Freitag, 18. Oktober 2019

Zeitgemäßes Design, "neue Maßstäbe" (bisher) Fehlanzeige

Ländle mit neuer Homepädsch

Rhein-Neckar, 04. Februar 2013. (red/zef) Seit dem 01. Februar 2013 hat das Land Baden-W√ľrttemberg eine neue Online-Plattform. Die Homepage soll neue Ma√üst√§be setzen, damit ‚Äěsich die B√ľrgerinnen und B√ľrger mit Politik auseinandersetzen‚Äú, sagt die Silke Krebs, Ministerin im Staatsministerium. Wir haben uns die Seite angeschaut: „Neue Ma√üst√§be“ gilt im Vergleich mit der alten Seite bestimmt, das Design ist frisch und modern ‚Äď inhaltlich und konzeptionell kann die Seite aber durchaus noch zulegen. Immerhin: In den ersten drei Stunden nach dem Start am 1. Februar haben bereits 2.500 Menschen insgesamt 15.000 Seiten aufgerufen – und das innerhalb von drei Stunden.

Von Ziad-Emanuel Farag

Oben sind die f√ľnf strukturierenden Elemtente zu sehen, darunter der anschauliche Slider mit aktuellen Artikeln. Quelle: www.baden-wuerttemberg.de

 

Sofort sticht der ansprechende Slider ins Auge. Dieser pr√§sentiert aktuelle politische Themen anschaulich. Hier kommen nicht nur Artikel, sondern auch andere Medien wie Videos oder Fotostrecken zum Einsatz¬† Aktuelle Beispiele w√§ren: Ein Zeitstrahl dar√ľber,was die gr√ľn-rote Landesregierung bisher geleistet hat, die Ganztagsschule oder die Bildungsgerechtigkeit. Man kann den Slider automatisch die Artikel abspielen lassen oder einfach bequem per Pfeil in der Mitte oder der Navigationsleiste unten wechseln.

Besonders brisant wirkt der „transparente Landeshaushalt“. Hier gibt es zwar viel Zahlenwerk: Das Regierungspr√§sidium Stuttgart erh√§lt 8,4 Millionen Euro f√ľr Bundesautobahnen, w√§hrend Kalrsruhe 4,4 Millionen Euro erh√§lt . Viele Fragen bleiben hier aber v√∂llig unbeantwortet: Wieviel Geld wird in welche Autobahnen investiert? Da stehen viele Zahlen – ohne weitere Informationen sind sie kaum zu nutzen. Da steht gar nichts! Bei den Hochschulen ist der Landeshaushalt auch sehr pauschal: Einzeln aufgeschl√ľsselt werden die aktuellen Zuwendungen f√ľr Bauma√ünahmen. √úber die Verteilung der restlichen 336 Millionen Euro erf√§hrt man nichts. Blo√ü keine Verteilungskritik riskieren, scheint hier die Devise zu lauten. Der „transparente Landeshaushalt“ verspricht mehr als er h√§lt. Die Bedienung ist zudem √§u√üerst umst√§ndlich.

Die Seite unterteilt sich ingesamt in f√ľnf Rubriken: ‚ÄúUnser Land‚ÄĚ, ‚ÄúRegierung‚ÄĚ, ‚ÄúBW gestalten‚ÄĚ ‚ÄúService‚ÄĚ und ‚ÄúBeteiligungsportal‚ÄĚ. Die ersten vier erm√∂glichen eine einfache Orientierung. Legt man den Cursor auf einer dieser Buttons, wird eine umfangreiche, aber √ľbersichtliche Auflistung der Unterpunkte angezeigt. In der Rubrik „Regierung“ gelangt man schnell zu Vorstellungen der Regierungsmitglieder und ihrer Ministerien. „Unser Land“ bietet einen √úberblick √ľber alles Erdenkliche zu Baden-W√ľrttemberg. Geschichte, Geografie, Landesverfassung, ein Quiz zur Unterhaltung, Traditionen, hier ist alles dabei.

„BW gestalten“ erkl√§rt, wie Baden-W√ľrttemberg k√ľnftig aussehen soll:¬† „Erfolgreiches Baden-W√ľrttemberg“ (Wirtschaftspolitik), „Schlaues Baden-W√ľrttemberg“ (Bildungspolitik), „Nachhaltiges Baden-W√ľrttemberg (Energiepolitik)“, „B√ľrgernahes Baden-W√ľrttemberg (B√ľrgerbeteiligung und Integration)“ und „Gerechtes Baden-W√ľrttemberg (Gleichstellung, Inklusion, Gesundheitspolitik)“. Dies liest sich aber zunehmend fade, irgendwann hat man dann genug von Baden-W√ľrttemberg. Wenigstens fasst die Landesregierung hierbei ihre politischen Ziele unter wenigen, verst√§ndlichen Schlagworten zusammen. In der Rubrik „Service“ erh√§lt der Leser viele Informationen, um Kontakt zu √Ąmtern aufzunehmen, sich einen √úberblick √ľber Publiktationen zu verschaffen oder einfach einen Ansprechpartner zu erhalten.

Die Detailansicht in den einzelnen Rubriken. Quelle: www.baden-wuerttemberg.de

 

Das „Beteiligungsportal“ schlie√ülich soll k√ľnftig ‚ÄúMehr Demokratie klicken‚ÄĚ gew√§hrleisten. Dem m√ľssen jedoch au√üer blo√üen Ank√ľndigungen Taten folgen. Daf√ľr gibt es bereits auf der Startseite einen Textkasten, in dem man schnell eine Frage an die Landesregierung eintippen kann. Wir haben diese Funktion mit einer Frage am Freitag selbst getestet. Bis heute, den 04. Februar 2013, 17:00 Uhr haben wir noch keine Antwort erhalten.¬† Am, Dienstag, den 05. Februar, wurde sie um 14:43 beantwortet.

Wir erinnern uns: Baden-W√ľrttemberg soll gerecht werden. „Menschen mit Behinderung geh√∂ren in die Mitte der Gesellschaft. Deshalb bauen wir Barrieren und Benachteiligungen ab.“ Nirgendwo geht das schneller und einfacher als online. Eine Seite, die m√∂glichst alle mit Behinderungen leicht nutzen k√∂nnen, ist unverhandelbar: Nirgendwo gibt es so wenige Barrieren wie am eigenenen Rechner. Hier scheitert die neue Homepage aber: Einige Artikel k√∂nnen zwar vorgelesen werden. Dies geschieht jedoch so blechern, dass man dem nicht folgen kann. Wenn doch, w√ľrde man es nicht wollen. Mit den verbreiteten Leseger√§ten f√ľr Blinden f√§llt es diesen also deutlich einfacher, sich zu informieren. Der Button daf√ľr ist viel zu klein. Sehbehinderte d√ľrften ihn nicht ausmachen k√∂nnen. Hier w√§re es ratsam, die entsprechende Funktion in der Zeile der √úberschrift zu platzieren anstatt neben der Unter√ľberschrift.

Die Vorlesefunktion ist in dieser Zeile nur schwer zu sehen. Quelle: www.baden-wuerttemberg.de

 

Der neue Ma√üstab muss also noch ordentlich Ma√ü nehmen, um tats√§chlich √ľberzeugen zu k√∂nnen. Immerhin, ein Anfang ist gemacht und man darf gespannt sein, was noch folgt.

Geprothmannt: „Occupy“ ist kein Schlachtruf, sondern ein Bekenntnis


"Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt, frei zu sein." Die junge Frau demonstriert mit einem Goethe-Zitat in New York bei "Occupy Wall Street". Foto: CC David Shankbone/wikipedia

Guten Tag!

Rhein-Neckar, 17. Oktober 2011 (red) Heute vor einem Monat „besetzten“ rund 1.000 Demonstranten die Wall-Street – also vielmehr Parks und Stra√üen in der N√§he der New Yorker-B√∂rse. Als demokratische Vorbild nennen die Demonstranten den „arabischen Fr√ľhling“ – als Symbol f√ľr die Vertreibung der Diktatoren und Regimes. F√ľr die „Occupy“-Bewegung sind das im Westen vor allem die Banken. Aber auch Politiker, vornehmlich konservative, werden kritisiert.

Von Hardy Prothmann

Was hat man davon zu halten? Von „Occupy Wall Street“? Alles nur eine Art „Demo-Mode“ junger, wohlhabender Freizeitdemonstranten, die ein wenig „Action“ brauchen? Oder ist das eine ernstzunehmende Entwicklung eines politischen Protestes gegen Systeme, die das Volk nicht mehr versteht? Vor allem das der Spekulation der „Hochfinanz“?

Die Demonstranten nehmen sich die Aufst√§ndischen des arabischen Fr√ľhlings zum Vorbild und sitzen oder marschieren gegen das Regime. Aus Ihrer Sicht nicht gegen waffenstarrende Dikatatoren, sondern gegen eine viel gr√∂√üere Macht. Das Regime des Geldes. Kontrolliert von den Banken. Und von der mit diesen auf vielf√§ltige Weise verflochtetenen Politik.

Menschen haben Rechte – nicht nur die Pflicht zu zahlen

Es ist das gute Recht dieser Menschen, das sie wahrnehmen. Sie haben das Recht ihre Meinung zu äußern, sich zu versammeln und zu protestieren.

