Freitag, 24. November 2017

Geprothmannt

Lektion erteilt bekommen

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Chefredakteur Hardy Prothmann kommentiert regelm√§√üig in seiner Kolumne „Geprothmannt“ aktuelle Ereignisse.

Rhein-Neckar/Mannheim, 24. Juni 2013. (red) Vor gut einer Woche ist Chefredakteur Hardy Prothmann fast sich selbst „auf den ersten Blick“ aufgesessen, obwohl er eigentlich wei√ü, dass eine Bewertung auf den ersten Blick nicht immer den tats√§chlichen Umst√§nden entspricht. Die wahre Begebenheit ist ein Lehrst√ľck, das bestimmt jedem mal so oder √§hnlich widerf√§hrt, wenn man bereit ist, eine Lektion erteilt zu bekommen. [Weiterlesen…]

Gabis Kolumne

„Jein“ ist keine L√∂sung, aber ein Ansatz

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 07. November 2011. Es gibt „Nein-Sager“ und die ewigen „Ja-Sager“ und zwar nicht nur in Indien. Und vielleicht gibt es auch einen Weg dazwischen, fragt sich Gabi.

Dieser Tage habe ich einen Bericht dar√ľber geh√∂rt, dass Inder unglaublich hilfsbereit sind und deshalb auch eine Frage niemals mit „nein“ beantworten, denn das ist unh√∂flich und gegen die Gastfreundschaft.

Fragt man in Indien also nach dem Weg, ist es gleichg√ľltig, ob der Gefragten ihn kennt oder nicht, er wird versuchen, eine Wegbeschreibung abzugeben.√ā¬† Folglich wird dem Fragenden in Indien stets geholfen und selbst, wenn er letztendlich in Katmandu und nicht am Taj Mahal ankommt. „Nein“ sagen ist in Indien demnach absolut verp√∂nt.

Filmplakat zum "Ja-Sager".

Die amerikanische Filmindustrie hat diesem Ph√§nomen mit dem „Ja-Sager“ sogar eine eigene Kom√∂die gewidmet und schon Bertolt Brecht hat 1930 ein Lehrst√ľck √ľber den „Jasager“ geschrieben.

Aber so weit muss man ja gar nicht gehen. Auch hier zu Lande, f√§llt vielen das „Nein“ sagen schwerer als das „Ja“ sagen und so kann die Frage, „kannst du mir einen Salat f√ľr meine Party machen“, in einen absoluten Stress ausarten. Denn selbst, wenn man wei√ü, dass man √ľberhaupt keine Zeit hat, sagt man meistens „Klar, doch, gerne“, mit dem Resultat, man ger√§t in absolute Hektik und landet an der K√ľhltheke des Supermarktes.

K√ľrzlich fragte mich eine Freundin: „Kannst du mich heute Mittag eventuell vom Bahnhof abholen?“ Sofort antwortete ich: „Ja, gerne doch“, obwohl ich genau wusste, ich komme erst sp√§t von der Arbeit nach Hause, die Kinder wollen etwas essen und zudem habe ich noch einen Arzttermin. Das Resultat war, ich geriet in Panik, wurde hektisch und √ľbellaunig.

„Ich hoffe, du hattest nicht zu viel Stress.“

Als ich am Bahnhof ankomme, sieht meine Freundin√ā¬† meine Schwei√üperlen auf der Stirn und sagt: „Ich hoffe, du hattest nicht zu viel Stress.“ Und was antworte ich? Na, richtig, ich sage „Das war √ľberhaupt kein Problem, das mache ich doch gerne“.

Das „Ja-Sagen“ wird sp√§testens dann fatal, wenn man Kinder hat. Das f√§ngt im Kindergarten an, betrifft die Teilnahme jeglicher Freizeitaktivit√§ten und gipfelt in der Schulzeit.

