Sonntag, 15. Dezember 2019

Edeka: Heute wird es wieder eine Discount-BĂŒrgerbeteiligung geben

Heddesheim/Rhein-Neckar, 29. Juni 2011. (red) Heute Abend um 19:00 Uhr laden der Handelsriese Edeka und die Gemeinde Heddesheim zu einem „Infoabend“ ein. Der Ablauf ist vorprogrammiert. Es spricht Edeka, es spricht BĂŒrgermeister Kessler und es werden wenige BĂŒrger sprechen, weil es ihnen an Informationen fehlt.

Von Hardy Prothmann

Edeka-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Dr. Detlev Weiler wird sagen, dass Edeka Lebensmittel liebt, das man ganz auf die Region setzt, auf Treue, auf die lange Tradition, dass man zwar enorm investiert, aber die Belastung, beispielsweise durch Verkehr sinkt. Und ja, man verlagert zwar ArbeitsplĂ€tze, aber man schafft auch neue und schaut so in eine gute Zukunft. Man bekennt sich zum Standort Heddesheim.

BĂŒrgermeister Kessler wird die Tradition loben, den grĂ¶ĂŸten Arbeitgeber, die vertrauensvolle Zusammenarbeit, wird auf die Gewerbesteuer verweisen, wird das Unternehmen loben und Sorgen klein reden.

Und dann sind die BĂŒrger dran. Doch was sollen die fragen, wenn sie nur „wissen“, was StĂŒck fĂŒr StĂŒck bekannt gegeben wird?

Warum sollten sie fragen, wenn von vorneherein klar ist, dass Fragesteller damit rechnen mĂŒssen, als Störenfriede zu gelten?

Warum sollte jemand das Risiko eingehen, durch Fragen aufzufallen?

Wer Fragen stellt, macht sich keine Freunde bei denen, die in Heddesheim das Sagen haben. Also BĂŒrgermeister, gewissen GemeinderĂ€ten, Bauern und „einflussreichen Leuten“.

Dennoch sollten die Heddesheimerinnen und Heddesheimer wissen, dass Edeka nicht erst seit kurzem auf die Idee gekommen ist, in Heddesheim zu erweitern. Die vergangene Gemeinderatssitzung hat klar gemacht, dass diese PlÀne schon seit Jahren vorangetrieben werden.

"UnumgĂ€nglich" heißt - es gibt keine Alternativen. Ist das so?

Den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern muss auch klar sein, dass die Schließung des Fleischwerks in Heddesheim und der Wegfall von fast 300 ArbeitsplĂ€tzen ein Grund war, fĂŒr die Ansiedlung von Pfenning zu werben – trotz Kenntnis der Edeka-PlĂ€ne. Dieses Projekt soll bis zu 1.000 ArbeitsplĂ€tze bringen, also mehr als drei Mal so viel, wie durch das Fleischwerk wegfallen werden.

Trotzdem werden BĂŒrgermeister Kessler und GeschĂ€ftsfĂŒhrer Weiler die Arbeitsplatzargumentationskarte ziehen. Um die „Zukunft zu sichern, ist der geplante Umbau unumgĂ€nglich“, steht im Prospekt, dass Edeka an die Haushalte verteilen lies. Umgekehrt heißt das, wenn nicht „umgebaut“ wird, ist die Zukunft ungewiss. Dass der Umbau einen enormen Neubau einschließt wird an dieser Stelle nicht erwĂ€hnt.

Erinnert sich noch jemand, dass in Zusammenhang mit Pfenning argumentiert wurde, dass durch die Schließung des Fleischwerks Edeka-Verkehr wegfalle? Das ist durch den Um- und Neubau Vergangenheit – der Verkehr wird mindestens in gleicher StĂ€rke erhalten.

Erinnert sich jemand, wie mit dem Wegfall der Edeka-ArbeitsplĂ€tze fĂŒr die „neuen“ Pfenning-ArbeitsplĂ€tze geworben wurde? Obwohl dem BĂŒrgermeister, gewissen GemeinderĂ€ten und anderen die Edeka-PlĂ€ne schon bekannt waren?

Fragt sich jemand, ob hier eigentlich tatsĂ€chlich offen und transparent Politik gemacht und BĂŒrger einbezogen werden oder doch alles in Hinterzimmern vorher „in trockene TĂŒcher“ kommt?