Auch in Deutschland haben mehrere zehntausend Menschen am Samstag demonstriert. Gegen die Banken. Gegen Geld-Systeme, die angeblich so erfolgreich sind und doch st√§ndig „Rettungsschirme“ brauchen – also unser aller Geld. Weil sie sich mal eben „aus Versehen“ in ihrer Gier wieder verzockt haben. Die Boni der Manager sind meistens nicht gef√§hrdet.

Der Seele des Protestes der Demonstranten n√§hrt sich nicht aus Gier oder Neid. Sondern aus dem Austausch von Informationen. Und einer neuen Sicht auf die Welt. Und einer fehlenden Kontrolle der ehemaligen Kontrolleure √ľber Informationen.

Hardy Prothmann sieht die Welt mit seiner Kolumne "Geprothmannt" ganz subjektiv.

„Occupy“ hat als ein Vorbild den „arabischen Fr√ľhling“ – aber es steckt mehr dahinter. Beispielsweise Wikileaks – die Aufdeckungsplattform hat f√ľr viel Aufregung gesorgt. Durch die Weitergabe geheimer Informationen. Dadurch wurde der Schmutz, nein, der Dreck der angeblich sch√∂nen, reinen Welt der angeblich so verantwortungsvollen M√§chtigen nicht nur in Frage gestellt, sondern als System aus L√ľgen und Betrug entttarnt.

Wikileaks wäre ohne vernetzte Computer nicht vorstellbar. Geheimnisse wurden schon immer verraten Рaber noch nie in diesem Ausmaß. Mordende amerikanische Soldaten im Irak oder haarsträubende Politikerdepeschen Рdie Wahrheiten kommen ans Licht.

Aber Wikileaks und Occupy haben noch andere Vorl√§ufer. Greenpeace und Attac beispielsweise – zwei Gruppen, die sich durch gute Vernetzung immer wieder Informationen verschaffen und ver√∂ffentlichen konnten, die geheim bleiben sollten. Unsere heutige „moderne“ Umweltpolitik w√§re ohne Greenpeace nicht vorstellbar.

Occupy ist weit mehr als ein bislang √ľberschaubarer Protest

Auch Gruppen wie Transparency International oder der deutsche Verein Foebud tragen zur Information der Gesellschaft und zur Abschaltung von Missst√§nden bei. Und √ľberall gibt es jede Menge anderer „Aktivisten“, die nicht mehr hinnehmen, was ihnen vorgesetzt wird, sondern Fragen stellen, ihre Rechte einfordern und sich nicht einsch√ľchtern lassen.

Auch die Gegner von Stuttgart 21 sind eine Art „Occupy“-Bewegung. Ein knappes Dutzend B√ľrger haben in Stuttgart fluegel.tv gegr√ľndet. Was mit einer Webcam begonnen hat, ist mittlerweile auch f√ľr die Politik ein ernstzunehmender „Medienpartner“. Denn fluegel.tv erreicht √ľbers Internet so viele Menschen, wie sich erreichen lassen wollen. Und es sind viele. Und es werden immer mehr.

„Die Politik“ reagiert kopflos bis b√∂sartig. Als am „schwarzen Donnerstag“, dem 30. September 2010, die Demonstranten mit Wasserwerfern und Pfefferspray angegriffen worden sind, war das politische Schicksal des damals amtierenden Ministerpr√§sidenten Stefan Mappus (CDU) besiegelt.

Die Menschen, die Mappus als Chaoten bezeichnet hat, sind B√ľrgerinnen und B√ľrger. Keine Gesetzlosen. Sondern anst√§ndige Leute, die ihre Rechte wahrnehmen. N√§mlich sich zu versammeln und ihre Meinung zu √§u√üern. Und die ist halt nicht die der CDU, FDP und gro√üen Teilen der SPD. Was im Umkehrschluss nicht hei√üen muss, dass all „Gr√ľn“ oder „Links“ w√§hlen – manche w√§hlen aus „Pflichtgef√ľhl“ trotzdem CDU oder SPD. Manche sind unbelehrbar und w√§hlen FDP. Und andere die „Piraten“. Und viele vielleicht in Zukunft lieber die Stra√üe als eine Partei.

Und jetzt steht fest, dass die CDU-Politiker Stefan Mappus und sein ehemaliger Finanzminister Willi Stächele Verfassungsbrecher sind. Politische Ganoven, die vermutlich schadlos davonkommen.

Selbst die konservative Welt schreibt:

„Baden-W√ľrttembergs Landtagspr√§sident Willi St√§chele (CDU) ist zur√ľckgetreten. „Ich gebe mein Amt zur√ľck“, sagte St√§chele in Stuttgart. Damit zog er die Konsequenz aus einem Urteil des Staatsgerichtshofs vom vergangenen Donnerstag.

Die Richter hatten ihm einen Verfassungsbruch bescheinigt, weil er als Finanzminister Ende 2010 beim R√ľckkauf der EnBW-Anteile durch das Land die Mitwirkungsrechte des Landtags umgangen hatte.“

Der „ehrenvolle“ Landtagspr√§sident St√§chele war sich vor seinem R√ľcktritt nicht zu schade, den Verfassungsbruch als „staatsm√§nnische Handlung“ zu umschreiben:

„St√§chele hatte bisher einen R√ľcktritt abgelehnt und betont, es sei ihm beim EnBW-Deal um eine schnelle Entscheidung im Interesse und zum Wohle des Landes gegangen.“

Es ging St√§chele also um das „Wohl des Landes“. Dass dabei Banken einen guten Schnitt gemacht haben und pers√∂nliche Verbindungen zwischen Mappus und Bankmanagern eine Rolle gespielt haben k√∂nnten – das soll man nicht denken d√ľrfen.

Auch Stuttgart 21 hat viel mit Geld von Banken und anderen „Interessierten“ dem „Wohl des Landes“ zu tun. Das Projekt, das angeblich mal keine zwei Milliarden Euro kosten sollte, soll aktuell 4,5 Milliarden kosten – es gibt genug Hinweise, dass es viel mehr kosten wird. Und der neue starke Mann der Baden-W√ľrttembergischen CDU, Peter Hauk, hat im Wahlkampf verk√ľndet, dass es „Baden-W√ľrttemberg egal sein kann, ob es zehn oder f√ľnfzehn Milliarden Euro kostet„. Wei√ü der Mann mehr als andere? Kennt er schon die „echten“ Zahlen?

Hat er „aus dem N√§hk√§stchen geplaudert“, vor einem Jahr in Hirschberg an der Bergstra√üe, einem kleinen Ort, wo er niemanden vermutet hat, der seine Worte weitertr√§gt? Unser Artikel √ľber seinen Auftritt hatte innerhalb von zwei Tagen 26.000 Leserinnen und Leser. Wir haben email aus Moskau, London und Istanbul erhalten.

Das Spiel heißt Monopoly Рwie es ausgeht, weiß jeder

Das ist noch nicht „Occupy“ – aber die Informationen f√ľhren dahin. Sie f√ľhren dazu, dass sich Menschen emp√∂ren und dieses „Spiel“ nicht mehr mitmachen wollen.

Warum sind die Menschen in einigen arabischen L√§ndern auf die Stra√üe gegangen? Zuerst in Tunesien, dann in √É‚Äěgypten? Weil sie gut ausgebildet sind und Informationen austauschen. Und weil sie gemerkt haben, dass sie reingelegt werden.

Und weil sie merken, dass etwas nicht stimmt. Dass es der Mehrzahl immer schlechter geht, während wenige immer mehr haben.

In Griechenland und Spanien (zwei L√§ndern mit „erzkonservativen“ Gesellschaften) gibt es seit Monaten Massenproteste – in anderen L√§ndern g√§rt es. Auch in Deutschland sind solche Proteste nur noch eine Frage der Zeit.

Wenn immer mehr Menschen in Billigjobs „besch√§ftigt“ werden, die sp√§ter noch nicht einmal eine Rente am Existenzminimum erm√∂glichen, dann steigen die Menschen aus. Das verstehen sie nicht mehr. Deswegen fordern sie Ver√§nderungen.

Niemand muss deswegen das Gespenst des Kommunismus an die Wand malen. Sondern einfach nur nachdenken, was man will und wo man leben möchte.

F√ľr viele ist Amerika immer noch ein Land der unbegrenzten M√∂glichkeiten. Sofern man Geld hat, ist das gar nicht so falsch. Wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass Amerika pleite ist und die meisten B√ľrger dort vor existenziellen Fragen stehen.

Tunesien und √É‚Äěgypten waren bis vor den Revolutionen beliebte Urlaubsl√§nder – wenn man genau hinschaut, hat man aber nur gut bezahlte „Resorts“ gesehen und vom Elend der Leute nichts mitbekommen (wollen).

Auch in Deutschland wächst die Armut Рauch wenn die Wirtschaft brummt

Und wenn man in Deutschland genau hinschaut, weiß man, dass Kinder ein Armutsrisiko bedeuten. Wenn man genau hinschaut, sieht man, wie die Armut wächst Рobwohl die Wirtschaft bis vor kurzem brummte.

