Freitag, 24. November 2017

Gabis Kolumne

Von Helden und Abenteurern

Ein bischen Schwund ist immer, das Auto fĂ€hrt schließlich auch ohne TĂŒrgriff.

Rhein-Neckar, 05. November 2012. Gib MĂ€nnern eine Aufgabe und je hoffnungsloser die ist, umso mehr werden sie sich anstrengen. Nimm ihnen aber nie die Hoffnung, sondern habe immer eine ErklĂ€rung parat, wenn die Aufgabe nicht zu lösen ist. Motto: Hauptsache Held, ob glorreich oder bescheiden. Was Tiefenpsychologie und Autoschlösser gemein haben, weiß Gabi.

Das Kind im Manne wird ja immer wieder gerne bemĂŒht. Erwachsene Kerle spielen mit der Eisenbahn, sammeln Panini-Aufkleber oder stellen im Keller eine Carrera-Bahn auf. Alles oft gesehen und nicht wirklich verwunderlich.

Barbie-spielende Frauen gibt es dagegen eher selten.

Doch das Ganze kann auch noch getoppt werden. Wie ich schon berichtet habe, ist mein Sohn vor kurzem ausgezogen und der Umzugstag hielt so einige Überraschungen bereit.

Der Sprinter stand vollgepackt und zur Abfahrt bereit im Hof und mein Sohn brachte nur noch die wichtigen Dinge wie Computer, Anlage und die Tasche mit seinen Unterlagen in seinen neu gekauften alten Golf.

FĂŒnf Minuten spĂ€ter kam er blass zurĂŒck und meinte, die Abfahrt wĂŒrde sich jetzt vermutlich verschieben. Der AutoschlĂŒssel – der einzige !! – lag im Kofferraum des zentralverriegelten Autos. Der Wagen war samt Inhalt hermetisch abgeschlossen und vier junge Kerle diskutierten wild, wie man nun dieses Auto knacken könnte.

Ein technisch versierter Freund meines Sohnes brachte die Tennisball-Methode ins Spiel. Laut Physik-Unterricht in der Schule könne man mit Hilfe eines mit einem Loch versehenen Tennisballs ein Schloss öffnen, erklĂ€rte er uns. Doch wĂ€hrend ich mich im Haus noch auf Ballsuche machte, kam meine Tochter dazu und meinte, „das könnt‘ ihr vergessen, ich hab’s grad gegoogelt und das funktioniert ĂŒberhaupt nicht“.

Inzwischen war auch ein Nachbar zur Hilfe geeilt, der mit leuchtenden Augen und guten Ideen vor dem verschlossenen Golf stand. „Mensch, Klaus“, meinte ich, „wenn du weißt wie man einen Golf knackt, dann hau rein, ich verrat’s auch keinem“.

GefĂŒhlte Stunden spĂ€ter, standen inzwischen vier junge und ein Ă€lterer Kerl fachmĂ€nnisch diskutierend um den Golf. Aber es tat sich nichts.

„Da hilft jetzt nur noch mein Mann Alberto“, sagte meine Freundin, die inzwischen herbei geeilt war, um mit mir Kaffee zu trinken und das Geschehen zu beobachten. „Wenn nicht ein Italiener ein Auto aufmachen kann, wer dann?“

Zehn Minuten spĂ€ter kam Alberto in seinem schwarzen Alfa Romeo vorgefahren und packte seinen Werkzeugkoffer aus dem Kofferraum. Eine Drahtschlinge hatte er vorsorglich vorbereitet und mit großer Grandezza machte er sich ans Werk.

Und siehe da, nach kĂŒrzester Zeit waren die Knöpfchen oben, aber der Golf blieb verriegelt. „Blockverriegelung“, diagnostizierte der Freund meines Sohnes, der mal Ingenieur werden möchte.

