewinnt Platz 3 beim poetryweb.de :-)


Gl√ľckwunsch! Unsere Autorin Marietta Herzberger hat den dritten Platz beim poetryweb-Wettbewerb gewonnen ūüôā

Guten Tag!

Weinheim/Rhein-Neckar, 27. Juli 2011. (red) Seit Januar 2011 ist sie „an Bord“ und schreibt regelm√§√üig ihre Kolumne f√ľr unsere Blogs : Marietta Herzberger aus Weinheim. Mit ihrem Text „Nicht ohne meine Hypophyse“, den sie im Februar beim Wettbewerb „poetryweb.de“ eingereicht hat, hat sie aktuell den dritten Platz gemacht. In der Jury sitzt unter anderem „Chako“ Christian Habekost.

Gro√üe √ÉŇďberraschung in der Redaktion: Zuf√§llig haben wir am Abend entdeckt, dass unsere Kolumnistin Marietta Herzberger den dritten Platz beim poetryweb.de-Wettbewerb, der „Community f√ľr junge, moderne Literatur“ gewonnen hat. (Hier geht es zur Facebook-Seite von poetryweb.de)

Gute besetzte Jury (von oben): Christiane G√ľth, Christian Habekost, Christoph H√ľnermann, Usch Kiausch. Quelle: poetryweb.de

Herzlichen Gl√ľckwunsch!

Manchmal gibt es unglaubliche Zuf√§lle. Der Text „Nicht ohne meine Hypophyse“ liegt uns schon einige Zeit vor. Wir wussten nichts davon, dass Marietta diesen bei einem Wettbewerb eingereicht hat.

Montags ist unser Kolumnentag. Am Montag, den 25. Juli 2011, haben wir kurz nach Mitternacht redigierten Text unter der √ÉŇďberschrift: „Entschuldige, Schatz, du wei√üt doch, meine Hypophyse!“ ver√∂ffentlicht.

Und um 10:32 Uhr ver√∂ffentlicht poetryweb.de die Gewinner des jungen Literatur-Wettbewerbs – darunter Marietta Herzberger mit ihrem Text in der Kategorie „Innovation“. Gestern Abend sto√üen wir √ľber Facebook auf die gute Nachricht.

Die Jury ist gut besetzt: Die Autorin Christiane G√ľth, der Sprachwissenschaftler und Kabarettist Dr. Christian „Chako Habekost“, der Verlagsmanager Christoph H√ľnermann und die Kulturjournalistin Usch Kiausch haben die eingereichten Beitr√§ge gesichtet und gewertet.

Die Gewinnerbeiträge werden in einem Buch veröffentlicht und auf der Frankfurter Buchmesse prämiert.

Die Gewinner des jungen Literaturportals, denen wir allesamt herzlich gratulieren, heißen wie folgt:

Innovation

1. Gedicht Nr. 2 √ľber Marie – Stefan M√ľller
2. Kantinentisch – Michael M√ľller
3. Nicht ohne meine Hypophyse – Mari Etta

Kurzgeschichte

1. Ziel erreicht – Manuel Zerwas
2. Absurdes – Lina W.
3. Aufwachen um Kopf und Kragen – B.Z.

Lyrik

1. Der Humoris-Tisch – Liz Murphy
2. Bob Dylan – Kai Kraus
3. Konjunktivus permanens – Andreas Hecke

Einen sch√∂nen Tag w√ľnschen Dir alle Mitarbeiter der Redaktion!

Anmerkung der Redaktion:
Alle Texte von Marietta Herzberger (die f√ľr uns aktuell √ľber ihre Rauchentw√∂hnung schreibt) finden Sie, indem Sie bei der Suche rechts „Marietta“ eingeben. Ebenfalls in der rechten Spalte finden Sie unter „Kategorien-Mariettas Kolumne“ ihre Kolumnen sowie die Texte der anderen Autoren.

Mariettas Kolumne: Einmal Haustier, bitte!


Guten Tag!