Die Konsequenzen werden – wenn man nicht hinschauen will – so sein, wie in vielen Teilen der Welt. F√ľrchterlich. Dort sind die Stra√üen gef√§hrliche Orte und wer es sich leisten kann, meidet sie. Die „wohl“-habenden (siehe St√§chele und andere, deren „Wohl“ immer auch Haben bedeutet) leben in bewachten Quartieren hinter hohen Mauern – wie im Knast. Wer ein wenig au√üerhalb von „idyllischen Paradisen“ der Urlaubsscheinwelt herumgekommen ist, wei√ü das.

Wer gerne daf√ľr eintritt, in einem freien Land zu leben, das B√ľrgerrechte sch√ľtzt und verteidigt, das die Zivilgesellschaft als Ziel hat und Bildung und Meinungs- sowie Informationsfreiheit als selbstverst√§ndlich erachtet, der wird ab einem gewissen Punkt sehr genau dar√ľber nachdenken m√ľssen, ob „Occupy“ nicht nur ein Bekenntnis, sondern im Zweifel ein Schlachtruf sein sollte. F√ľr die Freiheit. Von m√∂glichst vielen Menschen.

Bleiben Sie aufmerksam!

Ihr

P.S.
Wer die Meinung des Autors f√ľr eine „Einzelmeinung“ h√§lt, kann gerne beim Debattenmagazin „Cicero“ weiterlesen.

In eigener Sache: rheinneckarblog istlokal.de


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 25. Januar 2011. Ende 2010 haben die Journalisten Stefan Aigner und Hardy Prothmann sowie der Diplom-Medienp√§dagoge Thomas Pfeiffer das Netzwerk istlokal.de gestartet. Das Netzwerk unterst√ľtzt journalistische Angebote im Internet, die lokal oder regional informieren.

Von Hardy Prothmann

Die lokale Berichterstattung bietet die exklusivsten Nachrichten der Welt. Was vor Ort passiert, betrifft die Menschen, die dort leben. Egal ob in M√ľnchen, Berlin, K√∂ln, Stuttgart, auf dem platten Land oder in einem Ballungsraum. Oder in New York, Los Angeles, Paris, London, Mailand, Barcelona.

In den vergangenen zwei Jahren sind in vielen Orten Deutschlands lokale „Blogs“ oder digitale Internet-Zeitungen entstanden und auch 2011 werden viele neue Angebote dazukommen. Mal sind es politisch engangierte B√ľrger, mal Journalisten, die das „nebenbei“ machen. Aber immer mehr Angebote werden mit dem Anspruch der Herausgeber betrieben, von dieser Arbeit auch leben zu k√∂nnen.

Kritischer Zustand des Journalismus.

Jeder, der ein kommerzielles Angbot betreibt, steht dabei vor denselben Problemen: Der lokale und regionale Werbemarkt im Internet ist noch nicht befriedigend entwickelt, noch nicht einmal ausreichend.

Das Portal von istlokal.de bietet vernetzten Journalismus.

Aus gutem Grund. Die Presselandschaft in Deutschland ist √ľberwiegend monopolisiert. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es fast nur noch „Einzeitungskreise“ – sprich, es gibt keinen journalistischen Wettbewerb mehr vor Ort. Die Monopolzeitungen bestimmen, √ľber wen was wann wie berichtet wird.

Wozu das f√ľhrt, zeigt das Beispiel Stuttgart21 deutlich. Die Stuttgarter Zeitung hat kaum kritisch berichtet – aus gutem Grund. Wie der stern mit dem Hintergrundbericht „Fahrt auf schw√§bischem Filz“ offenlegte, geh√∂rt die Zeitung zur S√ľdwestdeutschen Medienholding (SWMH), die vor einiger Zeit die S√ľddeutsche Zeitung gekauft hat.

„Fahrt auf schw√§bischem Filz.“

Ein schwerer finanzieller Brocken, der das Unternehmen in Schwierigkeiten brachte. √ÉŇďber die Landesbank Baden-W√ľrttemberg nahm man ein Schuldscheindarlehen √ľber 300 Millionen Euro auf, so der Bericht.

Darin hei√üt es: „Die LBBW war hierf√ľr ein idealer Partner. Vorsitzender ihrer Tr√§gerversammlung ist Ministerpr√§sident Mappus. In ihrem Verwaltungsrat hat die Politik das Sagen. Vorsitzender ist der CDU-Landtagsabgeordnete Peter Schneider, Pr√§sident des baden-w√ľrttembergischen Sparkassenverbands. Mitglieder des Verwaltungsrats sind unter anderem der Stuttgarter OB Wolfgang Schuster, die CDU-Landesminister Wolfgang Reinhart (Berlin/Europa) und Willi St√§chele (Finanzen), die Unternehmer Heinz D√ľrr und Dieter Hundt und Claus Schmiedel, Chef der SPD-Fraktion im Landtag. Der hielt Stuttgart 21 bis vor kurzem f√ľr „menschenfreundlich, umweltfreundlich und relativ schnell realisierbar.“

Solche Verbindungen lassen vermuten, dass eine objektive Berichterstattung nicht mehr gegeben ist.

Der stern berichtet √ľber die Verfilzung von Medien, Politik und Wirtschaft.

Zur√ľck zum Werbemarkt – der wird von Zeitungen dominiert. Und jede Anzeige, die von Print nach Online abwandert, ist ein Verlust, der die Zeitungen trifft. Die haben folglich √ľberhaupt kein Interesse, den Online-Werbemarkt zu entwickeln. Denn Online-Anzeigen sind g√ľnstiger, sprich, bringen den Zeitungen weniger Einnahmen.

Dramatische Entwicklung.

Und wer sich online informiert, auch durch Werbung, braucht keine Zeitung mehr – die teils dramatisch zur√ľckgehenden Auflagen- und Abozahlen zeigen deutlich, unter welchem wirtschaftlichem Druck Zeitungen stehen.

Mit dramatischen Folgen f√ľr die B√ľrgerinnen und B√ľrger: Die Berichterstattung wird zunehmend flacher, da die Zeitungsverlage in den vergangenen Jahren hunderte Journalisten entlassen haben. Es gibt Regionen in Deutschland, √ľber die √ľberhaupt keine Berichterstattung mehr stattfindet. Die ungepr√ľfte √ÉŇďbernahmen von „PR-Artikel“ ist an der Tagesordnung.

Wer aufmerksam die Zeitung liest, stellt fest, dass der √ľberwiegende Teil der Artikel nicht mehr redaktionell vor Ort erarbeitet wird, sondern au√üerhalb der Zeitung. Ob als Agenturmeldung oder PR-Text.

Und es gibt jede Menge Lokalredakteure, die eine Pressemitteilung ein wenig umschreiben und dann unter ihrem Namen als eigenen Artikel ver√∂ffentlichen. Das ist Betrug am Leser. Und der findet t√§glich √ľberall statt.

Journalismus ist wichtig f√ľr die Demokratie.

Und es schadet der Glaubw√ľrdigkeit des Journalismus, der eigentlich die „4. Macht“ im Staate sein soll. Durch kritisches Pr√ľfen von Informationen, durch Recherche von Hintergr√ľnden und Verbindungen, durch eine objektive Berichterstattung. Diese Aufgabe ist enorm wichtig, um eine Demokratie stabil zu halten.

Engagierte B√ľrger und freie Journalisten gr√ľnden deshalb ihre eigenen Medien – aus Frust √ľber die unzul√§ngliche „Lobby“-Berichterstattung der Zeitungen, die oft mehr verschweigen, denn berichten. Aus der √ÉŇďberzeugung heraus, dass dort immer weniger echter Journalismus stattfindet.

Die Alternative heißen Blog oder Internet-Zeitung Рdie Namensgebung spielt keine Rolle, sondern der Inhalt. Hier finden Dokumentation und kritische Berichte statt.

Vielfältige Herausforderungen.

„B√ľrgerjournalisten“ stehen dabei vor der Herausforderung, wie sie diese journalistische T√§tigkeit wahrnehmen. Journalismus ist ein Handwerk, das man lernen kann und muss. Ohne Kenntnisse in Sachen Recherche, Schreiben und auch Medienrecht werden wichtige Informationen nicht gefunden oder es drohen Abmahnungen von denen, die sich durch die Berichte „gest√∂rt“ f√ľhlen – sei es die Kirche, seien es Unternehmen oder Politiker oder √É‚Äěmter.

Hardy Prothmann ist verantwortlicher Redakteur f√ľr die Angebote des rheinneckarblogs. Bild: sap

Professionelle Journalisten brauchen Einnahmen, von denen sie leben k√∂nnen und mit denen sie ihre Arbeit finanzieren. Also Werbeeinnahmen. Manche gr√ľnden auch F√∂rdervereine, die die Arbeit √ľber Mitgliedsbeitr√§ge und Spenden finanzieren.

Das Netzwerk istlokal.de will eine Genossenschaft gr√ľnden, in der unabh√§ngige Internet-Medien, die lokal und/oder regional berichten, sich organisieren. Um journalistische Aus- und Fortbildung anzubieten. Um sich bei technischen L√∂sungen zu unterst√ľtzen, um sich rechtlich wehren zu k√∂nnen und nat√ľrlich, um den lokal-regionalen Onlinewerbemarkt voranzubringen.

