Dienstag, 02. Juni 2020

Serie: Sexualität beginnt im Kindesalter

Guten Tag!

Heddesheim, 18. M√§rz 2010. „Doktorspiele“ sind wichtige Erfahrungen f√ľr kleine Kinder, sagt unsere Autorin und Expertin Antonia Scheib-Berten. Die kindlichen Erfahrungen helfen den Kindern, sich und ihre „Umwelt“ zu entdecken und somit eine „nat√ľrliche“ Sexualit√§t zu entwickeln. Strafen verhindern das, „Kontrolle“ muss aber trotzdem sein.

Von Antonia Scheib-Berten

Nadine und Torben sind schon längere Zeit im Kinderzimmer. Es ist erstaunlich ruhig, kein Lachen, Toben oder Gezanke. Nach einiger Zeit will die Mutter nachschauen und findet die beiden gemeinsam im Bett liegen und kuscheln.

Die Kinder haben sich ausgezogen und die Mutter kann ein aufgebrachtes: „Was macht ihr denn da?“ nicht vermeiden. Sie schimpft laut und die Kinder sind verunsichert und weinen. Nadine und Torben sind f√ľnf Jahre alt.*

Doktorspiele

Kinder gehen in der Regel in unbedarfter Art und Weise mit Körperlichkeit, Nähe und Sexualität um.

Unter √Ę‚ā¨Ň°Doktorspielen‚Äô verstehen wir in unserer Gesellschaft das kindliche Erforschen der Sexualit√§t. Meist sind es eher die erwachsenen, gesellschaftlichen Phantasien, die kindliche Neugierde in strafbare sexuelle Handlungen umm√ľnzen.

Eltern werden nat√ľrlich auch mit ihrer eigenen Sexualit√§t konfrontiert sehen, wenn sie mit kindlicher, sexueller Neugierde in Ber√ľhrung kommen. Sie stellen sich Fragen wie folgende: Ist mit meinem Kind etwas nicht in Ordnung, wenn ich es bei Doktorspielen erwische? Ist es normal, wenn ein f√ľnfj√§hriger Junge an seinem Penis spielt? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich es beobachte? Was passiert, wenn man ein Verbot ausspreche? Was ist, wenn ich Dinge erlaube, die andere Eltern verbieten?

Warum machen Kinder Doktorspiele?

Kinder sind von Anfang an sexuelle Wesen. Schon beim Stillen genießen Babies die Mutterbrust und das Saugen. Zwischen dem 6. und 8. Monat fangen viele Babys an, mit ihren Geschlechtsteilen zu spielen und sind in der Lage, dabei Lust und Spaß zu empfinden.

Die an und f√ľr sich unnat√ľrliche, in unserer Gesellschaft jedoch √ľbliche Hygienema√ünahme der Plastikwindel verhindert dies, aber im Sommer, wenn die Kinder frei in der Luft liegen k√∂nnen, oder auch beim Wickeln werden sie beobachten k√∂nnen, dass Kinder ganz nat√ľrlich auch an ihre Geschlechtsteile fassen.

Das Kind empfindet seinen gesamten K√∂rper als Einheit – alles ist gut! Erst die Erziehung, gesellschaftliche und religi√∂se Pr√§gungen teilen den menschlichen K√∂rper in √Ę‚ā¨Ň°saubere‚Äô und √Ę‚ā¨Ň°schmutzige‚Äô, also verbotene Teile auf.

Ab dem Alter von etwa zwei Jahren nimmt das Interesse der Kinder f√ľr ihre Geschlechtsorgane weiter zu. Die Zeitspanne von 3 und 6 Jahren ist das typische Alter f√ľr sogenannte „Doktorspiele unter Freundinnen und Freunden“.

Harmloses Vergleichen

Im Prinzip wird Arzt gespielt, es wird nachgeahmt. Der „Patient“ oder die „Patientin“√ā¬†liegt auf dem Bett oder dem Boden, w√§hrenddessen der „Arzt“ oder die „√É‚Äěrztin“ sie oder ihn gr√ľndlich untersucht. Im Prinzip geht es um das Erkunden des anderen K√∂rpers, d. h. das Kind lernt andere K√∂rper als den eigenen kennen, geht also √ľber die eigenen k√∂rperlichen Grenzen.