4. April 2011. Verl√§uft das Leben gleichm√§√üig und ohne gro√üe √ÉŇďberraschungen, wiegt man sich in Sicherheit. So kann es bleiben, so ist es gut. Gelegentlich jedoch wird der Mensch leichtsinnig und setzt die geliebte Ordnung aufs Spiel. Beispielsweise dann, wenn Kinder vorhanden sind und man pl√∂tzlich auf den Hund kommt.

Von Marietta Herzberger

Die grunds√§tzliche Aussage, welche nach zw√∂lf Jahren tierloser Ehe zu treffen ist, und bis heute unverr√ľckbare G√ľltigkeit hat und von mir niemals in Frage gestellt wurde, ist folgende: Ich bin eine gl√ľckliche Ehefrau. Mein Mann ist nicht einfach nur mein Mann, sondern auch Partner, guter Freund und gelegentlich auch Leidensgenosse. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir sind ein eingespieltes Team und stolze Eltern eines liebreizenden, gelegentlich aufm√ľpfigen Kindes mit Namen Ella.

Wir bewohnen ein Haus im behaglichen Weinheim. Ruhige Lage und erstrebenswerte Spuckn√§he zur Autobahn inklusive. M√∂chte ich mit der Stra√üenbahn fahren, ben√∂tigt es lediglich ein paar leichtf√ľ√üige Schritte rechts aus unserer Haust√ľre heraus und -√ā¬† rein ins Gef√§hrt.

Zur Bushaltestelle wende ich mich leicht nach links. Das ist praktisch. Nur nachts nicht. Da n√§mlich st√∂rt das Bimmeln der OEG-Ampel-Warnanlage, das uns alle halbe Stunde mitteilt, dass die Zeit bis zum Weckerklingeln nahe r√ľckt. Wir haben uns daran gew√∂hnt und schlafen mit Ohrst√∂pseln. Das blecherne Surren der Schranke, das ert√∂nt, wenn sich diese herabl√§sst und nach einigen Minuten- untermalt vom Bimmeln – wieder √∂ffnet, versuchen wir noch irgendwie in unsere Tr√§ume einzubauen.

Träume vom Transsibirien-Express

In einer dieser schlaflosen N√§chte hatte mein Mann die rettende Idee: „Schatz, lass uns vom Transsibieren-Express tr√§umen. Da l√§sst sich das Bimmeln so sch√∂n einbetten.“ Ich fand „einbetten“ gut und passend. Seitdem steigen wir ab Einbruch der Dunkelheit beseligt ins Bett und treten unsere gemeinsame Reise an, bis es wieder hell wird.

Unsere Nachbarn sind gr√∂√ütenteils netter, aufger√§umter Durchschnitt und jeder pflegt seinen kleinen Reihenhausgarten mit Hingabe ohne bieder zu sein. Nein, nicht ganz. Am Ende der Stra√üe wohnt ein √§lteres Ehepaar. Dieses ist stolzer Besitzer eines √ľbersichtlichen, mit Inbrunst gepflegten Vorgartens, der sicherlich drei Bierk√§sten fasst und geometrisch einwandfrei mit kleinen, akkurat rund geschnittenen Buchsbaumk√ľgelchen best√ľckt ist.

Damit dieses Kunstwerk niemand zerst√∂rt, wurde ein Stahlzaun in unauff√§lligem Braun, welches vorz√ľglich mit dem Altrosa des Hauses harmoniert, darum gezogen. Aber auch diese Nachbarn sind angenehm h√∂flich und bis auf den Gartenzaun noch nicht straff√§llig geworden.

Kommt Zeit, kommt Wandel

Auf den Hund gekommen?

Wir sind also, wie schon gesagt, eine gl√ľckliche, kleine Familie. Ganz die Norm, nichts Au√üergew√∂hnliches. Nett, normal, beruhigend.

„Ihr seid so herrlich normal“, beneidete mich j√ľngst eine Freundin. Ich gebe ihr Recht. Allerdings hat sie nett und beruhigend vergessen. Bei Gelegenheit werde ich sie darauf ansprechen.

Doch zu einer Zeit des Wandels bestimmte meine kleine sanfte Tochter unerwartet energisch: „Mama, ich will ein Haustier!“

So ist das eben. Wenn die Zeiten pädagogisch wertvollen Spielzeugs vorbei sind, sucht man nach anderen Dingen.