Fragt jemand nach der QualitÀt der ArbeitsplÀtze? Oder, ob das Logistikmodell wirklich nachhaltig Wirtschaft und Wertschöpfung betreiben wird?

Fragt jemand, welche Entwicklungsmöglichkeiten Heddesheim verbleiben oder ob das Schicksal als Großlogistikstandort besiegelt ist?

Fragt jemand, wie es eigentlich zusammenpasst, dass Edeka zwar ein so regionverbundender „Betrieb“ ist, aber gleichzeitig BĂ€cker, Metzger, LebensmittelhĂ€ndler aufgeben mĂŒssen, weil sie gegen Edeka und seine Billigmarken keine Chance haben?

Fragt jemand, ob tendenziell ArbeitsplĂ€tze erhalten bleiben oder zunehmende Automatisierung dafĂŒr sorgt, dass immer weniger Menschen die Arbeit machen?

Edeka ist nicht nur „QualitĂ€t“ – Edeka ist Deutschland drittgrĂ¶ĂŸter Billigmarktanbieter, nach Aldi und Lidl.

Edeka wird vom Bundeskartellamt beobachtet – Filialen wurden durchsucht. Mitarbeiter wurden bespitzelt, jede „Konzentration“ forderte unbedingte Unterwerfung der Angestellten – ansonsten droht Job-Verlust.

Edeka ist ein Handels-Moloch, ein riesiger Konzern, dessen GeschĂ€ftsmodell spitz gerechnet ist und dessen große Gewinne im Vergleich zum Umsatz lĂ€cherlich sind.

Dabei wird ein gnadenloser Wettbewerb verursacht, der vielen Betrieben die Existenz raubt. Es wird unglaublich viel Verkehr erzeugt, Straßen werden belastet, die aus Steuergeldern bezahlt werden mĂŒssen. Es werden FlĂ€chen versiegelt ohne Garantie eines RĂŒckbaus.

Und es werden ArbeitsplĂ€tze geschafffen, die hĂ€ufig genug eine „Aufstockung“ brauchen, weil man zu wenig fĂŒr den Lebensunterhalt verdient. Und wenn man in die Rente geht, reicht es nicht, sondern muss zum Sozialamt gehen und wieder braucht es Steuergelder, um die „Grundsicherung“ zu geben.

Fragt jemand danach, ob „groß=gut“, „Umsatz=alles“, sich nicht als Wirtschaftsideal lĂ€ngst ĂŒberholt hat? Oder danach, welche Auswirkungen es hat, wenn absolute Monopolisten ĂŒber alles entscheiden?

Frankreich und Großbritannien sind schon weiter als Deutschland. Dort fehlt jeder Wettbewerb fast vollstĂ€ndig – die Konzerne machen, was sie wollen.

Ganz klar wird in Heddesheim nicht ĂŒber europĂ€ische WirtschaftsmĂ€rkte entschieden. Aber doch fĂŒr den Ort und fĂŒr eine langfristige Zukunftssicherung und irgendwie auch ein wenig fĂŒr andere. Wer nur egoistisch handelt, handelt verantwortungslos. Zukunftssicherung könnte in der Förderung traditoneller Berufe bestehen und neue zukunftstrĂ€chtige Ansiedlungen fördern.

DafĂŒr ist ein BĂŒrgermeister Kessler aber nicht zu haben. Der hat es gerne groß und gerne betoniert. Und möglichst automatisch. Und ohne Widerspruch.

BĂŒrgerbeteiligung ist fĂŒr ihn wie fĂŒr einen Mega-Konzern wie Edeka (46 Milliarden Euro Umsatz) ein Greul. Ein gesetzliches ÃƓbel, dass man bĂŒrokratisch erledigen kann.

Herr Kessler inszeniert die „BĂŒrgerbeteiligung“ nur. Er hat kein Herz und keinen Verstand dafĂŒr. Es ist lĂ€stige Pflicht, notwendiges ÃƓbel, aber niemals eine KĂŒr, in der er zeigen wird, dass er wirklich fĂŒr seine BĂŒrgerinnen und BĂŒrger da ist, sie ernst nimmt, sie verstehen will und sich fĂŒr deren Willen einsetzt.

BĂŒrgeranliegen passen fĂŒr ihn dann, wenn es ihm passt. Wenn nicht, dann nicht.

Da muss man sich keine Illussionen machen.

UnterstĂŒtzt wird er dabei von Zirkeln, in denen entschieden wird, was gut ist und was nicht.