Wir stehen dabei in Konkurrenz zu den Tageszeitungen. Journalistisch und auch geschäftlich.

Vernetzter Journalismus.

Wo es schon teils herausragende lokale Angebote gibt, können Sie auf unserer Seite istlokal.de nachschauen. Wenn Sie selbst ein Angebot planen, können Sie sich gerne an uns wenden. Wenn Sie schon ein Angebot in Betrieb haben, schließen Sie sich uns an. Die notwendigen Informationen finden Sie auf unserer Website.

istlokal.de wird seine Mitglieder, egal ob hauptberufliche Journalisten oder B√ľrgerjournalisten, unterst√ľtzen. Zum einen zur F√∂rderung der Presse- und Meinungsfreiheit, zum anderen als „Unternehmer“-Verband f√ľr professionelle Journalisten. Und wir sind √ľberzeugt davon, dass wir auch die Wirtschaft, die Vereine, die Forschung und andere Bereiche der Gesellschaft mit einem verantwortungsvollen Journalismus unterst√ľtzen.

F√ľr das erste Halbjahr 2011 ist eine Informationsveranstaltung geplant. Wir werden Sie √ľber unsere Fortschritte zeitnah informieren.

Hintergrund:

Hardy Prothmann ist verantwortlich f√ľr das rheinneckarblog und betreibt zudem die lokalen Angebote heddesheimblog.de, hirschbergblog.de, ladenburgblog.de und weinheimblog.de. F√ľr seine Arbeit wurde er 2009 und die „100 Journalisten des Jahres“ durch eine unabh√§ngige Jury der Fachzeitschrift „MediumMagazin“ auf Platz 3 in der Kategorie „Regionales“ gew√§hlt.

Er arbeitet seit 1991 als freier Journalist. W√§hrend des Studiums von 1991-1994 f√ľr den Mannheimer Morgen, ab 1995 √ľberregional f√ľr fast alle gro√üen Medien sowie die ARD. Er ist Gr√ľndungsmitglied von netzwerk recherche und Mitglied des Frankfurter Presseclubs. Im Mai 2009 startete er das heddesheimblog.de.

Stefan Aigner ist freier Journalist in Regensburg. Er betreibt die Seite regensburg-digital.de und ist bundesweit durch seine kritische Berichterstattung bekannt geworden, die ihm schon drei Prozesse eingebracht hat. Aktuell hat ihn die Di√∂zese Regensburg verklagt, weil er die Zahlung von Geldern an die Eltern eines Missbrauchsopfers in Anlehnung an einen Spiegelbericht als „Schweigegeld“ benannt hat. Die katholische Kirche hat auf Unterlassung geklagt. Weil Stefan Aigner 10.000 Euro Spendengelder einwerben konnte, hat er sich auf den Prozess einlassen k√∂nnen. Das Hamburger Landgericht will das Urteil Ende Februar 2011 verk√ľnden.

Thomas Pfeiffer ist Diplom-Medienp√§dagoge und Social Media-Experte. Er betreibt die Seite webevangelisten.de und ist Mitbegr√ľnder des Twittwoch, eines Vereins zur F√∂rderung von Social Media-Anwendungen. Der passionierte Bergsteiger unterst√ľtzt das Netzwerk istlokal.de mit seinen Expertenkenntnissen. Als politisch interessierter B√ľrger ist er zudem „Genosse“ der links-liberalen Tageszeitung die „taz“ aus Berlin.

istlokal.de wurde am 28. Dezember 2010 in Heddesheim gegr√ľndet. Zur Zeit findet die Mitgliederwerbung statt. In K√ľrze wird der „Vorstand“ durch weitere Journalisten erweitert, die sich aktiv in das Netzwerk einbringen wollen. Geplant ist die Gr√ľndung einer Genossenschaft sowie einer operativen GmbH, die die organisatorischen Arbeiten √ľbernimmt.

Wir sind offen f√ľr Sponsoren, die zu uns passen und Kooperationspartner, die gerne mit istlokal.de zusammenarbeiten m√∂chten. Erste Gespr√§che werden mit der Fotografenagentur Freelens sowie dem Autoren-Netzwerk Freischreiber gef√ľhrt.

Gabi√ā¬īs Kolumne: Sind wir Helden?

Guten Tag!

Heddesheim, 07. November 2009.

Sind wir Helden?, fragt sich Gabi. Etwa weil wir eine Kindheit ohne Fahrradhelme und Kindersitze √ľberlebt haben? Weil Arznei- und Putzmittel noch keinen Sicherheitsverschluss hatten und es noch keine Handys gab? Ganz zu schweigen von Babyphon, T√ľrschutzgitter und Steckdosensicherungen?

Als ich mein erstes Kind bekam tauchte ich gleich ein in einen Ozean der Gefahren. Nein, eigentlich schon in der Schwangerschaft wusste ich, dass Rohmilchk√§se f√ľr das Ungeborene fast genauso gef√§hrlich werden kann wie Alkohol oder Zigaretten.

Kaum hatte ich meinen Sohn im Arm wurde ich von allen Seiten – wenn ich es nicht schon im Ratgeber gelesen hatte – √ľber die drohenden Gefahren aufgekl√§rt: Das Neugeborene durfte nicht auf dem Bauch schlafen, ich durfte keine Zwiebeln oder Schlimmeres essen, dann bekam mein Baby Koliken und auf Kaffee musste ich in der Stillzeit v√∂llig verzichten. Bestimmte Schnuller gaben gef√§hrliche Chemikalien ab und √ľber den Sinn oder Unsinn von Impfungen konnte man stundenlang diskutieren.

Risiken f√ľr die Kinder – wie alt sie auch sind und wo sie auch sind…

Kaum war diese Neugeborenenphase √ľberlebt, kam das risikobehaftete Kleinkindalter. Die Wohnung musste sicher gemacht werden. Riegel f√ľr Schrankt√ľren, Treppenabsperrungen, Herdsicherung, um nur einiges zu nennen, mussten her, damit das Kleinkind gefahrlos durch die Wohnung krabbeln konnte – ich erinnere mich an ein Kinderbild von mir im Laufstall, aber das war p√§dagogisch ein absolutes „No go“ und es gab in dieser Zeit bestimmt genug Menschen, die r√ľckwirkend Hersteller von Laufst√§llen verklagt h√§tten.

Wenn Kind und Eltern das alles bis zum Kindergarten √ľberlebt hatten, begann der Stress mit dem geeigneten Kinderrad nebst T√ľv-gepr√ľftem Fahrradhelm. Beim Elternabend wurden wir dar√ľber informiert, welche Teufel sich in der Fr√ľhst√ľcksbox verstecken k√∂nnen und wie gesundheitssch√§dlich, der von der Werbung angepriesene Kinderriegel, eigentlich war.

Sp√§testens jetzt wurden uns auch die Gefahren der Medienwelt bewusst. Brutale Zeichentrickfilme, Computerspiele, die schon Kleinkinder abh√§ngig machen, f√ľhrten uns direkt ins Einschulungsalter.

Auch hier lauerten tausend Gefahren: Der Schulranzen musste nicht nur h√ľbsch, sondern er musste auch ergonomisch geformt sein, um sp√§tere Haltungssch√§den zu vermeiden. Der Schulweg sollte sicher, aber auf alle F√§lle zu Fu√ü – Bewegung muss schlie√ülich sein – begangen werden. Und immer wieder die Diskussion um die Pausenbrote.

Nach der Grundschulzeit verlie√ü mein Sohn die Sicherheit Heddesheims und musste in die gro√üe Stadt zur Schule fahren. √ÉŇďber die dort lauernden Gefahren m√∂chte ich gar nicht schreiben √Ę‚ā¨¬¶

Ist es ein Fortschritt, vor allem Angst zu haben?

Dass wir unsere Kinder beh√ľten und besch√ľtzen wollen, versteht sich von selbst. Dass bei dem heutigen Verkehr Fahrradhelm und Autositz nicht zu umgehen sind, kann man nicht abreden. Aber manchmal frage ich mich, wie viel Freir√§ume geben wir noch unseren Kindern und auch uns, die sie und wir brauchen, um erwachsen zu werden, Erfahrungen zu machen bzw. los zu lassen.

Ist unsere Welt so gef√§hrlich geworden, dass unsere Kinder ohne Handy nicht mehr „unterwegs“ sein k√∂nnen? Da fragt man sich nur, wer beh√ľtet werden muss.

Und man fragt sich, worin eigentlich der Fortschritt begr√ľndet ist, wenn nichts mehr geht und alles angstbesetzt ist? Ist das nicht ein R√ľckschritt?

Vielleicht waren wir Helden, weil und wie wir unsere Kindheit √ľberlebt haben – aber heutzutage bewachen wir manchmal zu √§ngstlich die Kindheit und Jugend unserer Kinder. Denn Angst war noch nie ein guter Begleiter durchs Leben.