Diverse Forschungen belegen, dass Kinder mit Haustieren, vor allem mit Hunden, √ľber eine gr√∂√üere soziale Kompetenz verf√ľgen und schneller bereit sind, Verantwortung zu √ľbernehmen, als Kinder ohne direkten Tierbezug.

Sie sind meist bewegungsfreudiger, zugleich ruhiger und ausgeglichener. Sie sind also zu Unzeiten ged√§mpft aktiv und das kann bisweilen erstrebenswert sein. Au√üerdem ist erwiesen: Einzelkinder k√∂nnen vereinzelt Defizite im Sozialverhalten aufweisen. Auch reiben sie sich nicht an Geschwistern, sondern an den Eltern, vorzugsweise an der Mutter. Im Prinzip war ich bereits √ľberredet.

„Und was schwebt dir da vor?“ wollte ich von meinem blau√§ugigen Kind wissen.
„Ein Pferd!“
„Ein Pferd ist kein Haustier!“ widersprach eine m√§nnliche Stimme hinter dem Computer.
„Ist es doch! Es kann im Garten leben!“

„Wie w√§re es mit einer Katze?“ warf ich ablenkend in die Runde. „Schatz!“, vorwurfsvoll wandte sich der Vater unserer√ā¬† Tochter mir zu, „du wei√üt, dass ich allergisch gegen Katzen, Hasen und Meerschweinchen bin√Ę‚ā¨¬¶!“

„Mir egal!“ br√ľllte es jetzt von dem tierlosen Einzelkind, „Ich (!) bin aber nicht algerisch! Papa kann ja ausziehen!“
„Ich ziehe nirgendwo hin. Soweit kommt es noch√Ę‚ā¨¬¶!“

Schmollend pulte unser kleiner Sonnenschein mit dem gro√üen Zeh L√∂cher in den Teppich. W√§hrend ich verzweifelt gr√ľbelte, welcher tierische Artgenosse in Frage kommen k√∂nnte, zupfte mich etwas am √É‚Äěrmel.

„Wenn Papa tot ist, krieg ich dann einen Hasen?“

„Du Mama, wenn der Papa tot ist, krieg ich dann einen Hasen?“
„Ja klar, dann kriegst du einen Hasen, S√ľ√üe.“

Mein Herzblatt schaute mich dankbar an. Warum? Was hatte ich gerade gesagt? Was lautete noch gleich ihre Frage? Katze? Hase? Wer ist tot? „Papa?“, s√§uselte unser Liebchen zart, „wann stirbst du denn?“

„Du stirbst?“, irgendwie hatte ich den Faden verloren. Ella schaute ihren Vater durchdringend an. Ja, fast schon hypnotisch. Offenbar erwartete sie nun, dass ihr Erzeuger tot vom Stuhl fallen w√ľrde. Der beschloss jedoch spontan, jetzt noch nicht abzutreten, trat stattdessen zu uns an den Tisch und gab seinem Unmut lautstark Raum: „Seid ihr noch zu retten!?“

Ich versuchte, das Gespr√§ch weg von Tod und Teufel auf ein anderes Gleis zu lenken: „Ein Fisch w√§re toll, oder? So ein Nemo in einem Glas“, und l√§chelte gleichzeitig vers√∂hnlich meinem Mann zu: War nicht so gemeint, verzeihst du mir?

„Nemo ist doof!“
„Eine Maus“, kam der m√§nnliche Vorschlag. Er zwinkerte zur√ľck: Wei√ü ich doch, schon okay.
„Maus ist auch doof!“
„Hamster?“, warf ich tr√§ge in die Runde.
„Total bl√∂d!“

Eine Weile sa√üen wir uns schweigend gegen√ľber und suchten nach Alternativen. Doch weder Fu√üboden, Geheimschublade noch Zimmerdecke gaben etwas Brauchbares her. Schlie√ülich, sich endlos ziehende zweieinhalb Minuten sp√§ter, fand unsere Tochter als erste eine neue Idee: „Ein Hund?“ Sie verbl√ľffte mich mit ihrer Raffinesse, die sie nat√ľrlich von mir hat, und richtete diese Frage mit engelsgleichem Blick an ihren Vater: „Einen Hund, Papa. Bitte, bitte, bitte.“

F√ľnfundzwanzigtausend Mal „Bitte“

Alle „Bittes“ hier aufzuz√§hlen w√ľrde zu weit f√ľhren, also belasse ich es bei drei. Es waren aber deutlich mehr. Gef√ľhlte F√ľnfundzwanzigtausend.

