Samstag, 21. Juli 2018

Geprothmannt: Die BundesprÀsidenten und die Meinungsfrage

Die Medien, die Macht und die Moral

Joachim Gauck soll der 11. BundesprĂ€sident werden. Es gibt Kritik an ihm, aber auch Hoffnung. Jeder entscheidet sich selbst ĂŒber seine Meinung aufgrund von Informationen. Bild: J. Patrick Fischer. BY-SA CC 3.0 Wikipedia

 

Rhein-Neckar, 23. Februar 2012. (red) Neben der Debatte um Wulff und Gauck wird auch eine ĂŒber die Rolle der Medien gefĂŒhrt. Wie viel Macht haben sie? Wie viel Moral? Was dĂŒrfen Medien, was nicht? Diese Fragen und das Suchen von Antworten begleiten die Debatte um „den“ BundesprĂ€sidenten und das ist gut so. Medien sollen kontrollieren und meinungsfördernd sein – aber sie mĂŒssen auch kontrolliert werden: Man darf sich durch sie eine Meinung bilden und eine Meinung zu ihnen haben.

Von Hardy Prothmann

Was rauschte der BlĂ€tterwalt, was wurde nicht alles gepostet – zu Wulff und Gauck? Zum zurĂŒckgetretenen 10. und zum designierten 11. BundesprĂ€sidenten.

Und parallel zum unwĂŒrdigen Verhalten des VorteilsprĂ€sidenten Wulff wurde das Verhalten der Medien diskutiert. Gut oder schlecht? MĂ€chtig oder ĂŒberschĂ€tzt?

Und mit der Entscheidung fĂŒr Gauck kam der angebliche „shitstorm“ in den sozialen Netzwerken, falsche oder verfĂ€lschte Quellen und Zitate bei elektronischen Medien. Behaupten vor allem „traditionelle“ Medien.

Kritik vs. Kritik

Kritik folgte auf Kritik. Aber nicht vorurteilsfrei, sondern verurteilungsfreudig. Meinungsmache vs. „Meinung haben“. Standpunkt vs. Polemik – je nachdem, aus welcher Perspektive man die Debatten ĂŒber den zurĂŒckgetretenen und vermutlich kĂŒnftigen BundesprĂ€sidenten eben hat, haben kann, haben will.

Hardy Prothmann, verantwortlich fĂŒr dieses Blog, tritt fĂŒr subjektiv-objektiven Journalismus ein: Seine Meinung auf Basis von Fakten finden und Ă€ußern.

Diese Debatten sind sehr erstaunlich: WĂ€hrend viele BĂŒrger die Macht der Meinungsmacher, also der (traditionellen) Medien thematisieren, thematisieren (traditionelle) Medien die Äußerungen von BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern als unzulĂ€ssig, unprofessionell und als „shitstorm“.

Und „schuld“ daran ist dieses Internet: Ein Medium ohne zentrale Struktur, ohne Redaktionsschluss, ohne Redaktionslinie, ohne Seilschaften, ohne Parteibuch, ohne jede AbhĂ€ngigkeit, bis auf die, ob man einen Online-Zugang hat oder nicht.

Informationsfreiheit

Ohne auf Einzelheiten zu Wulff oder Gauck eingehen zu wollen: Jeder hat die Möglichkeit, sich ungehindert ĂŒber das Internet zu informieren und zu kommentieren. Jeder hat die Möglichkeit, eine Information, die er hier findet, mit anderen Informationen zu vergleichen.

Und zwar auch unabhĂ€ngig von Öffnungszeiten von Kiosken, Zustellzeiten von Zeitungen, Sendungszeiten von Hörfunk oder Fernsehen.

Das Internet ermöglicht allen BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern, sich ungehinderter denn je ihre Meinungen zu bilden und ebenso ungehinderter denn je, ihre Meinungen zu Ă€ußern. Nicht nur zu Ă€ußern, sondern sogar zu verbreiten.

Irritationen

Das irritiert die „TorwĂ€chter“ (Gatekeeper), die traditionelle Medien lange waren. Die Politiker, die mit traditionellen Medien lange gemeinsame Sache gemacht haben wie auch alle anderen, die „die Medien“ als das genutzt haben, was „die Medien“ aus sich selbst gemacht haben – eine Meinungsverkaufstheke.

Bei den konservativen Medien gabs Schwarzbrot, bei den linken Medien Habssattbrot und bei der Bild gibts seit jeher Brot und Spiele.

Kein anderes Medium beherrscht den Kosmos von Blut und Sperma, Moral und Empörung, Star und gefallener Engel, Teufel und HoffnungstrÀger so gut, wie das Springerblatt.