Gabi√ā¬īs Kolumne: Hilfe, die Nikol√§use kommen


Heddesheim, 19. Oktober 2009

Es ist wieder soweit, meint Gabi. Alles kehrt wieder, aber immer fr√ľher und immer massiger und h√§ufig auch anders: So auch die Nikol√§use oder auch Santa Clauses, Lichterketten, R√§ucherm√§nnchen und was es sonst noch so gibt. „Brauche ich das alles?“, fragt sich Gabi, die nicht wei√ü, was besser ist: altmodisch oder modern sein?

Es ist wieder soweit, die Nikol√§use und Lebkuchen ziehen in die Lebensmittelgesch√§fte ein. Kaum ist der Sommer vor√ľber – kurz unterbrochen von einer Halloween-Welle, die uns in meiner Kindheit und Jugend noch vollkommen unbekannt war – k√∂nnen wir uns kaum gegen die Marketingoffensive erwehren, die uns bewusst macht, dass die „besinnliche“ Zeit n√§her r√ľckt.

Ab September horten sich in den Regalen der Lebensmittelketten Lebkuchen, Dominosteine und Schokoladenadventskalender. Bald darauf kommen die Schoko-Nikoläuse, Plätzchen und Marzipankartoffeln.

Sp√§testens ab 1. November finden wir Adventskr√§nze, aus Plastik oder Tanne, Lichterketten, Christbaumkugeln, R√§ucherm√§nnchen, Lametta √Ę‚ā¨¬¶ eben das ganze Equipement, was f√ľr eine sch√∂ne „deutsche“ Weihnacht notwendig ist. Und genau hier f√§ngt dann die Verwirrung an.

Die Globalisierung der Welt f√ľhrt auch zur Globalisierung der Br√§uche.

Santa Claus mit den hohen Stiefeln und der Glocke in der Hand, der mit Rentierschlitten und vielen Päckchen durch den Winterhimmel zieht Рwar das jetzt unser deutscher Weihnachtsmann oder dann doch der Gehilfe vom Christkind Рnein, stopp, das war doch Knecht Rupprecht. Und waren es jetzt Rentiere oder Elche? Oder kennen wir den Weihnachtselch und die Bäume, die im Januar geworfen werden nur von Ikea?

Die Stiefel werden an Nikolaus gef√ľllt, die Str√ľmpfe am 25. Dezember. Aber bitte alles der Reihe nach, denn wir Kunden sind schon ganz verwirrt.

Die Globalisierung der Welt hat eindeutig auch zur Globalisierung von Traditionen und Br√§uchen gef√ľhrt. So weit, so gut.

Was mich daran stört, ist, dass uns vorgegaukelt wird, wir bräuchten alles: Die Halloween-Masken Ende Oktober genauso wie die traditionelle Martinsgans am 11. November.

Und in der Vorweihnachtszeit werden wahllos Traditionen aus dem Hut gezaubert Рdie einen möglichst großen Konsumerfolg garantieren.

Ich will ein schönes Fest Рmehr nicht.

Also versuche ich f√ľr mich und meine Familie eine Klarheit zumindest in die zeitliche Abfolge zu bringen: Halloween lassen wir ausfallen, essen aber die Martinsgans und so lange meine Kinder klein waren haben wir auch regelm√§√üig Lampions gebastelt und sind mit der Laterne gegangen.

Fr√ľhestens Mitte November kaufe ich Lebkuchen und beginne die Adventskalender zu basteln. Zum 1. Advent schm√ľcken wir den Adventskranz und kleben Papiersterne an die Fenster. Nun beginnen wir auch mit dem Pl√§tzchen backen.

Das ist auch die Zeit der Weihnachtsm√§rkte mit Gl√ľhwein und Punsch. Am 6. Dezember werden die Stiefel vorgestellt und dann kann er kommen, der Mann im langen roten Mantel mit dem wei√üen Bart.

Den Christbaum schlagen wir Mitte Dezember im Wald, geschm√ľckt wird am 23. Dezember abends. Jetzt wird auch die Krippe aufgestellt. Und am 24. Dezember kommt das gute, alte Christkind und auf dem Tisch steht duftend der G√§nsebraten.

Bin ich jetzt altmodisch oder unmodern oder traditionsbewusst?

Egal. Ich mach das einfach so. Ich will ein schönes Fest Рmehr nicht.

gabi

Gabi√ā¬īs Kolumne: Wir Deutsche jammern und meckern gerne


Heddesheim, 12. Oktober 2009.

Gemeinsam jammern ist nicht wirklich schlimm, sondern gehört irgendwie zum guten Leben dazu und verbindet, meint Gabi.

Wer kennt sie nicht – die Gespr√§che √ľbers Wetter: Drei Tage tr√ľber Himmel und wir reden mit Freunden, im B√ľro oder auch auf der Stra√üe mit anderen dar√ľber, dass uns das depressiv macht.

Aber kaum haben wir drei Tage √ľber 30 Grad, halten wir sie nicht aus, die Hitzeperiode. Sonne, Regen, Wind und Schnee… alles schl√§gt uns aufs Gem√ľt und was gibt es dann Sch√∂neres als gemeinsam zu jammern.

Jammern verbindet.

Denn: Jammern verbindet. K√ľrzlich sa√ü ich √ľber eine Stunde im √ľberf√ľllten Wartezimmer eines Augenarztes, als eine √§ltere Frau sich laut in den Raum beschwerte: „Das gibt‚Äôs doch gar nicht, jetzt sitze ich schon eine Ewigkeit hier und nichts tut sich“, woraufhin ein Mann mittleren Alters im Anzug erg√§nzte, „wenn ich so meinen Job machen w√ľrde…“ Zustimmendes Gemurmel im ganzen Raum. Im Leid des Wartens waren wir vereint.

Meine Kollegin lamentierte letzten Montag fr√ľh √ľber ihr schreckliches Wochenende, sie lag zwei Tage mit Migr√§ne im Bett, ihr Mann hatte Zahnschmerzen.

Gestern Nachmittag rief mich meine Freundin an und erz√§hlte mir von der schrecklichen neuen Mathelehrerin ihres Sohnes, „die gibt so viel Hausaufgaben auf, dass der arme Junge den ganzen Nachmittag dran sitzt. Zudem kapiert das ja keiner und ich habe schlie√ülich ja auch Besseres zu tun als meinen Tag mit Mathe zu verbringen.“

Stöhnen, Klagen, Beschweren.

„Also nach Frankreich fahren macht ja auch keinen Spa√ü mehr“, beschwerte sich eine Bekannte nach ihrem Urlaub. „Alles ist √ľberteuert und die Stra√üen an der C√ɬīte d‚ÄôAzur sind vollkommen √ľberf√ľllt.“

„Bei den Preisen macht es ja √ľberhaupt keinen Spa√ü mehr einkaufen zu gehen“, st√∂hnte eine Freundin, w√§hrend sie mir ihre neuen Errungenschaften zeigte.

„Ich stand das ganze Wochenende nur in der K√ľche, kein Mensch hat mir geholfen“, klagte meine Mutter nach einem Besuch von Freunden.

Und wer kennt sie nicht die Tiraden nach den Feiertagen √ľber das viele Essen und die zus√§tzlichen Kilos, denen man jetzt wieder mit einer Di√§t „zu Leibe“ r√ľcken m√ľsse.

Schluss mit dem Jammern und Motzen.

Irgendwann wurde es mir zu viel. Ich beschloss, jetzt ist es Schluss mit dem Jammern und Motzen. Ich werde nicht mehr einstimmen in die Litanei des Ungl√ľcks und vor allem m√∂chte ich sie nicht mehr h√∂ren. Positiv m√∂chte ich meine Tage beginnen und aufh√∂ren.

Die Regentage werde ich als Chance nutzen, das Haus auf Vorderfrau zu bringen. Das Warten beim Arzt werde ich mit Durchblättern von Zeitschriften genießen.

Und ich werde √ľberf√ľllte Stra√üen und √ľberteuerte Preise als gegeben hinnehmen, die vielen Hausaufgaben der Kinder als eine Bereicherung betrachten und mich an √ľppigem Essen und danach an meiner √ľppigen Figur erfreuen.

Ein paar Tage gelang es ganz gut mit dieser neuen Haltung durch den Alltag zu kommen, auch wenn mein Freundeskreis und meine Familie leicht irritiert reagierten.

Doch dann rief mich gestern Abend eine Freundin an und erz√§hlte mir von ihrer schrecklichen Woche, von der vielen Arbeit, dass sie zu nichts gekommen sei und dass sie sich √ľber ihren Mann und ihre Kinder ge√§rgert hatte und dass der Chef ungerecht war √Ę‚ā¨¬¶

Oder doch nicht?

„Oh, das kenne ich so gut“, platzte es aus mir heraus und die Worte des Jammern waren nicht mehr zur√ľckzuhalten. Und es tat so gut, gemeinsam zu leiden.

Gl√ľcklich und zufrieden legte ich nach unserem Gespr√§ch den H√∂rer auf.

Und mir war klar: Gemeinsames Jammern verbindet und macht alles ein bisschen leichter – irgendwie.

Gabi√ā¬īs Kolumne: Was ist eine gute Ehefrau?


Gibt es das? Eine gute Ehefrau? Und ist es tats√§chlich einfach, den Gatten gl√ľcklich zu machen? Fragen √ľber Fragen, die Gabi besch√§ftigen.

