Mittwoch, 17. Juli 2019

Herr Biedermann und sein Bericht – tr├╝be Aussichten ohne „Defizite“

Guten Tag!

Heddesheim, 21. April 2010. Die Jugendarbeit in Heddesheim hat einen Namen: Ulrich Biedermann. Damit ist der Inhalt der Sitzung des Jugendausschuss treffend wiedergegeben. Oder vielleicht nicht ganz: Berichtet wurde ├╝ber die Jahre 2008 bis 2009. Die „Perspektiven“ f├╝r 2010 sind eher d├╝ster. Ulrich Biedermann erwartet noch mehr Arbeit, als er schon hat.

Kommentar: Hardy Prothmann

Gestern schrieb eine Leserin per email an die Redaktion. Sie bezog sich auf einen Artikel im Mannheimer Morgen und sah wichtige Fragen nicht beantwortet.

Da ging es ihr wie uns. Die Sitzung des Jugendausschusses war nicht einfach nur eine Sitzung – sie wirft Fragen auf. An den Antworten arbeitet die Redaktion. Dazu geh├Ârt auch, sich die Fragen von LeserInnen zu eigen zu machen.

Fragen einer Leserin.

Unsere Leserin, Mutter von drei Kindern, schreibt:

„K├Ânnen Sie mir erkl├Ąren, warum das Jugendhaus genau in der Zeit (Sommerferien), in der es Jungendliche nach meiner Meinung zum Teil dringender ben├Âtigen als sonst, immmer 4 Wochen schlie├čt?“

Die Erkl├Ąrung ist einfach: „In den Sommerferien hat das Jugendhaus Just vier Wochen zu. Dann ist auch f├╝r Sozialarbeiter und Just-Leiter Ulrich Biedermann Urlaubszeit“, schreibt der Mannheimer Morgen.

Was der MM nicht schreibt – wenn Herr Biedermann fehlt, ist auch das „Just“ zu.

„Selbst wenn berufst├Ątige Eltern keinen gemeinsamen Urlaub machen w├╝rden, k├Ânnten Sie immer noch keine 13 Wochen Schulferien ├╝berbr├╝cken.
Ich habe das jetzt schon einige Jahre immer wieder im MM gelesen und nie verstanden, warum dies angeblich niemanden st├Ârt. Aber vielleicht ist auch das eine Heddesheimer Spezialit├Ąt – so wie das Ferienprogramm der Vereine, das meistens am Wochenende stattfindet.“

Heile Welt.

Die Antwort darauf ist auch einfach. St├Ârend werden wohl eher kritische Fragen empfunden – das bietet der MM nicht, daf├╝r aber eine heile Welt:

„Erfreulich hingegen: Auch einige zuletzt als problematisch aufgefallene Jugendliche h├Ątten wieder den Weg ins Just gefunden, wie Walter Gerwien, CDU-Gemeinderat und Jugendsachbearbeiter im Polizeiposten Heddesheim, beobachtet hat.“

Bei dieser Berichterstattung sind leider zwei Dinge problematisch: Es wird etwas als „erfreulich“ eingestuft und unrecherchiert ├╝bernommen. H├Ątte eine Recherche stattgefunden, w├Ąre dies mindestens mit einem Satz erw├Ąhnt worden.

Und dann wird halbrichtig etwas berichtet, dass sich zun├Ąchst positiv lie├čt: „Zugenommen hat laut Biedermann auch die Zahl der Eltern, die im Just Beratung in Erziehungsfragen suchen“, steht es im MM. Die Information, dass viele dieser Eltern „erscheinen m├╝ssen“, h├Ątte vielleicht die positive Wirkung der „Information“ geschm├Ąlert.

G├Ąnzlich seltsam ist es, wenn der MM berichtet:
„Bis 2006 wurde er, anstelle der „FSJ-lerin“, von Studentinnen im Praktikum unterst├╝tzt: alle sechs Monate eine „Neue“. Die Umstellung auf die Freiwilligen im Sozialen Jahr brachte mehr Kontinuit├Ąt ins Just, wie Biedermann am Dienstagabend dem Jugendausschuss des Gemeinderats berichtete. „Eine Verbesserung“ folglich, denn gerade den M├Ądchen soll die Zweite im Team Vertrauensperson sein. 2008 schrumpfte das Just dennoch f├╝r ein paar Monate zur „One-Man-Show“: Der FSJ-Mitarbeiterin hatte sich vorzeitig eine Job-M├Âglichkeit geboten.“

Auch diese Wiedergabe ist der ├Ąu├čeren Form nach korrekt. Nachgedacht ist es nicht: „Eine Verbesserung“ folglich…schrumpfte das Just….zur „One-Man-Show.“

Verbesserung?

Was soll das hei├čen? Das System, das eine Verbesserung darstellen soll, f├╝hrt dazu, dass Ulrich Biedermann pl├Âtzlich alle Aufgaben alleine bew├Ąltigen muss? Ist das folglich eine „Verbesserung“?

