Mittwoch, 12. August 2020

Geprothmannt: Ich lass mir das Essen nicht vermiesen


Esst Gurken - sie sind lecker und gesund. Seit 2009 darf man in Deutschland auch solch krumme Gurken kaufen. Bild: Garitzko/wikipedia

Rhein-Neckar/Deutschland, 06. Juni 2011 (red) Die EHEC-Angst geht um. Warum? Weil ein Haufen verantwortungsloser Medien Panik bei den Menschen sch├╝rt. Und jede Menge falsche Informationen unters Volk bringt. Wer klug ist, durchschaut die Berichte ├╝ber die angebliche Seuche – die wahre Seuche ist die Sensationsgier vieler Medien.

Von Hardy Prothmann

Am Anfang waren es ein paar EHEC-F├Ąlle. Dann waren es ein paar mehr. Dann sollen spanische Gurken schuld gewesen sein, dann Gem├╝se aus Norddeutschland – die Deutsche Presse Agentur (dpa) hatte aus einem „in Norddeutschland“ ein „aus Norddeutschland“ gemacht. Die Folge: Massive ├Âkonomische Sch├Ąden f├╝r Gem├╝seproduzenten, sprich Landwirte. In Spanien. In Norddeutschland.

Jetzt sollten es „Killerkeim“ – Spr├Â├člinge gewesen sein.

├â┼ôberall im Land bleiben die Gurken und Tomaten und jetzt Spr├Â├člinge liegen. Die meisten Kantinen bieten eher Krautsalate an, denn frische Kost.

Niemand muss vor dem Verzehr von Gem├╝se Angst haben – denn das Bakterium sitzt wenn, auf dem Gem├╝se und nicht drin. Wer Gem├╝se vor dem Verzehr ordentlich reinigt, w├Ąscht die Erreger ab.

Noch besser sind die dran, die ihr Gem├╝se im eigenen Garten ziehen – die wissen, wie es behandelt und gezogen wurde.

Die Erwartung der Ãœberallverfügbarkeit ist das Problem.

Tats├Ąchlich erwartet unsere Gesellschaft eine ├â┼ôberallverf├╝gbarkeit von allem zu jeder Zeit. Deswegen reist Gem├╝se um die Welt und Erreger und Verschmutzungen mit.

Sicher, die Spanier, Belgier, Niederl├Ąnder sind in diesem Fall offensichtlich nicht schuld an EHEC. Sie sind aber sehr wohl schuld an einer Verzerrung des Marktes mit minderwertigen Produkten. Die EU mag bis 2009 eine Gurkenkr├╝mmungsverordnung gehabt haben – ob die Gurken aber auch schmecken, ist nicht verordnet worden.

So gibt es jede Menge Gurken, Tomaten und anderes Gem├╝se, das auf Glanz gez├╝chtet ist, alles in Reih und Glied gleich „attraktiv“ aussieht, aber doch nach nichts schmeckt. Aber der Preis, der stimmt. Sch├Ân billig eben.

Und vermutlich wird herauskommen, dass wegen des Preises irgendwo in der Nahrungsproduktionskette geschlampt worden ist. Ob dioxinverseuchte Industriefette, die dem Tierfutter beigemischt werden, ekelerregende Massentierhaltung, BSE – nichts davon ist „nat├╝rlich“, alles ist industriell systembedingt „erzeugt“ worden.

EHEC ist der eine Erreger – Panik der andere.

Hinzu kommt die Erzeugung von Panik. Denn so wie die Gem├╝seproduktion industriell gesteigert wird und zwar gut aussehende, aber geschmacklose Ware erzeugt wird, so erzeugen Medien scheinbar wichtige Nachrichten, die aber „kernlos“ gez├╝chtet werden. Das Ziel ist wie beim Billig-Gem├╝se die Steigerung des Absatzes.

Es geht hier l├Ąngst nicht mehr um Angebot und Nachfrage. Fr├╝her war ausverkauft, wenn ausverkauft war – heute soll immer weiter nachgeliefert werden. Auch die Kunden sind mit schuld, wenn sie selbstverst├Ąndlich immer alles zu erhalten erwarten. Deswegen wird produziert, was das Zeug h├Ąlt. Wird diese „Kette“ unterbrochen, ist das Geheule gro├č. Besonders bei gewissen Medien, ob erwartungsgem├Ą├č bei Bild oder auch bei scheinbar seri├Âseren Auftritten wie Spiegel online. Sitzt der „Erreger“ erstmal auf der Nachricht, verbreitet er sich ebenso rasend schnell.

Auch das erzeugt „D├╝nnpfiff“ – der aber macht den Kopf und das Herz der Menschen krank, die nur noch Gefahren sehen, obwohl sie in einem Land leben, das ebenso massenhafte Kontrollverordnungen hat und diese auch weitestgehend umsetzt. Wenn man sich erregen will, dann ├╝ber die dilletantische ├ľffentlichkeitsarbeit der verantwortlichen Politiker.