Große Medien, wie der Mannheimer Morgen, die wirtschaftlich abhĂ€ngig von den Anzeigen der großen Konzerne sind, werden den Teufel tun und kritisch berichten – das ist lange vorbei. Donnerstag ist Zahltag – da werben Aldi, Lidl und die anderen Discounter und auch Edeka. Ein falscher Bericht und die Einnahmen sind dahin. ÃƓber das Wohlwollen der Zeitung braucht sich deshalb niemand zu wundern.

Schaffen statt streiken: Wie Journalisten der Zeitungskrise entkommen können

Mannheim/Rhein-Neckar, 28. Juni 2011. (red) KĂŒrzungen, Arbeitsverdichtungen, Entlassungen – das sind die Schlagwörter, die seit vielen Jahren die Redaktionen deutscher Zeitungsverlage bestimmen. Die Arbeit wird immer unertrĂ€glicher, das Produkt Zeitung immer banaler. Aktuell wird gestreikt, nicht fĂŒr „mehr“, sondern fĂŒr „nicht noch weniger“. Dabei ist Journalismus ein schöner Beruf, einer, den die meisten aus Leidenschaft ergriffen haben – ohne Idee, dass diese Entscheidung heute „Leiden schafft“. Doch es gibt einen Ausweg: Unternehmerjournalismus.

Von Hardy Prothmann

Ganz ehrlich liebe Redakteure? Wenn ich lese, dass ein Berufseinsteiger mit 3.200 Euro brutto beginnt und nach zehn Jahren bei 4.500 Euro brutto liegt und dann je nach Stellung in der Redaktion noch ein paar tausender drauf gepackt bekommt, kriege ich TrÀnen in den Augen. Denn nach 20 Berufsjahren bin ich weit entfernt von solchen GehÀltern im Vergleich zu einem Zeitungsredakteur. Aber es wird besser.

Ehrlich, transparent, leidenschaftlich

Krise? Na und? Nutzt Eure Chance, sagt Hardy Prothmann Bild: sap

Und ich bin mein eigener Chef, entscheide selbst ĂŒber die Themen, bin ehrlich und transparent sein und „eine Schere im Kopf“ gibt es nicht. Unsere Texte sind so lang wie sie sein mĂŒssen und nicht auf eine feste Zeilenzahl begrenzt. Wir können mit allen Informationen „spielen“ – also experimentieren, wie wir mit unseren Informationen die Menschen am besten erreichen.

Wir sind in engem Kontakt mit unseren Lesern und das macht unsere Angebote aktueller, hintergrĂŒndiger und einfach besser als die unkritische Lobhudel- und Bratwurstberichterstattung, die man tĂ€glich in der Zeitung findet.

Ich habe beim Mannheimer Morgen als freier Mitarbeiter angefangen, habe fĂŒr einen Hungerlohn von damals 55 Pfenning (27 Cent) die Zeile geschrieben und ab 1994 fĂŒr einigermaßen ordentliche Honorare fĂŒr alle möglichen grĂ¶ĂŸeren Medien in ganz Deutschland, habe Hörfunk und Fernsehen gemacht. Ich bin Journalist, mein Schwerpunkt war Print.

Das Blog kommt

Seit nunmehr zwei Jahren baue ich mit einem kleinen Team eine Redaktion auf, deren Angebot sich etabliert hat und ein fester Begriff geworden ist: „Das Blog kommt“, sagen die Leute. Oder: „Hab ich im Blog gelesen.“

Mein kleines Team dreht der „großen Zeitung“ hĂ€ufig eine Nase – obwohl wir vom Gesamtumfang nicht mithalten können. Das wollen wir auch gar nicht. Den kompletten Mantel (also Politik, Wirtschaft, Sport) kann man besser und aktueller bei Nachrichtenportalen wie Spiegel Online oder Sueddeutsche.de oder, oder, oder lesen.

Aktuell, exklusiv, investigativ

Im Lokalen sind wir aber inhaltlich schon fast gleichwertig im Umfang und hĂ€ufig investigativer, aktueller und exklusiver – wir verzichten auf viele GefĂ€lligkeitsnachrichten, die eine Zeitung aus lauter Verzweiflung veröffentlicht, um die Seiten zu fĂŒllen. Das hat mit Journalismus schon lange nichts mehr zu tun.

Unsere Geschichten sind dann fertig, wenn sie fertig sind und nicht, wenn der Andruck beginnt.