Tiere – Titten – Tote

Die einfache Formel TTT – Tiere, Titten, Tote – zieht seit Jahrzehnten.

Mit der Bild nach oben und dann ab in den Keller: Das Ehepaar Wulff. Bild: Franz Richter, BY-SA CC 3.0, Wikipedia

Die Bild-Zeitung ist ein Drecksblatt, skrupellos und habgierig. Es bemÀchtigt sich allem und jedem, womit man Aufmerksamkeit erzielen und diese verkaufen kann.

Und jeder, der sich auf die Bild einlĂ€sst, muss wissen, dass man mit ihr „nach oben fĂ€hrt, aber auch nach unten“ (Anm. d. Red.: Es gibt einen „Pater noster“ im Axel-Springer-Hochhaus“, der unaufhörlich nach oben und nach unten wandert.)

Aber die Bild-Zeitung ist das professionellste Blatt in ganz Europa. Sie beschĂ€ftigt sich mit Schmutz und wenn keiner da ist, dann erfindet sie welchen. Die Rechtsabteilung ist groß, Schadensersatz ins Produkt „Bild“ mit einkalkuliert.

Leidmedium Bild

Und die meisten anderen Medien folgen der Bild – die wird im Kanzleramt wie auf der Schicht wie in den Redaktionen zuallerst gelesen.

Hat sie deshalb Macht? Missbraucht sie diese? Sind alle Personen, die in Bild auftauchen nur Opfer?

Keineswegs und ganz klar ja.

Der SkandalbundesprÀsident Christan Wulff wurde von der Bild nicht gezwungen, sich von einem befreundeten Unternehmer einen Kredit geben zu lassen. Auch nicht, von anderen Unternehmern Vorteile zu erlangen.

Er wurde nicht Home-Stories gezwungen, zu Urlaubsstories und was sonst noch privat alles so interessant am GlĂŒck der Wulffs war.

SĂŒndenfĂ€lle

Die Bild zwingt niemanden ins Bett mit SekretĂ€rinnen und Geliebten. Sie veranstaltet keine Drogen- und/oder Prostituiertenparties, sie stiftet nicht zur Steuerflucht an, sie ist nicht verantwortlich fĂŒr Gammelfleisch, einen „Wir sind Papst“, fĂŒr Korruption und Vorteilsnahme und schon gar nicht fĂŒr Mord und Totschlag, der immer gerne genommen wird.

Und die Bild hat die Staatsanwaltschaft Hannover nicht gezwungen, um Aufhebung der ImmunitÀt von Wulff zu bitten, um zu Verdachtsmomenten ermitteln zu können.

Die „Macht der Medien“ basiert auf Artikel 5 Grundgesetz:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu Ă€ußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugĂ€nglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewĂ€hrleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Die Bild nutzt dieses BĂŒrgerrecht gnadenlos aus. Das muss man ihr genauso vorwerfen, wie jedem, der nur „Scheiße“ loswerden will bei einem Shitstorm im Internet.

Haltung

Jede journalistische Redaktion muss prĂŒfen, welche Linie sie vertreten will, was wichtig und was nicht wichtig ist. Worauf man Wert legt und worauf nicht. Das ist eine Stilfrage – aber auch eine, die ĂŒber Aufmerksamkeit entscheidet.

Wird Jochim Gauck ein "guter" BundesprĂ€sident werden? DarĂŒber darf und sollte man sich seine eigene Meinung bilden. Bild: J. Patrick Fischer. BY-SA CC 3.0 Wikipedia

Die Nutzer dieses Produkts „Meinungsbildung“, haben das Recht und die Pflicht, sich ebenso verantwortlich zu verhalten. Dreck als Dreck zu identifizieren und ihre Macht durch ihre Aufmerksamkeit und was sie dafĂŒr „bezahlen“ auszuspielen.

Christian Wulff hat durch sein Verhalten das Amt des BundesprĂ€sidenten beschĂ€digt – diese Meinung teilen viele, aber nicht alle.

Joachim Gauck wird kein einfacher BundesprÀsident werden und ob er geeignet ist, wird die Zukunft zeigen.

Der „shitstorm“ ist gut, denn Herr Gauck wird ĂŒber- und geprĂŒft. Das ist ein großer Vorteil, denn alles, was er vor der AmtsĂŒbernahme gesagt hat, kann er nun selbst prĂŒfen, sich eine neue Meinung bilden und dann als BundesprĂ€sident dafĂŒr einstehen, was er im Amt tut oder sagt.

Meinungsfreiheit

DarĂŒber urteilen werden alle die, die interessieren und sich interessieren – mit der grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit.