Mein Mann und ich schauten uns skeptisch an. Ein Hund. Dreimal am Tag Gassi. Fusselige Haare im ganzen Haus. Ein dreck- und fellverlierendes, sabberndes Betteltier, welches unserer klinisch reinen Ella genie√üerisch das Gesicht ableckt, wenn wir gerade nicht hinsehen? Konnten wir uns vorstellen, gelassen und heiter zu bleiben, wenn unser Goldl√∂ckchen eintr√§chtig mit einem verfressenen Kl√§ffer vor dem Napf sitzen w√ľrde und die beiden sich das Trockenfutter teilen? Und √ľberhaupt, was so was kostet!

In stiller √ÉŇďbereinkunft nickten wir uns zu. Wer von uns w√ľrde den, nach sorgf√§ltigem Abw√§gen getroffenen Beschluss dem kleinen, voll banger Erwartung erstarrten Wesen √ľberbringen?

Seufzend falteten wir die H√§nde. Ellas Augen wuchsen auf die Gr√∂√üe von Billardkugeln. Sie krallte sich in die Stuhllehne, w√§hrend sie heiser fl√ľsterte:“ Ein Hund√Ę‚ā¨¬¶bitte√Ę‚ā¨¬¶ein kleiner Hund√Ę‚ā¨¬¶nicht viel√Ę‚ā¨¬¶.sooo klein!“ Sie formte mit ihren H√§nden und Fingern sowas in der Gr√∂√üe wirklich sehr, sehr kleinen Hundes.

„Also, wenn, dann ein richtiger Hund! Mit so einer Stra√üenratte kann ich nichts anfangen“, brummte mein geliebter, weiser Mann und zwinkerte unserem siebenj√§hrigen Wonneproppen zu.

Ich richtete mich zu voller Sitzgr√∂√üe auf, um dem Begeisterungsturm standhalten zu k√∂nnen, der nun eigentlich folgen musste. Gespannte Vorfreude lie√ü uns Eltern erzittern. Gleich w√ľrde sie uns um den Hals fallen, Freudentr√§nen ihre unverdorbenen Wangen ben√§ssen.

„Ich dachte schon, ihr k√∂nnt euch nie entscheiden“, unser ausgesprochen wohlgeratener Spr√∂ssling verdrehte kurz die Augen, sprachs, stand auf und stellte unger√ľhrt fest: “ Ich hab Hunger. Wann gibt‚Äôs Essen?“
„Gleich!“, hauchte ich m√ľtterlich gefasst.
„Was gibt es denn?“
„Hot Dogs!“

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

Mariettas Kolumne

Von kleinen Zielen und großer Erschöpfung

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 28. Februar 2011. Marietta hat sich f√ľr’s Neue Jahr vorgenommen, sich kleinere Zielen zu stecken und vor allem Gelassenheit zu √ľben. Das wurde auf eine harte Probe gestellt.

Von Marietta Herzberger

Das Neue Jahr ist ja schon einige Zeit alt und ich habe Gabis Ratschlag, sich kleine Ziele zu setzen, bis jetzt erfolgreich umgesetzt.

Und siehe da: Es funktioniert. Ein kleines Ziel seit diesem Jahr ist f√ľr mich: Gelassenheit √ľben. Nur nicht √ľber Nichtigkeiten aufregen. Ein weiteres ist, gro√üe Ziele in viele kleine aufzuteilen.

Der Weg ist das Ziel.

Fr√ľher sagte ich mir: „Marietta, wenn du die zehn Kilometer nicht in 6 Minuten 30 pro Kilometer l√§ufst, bist du ein Loser. Das muss drin sein.“ Das Resultat war st√§ndige Frustration.