Frauen holen sich Hilfe, MÀnner suchen eine Lösung

WĂ€hrend Frauen sich in diesen Situationen Hilfe holen, zunĂ€chst bei MĂ€nnern, dann bei Fachleuten, erwacht in solch‘ aussichtsloser Lage bei MĂ€nner willenloser Ehrgeiz, oder netter formuliert, der unaufhaltsame Wunsch, eine Lösung zu finden. MĂ€nner sind erfolgsorientiert, es muss ein Resultat her. Welches, ist egal. Hauptsache ein Ergebnis.

Nach einer weiteren halben Stunde qualifizierter Diskussion und handwerklichen Geschicks, hatten sie ein Resultat und den TĂŒrgriff der BeifahrertĂŒr in der Hand – und das Auto blieb geschlossen – das nagte an den stolzen MĂ€nnern.

Das Ergebnis war die Erkenntnis des eigenen Scheiterns. Die Ausweglosigkeit der Lage souverÀn anerkennend, zeigte man(n) sich nun bereit, den ADAC zu rufen. Und keine 20 Minuten spÀter war der Fachmann vor Ort.

„Das ist das erste Golf-Modell mit Blockverrieglung, da kann ich nichts machen. Da haben sich die Ingenieure was bei gedacht“, erfuhren wir von dem „Gelben Engel“. Welch‘ Wohltat fĂŒr die verhinderten Autoknacker, es hatte also nicht an ihrem hervorragenden Können, sondern schlicht und einfach an der noch ĂŒberragenderen Technik gelegen. „Sie mĂŒssen einen SchlĂŒssel beim Werk nachbestellen und das kann dauern“, erklĂ€rte er uns.

„Das können sie den Jungs nicht antun. Die mĂŒssen in drei Tagen mit dem Studium beginnen und alles Wichtige dafĂŒr befindet sich in diesem Auto“, appellierte ich an seinen Helferinstinkt, denn schließlich ist auch der „Gelbe Engel“ ein Mann.

„Na ja, vielleicht könnte man die Batterie abklemmen, dann mĂŒsste sich die Verriegelung lösen, aber dazu muss man erst mal die Motorhaube öffnen und dafĂŒr brauche ich einen langen, starken Draht“, ĂŒberlegte der Mann vom ADAC.

Klare Ansage, sofort stĂŒrmten alle Umstehenden los und schafften in kĂŒrzester Zeit eine Auswahl an Hilfsmitteln heran.

Jetzt ging alles ganz schnell, mit einem Keil wurde fachmĂ€nnisch ein Spalt zwischen AutotĂŒr und Rahmen geschaffen und mit einer Tomatenkletterstange – man glaubt es kaum – wurde der Hebel fĂŒr die Motorhaube im Fußraum betĂ€tigt. Die Batterie wurde abgeklemmt und Simsalabim öffneten sich die AutotĂŒren.

Was noch zu berichten ist: Der Umzug selbst war ein Kinderspiel, denn das grĂ¶ĂŸte Abenteuer hatten die Helden schon hinter sich.

gabi

Gabi®s Kolumne: Sind wir Helden?

Guten Tag!

Heddesheim, 07. November 2009.

Sind wir Helden?, fragt sich Gabi. Etwa weil wir eine Kindheit ohne Fahrradhelme und Kindersitze ĂŒberlebt haben? Weil Arznei- und Putzmittel noch keinen Sicherheitsverschluss hatten und es noch keine Handys gab? Ganz zu schweigen von Babyphon, TĂŒrschutzgitter und Steckdosensicherungen?

Als ich mein erstes Kind bekam tauchte ich gleich ein in einen Ozean der Gefahren. Nein, eigentlich schon in der Schwangerschaft wusste ich, dass RohmilchkĂ€se fĂŒr das Ungeborene fast genauso gefĂ€hrlich werden kann wie Alkohol oder Zigaretten.

