Donnerstag, 02. April 2020

Offener Brief an Jochen Tscheulin von der IFOK

Guten Tag!

Heddesheim, 21. Januar 2011. Die IFOK feiert den „Dialog“ in Heddesheim als Erfolg. Auf einem Logistik-Kongress. Die angeblich „neutrale“ Firma verdient ihr Geld damit, in scheinbar ergebnisoffenen „Dialogen“ den „Dampf“ aus strittigen Projekte zu bekommen. Hardy Prothmann schreibt in einem offenen Brief an einen der IFOK-Geschäftsführer, Jochen Tscheulin. Denn die beiden haben mal zusammen studiert und wären fast Freunde geworden.

Von Hardy Prothmann

Lieber Jochen,

ich hoffe, es geht Dir gut. Wir haben uns ja schon gut sechszehn Jahre nicht mehr gesehen. Erst 2009 habe ich erfahren, dass Du erfolgreich Karriere gemacht hast und einer der IFOK-Geschäftsführer bist.

Unsere Freundschaft damals war noch nicht gereift und ich dachte mir, dass es besser ist, im Frieden verschiedene Wege zu gehen, weil wir teils doch sehr unterschiedliche Einstellungen hatten.

Das hat sich viele Jahre später bestätigt – ich auf der einen Seite mit einem „lokalen Blog, das kritisch berichtet„, wie Ihr das in Eurem Vortrag beim „Logistik Kongress 2010“ in Stuttgart bezeichnet und auf der anderen Seite Du mit Deinem Spin-Doctor-Unternehmen, das angeblich „neutral“ Konflikte löst.

Ich bin nicht enttäuscht – ärgere mich aber ein bisschen.

Ganz ehrlich? Ich bin nicht enttäuscht, sondern sehe mich in meiner Haltung Dir gegenüber bestätigt. Ein bisschen ärgert mich, dass Deine Firma, die ohne die „kritische Berichterstattung eines lokalen Blogs“ niemals diesen Auftrag in Höhe von 35.000 Euro (oder sogar mehr?) bekommen hätte, nicht einmal in der Lage ist, das Wort „heddesheimblog“ zu schreiben.

Soviel Anstand hätte ich schon erwartet. Auf ein Danke-Schön für das viele Geld bestehe ich da gar nicht. Aber Roß und Reiter zu nennen sollte doch für eine Firma möglich sein, die sich angeblich dem „offenen Dialog“ verschrieben hat. Und auch die Erwähnung der jämmerlichen Berichterstattung im Mannheimer Morgen wäre einen Satz wert gewesen, aber wahrscheinlich ist das nicht im Sinne der Auftraggeber und auch nicht in Deinem.

Ihr schreibt das wirklich hübsch auf und analytisch brillant, wie und warum es zu Konflikten kommt und habt da eine lukrative Geschäftsidee vermarktet: Die bornierte Sturheit von machtbesessenen Bürgermeistern, Politikern und sonstigen Funktionären oder verständnislosen Geschäftsführern oder „Investoren“ bietet jede Menge „Beratungsbedarf“, der sicherlich sehr, sehr, sehr gut bezahlt wird. Immerhin gehts bei solchen Projekten ja auch um sehr viel Geld.

Aber selbst die besten machen Fehler. So auch Du und Deine Dialog-Truppe.

Für wen war was eigentlich schon "klar"? Solche Sätze können auch als Hohn aufgefasst werden. Quelle: IFOK

Erst zu behaupten, es gäbe keine Abhängigkeit vom Auftraggeber (Gemeinde Heddesheim, respektive der Bürgermeister Michael Kessler) ist schon wenig glaubwürdig gewesen. Dann aber auf einem Logistik-Kongress einen Vortrag über den „Erfolg“ in Heddesheim zu halten, das ist ein strategischer Fehler. Denn damit ist allen, selbst den begriffstutzigsten Menschen klar, dass der „Erfolg“ das Erreichen einer „knappen Mehrheit“ von Bürgerstimmen für das Projekt war.

Nicht mehr und nicht weniger.

Viel Geld für Blabla.

Oder wäret Ihr auch zu dem Logistik-Kongress eingeladen worden, hätte eine „knappe Mehrheit“, konkret 40 Bürgerstimmen oder 0,7 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen das Projekt gestimmt? Wohl kaum. Und im übrigen haben wir beide dasselbe studiert, deswegen weiß ich, dass Du weißt, dass ein solches Votum als nicht erfolgreich gesehen werden muss und keine demokratische Legitimation haben kann, denn das Projekt wird gegen die Hälfte des Ortes durchgeführt.

Da sind weitere Konflikte programmiert und so ist das auch gekommen. Soviel zum Erfolg.