Was ist eine gute Ehefrau √Ę‚ā¨¬¶

√Ę‚ā¨¬¶frage ich mich t√§glich aufs Neue. Meine Kollegin, zum Beispiel, bet√ľtelt ihren G√∂ttergatten. Als er sich k√ľrzlich das Bein brach, stellte sie √ľberall in der Wohnungen Wasserflaschen und kleine Beh√§ltnisse mit Naschereien auf, damit der Arme w√§hrend ihrer Arbeitszeit nie weit humpeln musste – ich gestehe, dieses Krankenschwester-Gen fehlt mir komplett.

Als ich mich k√ľrzlich bei meiner Freundin √ľber den unerm√ľdlichen Arbeitseifer meines Mannes bitterlich beschwerte, dem sogar unser Urlaub zum Opfer fiel, tadelte sie mich mit den Worten: „Er macht das ja nicht nur f√ľr sich, da musst du ihn schon unterst√ľtzen. Ich musste f√ľr die Karriere meines Mannes auch schon auf einiges verzichten.“

Eine Freundin mit Zwillingen bekam verst√§ndlicherweise sehr wenig Schlaf in den ersten Jahren, bei ihr zu Besuch, erlebte ich, wie sie ihre Dreij√§hrigen davon abhielt um 9 Uhr – sie war um 6 Uhr aufgestanden – den Vater zu wecken. „Papa hatte so eine anstrengende Woche, lasst ihn ausschlafen.
Ich schickte meine Kinder, als sie klein waren ins Schlafzimmer, damit sie ihren Vater aus dem Bett pr√ľgelten – und empfand dabei – ehrlich – Freude, wenn sie sich mit Gebr√ľll auf ihn st√ľrzten.

„Du musst deinem Mann das Gef√ľhl geben, dass du Verst√§ndnis f√ľr ihn hast und ihm nat√ľrlich eine gute Gespr√§chspartnerin sein√Ę‚ā¨¬¶ und lass dich niemals gehen, M√§nner wollen keine Frauen, die sich h√§ngen lassen …“, riet mir eine gute Bekannte. „Man muss M√§nner bewundern, das brauchen sie f√ľr ihr Ego. Und Kritik solltest du die m√∂glichst sparen.“

Okay, dann hatte ich wohl alles falsch verstanden und nahm mir vor in Zukunft alles besser zu machen.

Ich kochte ein fulminantes Mahl und wartete, h√ľbsch gemacht, auf meinen Mann. Er kam, wie √ľblich, zu sp√§t. Ich s√§uselte: „Mein armer Schatz, hattest du einen anstrengenden Tag, ich w√§rme gleich noch mal alles auf, setz‚Äô dich nur schon hin, ich schenke dir ein Glas Wein ein.“

Sichtlich irritiert, gestand mir mein Gatte, dass er nach dem Abendessen noch mal an den Schreibtisch m√ľsse. „Aber das macht doch gar nichts, dann bestell‚Äô ich die Kinokarten wieder ab und b√ľgle deine Hemden“, antwortete ich mit einem L√§cheln.

„Du wolltest mit mir doch noch Mathe machen“, beschwert sich mein Sohn. „Aber Liebling, du h√∂rst doch, dein Vater hat noch zu tun“, weise ich ihn zurecht.

Jetzt schauen mich auch die Kinder vollkommen verständnislos an.

Irgendwie gefalle ich mir in der Rolle ganz gut und f√ľhle mich fast schon wie Mutter Theresa. „Lass nur den Teller stehen, ich mache das gerne f√ľr dich.“

„Was hast du heute denn Tolles gemacht?“, frage ich mit vollem Interesse. „Bestimmt war das sehr schwierig und du hast f√ľr alles fantastische L√∂sungen gefunden.“ Mein Mann strahlt.

So einfach ist es doch, einen Mann gl√ľcklich zu machen, denke ich.

Gute drei Stunden halte ich durch, kein kritisches Wort, nur Verständnis und Bewunderung.

Dann bricht es aus mir raus: „Kannst Du eigentlich mal deine Kaffeetassen aus dem B√ľro r√§umen und es nervt mich absolut, dass du nie p√ľnktlich sein kannst und wenn du eh‚Äô nie Zeit f√ľr mich hast, solltest du dir doch besser eine Haush√§lterin suchen als eine Ehefrau √Ę‚ā¨¬¶.“

Upps, alle guten Vorsätze dahin.

Grinsend nimmt mich mein Mann in die Arme: „Gut, dass du wieder normal bist, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Aber, wenn ich ehrlich bin, sch√∂n war‚Äôs schon, mal von dir verw√∂hnt und bewundert zu werden.“

Gabi√ā¬īs Kolumne: Wenn aus Streit noch mehr Streit wird

Solidarit√§t kann auch schnell zur Falle werden – sagt Gabi. Und stellvertretende Streits machen eigentlich √ľberhaupt keinen Spa√ü – lassen sich aber manchmal nicht vermeiden.

Kinder streiten sich – das ist hinreichend bekannt.√ā¬†Es f√§ngt an im Sandkasten, der Streit um den Eimer entbrennt sehr schnell und die Schaufel wird schnell mal √ľber den Kopf des Kontrahenten gezogen.

Auch ich hatte leider nicht das Gl√ľck einen Pazifisten geboren zu haben und mein Sohn kratzte, haute und war in allem sehr wehrhaft. In der Krabbelgruppe gab es ein gelocktes Engelchen, die mit Freuden b√ľschelweise die Haare der anderen Kinder ausriss und sich im Gegenzug Kratzer quer √ľbers Gesicht einfing. Das Gesetz der Stra√üe bei den Allerkleinsten.

Beim Bagger hört die Freundschaft auf

Hat man noch Verständnis bei den eigenen Kindern, so sieht man doch die Kinder anderer Leute sehr kritisch. Eine Freundin erklärte mir mal ganz ernsthaft, dass das Verlangen meines Sohnes nach dem Bagger ihres Kronprinzen dann doch zu sozialistisch sei und er alles Recht hätte, sich handgreiflich zu wehren.

Wird der Streit im Kindergarten noch meist k√∂rperlich ausgetragen, verlegt man sich in der Grundschule auf andere Kampfstrategien, hier wird gepetzt, gemoppt, die Freundschaft gek√ľndigt. Und das vor allem bei den M√§dchen.

Mit Tr√§nen in den Augen kam meine Tochter ein ums andere Mal aus der Schule zur√ľck und erkl√§rte mir, ihre beste Freundin sei die allerletzte und sie w√ľrde nie wieder mit ihr sprechen, sie h√§tte b√∂se bei anderen √ľber sie gesprochen und sie in der Pause komplett ignoriert.

Teenager verlegen sich dann auf’s Ausgrenzen, d.h. Partys werden gefeiert, Unternehmungen geplant und wer in Ungnade fällt, darf nicht mitmachen Рauch hier sind Tränen gewiss.

Wehe dem, der sich in den Streit involvieren l√§sst. M√ľtter schreien sich am Sandkasten an, holen wutentbrannt ihre Kinder vom Kindergarten ab und f√ľhren sp√§ter Gespr√§che mit dem Klassenlehrer zum Schutz ihrer Spr√∂sslinge.

Wer kennt sie nicht, die Wut.

Wer kennt sie nicht die Wut, die hoch kriecht, wenn das eigene Kind ungerecht behandelt wird. Und mehr als einmal habe ich mit guten Freundinnen b√∂se Gespr√§che gef√ľhrt und der Streit hat sich schnell an den Kaffeetisch verlagert.

Erst vor wenigen Wochen war ich kurz davor die Freundschaft mit einer guten Freundin auf‚Äôs Spiel zu setzen, weil sich unsere T√∂chter h√∂llisch zerstritten hatten und ich nat√ľrlich der Version meiner Tochter Glauben schenkte. Das Telefongespr√§ch von uns Erwachsenen endete mit gegenseitigem Auflegen und der √ÉŇďberzeugung:“Das war‚Äôs jetzt mit der Freundschaft“.

Und wie schön ist es, sich zu versöhnen.

Als ich zwei Tage sp√§ter meine Tochter vom Sport abholte, kam sie mir Arm in Arm mit ihrer „das wird nie wieder meine Freundin“ entgegen, strahlte √ľbers ganze Gesicht und meinte, man h√§tte sich wieder vers√∂hnt, beide seien ja reichlich bl√∂de gewesen und h√§tten gleicherma√üen Schuld an dem Streit.

Da stand ich nun mit meiner Muttersolidarität.

Was den Kleinen gelingt, sollte uns Gro√üen doch auch gelingen, dachte ich, schob allen Groll zur Seite, kaufte ein paar Bl√ľmchen, klingelte und kurze Zeit sp√§ter strahlten auch meine Freundin und ich wieder und nahmen uns – mal wieder – fest vor, uns nicht mehr in die Streitigkeiten unserer T√∂chter einbeziehen zu lassen.

gabi

Gabi√ā¬īs Kolumne: Verabredungen in der digitalen Zeit

Verabredungen treffen ist in unserer digitalen Zeit ja sehr einfach geworden, jeder ist jederzeit und √ľberall erreichbar – denkt zumindest Gabi.

