Dienstag, 29. September 2020

Das „DemographiegesprĂ€ch Heddesheim“ war ein Etikettenschwindel

Guten Tag!

Heddesheim, 06. November 2009. „Der demographische Wandel wird ĂŒberall spĂŒrbar“, steht im Text zur Einladung zum „DemographiegesprĂ€ch Heddesheim“. Weiter verspricht die Einladung, dass man „qualifizierte Informationen“ erhĂ€lt und „gemeinsam Ideen sammelt“. Um „Herausforderungen angehen zu mögen“.

Von Hardy Prothmann

Herr Nikolaus Teves ist ein korrekter Mann. Der Anzug sitzt.  Nicht ganz perfekt, das lindert etwas den geschniegelten Eindruck, den er als VerkĂ€ufer seines Anliegens heute vortrĂ€gt. Der 61-jĂ€hrige Volkswirt ist ein Mann alter Schule – sehr korrekt und jovial und referiert ĂŒber: „Die Zukunft gezielt planen. Wohnen, Arbeiten, Leben und Lernen fĂŒr alle Generationen.“

So steht das tatsĂ€chlich in der Einladung: „Die Zukunft gezielt planen. Wohnen, Arbeiten, Leben und Lernen fĂŒr alle Generationen.“

DarĂŒber referiert Herr Teves und haut dabei im Schnelldurchgang in rund 80 Minuten ĂŒber 200 Powerpoint-Folien durch.

Was Herr Teves zu sagen hat, sind bekannte Tatsachen: Deutschland altert, es gibt viele „Barrieren“ jeglicher Art in unserer heutigen Gesellschaft, die „zurĂŒckgebaut“ werden mĂŒssen. Das fĂ€ngt beim BĂŒrgersteig oder einer Treppenstufe an und hört bei Telekommunikation und Informationstechnologie (z.B. Computer) auf.

Der Anspruch, die Zukunft „gezielt planen zu können“ ist nicht eingelöst worden

Alles, was Herr Teves sagt, ist nicht besonders originell – das muss es auch nicht sein. Aber hinter dem eigenen Anspruch, „Die Zukunft gezielt planen“, bleibt er leider ohne Chance auch nur die NĂ€he des Ziels zu erreichen, zurĂŒck.

Denn was Herr Teves eigentlich will, ist Handwerk zu verkaufen. Denn schließlich ist er ein GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald. Und der demographische Wandel, ĂŒber den er sich sorgt, betrifft seine Klientel – die Handwerker.

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Das Handwerk entdeckt das Alter als Erlösquelle.

Die sehen sich knallharten RealitĂ€ten gegenĂŒber: Die Handwerker selbst werden alt, die Angestellten werden alt und die Kunden auch. Alle drei RealitĂ€ten fĂŒr sich sind eine Bedrohung fĂŒr das Handwerk. Zusammengenommen bedeuten sie das, worĂŒber Herr Teves nachdenkt und wie man das verhindern kann – das Aussterben.

In der Vergangenheit hat Herr Teves bereits auf  anderen Veranstaltungen deshalb ohne Umschweife das angepriesen, was er heute in Heddesheim nur dezent und hintergrĂŒndig angesprochen hat: Der demographische Wandel soll umdefiniert werden in neue GeschĂ€ftsfelder und Chancen fĂŒr das Handwerk.

Produkte und Dienstleistungen – Herr Teves verkauft

So können Produkte verkauft werden wie Gehhilfenhalter, Bewegungslichtsensoren, elektrische Notaus-Systeme oder handwerkliche Dienstleistungen wie RĂŒckbau von „Barrieren“, also TĂŒrschwellern, schlecht erreichbaren Steckdosen oder ebenerdige BĂ€der ohne Stolperfallen.

Herr Teves ist Volkswirt – und erkennt und definiert als solcher MĂ€rkte. Man muss ihm unterstellen, dass er solche fĂŒr seine Klientel, die Handwerker öffnen will.

Wenn er allerdings dazu argumentiert, dass es „unsere Aufgabe“ ist und irgendetwas von „gesellschaftlichen Verantwortungen“ erzĂ€hlt, dann betreibt er Etikettenschwindel.

Herr Teves ist ein Lobbyist des Handwerks. Und er benennt zu Recht dessen Probleme und sucht zu Recht wirtschaftliche Lösungen. Dabei sollte er aber ehrlich bleiben und nicht so tun, als dienten all seine ÃƓberlegungen nur dem „GlĂŒck der Alten“ – sie dienen dem (geschĂ€ftlichen) „GlĂŒck mit den Alten“.

Wer sich mit dem Thema befasst, weiß nĂ€mlich, dass ein wirklich interessanter Teil der Alten ĂŒber ein enormes Kapital verfĂŒgt – und der andere Teil wird durch die Masse interessant. Auch weiß man, dass die Industrie und deren Produktentwicklung und die Werbung die Alten in den vergangenen Jahrzehnten strĂ€flich vernachlĂ€ssigt haben.