Heute laufe ich entspannt zwei bis dreimal f√ľnf Kilometer die Woche oder auch nur einmal drei Kilometer oder gar nicht – wie gesagt – kleine Ziele. Dabei f√ľhle ich mich gut. Gerade letzte Woche haben mich zwei √ľbergewichtige Walker √ľberholt. Egal. Der Weg ist das Ziel und falscher Ehrgeiz die Bremse dahin. Der Berg ist hoch.

Unl√§ngst absolvierte ich meine gem√ľtliche Runde im „Own-Zone-Bereich“, da lachte mich bei Kilometer F√ľnf eine aparte Gr√ľnfl√§che mit zwei Parkb√§nken an. Ach, dachte ich, da findest du jetzt einen Moment zu dir selbst, und lie√ü mich auf einer der beiden B√§nke nieder.

Die Schaukel, das Kletterger√ľst und die Wippe st√∂rten mich nicht. Auch nicht die beiden kleinen, gar niedlich anzusehenden Kinder, welche friedlich nebeneinander im Sandkasten spielten. Vier Jahre alt mochten sie sein, vielleicht auch f√ľnf.

Ein Mädchen, blond gelockt wie ein Engel. Ein Junge, frecher Haarschnitt, kecke Nase, blaue Latzhose und rotes Halstuch. Niedlich! Sie häuften Sand auf, gruben Löcher, häuften Sand auf und gruben Löcher. Hach, Kinder! Meine Tochter ist schon so groß.

Das Leben ist einfach und schön.

Ihre M√ľtter sa√üen auf der anderen Parkbank nebeneinander, still und im Anblick auf ihre Nachkommenschaft vertieft. Die blonde, dauergewellte, etwas f√ľlligere Dame geh√∂rte dem √É‚Äěu√üeren nach wohl zu dem kleinen Engelchen.

Die rothaarige Mittdreißigerin wahrscheinlich zu dem Jungen. Soweit ich erkennen konnte, hatte sie die Augen geschlossen. Wahrscheinlich war sie vor lauter Entspannung eingenickt. Das Leben ist einfach und schön.

Es war ein Idyll der Ruhe und Entspannung. Genau das brauchte ich jetzt. Der Lauf hatte mich doch etwas erschöpft. Die Sonne kam heraus. Ich schloss meine Augen und döste gelöst vor mich hin.

„Meine Schaufel, du Loch!“ Ich √∂ffnete ein Auge.

„Nein, die rote ist doch meine. Dir ist die gelbe“, sagte der kleine Junge kleinlaut und zeigte auf eine gelbe Schaufel, die einsam im Sand lag.

„Piss dich, du Arsch!“

Ich öffnete das andere Auge. Kamen diese unflätigen Worte von dem putzigen Mädchen?

Blau√§ugig, blondgelockt und rosige B√§ckchen? Mein Blick erhaschte Unfassbares. Die kleine S√ľ√üe hatte sich in eine Furie verwandelt.

Hasserf√ľllt schaute sie den Jungen an; die blonde M√§hne hing ihr wirr ins vor Wut ger√∂tete Gesicht, w√§hrend sie flei√üig dabei war, ihrem Gegenspieler etwas Rotes aus den H√§nden zu rei√üen.

Mit Erfolg. Doch damit war dem noch kein Ende gesetzt. Das Herzchen begann, wild mit der Schaufel auf den Jungen einzudreschen. Der wiederum versuchte erfolglos, sich zu wehren.

Ich lass mich nicht aus der Ruhe bringen.

Wie gesagt, ich war sehr ersch√∂pft und √ľbte mich in Gelassenheit. Kinder, dachte ich.

Jaja, die Mama wird das schon regeln und helfend einspringen.

Ich beschloss, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und senkte meine Lider wieder hinab.

„Naomi“, ert√∂nte es donnerschlaglaut von nebenan, „lass den verdammten Balg in Ruh√ā¬ī.“

Mein Idyll verabschiedete sich und ging schon mal heim.

Die kleine Blonde hatte jedoch nicht die Absicht, aufzuh√∂ren. Nun folgte eine etwas massivere, gar dr√∂hnende Aufforderung: „Naomi Schw√∂bel, h√§r soford uff oder isch knall dir √§ni!“

Erziehung wird hier √ľber Zuruf geregelt.