EHEC und die m├Âglicherweise daraus resultiernde HUS-Erkrankung sind schlimm f├╝r alle Betroffenen – keine Frage. Aber es gibt f├╝r mich auch nicht im Ansatz einen Grund, keine Gurken zu essen. Ganz besonders freue ich mich auf die eigenen – die Pfl├Ąnzchen sind gerade erst geschl├╝pft, es wird also noch ein wenig dauern, bis die leckeren Gurken auf den Tisch kommen.

Und nein – ich werde nichts davon exportieren. Die Erzeugnisse auf dem kleinen Beet sind f├╝r den Eigenbedarf bestimmt. Gute Freunde und Nachbarn bekommen auch was davon ab. Und bislang hat sich noch nie jemand ├╝ber die Qualit├Ąt beschwert.

Vergurkte Berichterstattung – Panikmache made by „Qualit├Ątsjournalismus“


Mannheim/Weinheim/Heidelberg/Rhein-Neckar, 28. Mai 2011. (red) Die Erregung ├╝ber Erreger hat zwei Ursachen – einerseits ein Qualit├Ątsproblem bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Andererseits ein Qualit├Ątsproblem bei der Erzeugung von Nachrichten. Die Verbraucher sind verunsichert – als Konsumenten von Nahrungsmitteln. Dabei sollten sie als Konsumenten von Informationen viel vorsichtiger sein. W├Ąhrend man dem Darmkeim auf der Spur ist und erkrankte Patienten behandelt, zeigt sich, dass der Journalismus als Massenprodukt chronisch krank ist und vielleicht auch chronisch krank macht.

Von Hardy Prothmann

Bildblog.de listet die millionenfach gelesenen falschen Schlagzeilen auf. Quelle: bildblog.de

Viele Spiegel-Leser fangen hinten an: „Dem R├╝cken die Stirn bieten“ (├ľffentlicher Anzeiger Bad Kreuznach), „Ehrliche Personen gesucht, auch Akademiker“ (Kleinanzeige Rheinpfalz), „Senioren sind mit 35 noch sehr r├╝stig“ (Rhein-Zeitung) und andere Kuriosit├Ąten gibt es im „Hohlspiegel“ zu lesen. Die Patzer, ob im Redaktionellen oder im Anzeigenteil sind teils wirklich am├╝sant bis saukomisch.

Gar nicht am├╝siert sind die Verbraucher ├╝ber kontaminiertes Gem├╝se, das beim Verzehr zur Infektion mit dem EHEC-Keim f├╝hren kann, woraus sich ein lebensbedrohliches h├Ąmolytisch-ur├Ąmischen Syndrom (HUS) ergeben kann.

Ebenfalls nicht am├╝siert, sondern stinksauer sind Landwirte und Handel.

Kaninchen, Kommunalpolitik, Killerkeime

In den meisten Redaktionen arbeiten keine kenntnisreichen Mediziner, die alles ├╝ber EHEC und HUS wissen. Vor allem in Lokal- und Regionalmedien arbeiten ├╝berwiegend Journalisten, die von der Kaninchenz├╝chterschau bis zur Kommunalpolitik ├╝ber alle m├Âglichen Themen berichten m├╝ssen. Sie sind aber meist auch keine kenntnisreichen Kaninchenz├╝chter oder Kommunalpolitiker.

Das m├╝ssen sie auch nicht sein. Die einfache L├Âsung, um die Welt zu verstehen, ist der gesunde Menschenverstand. Und den kann man durch Recherche erweitern, wenn es um Spezialwissen geht. Eine einfache Regel lautet: Informationen immer durch eine zweite Quelle ├╝berpr├╝fen.

Die Weinheimer Nachrichten warnen vor Salat und Tomaten "aus" Norddeutschland - wer warnt die Leser vor falschen Informationen? Quelle: WNOZ

Es gibt aber noch eine andere L├Âsung und die f├╝hrt zum Dauerd├╝nnpfiff vieler Redaktionen: Man l├Ąsst das mit dem ├╝berpr├╝fen weg und verl├Ąsst sich lieber auf andere. Im „gro├čen“ Teil der Zeitung, also Politik, Wirtschaft und Sport werden Informationen der Nachrichtenagenturen ungepr├╝ft ├╝bernommen. Der Glaube an die Korrektheit dieser Informationen ist immer noch sehr hoch. Dazu kommen Zeit- und Arbeitsdruck – eine ├â┼ôberpr├╝fungsrecherche findet nicht mehr statt.

Krankheitsverlauf einer Meldung

Am Mittwochabend, den 25. Mai 2011, schickt die Deutsche Presseagentur eine Meldung zu EHEC an die Redaktionen. Diese Meldung wird am n├Ąchsten Tag landauf, landab in millionenfach verteilten Zeitungen stehen. Darin werden die Experten vom Robert-Koch-Institut (RPI) (angeblich) zitiert:

„Vorsorglich sollte man auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland komplett verzichten.“

Tats├Ąchlich ist das Zitat falsch. Nicht vor dem Verzehr von Gem├╝se „aus Norddeutschland“, sondern vor dem Verzehr „in Norddeutschland“ wurde in der Pressemitteilung des RKI gewarnt:

(…) empfehlen RKI und BfR ├╝ber die ├╝blichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gem├╝se hinaus, vorsorglich bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.