Die Kinder ziehen sich dazu aus, zeigen sich gegenseitig die Geschlechtsteile und betasten sich. Vielen Kindern wird hierbei erstmalig der Geschlechtsunterschied von Mädchen und Jungen deutlich. Besonders Einzelkinder, die sich nicht mit Geschwistern vergleichen können, haben hier die Möglichkeit von grundsätzlich harmlosen Vergleichen.

Die Kinder probieren vieles aus und sp√ľren so, was Spa√ü macht und was unangenehm ist. Da die Kinder in diesem Alter in der Regel gelernt haben, „Nein“ zu sagen, kann von gegenseitigem Einverst√§ndnis ausgegangen werden.

Diese Doktorspiele werden meist in dem Moment langweilig , in dem Kinder die wichtigsten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen verstanden haben. Dann wenden sie sich wieder anderen, neuen, spannenden Dingen zu.

Grundsätzlich sind Doktorspiele oder auch Selbstbefriedigung im Klein-Kindesalter im Rahmen der Entwicklungspsychologie etwas sehr Normales. Sie sind als Teil der kindlichen Entwicklung einzustufen.

Gesellschaftliche Phänomene

Manche Erwachsenen egal in welchem Lebensalter verdr√§ngen ihre eigenen Unternehmungen in der Kindheit diesbez√ľglich und reagieren so, als w√§re etwas ganz Unvorstellbares passiert. Damit stigmatisieren sie das normale Verhalten des Kindes als Krankhaft oder als S√ľnde.

Blicken wir zur√ľck in die 70Jahre des 20. Jahrhunderts. In antiautorit√§ren Kinderl√§den wurden Kinder f√∂rmlich dazu angehalten, fr√ľhzeitig sexuelle Erkundungen vorzunehmen. Die Eltern, selbst meist in der Verklemmtheit der 30er, 40er und 50er Jahre aufgewachsen, fielen von einem Extrem ins andere. Sie wollten ihren Kindern die Freiheit bieten, die ihnen selbst verwehrt geblieben war.

Studien bei den sp√§ter erwachsenen Kinderl√§den-Kindern ergaben, dass es ihnen h√§ufig eher unangenehm war, diese √ľbertriebene sexuelle Freiheit mit FKK-Strand, gemeinsamer Sauna und Nacktheit in der WG zu leben.

Wichtig scheint also, ein gesundes, nat√ľrliches Mittelma√ü zu finden! Sexuelles Tabuisieren ist offensichtlich genau so sch√§dlich wie grenzenlose Sexualisierung.

Wie man sich „am besten“ verh√§lt

Interessant ist, sich mit dem Begriff der Sexualerziehung im Allgemeinen auseinander zu setzen. Diese f√§ngt in der Tat viel fr√ľher an als man denkt: Bei Sexualerziehung geht es um Ber√ľhrung, Tr√∂sten, N√§he und k√∂rperliche W√§rme. Sexualerziehung ist das Unterst√ľtzen und F√∂rdern der Eltern in der K√∂rperlichkeit des Kindes.

Dein K√∂rper ist okay. Dein Geschlechtsteil ist nicht „b√§ und pfui“, sondern ein Teil von der Dir. Der Inhalt deiner Windel ist nicht eklig. Auch das ist ein Teil des Kindes.

Gehen Sie mit Sexualit√§t unverkrampft und unkompliziert um, dann ebnen sie eine ausgezeichnete Basis f√ľr ein gl√ľckliches, erf√ľlltes Leben und sind ein wunderbares Vorbild f√ľr ihr Kind! √ÉŇďberfordern sie ihr Kind nicht und beantworten sie nur Fragen, die das Kind auch stellt. Aufkl√§rung erfolgt in Etappen – ihr eigener Instinkt wird ihnen zeigen, wann welche Themen dran sind.

Und: Vergegenw√§rtigen sich immer wieder dass Sexualit√§t ein ganz nat√ľrliches, menschliches Bed√ľrfnis ist wie Essen und Trinken.