Was noch aussteht, ist der wirtschaftliche Erfolg – unser Teammitglieder arbeiten fĂŒr kleines Geld, aber mit großer Leidenschaft fĂŒr die „Blogs“. Unser Ziel ist natĂŒrlich, anstĂ€ndig zu bezahlen – wir können uns aber nicht auf 60 Jahre Lizenzmonopol und Jahrzehnte fettester Gewinne stĂŒtzen, sondern mĂŒssen uns bescheiden zeigen und den GĂŒrtel eng halten. Und von 35 Stunden können wir nur trĂ€umen.

Unternehmerjournalismus

Aber wir sind frei. Wir können ĂŒber alles und jeden berichten, sofern das fĂŒr die Öffentlichkeit interessant ist. Wir können richtigen, echten, leidenschaftlichen Journalismus machen.

ÃƓberlegt es Euch gut – die Verleger werden Euch zu Tode sparen. Das wisst Ihr. Die Fotografen sind schon am Rande Ihrer Möglichkeiten – Euch wird in den nĂ€chsten Jahren dasselbe passieren. Ihr werdet ausgegliedert und mĂŒsst die Brocken fressen, die man Euch hinwirft.

Die Alternative ist, selbst Unternehmer zu werden und endlich wieder die journalistische Leidenschaft zu spĂŒren. Echte Stories zu machen, genau hinzuschauen, kritisch zu berichten und meinungsstark zu kommentieren. Eben die vierte SĂ€ule unserer Gesellschaft sein. Das wichtige demokratische Gut der Meinungsfreiheit zu befördern.

Verhandelt Abfindungen und grĂŒndet Eure eigene Redaktion – gerne mit uns zusammen. Ihr mĂŒsst ein bis drei Jahre durchhalten, dann werden die GeschĂ€fte laufen. Wenn viele mitmachen, geht es schneller.

Ihr seid kompetent, kennt Euch aus, habt viele Kontakte und das ist ein wunderbares Kapital, dass Ihr selbst nutzen könnt, statt Euch von Verlagsmanagern ausnehmen zu lassen.

Wer sich jetzt dazu entscheidet, braucht sicherlich Mut. Aber es wird die richtige Entscheidung sein, denn spĂ€testens in fĂŒnf bis zehn Jahren habt Ihr nichts mehr zu entscheiden. Dann werdet Ihr sicher entlassen.

Andere, vielleicht ich, vielleicht jemand anders, werden es bis dahin geschafft haben, eigene Redaktionen aufzubauen und sie werden Ihre eigenen Chefs sein und Leute beschĂ€ftigen. Entlassene Redakteure, die bis zuletzt auf die Zeitung statt auf die Information ĂŒbers Internet gesetzt haben, werden garantiert nicht gebraucht werden.

Nutzt Euer Kapital, bevor es wertlos ist

Denn bis dahin kennen sich die neuen Redaktionen auch aus, haben Kontakte und berichten kompetent – Ihr könnt nichts bieten, was die neue Generation nicht schon hat. Und es werden leidenschaftlicher Macher sein, die mit gefeuerten Angestellten nichts anfangen können. Dann seid Ihr raus aus dem GeschĂ€ft.

Schaut Euch an, wie die WAZ vor kurzem 300 Leute entlassen hat, schaut Euch die KĂŒrzungen bei der SĂŒddeutschen an, bei Focus und das elende Schicksal der Frankfurter Rundschau.

Große Chancen gib es aber im Lokalen – da, wo die Menschen leben und jede Geschichte wirklich exklusiv sein kann. Hier ist professioneller Journalismus gefragt, der sich aber gerne neu erfindet, der Teil der Gesellschaft ist, der fĂŒr die Menschen da ist.

Willkommen sind leidenschaftliche Journalisten – ob vom MM, der Rhein-Neckar-Zeitung, der Rheinpfalz, der Stuttgarter Zeitung oder woher auch immer. Redaktionelle Strukturen sind vorhanden, die Themen liegern auf der Straße – im nĂ€chsten Schritt wird es darum gehen, ausreichende bis gute UmsĂ€tze zu generieren. Wenn man sich Aufgaben teilen kann, wird dies schnell möglich sein.

Wer sich dafĂŒr interessiert, kann gerne vertraulich Kontakt mit uns aufnehmen und die Chancen und Risiken erfragen. Noch habt Ihr die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Nutzt sie. Aber bald.