Offenbar regelt man hier die Erziehung √ľber Zuruf. Die Dame dachte n√§mlich nicht daran, aufzustehen, lehnte sich zur√ľck und z√ľndete sich erst einmal eine Zigarette an.

In diesem Moment wachte wohl ihre Banknachbarin auf, erkannte die prekäre Situation sofort und eilte zu ihrem Sohn.

L√∂ckchen hieb immer noch auf den Kleinen ein und schrie dabei wiederholt: „Meine Schaufel. Meine Schaufel.“

Die Mutter des Jungen nahm dem kleinen Biest die Schaufel weg und zog ihren Sohn aus der Gefahrenzone. W√§hrend sie ihrem Spr√∂ssling den Sand aus dem Mund pulte, wandte sie sich halb zu Mutter Schw√∂bel um und sagte folgende Worte: „Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn mein Lars-Olaf weiterhin mit ihrer Tochter spielt.“

Wie gesagt, ich war sehr erschöpft. Zu erschöpft, um mich zu erheben. Vielleicht aber auch zu neugierig, um zu gehen. Es versprach, interessant zu werden.

Mama Schw√∂bel wurde verd√§chtig rot im Gesicht und st√ľrzte sich gleich darauf mit Kriegsgeheul auf Lars-Olafs Erziehungsberechtigte. Diese lie√ü √ľberrumpelt die Schaufel fallen und von ihrem Kind ab. Die kleine blonde Bratze sa√ü im Sand und schrie nach ihrer roten Schaufel.

Das war ein Gewusel und Gemenge vor dem Herrn. Irgendwann hatte Engelchen die rote Schaufel wieder und Lars-Olaf saß gefesselt und geknebelt auf der Wippe. Die alte Schwöbel kniete auf der Rothaarigen und war gerade dabei, deren Aufbegehren mit Sand zu ersticken. Sie nahm dazu die gelbe Schaufel. Die rote hatte ja ihre Tochter.

Nun, ich war immer noch sehr ersch√∂pft. Voller Vertrauen auf die Vernunft und Weitsicht erwachsener Menschen, atmete ich tief durch. Der Berg ist hoch. √ÉŇďbe Gelassenheit.

Jemand musste wohl die Polizei gerufen haben. Ich hörte das typische Sirenengeheul. Aber da war ich schon längst zu Hause.

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir begr√ľ√üen sie herzlich und freuen uns auf die Zusammenarbeit. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

Mariettas Kolumne: Vom „Isch m√§hn doch nur“ und „So isser halt, de Dieter!“


Guten Tag!

Heddesheim, 24. Januar 2011. Marietta ist noch jung und unerfahren, als sie mit ihrem zuk√ľnftigen Mann die erste Wohnung beziehen will. Dort wird sie mit Dieter konfrontiert, ihrem heutigen Schwiegervater, und es wird eine ganz besondere Begegnung. Lesen Sie selbst.

Von Marietta Herzberger

Kennen Sie Heinz Beckers „Ich saans jo nur√Ę‚ā¨¬¶“?
Die entnervten Antworten seines Sohnes Stefan: „Jooo, Vadder!“ und Hildes resigniertes „Ach, Heinz, des kansch doch so net√Ę‚ā¨¬¶“?

Ist Ihnen Knallinger√ā¬īs „Ja, guten Tach, ich h√§b do mol √§ Froog√Ę‚ā¨¬¶.“, nicht ganz unbekannt?
Dann kennen Sie möglicherweise auch Dieter. Wenn nicht, dann stellen Sie sich eine ungewollt komische Mischung der beiden vor und Sie haben ihn vor Augen.

Heiner Knalliger war gestern. Ebenso Gerd Dudenhöfer alias Heinz Becker. Denn es gibt Dieter. Aber das wissen nur wenige Auserwählte. Beispielsweise ich, mein Mann, dessen Familie, sowie wenige eingeweihte Freunde, denen ich gelegentlich mein Leid klage.

Jetzt kommt Dieter – mein Schwiegervater!