Sexualität darf keine Abwertung erfahren

Einmischen sollten sie sich dann, wenn ihr Kind „danach“ bedr√ľckt wirkt und stiller auftritt als sonst. Problematisch k√∂nnte es sein, falls ein Kind wesentlich √§lter ist und die anderen dominiert.

Spitze Gegenst√§nde o. √§. k√∂nnen nat√ľrlich nicht toleriert werden. Hier sollte man behutsam eingreifen. Wichtig ist, dass die Kinder sich nur auf das einlassen, was sie m√∂chten.

Vermeiden sie solche Aussagen wie: „Das darf man nicht. Davon bricht er ab.“, oder das fr√ľher vielfach angewandte „Davon wird man dumm.“, wenn der kleine Sohn beim Masturbieren erwischt wurde.

Vielleicht kann sich der eine oder andere Leser, vielleicht auch eine Leserin an solche Killerphrasen aus der eigenen Kindheit erinnern und die √É‚Äěngste und Sorgen, die in Kinderseelen damit eingepflanzt werden. Sexuelle Spielereien d√ľrfen unter keinen Umst√§nden mit Drohungen und Strafen belegt werden.

Sexualität darf also nicht mit Abwertung oder Verurteilung in Verbindung gebracht werden.

Am Wichtigsten ist eine Eltern-Kind-Beziehung, die von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit geprägt ist. Alles, was einem Kind diese Werte vermittelt, stellt eine positive Sexualerziehung dar. Denn was Kinder in den ersten Jahren in der Familie erlebt haben, das wird spätere Liebesbeziehungen und Sexualität prägen.

Und wenn ich es einfach verbiete?

Alle Eltern wissen, dass ein Verbot Dinge erst interessant macht. Je massiver Eltern also gegen Doktorspiele einzuschreiten versuchen, desto spannender wird es f√ľr die Kinder werden.

Wird die sexuelle Bet√§tigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verlacht, so ist damit zu rechnen, dass generell sexuelle Regungen mit Angst vor Strafe oder Angst vor Erniedrigung besetzt werden, und zwar √ľber die Kindheit hinaus. Menschen sind im Erwachsenenalter mit den m√∂glichen Konsequenzen konfrontiert, die sich in der Vermeidung sexueller Kontakte, Impotenz und sexueller Lustlosigkeit √§u√üern k√∂nnen.

H√§ufig wird den Betroffenen der Zusammenhang zwischen diesen Problemen und den fr√ľhkindlichen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie erst im Rahmen einer Beratung oder Therapie bewusst.

Liebe und Lust als Erfahrung f√ľrs Leben

Durch Doktorspiele lernen Kinder unter anderem, den Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau zu begreifen. Als Teil der normalen kindlichen Entwicklung stellen sie nichts Beunruhigendes dar.

Eltern sollen dem Kind erm√∂glichen, den eigenen K√∂rper und den anderer zu erforschen und daf√ľr nicht bestraft zu werden. Eltern sollen selbstverst√§ndlich darauf achten dass Doktorspiele nur im Einvernehmen der Kinder gespielt werden.

Bei gro√üem Altersunterschied der Kinder oder bei auff√§lligem Verhalten eines Kindes „danach“ sollten Eltern das Gespr√§ch suchen. Gegebenenfalls kann eine Beratungsstelle hilfreich zur Seite stehe

Wenn das Kind im angstfreien, nat√ľrlichen und altersentsprechenden Rahmen Erfahrungen sammeln kann, wird es im sp√§teren Leben f√§hig sein, k√∂rperliche Liebe mit viel Lust zu empfinden. Sexualit√§t sollte als eine Art und Weise begreifbar sein, Liebe zu zeigen.

Wird die sexuelle Bet√§tigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verboten, so f√ľhrt dieses zu schwerwiegenden sexuellen St√∂rungen √ľber die Kindheit hinaus kommen.

*Nadine und Torben dienen nur als beispielhafte Namen, Anm. d. Red.

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters.

Auch Menschen im mittleren Lebensalter, √É‚Äěltere oder Angeh√∂rige finden bei ihr fachliche Unterst√ľtzung. Die Beratung findet im gesch√ľtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com