Kaum hatte ich meinen Sohn im Arm wurde ich von allen Seiten – wenn ich es nicht schon im Ratgeber gelesen hatte – ĂŒber die drohenden Gefahren aufgeklĂ€rt: Das Neugeborene durfte nicht auf dem Bauch schlafen, ich durfte keine Zwiebeln oder Schlimmeres essen, dann bekam mein Baby Koliken und auf Kaffee musste ich in der Stillzeit völlig verzichten. Bestimmte Schnuller gaben gefĂ€hrliche Chemikalien ab und ĂŒber den Sinn oder Unsinn von Impfungen konnte man stundenlang diskutieren.

Risiken fĂŒr die Kinder – wie alt sie auch sind und wo sie auch sind…

Kaum war diese Neugeborenenphase ĂŒberlebt, kam das risikobehaftete Kleinkindalter. Die Wohnung musste sicher gemacht werden. Riegel fĂŒr SchranktĂŒren, Treppenabsperrungen, Herdsicherung, um nur einiges zu nennen, mussten her, damit das Kleinkind gefahrlos durch die Wohnung krabbeln konnte – ich erinnere mich an ein Kinderbild von mir im Laufstall, aber das war pĂ€dagogisch ein absolutes „No go“ und es gab in dieser Zeit bestimmt genug Menschen, die rĂŒckwirkend Hersteller von LaufstĂ€llen verklagt hĂ€tten.

Wenn Kind und Eltern das alles bis zum Kindergarten ĂŒberlebt hatten, begann der Stress mit dem geeigneten Kinderrad nebst TĂŒv-geprĂŒftem Fahrradhelm. Beim Elternabend wurden wir darĂŒber informiert, welche Teufel sich in der FrĂŒhstĂŒcksbox verstecken können und wie gesundheitsschĂ€dlich, der von der Werbung angepriesene Kinderriegel, eigentlich war.

SpĂ€testens jetzt wurden uns auch die Gefahren der Medienwelt bewusst. Brutale Zeichentrickfilme, Computerspiele, die schon Kleinkinder abhĂ€ngig machen, fĂŒhrten uns direkt ins Einschulungsalter.

Auch hier lauerten tausend Gefahren: Der Schulranzen musste nicht nur hĂŒbsch, sondern er musste auch ergonomisch geformt sein, um spĂ€tere HaltungsschĂ€den zu vermeiden. Der Schulweg sollte sicher, aber auf alle FĂ€lle zu Fuß – Bewegung muss schließlich sein – begangen werden. Und immer wieder die Diskussion um die Pausenbrote.

Nach der Grundschulzeit verließ mein Sohn die Sicherheit Heddesheims und musste in die große Stadt zur Schule fahren. ÃƓber die dort lauernden Gefahren möchte ich gar nicht schreiben ñ€©

Ist es ein Fortschritt, vor allem Angst zu haben?

Dass wir unsere Kinder behĂŒten und beschĂŒtzen wollen, versteht sich von selbst. Dass bei dem heutigen Verkehr Fahrradhelm und Autositz nicht zu umgehen sind, kann man nicht abreden. Aber manchmal frage ich mich, wie viel FreirĂ€ume geben wir noch unseren Kindern und auch uns, die sie und wir brauchen, um erwachsen zu werden, Erfahrungen zu machen bzw. los zu lassen.

Ist unsere Welt so gefĂ€hrlich geworden, dass unsere Kinder ohne Handy nicht mehr „unterwegs“ sein können? Da fragt man sich nur, wer behĂŒtet werden muss.

Und man fragt sich, worin eigentlich der Fortschritt begrĂŒndet ist, wenn nichts mehr geht und alles angstbesetzt ist? Ist das nicht ein RĂŒckschritt?

Vielleicht waren wir Helden, weil und wie wir unsere Kindheit ĂŒberlebt haben – aber heutzutage bewachen wir manchmal zu Ă€ngstlich die Kindheit und Jugend unserer Kinder. Denn Angst war noch nie ein guter Begleiter durchs Leben.