Jetzt kommt Dieter: Der Vater meines Mannes, Großvater unserer Tochter. Mein Schwiegervater!

Dieter ist der verbal zerst√∂rende Faktor jeder Familienzusammenkunft und der Alptraum eines jeden Telefongespr√§ches. Dieter ist nicht nur Brillen-, sondern auch Bedenkentr√§ger und sieht √ľberall die Saat des B√∂sen. Dieter ist der evolutionstechnisch gescheiterte Versuch, aus Knallinger und Dudenh√∂fer einen Mordsbr√ľller entstehen zu lassen.

Da bleibt nur noch Sabbatical oder Valium!

Meine Geschichte mit Dieter beginnt vor ungef√§hr f√ľnfzehn Jahren. Mein Freund – heutiger Ehemann – und ich bezogen stolz unsere erste, total verfallene Wohnung. Seine Eltern erkl√§rten sich bereit, uns bei den umfangreichen Renovierungsarbeiten zu helfen.

Damals freute ich mich noch – √ľber die segensreiche Hilfe. Mit dem heutigen Wissen allerdings w√ľrde ich mir ein dreimonatiges Sabbatical nehmen, um die Bude auf Vordermann zu bringen; Alternativ zwei: Valium einwerfen.

Ach, was waren wir stolz auf unser erstes Domizil. Klein, ein wenig Schimmel hier und da. Mit zugigen Holzfenstern und modrigem Keller, aber unser. Wie schön!

Der Profi bei der Arbeit: Der guude Tipp.

Dieter schlich bei der Erstbesichtigung mit Mundschutz und Werkzeugkoffer im Anschlag durch jedes Zimmer, klopfte die Wände ab, rubbelte an den Aufputz-Rohren, wischte, trat, saugte und blies. Sein Weib Traudl folgte ihm wortlos mit bedeutungsschwerer Miene.

Weise und erfahren grummelte er wiederholt unter dem Rand seiner schwarzger√§nderten Brille „Hm, Hm, oh je, ach Gott n√§√§…“, wobei er seine Augenbrauen abwechselnd hoch- und zusammenzog.

Ich warf einen irritierten Blick zu meinem Mann „Was soll das?“ Er antwortete mit m√ľrbem Gesichtsausdruck: „Das macht er immer so.“

Dann kam der Moment, in dem ich zum ersten Mal die Worte vernahm, die mir den Rest meines Schwiegertochterlebens in regelmäßigen Abständen begegnen sollten:
„Horsche mol zu√Ę‚ā¨¬¶.!“ Dann folgt eine bedeutungsschwangere Pause: „Wenn ich eisch mol√ā¬īn guuude Tipp gewwe derf√Ę‚ā¨¬¶“

Dieter stand vor uns, ich hing ahnungslos und wissbegierig an seinen Lippen, w√§hrend er mahnend seinen Zeigefinger vor unsere Nasen hob: „Isch h√§dd des net gemacht, mit dere Wohnung do. Also, des iss jo√ā¬īn hauffe √É‚Äěrwed. Ihr wissd gar net, wasser eisch domit aduht!“

Kopfsch√ľttelnd wandte er sich ab, zog seinen Mundschutz herunter und murmelte scheinbar fassungslos so etwas wie „Was des koscht! N√§√§, n√§√§.“

Restlos verschuldet bis ans Lebensende?

Unverz√ľglich wollte ich ein Stockwerk tiefer zum Vermieter st√ľrzen, um den Mietvertrag r√ľckg√§ngig zu machen. Wie konnten wir nur so blind sein. H√§tten wir doch vorher√Ę‚ā¨¬¶ Wenn wir eher den Dieter gefragt h√§tten. Wenn, wenn, wenn√Ę‚ā¨¬¶

Was sollten wir jetzt tun? Verschulden w√ľrden wir uns! Restlos! Bis an unser Lebensende w√ľrde die por√∂se Badewanne des Nachts unsere Tr√§ume heimsuchen und vorwurfsvoll die Ein-Hebel-Mischgarnitur schwenken. T√§glich w√ľrden wir uns bei kargem Fr√ľhst√ľck, Wasser und Brot, gegenseitig anklagen: „Ach, h√§tten wir doch Dieter gefragt!“