K√ľrzlich wollte ich mich mit einer Freundin auf einen Kaffee verabreden und rief sie an, auf ihrem Festnetz zuerst – der AB verk√ľndete mir, dass die Familie inklusive Katze nicht da sei, man sich aber √ľber eine Nachricht freue und gerne zur√ľckrufe.

Bevor ich diesen freundlichen Dienst in Anspruch nahm, probierte ich die Handynummer, aber auch hier verwies mich die freundliche Stimme der Mobilbox auf einen sp√§teren Zeitpunkt. Ich versuchte anschlie√üend noch die Handynummern ihrer Kinder bis ich ihr schlie√ülich per email – inzwischen leicht abgenervt – verk√ľnden musste, dass ich leider jetzt keine Zeit mehr zum Kaffee trinken h√§tte.

Betrachten wir es mal ganz n√ľchtern: In jedem Haushalt sind heute mindestens zwei Telefone, schnurlos und mit Display, dazu kommt mindestens noch ein Handy pro Person, jeweils mit Anrufbeantworter oder Mailbox. Jeder hat mindestens eine email-Adresse – privat und beruflich.

Fr√ľher gab es ein Telefon. Das hing an einer Schnur.

M√∂chte ich jemanden erreichen, habe ich eine F√ľlle von Auswahlm√∂glichkeiten. Habe ich ein lang anhaltendes Freizeichen gibt es gleich mehrere M√∂glichkeiten, erstens es ist wirklich keiner Zuhause, aber dann m√ľsste der AB anspringen, der Gew√§hlte spricht auf der anderen Leitung oder aber er hat meine Nummer gesehen und m√∂chte nicht mit mir kommunizieren.

Klingelt bei mir das Telefon, habe ich auch mehrere M√∂glichkeiten: Ich sehe die Nummer, freue mich, gehe ran. Ich sehe die Nummer und gehe nicht ran, die Gr√ľnde sind variabel. Die Nummer ist unterdr√ľckt, das hei√üt es ist ein Verkaufsanruf, eine Umfrage oder ein vielleicht ein verflossener Liebhaber.

Auch immer wieder gerne erlebt: Es klingelt, ich renne durchs ganze Haus, verfluche Mann und Kinder und finde kein Telefon.

In meiner Kindheit gab es ein Telefon und eine Nummer pro Familie. War besetzt, wurde auf der Leitung telefoniert, war frei und keiner ging ran, war auch keiner zuhause. Ich wusste, wenn ich die Nummer wähle, lande ich nicht in Spanien oder Venezuela, sondern da, wo das Telefon steht. Und das Telefon hing an einer Schnur und man konnte es nicht verlegen.

Meine Freundin rief mich √ľbrigens kurz darauf zur√ľck und war ganz entt√§uscht, dass ich nicht mehr komme, sie sa√ü im Garten und hatte keines der Telefon geh√∂rt – √ľber das Wlan hat sie dann zwischendurch auf ihrem „netbook“ ihre email „gecheckt“…

So einfach sind Erklärungen in der digitalen Zeit.

Gabi√ā¬īs Kolumne: Urlaubserfahrungen

Egal wohin, egal wie lang: Wer in Urlaub f√§hrt, kann hinterher immer etwas erz√§hlen – nicht nur √ľber den eigenen Urlaub, sondern auch √ľber andere Urlauber. Und dann wird es manchmal abenteuerlich, sagt Gabi.

Die wie so oft zu kurzen Sommerferien, weil es hier zu wenig Sommer gab, neigen sich dem Ende zu. Immer mehr Urlaubsheimkehrer trudeln wieder ein und erz√§hlen nat√ľrlich jede Menge. So unterhielt ich mich vor einen paar Tagen √ľber die Urlaubsgewohnheiten der verschiedenen Nationen.

„Also, was ich schon gar nicht leiden kann, sind die russischen Urlauber in der T√ľrkei. Die st√ľrmen als erstes ans Buffet, h√§ufen sich die Teller voll und lassen danach alles stehen“, erz√§hlt eine Freundin, die gerade aus einem Cluburlaub in Side zur√ľckgekommen ist.

„Also ganz schlimm habe ich die Engl√§nder erlebt. Auf den Canaren kann man in bestimmte Orte gar nicht mehr gehen: Sobald da Engl√§nder sind, ist es mit dem sch√∂nen Urlaub vorbei. Die trinken, ach was, die saufen jeden Abend und hinterlassen alles komplett verdreckt“, wei√ü eine Bekannte von ihren Urlaubserfahrungen zu berichten.

„Und mich nerven am meisten die Italiener. Wir waren in einer wundersch√∂nen Hotelanlage in Tunesien – aber die Italiener haben richtig gest√∂rt, die sind laut, ihre Kinder sind verzogen, st√§ndig klingeln die Handys und die rotten sich richtig gehend zusammen“, da mache der Urlaub ja gar kein Spa√ü mehr, erz√§hlt eine weitere Bekannte.

Gesten sa√üen mein Mann und ich mit befreundeten Paaren zusammen, darunter zwei Franzosen aus dem Elsass, die vor einer Woche aus Griechenland heimgekehrt sind.√ā¬†Die franz√∂sische Freundin erz√§hlte ganz begeistert von einem Dorffest.
Die Besonderheit: Der B√ľrgermeister hat dabei die Spendierhosen an und alle Festbesucher (Griechen und Nichtgriechen) k√∂nnen sich kostenlos ihre Karaffen mit Wein bef√ľllen und den dann gen√ľsslich auf dem Fest picheln: Wei√üen, Roten und Retzina gab es. Klar hatten da alle viel Spa√ü. Peinlich fand sie nur die deutschen Urlauber, die sich es erst auf dem Fest gem√ľtlich machten und dann so viele 1,5 Liter-Flaschen abf√ľllten, wie sie nur hatten und den Wein mit nach Hause nahmen: „Isch fand das schon ein bischen ordinaire“, r√ľmpfte sie die Nase.

Ich erinnerte mich im selben Moment an ein eigenes Erlebnis vor Jahren: An die Besichtigung einer K√§seh√∂hle in Roquefort, bei der die deutschen Touristen die K√§se- und Rotwein“verkostung“ bis auf den letzten Kr√ľmel und letzten Tropfen leerger√§umt hatten, w√§hrend eine franz√∂sische Reisegruppe wirklich nur kostete.

„Ab√§r vielleischt ge√ā¬ī√∂rt das ja zu eure mentalit√©?“, sagte meine franz√∂sische Freundin.

Pl√∂tzlich schwiegen alle: „Wir sind nicht so“, dachte ich und bestimmt alle anderen am Tisch auch. Aber das waren Deutsche, also welche von „uns“. Wahrscheinlich tut es allen Nationen gut, sich ab und zu den Spiegel von anderen vorhalten zu lassen.

gabi

Gabi√ā¬īs Kolumne: Sonntag ist Familientag

Schön, dass es die Familie gibt. Sie gibt einem Harmonie, Halt und Hoffnung Рmanchmal wird aber nur ein Kuchen draus, sagt Gabi. Hier backt zusammen, was zusammengebackt gehört.

„Und, was wollen wir heute Sch√∂nes unternehmen?“, versuche ich morgens am Fr√ľhst√ľckstisch mit munterer Stimme meine Lieben zu motivieren.

Keine Reaktion. „Wir k√∂nnten doch laufen gehen√Ę‚ā¨¬¶“. „Oh Gott, blo√ü nicht wandern“, kommt von meiner Tochter entsetzt. „Ich meinte ja nur auf die Strahlenburg, naja oder um den Anglersee, ich lade euch auch danach zum Eis ein“, sage ich. Die Begeisterung ist ungef√§hr so gro√ü, als w√ľrde am Polarkreis jemand ernsthaft Eisw√ľrfel verkaufen wollen.

„Warum gehen wir nicht bowlen?“, fragt mein Sohn.

Die Sonne scheint und ich sehe mich schon in einem d√ľsteren Bowling-Center.

„Wir sollten etwas drau√üen machen, warum fahren wir nicht mit dem Fahrrad nach Feudenheim, dort k√∂nnten wir auch Eis essen“, meldet sich jetzt immerhin mein Mann zu Wort. „Auf keinen Fall Feudenheim, da kennt man mich“, entgegnet mein pubertierender Sohn, der mindestens „zwei Gr√ľnde“ hat, um nicht nach Freudenheim zu wollen – beide sind weiblich.

„Wenn ihr euch nicht entscheiden k√∂nnte – ich habe noch genug zu tun“. Mit diesen Worten verzieht sich mein Mann an den Schreibtisch. Was nat√ľrlich mein Sohn ebenfalls zum Anlass nimmt sein Zimmer aufzusuchen.

Prima, denke ich, was f√ľr ein sch√∂ner Sonntag. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich all die gl√ľcklichen Familien, die in wahrer Harmonie das Sonntagsprogramm absolvieren, die gemeinsam wandern, bowlen, Fahrrad fahren√Ę‚ā¨¬¶ Mir bleibt nur die Besch√§ftigung mit der W√§sche.

ak

Eine runde Sache ist so ein Apfelkuchen als M√ľtter-Besch√§ftigungsprogramm, meint Gabi.