Ich geh√∂re demnach prinzipiell immer zu den ersten, die bei Sommerfesten Kuchen backen und die sich in die Helferliste eintragen. Ich war Elternbeir√§tin – und das war keine Ehre, sondern eindeutig Pflichtprogramm -, hole meinen Halbw√ľchsigen nebst weiterer Kids nachts um drei Uhr nach einer Venedig-Exkursion vom Bus ab, bekoche spontan – „Mama, du hast doch nichts dagegen, ich habe noch ein paar Freundinnen zum Essen mitgebracht“ – vier kichernde Teenager und trage mich immer ein, wenn Fahrdienste gesucht werden.

Und nat√ľrlich wissen auch meine Kinder, meine Freunde und mein Mann, dass ich es mit dem „Nein-sagen“ nicht so habe – und nutzen dies – so meine ich – schamlos aus.

Meistens reicht ein „Wenn-es-dir-zuviel-ist“ oder „ich-kann-es-auch-selbst-machen“ oder ein „es-w√§re-toll-wenn-du-mir-helfen-k√∂nntest“ aus und ich stehe parat.

Wenn ich mich also kritisch betrachte, hei√üt das eindeutig, ich m√∂chte gebraucht werden, ich m√∂chte die Retterin in der Not sein, ich lechze nach „das-hast-du-toll-gemacht“.

K√ľrzlich habe ich mit einer Freundin √ľber diesen Gen-Defekt gesprochen. Sie selbst bekennt sich freim√ľtig zu den „Nein-Sagern“.

„Wei√üt du“, sagte sie, „wenn du „nein“ sagst, kannst du daraus auch noch ein „Ja“ machen, umgekehrt funktioniert das nicht. Also sage ich erst mal „Nein“ und warte dann ab.“

Das Resultat ist eindeutig, w√§hrend sie abwartet, haben die „Ja-Sager“ schon l√§ngst ihre aktive Rolle √ľbernommen und die „Nein-Sager“ k√∂nnen sich zur√ľcklehnen, aufatmen und sagen: „Im Notfall h√§tte ich schon mitgemacht, aber ihr braucht mich ja nicht mehr“.

„Jein“ – ein Kompromiss?

Bingo, so funktioniert das Spiel. Ich habe verstanden.

Das hei√üt, „Nein“ sagen und abwarten und der Kelch geht vor√ľber. Und wenn das alle machen, passiert gar nichts mehr. Alle sagen „Nein“, folglich alles stagniert.

Das kann also nicht die Lösung sein.

Der Kompromiss w√§re also ein „Jein“. Aber das ist eigentlich nur ein irgendwo „Dazwischen“. Und zwischen zwei St√ľhlen sitzt es sich bekanntlich am Schlechtesten.

In letzter Zeit habe ich mir deshalb angew√∂hnt, erst mal tief Luft zu holen und mir eine Atempause zu g√∂nnen, sprich, ich antworte nicht gleich und gestehe mir und meinem Gegen√ľber zu, dass ich mir meine Antwort √ľberlegen kann, vor allem bei Spontan-Anfragen.

Das hei√üt, wenn mich sp√§tabends mein Sohn anruft und fragt, kann ich bei XY √ľbernachten, wenn mein Mann fragt, kannst heute Nachmittag f√ľr mich XY machen, wenn eine Freundin fragt, treffen wir uns am XY – ich muss es aber gleich wissen -, wenn meine Tochter fragt, k√∂nnen wir gleich ins Einkauszentrum fahren, um XY zu kaufen, wenn mein Chef sagt, ich m√ľsste bis zum n√§chsten Tag XY erledigen, dann sage ich ganz entspannt: „Dar√ľber muss ich noch nachdenken, fragt mich in einer halben Stunde noch mal.“

Oft klappt es, oft auch nicht. Aber ich arbeite daran. Und wenn ich mal nach Indien reise, werde ich mich nicht wundern, wenn ich in Katmandu lande und nicht am Taj Mahal, und vorsorglich werde ich mir eine Straßenkarte mitnehmen.

gabi