Bl√∂dsinn. Ich war nicht bereit, mir „unser“ kaputter machen zu lassen, als es war. Gerade wollte ich zum Sprung ansetzen, da riss mich die beschwichtigende, jedoch leicht genervte Stimme meines Mannes j√§h zur√ľck: „Mensch, Vadder!“

„So schlimm isses doch net.“

Dann vernahm ich die eher zur√ľckhaltende Wortmeldung meiner zuk√ľnftigen Schwiegermutter: „Ach Dieter, komm. So schlimm isses doch net.“

Wie? So schlimm ist es gar nicht? Mein gequ√§lter Blick prallte an der m√§nnlichen Pr√§senz meines Schwiegervaters ab, der unerwartet ausdruckslos den Mundschutz wieder hochzog, den Werkzeugkoffer absetzte, ihn √∂ffnete und dabei nuschelte: „Isch m√§hn jo nur√Ę‚ā¨¬¶“

Gehetzt sah ich zu meinem Mann hin√ľber, der erst die Augen verdrehte und mir dann zuzwinkerte. „Alles halb so schlimm, lass dich nicht verunsichern“, sagte mir seine Geste. „Okay√Ę‚ā¨¬¶ Verstanden“, sagte ich.

Traudl begann, Fenster zu putzen. Es kam mir zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn, sie zu fragen, warum sie das tat, wenn doch erst die Tapeten herunter mussten. Ich war jung und unwissend. Wahrscheinlich m√ľssen M√ľtter das tun, sagte ich mir. Erst einmal Fenster putzen. Dann sieht man „weiter“. Irgendwie.

Dieter war unterdessen dabei, irgendwo ein Loch hineinzubohren. Wahrscheinlich wollte er testen, ob das Fundament das aushalten oder gleich alles einst√ľrzen w√ľrde. Mein Mann pulte Tapeten ab. Ich beschloss, die Situation nun auch f√ľr mich zu entsch√§rfen und tat es ihm gleich.

„Sind wir hier in den 50er Jahren?!“

Dann kam Dieter auf mich zu, dr√ľckte mir Schippe und Besen in die H√§nde und fuchtelte wild mit dem Zeigefinger in Richtung frisch gebohrtes Loch: „Do, mache mol Fraue√§rwed. Mach des mol weg do.“

Und schon bohrte er an anderer Stelle männlich qualifiziert weiter.

Da stand ich nun mit Schippe und Besen – ich Frau – und fing an zu hyperventilieren. Mein Mann lie√ü alle Tapetenreste aus seinen H√§nden fallen und hechtete auf mich zu. Er kannte mich schon verdammt gut. Traudl erstarrte mitten in ihrer schwungvollen Fensterpolieraktion und schaute blutleer zu mir her√ľber.

Doch es war zu spät. Der Schaum stand mir bereits in den Mundwinkeln, meine Hände zuckten unkontrolliert und die Schippe hielt sich verzweifelt an meinem Finger fest.
„Sind wir hier in den 50er Jahren?!“, bl√§ffte ich barsch: „Mach doch deinen Dreck selber weg!“

„So isser halt, de Dieter!“

„Ganz ruhig…,“ tr√∂stend und gleichzeitig nerv√∂s nahm mein Mann mich in den Arm, w√§hrend er mir vorsichtig den Besen aus den verkrampften Fingern l√∂ste.

Traudl stellte sich sch√ľtzend vor ihren Ern√§hrer, Vater ihres einzigen Sohnes, und versuchte, die Situation zu retten. Verlegenen Blickes und sichtlich peinlich ber√ľhrt sagte sie diesen Satz, den ich in Zukunft noch √∂fter h√∂ren durfte: „Ach, der Dieter meint das doch nicht so.“

Der bohrt weiter L√∂cher in die Wand und murmelt: „Isch m√§hn doch nur√Ę‚ā¨¬¶.“

Entschuldigendes Schulterzucken in unsere Richtung von Traudl: „So isser halt, de Dieter!“

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir begr√ľ√üen sie herzlich und freuen uns auf die Zusammenarbeit. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!