Millionenfach verbreitete "D├╝nnpfiff"-Meldung - auch der MM warnt vor Gem├╝se "aus" Norddeutschland. Quelle: MM

Die Worte „in“ und „aus“ sind klein. Man k├Ânnte jetzt sagen: „Darum so ein Aufheben zu machen, ist doch dibbelschisserig.“ Tats├Ąchlich ist der vom Mediensystem erzeugte Schaden aber maximal. Verbraucher in ganz Deutschland sind verunsichert und die deutsche Landwirtschaft sowie der Handel haben einen massiven ├Âkonomischen Schaden, weil Tomaten, Salat und Gurken kaum noch gekauft werden. Diese Produkte sind frisch und verderblich – was nicht verkauft wurde, muss entsorgt werden.

Vergurkte Berichterstattung

Auch in der Metropolregion ver├Âffentlichen Mannheimer Morgen, Weinheimer Nachrichten und Rhein-Neckar-Zeitung die verseuchte inhaltlich falsche dpa-Meldung ohne Qualit├Ątskontrolle. Dabei w├Ąre die denkbar einfach: Ein Klick auf Robert-Koch-Institut f├╝hrt direkt zur Quelle.

Doch daf├╝r muss man wachsam sein und Informationen aufmerksam „verarbeiten“. Bei einem Redakteur muss die Alarmglocke anspringen, wenn er „rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland“ liest. Kann das sein? Denn die Konsequenz ist weitreichend. Dieses Gem├╝se wird sich nicht mehr verkaufen lassen. Auch andernorts wird sich Gem├╝se nicht mehr verkaufen lassen, wenn nicht klipp und klar feststeht „woher“ dieses stammt.

Kaum Herkunftsnachweise – kaum Kennzeichnungen

Leider nutzen viele Menschen das „geistige Nahrungsmittel“ Zeitung nicht mit derselben Aufmerksamkeit. Sie w├╝rden dann n├Ąmlich viel h├Ąufiger fragen, „woher“ die Informationen stammen, die ihnen da vorgesetzt werden.

Aufmerksame Leser wissen l├Ąngst, dass gro├če Teile im „gro├čen Teil“ der Zeitung nicht gegenrecherchierte Agentur- oder PR-Meldungen sind. Und selbst wenn es eigenst├Ąndig verfasste Artikel sind, gibt es h├Ąufig nur eine Quelle und die ist ebenfalls h├Ąufig auch noch tendenzi├Âs.

Auch die Lokal- und Regionalteile der Zeitungen sind voll von Informationen unbekannter Herkunft. Oft werden sie gar nicht angegeben oder verschleiert. Das K├╝rzel „zg“ beispielsweise steht f├╝r „zugeschickt“.

Zeitungsartikel als „C“-Ware

Was die Zeitungen gerne als „1A-Ware“ verkaufen, ist in wirklich nur „B“- oder „C“-Ware, ein wenig umverpackt und aufgeh├╝bscht, aber im Kern einfach nur ein Massenprodukt nicht lokaler oder regionaler Herkunft. Die Zeitungen k├Ânnen diese Agenturmeldungen billiger einkaufen, als wenn sie selbst Redakteure recherchieren lie├čen oder sogar ganz umsonst, wenn sie Pressemitteilungen ver├Âffentlichen. Oder sogar noch etwas verdienen, wenn sie als Artikel getarnte „PR-„Meldungen abdrucken.

Teuer bezahlen muss das der Kunde.

Die medienkritische und immer wieder lesenswerte Internetseite „Bildblog“ berichtete, dass die dpa und andere Agenturen klammheimlich in weiteren Meldungen das Wort „aus“ durch die korrekte Zitierung „in“ ersetzt haben. Ein deutlicher Hinweis an die Leserinnen und Leser fehlt im Mannheimer Morgen, in den Weinheimer Nachrichten und der Rhein-Neckar-Zeitung sowie vermutlich in allen deutschen Zeitungen.

Denn im „Fehler unterstellen“ sind deutsche Medien f├╝hrend – im Fehler eingestehen sind sie Schlusslicht. Qualit├Ąt geht anders. Doch vor einer Darmspiegelung hat das System Angst – man sp├╝rt die Geschw├╝re und will gar nicht genau wissen, wie schlimm es um den Patienten Zeitung schon steht.

Der Gurkenskandal wird vor├╝bergehen, der mediale D├╝nnpfiff wird bleiben. Die Ansteckungsgefahr innerhalb des Mediensystems ist enorm hoch.

Die RNZ berichtet am 26. Mai 2011 die falsche Information "aus Norddeutschland". Quelle: RNZ

Einen Tag sp├Ąter hei├čt es korrekt "in" - eine Klarstellung an die Leser fehlt. Quelle: RNZ