Ihr von der IFOK habt das Geld genommen, ein bisschen Blabla gemacht, Schaubilder gezeichnet und gebetsmühlenhaft den „offenen Ausgang“ beschworen – wie man sieht, sind der Wirtschaftsminister Pfister, der Logistik-Lobbyist der Dualen Hochschule Mannheim Schröder und nicht zuletzt Karl-Martin Pfenning so sehr zufrieden, dass Ihr (sicher nochmals gegen Geld) einen Vortrag halten durftet.

Und irgendwie stellt sich dann heraus, dass die „Pfenning-Gegner“ überhaupt keine Chance hatten, aber ihre Erregung derart bedrohlich war, dass das Netzwerk, in dem Du aktiv bist, alles aufbieten musste. Regionalverband, Metropolregion Rhein-Neckar, Heinrich-Vetter-Stiftung, Duale Hochschule, Wirtschaftsministerium. Schon beeindruckend.

"Erfolg" enttarnt: "Umsetzung sicherstellen" ist das Ziel der IFOK. Nichts anderes. Dafür wird sie bezahlt. Und sie macht ihren Job. Der "Erfolg" führt über einen "Dialog" - für viel Geld macht die IFOk eine "Einigung" möglich. Quelle: IFOK

Ich lade Dich herzlich dazu ein, hier in Heddesheim (ohne Geld) mal vor den Projektgegnern über diesen Erfolg zu referieren. Ãœber die Arbeitsplätze, die nicht kommen, die Gewerbesteuer, die ein Märchen ist, den fehlenden Bahnanschluss und, und, und. Du hättest es auch gar nicht mal weit von Bensheim hierher, ich bin mir aber irgendwie sicher, dass Du Dich das nicht traust.

Ist der „Dialog“ auch „erfolgreich“, wenn ein Projekt stirbt?

Und mal ganz ehrlich, Jochen! Was würde passieren, wenn die nächsten drei, vier Dialogverfahren auch „erfolgreich“ sind, aber dazu führen, dass die Projekte nicht umgesetzt werden? Würde Euch dann noch einer engagieren, für das viele Geld, das Ihr nur bekommt, weils in der Hütte brennt?

Ich kann mich noch genau an Dich erinnern, wie Du immer fein gelächelt hast, wenn wir heiße Diskussionen hatten und Dir die Argumente ausgegangen sind. Und ich kann mich gut erinnern, wie wir damals die „Westpoint-Absolventen“ für ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden, Analysen) untersucht haben und Du Dich über die kaputten Typen totgelacht hast. Und wie Deine Augen gestrahlt haben, als es ums Geschäftliche ging – die haben echt viel Geld für diese Untersuchung bezahlt und die Uminterpretation der Ergebnisse in eine „freundliche Lesart“ war echt harte Arbeit.

Für mich sind das alte Zeiten – Du bist den Umfragen, Methoden und Analysen treu geblieben. Schließlich kann man damit viel Geld machen und muss keine säckeweise gehorteten „Bundeswehr-Verpflegungsmittel“ futtern. Die Kekse waren echt komplett geschmackfrei – aber wie Du sagtest, mit Kaffee konnte man die „essen“, selbst noch Jahre über das Verfallsdatum hinaus, wie Du mir erklärt hast. Und nahrhaft waren sie auch. Du konntest dadurch im Studium viel Geld sparen.

Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Eins möchte ich Dir noch gerne mitteilen: Für mich war es das erste „Dialog-Verfahren“ in meinem Leben. Und ich habe dabei viel gelernt. Und nachdem ich ein wenig drüber nachgedacht habe, ist mir die Idee gekommen, dass ich auch ganz gut damit Geld verdienen könnte. Sicher nicht soviel wie Du, denn Du und Deine über 100 Berater und den teuren Stundensätzen arbeiten ja schließlich für „Investoren“ und jede Menge Geld.

Aber, wie Ihr treffend in Eurer Werbebroschüre schreibt: Der Widerstand ist längst nicht mehr Sache von Chaoten, sondern in der bürgerlichen Mitte angekommen. Ein einzelner hat viel Geld, aber viele haben auch ne Menge Geld. Crowd-Sourcing nennt man das, glaube ich.

Und warum sollte ich das nicht einsammeln, ein paar clevere Analytiker davon bezahlen und dann bei künftigen Dialogen für die Projektgegner in den Dialog eintreten? Das wird sicher ein Riesenspaß. Du kennst den Spruch: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Vor allem aber könnte es durchaus sein, dass der „Erfolg“ dann ganz anders aussieht. Deswegen hoffe ich für Dich, dass Du Dir ein paar Bundeswehrkekse aufbewahrt hast – für schlechte Zeiten.

Es grüßt Dein früherer Kommilitone
Hardy

Anmerkung der Redaktion: Der IFOK-Geschäftsführer Jochen Tscheulin und Hardy Prothmann, freier Journalist und verantwortlich für das heddesheimblog, haben zusammen in Mannheim Politische Wissenschaften studiert und gemeinsam gut zwei Jahre beim Institut ZUMA als studentische Hilfskräfte gearbeitet.