„Mama, wir k√∂nnten doch einen Kuchen backen“, schl√§gt meine Tochter vor und ich kann mich nicht des Gef√ľhls erwehren, dass es sich dabei um ein Mutter-Besch√§ftigungs-Programm handelt.

Resigniert und frustriert hole ich R√ľhrsch√ľssel und Mixer hervor, meine Tochter studiert zwischenzeitlich das Backbuch.

„Und wie wollt ihr einen Kuchen backen ohne Eier“, l√§sst sich mein Mann vernehmen. „Richtig, alter Rechthaber“, denke ich, „die letzten haben wir heute Morgen zum Fr√ľhst√ľck verbraten, zu dem Du an den gedeckten Tisch gekommen bist“.

„Zum Bauern?“, fragt mein Mann und grinst. Ich grinse auch. Der Schlawiener hat es geschafft: erst ein bisschen mosern und dann doch gro√üz√ľgig nachgeben ist die Strategie. Ich lass sie ihm und wir vier schwingen uns auf die R√§der, fahren √ľber die Felder zum Bauern, holen Eier, backen einen Apfelkuchen und verbringen anschlie√üend mit einem „Grillerchen“ einen sch√∂nen Sonntagabend.

Keiner musste bowlen oder wandern, wir sind zusammen mit einem „Ziel“ Fahrrad gefahren und ich war besch√§ftigt: Ist doch super gelaufen.

Manchmal klappt es ja dann doch noch – und der Kuchen ist sehr lecker geworden.

Gabi√ā¬īs Kolumne: Matchingpoints


Die wahre Liebe zu finden, war noch nie leicht und wird bestimmt nicht leichter, wenn sie zur Jagd nach dem Highscore wird, sagt Gabi.

Als ein „Date“ noch Verabredung oder vielleicht Rendez-vous hie√ü, verliebte man sich auf den ersten oder zweiten Blick. Man ging immer wieder in das gleiche Caf√©, auch wenn die Freundin schon l√§ngst die Nase voll hatte, hoffte den Auserw√§hlten dort zu treffen und durch Blickkontakt auf sich aufmerksam zu machen.

Das sieht heute ganz anders aus, den Tummelplatz der Gef√ľhle findet man im Internet: Parship und elitepartner versprechen die Liebe f√ľrs Leben mit dem Akademiker und wenn nicht mit dem, dann zumindest auf hohem Niveau.

Und ausschlaggebend sind hierbei die Matchingpunkte und nicht zu verwechseln mit den Matchpoints auf dem Tennisplatz.

herzen

100 Punkte sind ein Volltreffer, aber 80 auch schon sehr, sehr vielversprechend. Oder doch nicht?

Die Matchingpunkte zeigen inwieweit das eigene Profil und die Anforderungen mit dem m√∂glichen Partner √ľbereinstimmen, demnach w√§ren 100 der Volltreffer, aber mit 80 Punkten kann man schon was anfangen.

Das System klingt einleuchtend und in Zeiten, in denen der Job immer mehr Zeit auffrisst, sprich, in der Mann oder Frau mehr Zeit in der Firma als mit Freunden verbringen, scheint es doch eine gute M√∂glichkeit zu sein, den Mann/die Frau f√ľrs Leben zu finden.

Nach dreij√§hriger Singlezeit wollte so auch eine junge Freundin von mir das Gl√ľck im Netz finden. Noch keine Woche bei einer Partnervermittlung „mit Niveau“ angemeldet, hatte sie schon ihren „Favoriten“ ausgemacht: Zwar nur 70 Matchingpunkte, aber ansonsten alles, was das Herz begehrt, promovierter Mediziner, gut aussehend, interessiert an Reisen und: an ihr.

Man mailte h√∂flichst hin und her, pro Tag zwei Mails, erz√§hlte sich die Allt√§glichkeiten, Vorlieben, Wochenenddienste, geplante Reisen √Ę‚ā¨¬¶

„Ja und dann“, fragte ich meine Freundin neugierig, „wie ging es dann weiter?“

Seit Wochen passiert nichts. Warum nur?

Nichts, war die niederschmetternde Antwort, nichts passiert seit Wochen, keiner fragt nach der Telefonnummer oder ob man sich mal treffen könnte.

Vielleicht wisse man sich am Telefon auch nichts zu erz√§hlen oder ein Treffen w√ľrde in einem Fiasko √§ndern, wie es k√ľrzlich einer ihrer Freundinnen passiert sei.

Diese habe n√§mlich ein f√ľnf Jahre altes Bild – sie noch mit langem Haar und gut 15 Kilo leichter – ins Internet gestellt und traf sich dann mit ihrem Auserw√§hlten im Caf√© in Heidelberg.

Mal ganz ehrlich, dass hieraus nicht die Liebe f√ľrs Leben werden konnte, leuchtet ein.

Vielleicht h√§tte er ihr ja auch den Kurzhaarschnitt und die Kilos zuviel verziehen, aber die Unehrlichkeit ein altes Bild aus „besseren“ Zeiten zu verwenden und dann der fehlende Mut vor dem Treffen zu sagen: „Ich habe mich inzwischen ein bisschen ver√§ndert“, h√§lt vielleicht eine virtuelle, aber bestimmt keine tats√§chliche Zuneigung aus.

„Aber was hat das denn mit dir zu tun“, frage ich meine Freundin. „Du hast doch eher ab als zu genommen, deine Haare sind noch lang, das Bild ist neu.“ Sie sagt: „Ja, aber wei√ü ich, ob er ein altes Bild geschickt hat, ob seine Angaben stimmen, ob er von mir entt√§uscht ist√Ę‚ā¨¬¶?“

„Denk nicht weiter nach, ruf ihn an“, rate ich ihr.

„Nur Mut“, m√∂chte ich ihr weiter sagen, bestimmte Dinge kann man nun mal nicht per Internet kl√§ren, man muss sich riechen, f√ľhlen, man muss die Stimme und das Lachen h√∂ren.

Denn, und da bin ich mir sicher, hätten mein Mann und ich uns nach Matchingpoints gesucht Рwir hätten uns nie kennengelernt.

gabi

Gabi√ā¬īs Kolumne: Peinlichkeiten


Irgendwann wird alles, was mal gut war, einfach nur peinlich – sagt Gabi. Gelernt hat sie das von ihren Kindern.

Ich wei√ü noch als es anfing. Ich holte meinen 10j√§hrigen Sohn in Heidelberg vom Hauptbahnhof ab. Er war zum ersten Mal allein mit dem Zug von seiner Oma alleine zur√ľck gefahren.

Ich sah ihn aussteigen und rannte mit offenen Armen auf ihn zu, um ihn zu begr√ľ√üen. Ein gezischtes „Mama, bitte nicht in aller √Ėffentlichkeit“, machte mir schlagartig klar, die Zeit, dass M√ľtter peinlich sind, hatte begonnen. Vorbei die Zeit, dass man Hand in Hand durch die Stra√üen l√§uft, dass man im Eiscafe gek√ľsst und am Badesee umarmt wird.

Ein paar Monate sp√§ter wollte ich meinen Sohn mit einem Kinobesuch √ľberraschen, mein Mann war gesch√§ftlich unterwegs, die kleine Schwester √ľbernachtete „ausw√§rts“.

„Wir beide gehen heute Abend in „Harry Potter“, verk√ľndete ich ihm freudig. Erst druckste er ein wenig rum, dann erkl√§rte er mir, das ginge nicht, denn mit der Mutter „allein“ ins Kino zu gehen“, w√§re absolut uncool, so als h√§tte man keine Freunde. Wenn mein Mann ihn zu einer Billardrunde auffordert, ist er dagegen ganz begeistert.

Wenn schon peinlich – dann richtig

In den folgenden Jahren, habe ich die Spielregeln gekannt und auch weitgehend akzeptiert, aber nur weitgehend. Als wir mal zusammen einkaufen waren, bestand er darauf, alleine in den angesagten Skaterladen zu gehen, ich sollte vor der T√ľr warten.

Kurze Zeit sp√§ter betrat ich das Gesch√§ft und rief meinem Sohn zu: „B√§rchen, was h√§ltst du von dem T-Shirt?“. Und ich m√∂chte nicht verhehlen, dass mich die R√∂te, die sein Gesicht √ľberzog, innerlich sehr freute. Wenn schon peinlich, dann wenigstens richtig.

Nachklapp: Vor Kurzem hatte mein Sohn Abschlussball und nach dem obligatorischen Eltern-Kind-Tanz k√ľsste er mich auf der Tanzfl√§che und war sehr stolz auf mich und ich auf ihn. Und ich dachte mir, gut, dass Zeiten vorbei gehen.

Jetzt kommt meine Tochter in die Pubert√§t, noch geht sie mit mir Hand in Hand durch die Stra√üen, liebt es, mit mir ins Kino zu gehen und Mutter-Tochter-Shoppingtouren sind der Hit, aber als mein Mann k√ľrzlich sagte „und bald gehen wir zusammen in die Disco“, verdrehte sie die Augen.

Gerechtigkeit muss sein.

gabi