Die Menschen, die Medien und die Moral der daraus resultierenden Gesellschaft.

Dieser Mann ist in diesem Amt nicht mehr tragbar

Die „Wulff-AffĂ€re“ ist ein Schlag ins Gesicht der Demokratie

Rhein-Neckar/Berlin, 04. Januar 2012. (Aktualisiert, 05. Januar, 16:10 Uhr, 22:10 Uhr) Heute Abend hat BundesprĂ€sident Christian Wulff (CDU) den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF ein Interview unter dem Titel „BundesprĂ€sident Wulff stellt sich“ gegeben. Das ist der vorerst makaberste Höhepunkt in der mittlerweile mehr als unappetitlichen AffĂ€re Wulff. Denn ein Staatsoberhaupt stellt sich nicht. Ein BundesprĂ€sident gibt keine Rechtfertigungsinterviews oder macht sonstige Kinkerlitzchen. Der BundesprĂ€sident reprĂ€sentiert das deutsche Volk und Christian Wulff macht uns schĂ€men.

Von Hardy Prothmann

Die Details der Geschmacklosigkeit dieses Auftritts sind so zahlreich, dass man nicht ins Detail gehen muss.

Der noch amtierende BundesprĂ€sident Christian Wulff (CDU) hat sich um Kopf und Kragen geredet und man muss befĂŒrchten, dass er selbst diese öffentliche Pein als BestĂ€tigung seiner selbst sehen wird.

Geld, Freundschaften, Amt

Herr Wulff glaubt tatsÀchlich, dass ein solcher Satz VerstÀndnis erzeugt:

Ich möchte nicht PrÀsident in einem Land sein, in dem man sich nicht von Freunden Geld leihen kann.

Klar, das versteht jeder, der sich mal Geld in der Kneipe leiht oder ein paar hundert Euro fĂŒr eine „Investition“ oder sogar ein paar tausend, wobei das nur wirklich gute Freude locker machen (können).

Die Freunde eines Herrn Wulff sind sehr unterschiedlich zur Lebenssituation der allermeisten Deutschen. WorĂŒber Herr Wulff spricht, ĂŒber Freundschaft und Unternehmergeld, sind in seinem Fall 500.000 Euro – die er zu Konditionen erhalten hat, von der andere noch nicht mal trĂ€umen können.

Und man stelle sich die Angestellten, Arbeiter, Aushilfen vor, die eineinhalb Jahre nach Antritt des Jobs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor einem Millionenpublikum feststellen, „dass man keine Karenzzeit“ hatte, sondern ins kalte Wasser geworfen worden ist:

Hey, Leute, sorry, wir sind doch alle Menschen – niemand hat mich auf den Fließbandjob vorbereitet.

Protokoll und Probezeit

Immerhin hat Herr Wulff seinen „Fehler“, die Pressefreiheit zu bedrohen, eingestanden. Vermutlich denkt er, damit sei das Thema „abgehakt“. Protokollnotiz: „Entschuldigung abgehakt“ – nĂ€chstes Thema.

Ist das so? Beim besten Willen nicht. Der BundesprĂ€sident ist das Protokoll. Er ist der ReprĂ€sentant unsere Staates, unserer Verfassung. Und ein BundesprĂ€sident verletzt das nicht und sagt hinterher: „Tschuldigung, ich muss das noch lernen.“

Das ist nicht mehr nur „peinlich“, das ist peinigend.

Der VorgĂ€nger Horst Köhler hat aus seiner Perspektive heraus gedacht, dass Wirtschaftskriege legitim seien. Als er belehrt wurde, dass er mit solchen Äußerungen gegen die Verfassung, also die innere Verfasstheit, die innere Haltung des Staatswesens verstĂ¶ĂŸt, hat er den „Kindergarten“ sofort und konsequent verlassen. Der Mann war Unternehmer und hat entschieden. Seine geĂ€ußerte Haltung war inakzeptabel, sein RĂŒcktritt zu respektieren.

Taktieren als Normalzustand

Christian Wulff ist Berufspolitiker und taktiert. Das ist nicht zu respektieren. Aber aus seiner Sicht ist das der Normalzustand und es ist zu befĂŒrchten, dass er die Aufmerksamkeit auch ein wenig genießt, denn die vergangenen eineinhalb Jahre registrierte kaum jemand, wo er sich gerade wieder hat fotografieren lassen. Dass er nach seinen Verfehlungen auch noch behauptet, das Amt gestĂ€rkt zu haben, macht einen fassungslos.