Dieser Markt ist erst im Ansatz entdeckt und soll neu erschlossen werden: „Chancen und Risiken halten sich also derzeit noch die Waage. Erst ein knappes Viertel der konsumorientierten Firmen macht den Löwenanteil des Umsatzes mit ĂŒber 50-JĂ€hrigen. Das wird sich rasch Ă€ndern: Binnen zehn Jahren wird dieser Anteil bei fast 40 Prozent der Unternehmen liegen,“ heißt es in einer Umfrage der Commerzbank, die 4000 Unternehmen befragte und im Juni 2009 die Ergebnisse veröffentlichte.

Es geht nicht um Barrierefreiheit, sondern ums GeschÀft

ZurĂŒck zum Etikettenschwindel: Die Handwerkskammer Mannheim und ihr GeschĂ€ftsfĂŒhrer Nikolaus Teves sorgen sich um das GeschĂ€ft des Handwerks. DafĂŒr sind sie da. FĂŒr Sie geht es nicht um „Barrierefreiheit“ aus zwischenmenschlichen GrĂŒnden, sondern um die Frage, wie das Handwerk kĂŒnftig ĂŒberleben kann? Diese Frage ist absolut berechtigt.

Und es geht um die Frage, ob man die Alten dazu bewegen kann, das Handwerk in der Sache zu beschÀftigen. Eine Klientel, die mit 80, 85, 90, 95 Jahren zwar immer Àlter (und teils sehr vermögend ist), aber nicht unbedingt weiser, einsichtiger und mutiger wird, was investive Entscheidungen angeht.

Die Situation ist paradox: Einerseits gibt es immer mehr Alte, fĂŒr die die grĂ¶ĂŸte Barriere die Armut ist, andererseits gibt es einen noch nicht erschlossenen Markt von Alten, die extrem viel Geld besitzen, aber keinen Cent davon ausgeben wollen  – weil es keine Angebote dafĂŒr gibt.

Diese Problematik hat Herr Teves elegant immer wieder in seinem Vortrag umschrieben.

ÃƓber all das hat Herr Teves referiert. Dem Anspruch seines Vortrags: „Die Zukunft gezielt planen“, ist er aber auch nicht im Ansatz gerecht geworden.

Herr Teves könnte auch Teppiche verkaufen

Irgendwie klang es dann ein wenig so, als wĂŒrden „Teppiche verkauft“, was Herr Teves nach eigenen Worten irgendwann einmal gemacht hat: „Ich hĂ€tte da noch einen…

So klingt auch die Botschaft: Die Handwerkskammer bietet eine Weiterbildung als Fachkraft fĂŒr „Barrierefreies Bauen und Wohnen“ an. Seminarkosten: 190 Euro. Ehrenamtliche mĂŒssten nichts bezahlen.

Was diese „FachkrĂ€fte“ leisten sollen, liegt auf der Hand: AuftrĂ€ge fĂŒr das Handwerk heranschaffen.

Und was all das mit der Gemeinde Heddesheim zu tun hat, die fĂŒr „aktive Alte“ ein Barriere-Beispiel par Excellence ist – kam mit keinem Wort zu Sprache. Enge oder nicht vorhandene BĂŒrgersteige – kaum einkaufsnahe Möglichkeiten, sinkender Wohnwert durch zu viel Verkehr… sind keine guten Argumente.

Na ja, nicht ganz: BĂŒrgermeister Michael Kessler hob hervor, dass sich die Verwaltung „schon seit lĂ€ngerem damit auseinandersetzt“. Nachzulesen sei das im „Demographiebericht, der bereits wichtige Weichenstellungen liefert“.

Das heddesheimblog wird dazu eine Interviewanfrage an Herrn Kessler stellen – man darf gespannt sein, welche Weichen der Heddesheimer BĂŒrgermeister Michael Kessler in dieser Richtung zu stellen bereit ist.

Hintergrund:

Nikolaus Teves, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald ĂŒber GeschĂ€ftschancen:

Vortrag Uni Göttingen
„Kommunale Demografietage Mudau (Odenwald)“
PR-Interview 2004 mit „Maler-Consult.de“ target=“_blank“
Nutzung von Marktchancen fĂŒr Handwerksunternehmen im demografischen Wandel.
Demografietage
Weiterbildung Fachkraft fĂŒr barrierefreies Bauen und Wohnen
„Marktchancen des Handwerks in einer Ă€lter werdenden Region“.
Plankstadt: 1. Demografietag 2009 – Was sollten Unternehmen wissen?
Denkmalschutz und Barrierefreiheit
FAZ: Der Ansturm der Alten