Damit ├╝berhaupt etwas funktioniert, braucht das „Just“ Unterst├╝tzung durch Vereine, ehrenamtliche Helfer und auch die Polizei.

Ulrich Biedermann tr├Ągt vor, was im und ums „Just“ geleistet wird. Das ist sehr viel.

Aber es ist auch deutlich zu wenig. Herr Biedermann benennt die Gr├╝nde – allerdings nur, wenn man aufpasst.

Eine „zweite im Team“ sollte also „Vertrauensperson“ f├╝r die M├Ądchen da sein – und wars dann nur kurz, weil sie irgendwo kein Praktikum, sondern einen Job gefunden hat. Ihr Egoismus ist nachvollziehbar.

M├Ądchen und Jungs – zwei Welten.

Nicht verst├Ąndlich ist, dass keiner in der Sitzung h├Âren wollte, was gesagt wurde: Die M├Ądchen nutzen das „Just“ sehr intensiv und bringen sich ein.

Viele der Jungs tun das nicht.

Der MM schreibt:
„Denn diese werden im Just eingebunden. Sie k├Ânnen (und sollen) auch Dinge in eigener Regie auf die Beine stellen: Partys, Konzerte, Sonntags├Âffnung. Derzeit, r├Ąumt Biedermann ein, sei dies „aufgrund der Besucherstruktur weniger m├Âglich“. Die Jugendlichen seien „nur noch partiell bereit, sich einzubringen.“

„Nur noch partiell bereit, sich einzubringen“ also. Was hei├čt das?

Das bedeutet Stress, Kampf, Geduld, Mut, Fantasie, Energie, Kraft.

Und Entmutigung, Motivation, Fremde.

Das erlebt ein Sozialarbeiter wie Ulrich Biedermann st├Ąndig. Als „One-Man-Show“. Als Mann nur bedingt als „Vertrauensperson“ f├╝r M├Ądchen (mit Migrationshintergrund) geeignet zu sein. Da kann er sich noch so anstrengen – als Mann bleibt er Fremder.

In der Sitzung fragt sich der Gr├╝nen-Gemeinderat G├╝nther Heinisch, ob sich vor der Leistung eines Herrn Biedermanns nicht die Frage stellt, ├╝ber eine Personalaufstockung nachzudenken?

B├╝rgermeister Michael Kessler hatte sichtbar keine Lust nachzudenken und sagte sehr unwirsch und streng, er k├Ânne keine Defizite erkennen. Worauf Heinisch zu recht sagte, dass er ├╝berhaupt nicht von Defiziten, sondern von Chancen f├╝r noch mehr gute und wichtige Jugendarbeit gesprochen habe.

Grenze der Belastbarkeit.

Kessler lie├č das nicht gelten und gab CDU-Gemeinderat Walter Gerwien das Wort. Der ist Jugendsachbearbeiter im Polizeiposten Heddesheim. Gerwien bedankte sich und sagte: „Ich frage mich, wie der Mann das alles bew├Ąltigt. Und sehe ihn langsam an der Grenze der Belastbarkeit.“

Damit meinte er nicht Herrn Kessler, sondern Herrn Biedermann.

B├╝rgermeister Michael Kessler lie├č diesen Beitrag unkommentiert und ging zum n├Ąchsten Tagesordnungspunkt ├╝ber.

Im Zuschauerraum sa├č ├╝brigens genau ein (├Ąlterer) B├╝rger, der sich f├╝r die vergangene und k├╝nftige Jugendarbeit interessierte.

Die „k├╝nftige“ Jugendarbeit war fast kein Thema, die vergangene macht acht Seiten aus – voller Aktivit├Ąt, aber auch Problemen:

Der Bericht ├╝ber die Aktivit├Ąten des Jugendhauses ist 8,5 Seiten lang. Der interessanteste Teil steht am Ende unter „Perspektiven und Schwerpunkte“.

Darin hei├čt es:
„Das F├Ârderungs- und Unterst├╝tzungsangebot der Jugendlichen in den Bereichen Schule, Arbeit, und Familie verbunden mit der Vermittlung lebenspraktischer Kompetenzen wird mittelfristig an Bedeutung gewinnen, da sich die Situation am Arbeitsmarkt eher noch dahingehend versch├Ąrfen wird, dass es immer weniger niederqualifizierte Stellen geben wird, deren Lohnentwicklung dem Mittellohnsektor hinterherhinken wird.“

Die Folge: Die Eltern haben „mehrere Arbeitsverh├Ąltnisse“, noch weniger Zeit f├╝r die Kinder, Erziehungsdefizit – Schulen, Kinderg├Ąrten, noch Biedermann haben eine Chance, das „aufzufangen“.

Die „One-Man-Show“, Herr Biedermann, schreibt:

„In genau dieser Schnittstelle bewegt sich die Offene Jugendarbeit mit der Ausrichtung zuk├╝nftiger F├Ârderangebote.“