Und hier kommt der große Schaden ins Spiel. Nicht fĂŒr Wulff – der hat sich selbst den grĂ¶ĂŸtmöglichen Schaden zugefĂŒgt. Sondern fĂŒr das Amt, die Verfassung, die Verfassheit der Deutschen. FĂŒr die große Frage, ob eigentlich alles geht, wenn man nur dreist genug ist.

Eitles Aussitzen

Der BundesprĂ€sident Christian Wulff schickt sich an, durch sein „Vorbild“ dem deutschen Volk und seinem Staatswesen den grĂ¶ĂŸtmöglichen Schaden zuzufĂŒgen – aus purer Eitelkeit -, weil er gerne fĂŒnf Jahre im Amt sein möchte. Egal, was ist. Das will er aussitzen.

Angeblich habe sich das Amt des BundesprĂ€sidenten verĂ€ndert. Dem ist nicht so. Die Amtsinhaber haben sich verĂ€ndert und nach einem Rau und einem Köhler folgt nun ein Wulff – und diese Entwicklung nimmt keinen guten Lauf.

Die ZDF-Journalistin Bettina Schausten stellt die Schlussfrage: „
heißt, dass Herr Christian Wulff, ein BundesprĂ€sident auf BewĂ€hrung vorerst bleibt?“ Die Antwort ist bezeichnend:

Die Begrifflichkeit finde ich völlig daneben, weil wir diesen Begriff kennen, wenn gegen Gesetze verstoßen wurde. Ich habe weder jetzt im Amt als BundesprĂ€sident gegen irgendein Gesetz verstoßen, noch vorher. Es geht nicht um RechtsverstĂ¶ĂŸe, sondern es geht um Fragen von Transparenz, von Darlegung, von ErklĂ€rung und dazu nutze ich auch diese Gelegenheit, um zu erklĂ€ren, was ist und was war, aber –wie gesagt – den Begriff der BewĂ€hrung halte ich fĂŒr abwegig, sondern ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt, aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung weglĂ€uft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt, und auch weiß, wem es in der KĂŒche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt hat, und deswegen muss man offenkundig auch durch solche BewĂ€hrungsproben hindurch.

Wie absurd ist das? Christian Wulff hat als Staatsoberhaupt versucht, Transparenz zu verhindern und stellt sich nun dar, dass er diese verteidigen und retten wolle?

Sollte Christian Wulff (CDU) damit durchkommen, wird er als historisches Beispiel in der Geschichte als der BundesprĂ€sident „gewĂŒrdigt“ werden mĂŒssen, der die Bundesrepublik Deutschland offiziell in eine Bananenrepublik ĂŒberfĂŒhrt hat.

Grundlegendes MissverstÀndnis

Es gibt viele, die glauben, dass Deutschland lĂ€ngst nicht mehr weit weg ist von Frankreich oder Italien. Christian Wulff schickt sich an, den Beweis zu fĂŒhren, dass er es mit Sarkozy und Berlusconi aufnehmen kann.

Leider fehlt ihm auch dafĂŒr jegliches Format.

Am Ende wird er verlangen, dass man ihm auch noch dafĂŒr dankbar sein muss.

Das aber ist das grundlegende MissverstĂ€ndnis der allermeisten deutschen Politiker in diesem Land: Nicht die Menschen mĂŒssen dankbar sein, einen dieser „Amtsinhaber“ zu haben, sondern die „Amtsinhaber“ mĂŒssten dankbar und willens sein, dass sie die Verantwortung ĂŒbernehmen dĂŒrfen.

Doch das ist zu theoretisch wie einen vom Schlage Wulff.

Weitere Informationen:

Tagesschau.de

Komplette Abschrift bei netzpolitik.org

Themenseite bei Spiegel.de

Wikipedia-Eintrag zu Christian Wulff

Wikipedia-Eintrag BundesprÀsident

Aktualisierung, 05. Januar, 16:40 Uhr:

Bild-Chefreakteur Kai Diekmann hat BundesprĂ€sident Wulff gebeten, den Inhalt der Mailbox-Nachricht öffentlich machen zu dĂŒrfen, nachdem dieser im Interview eine von der Bild-Darstellung abweichende „EinschĂ€tzung“ ĂŒber den Inhalt gemacht hatte und „Transparenz“ versprochen hat. Wulff hat in einem offenen Brief auf die Anfrage geantwortet:

Sehr geehrter Herr Diekmann,

fĂŒr Ihr heutiges Schreiben danke ich Ihnen. Meine Nachricht vom 12. Dezember 2011 auf Ihrer Telefon-Mailbox war ein schwerer Fehler und mit meinem AmtsverstĂ€ndnis nicht zu vereinbaren. Das habe ich gestern auch öffentlich klargestellt. Die in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochenen Worte waren ausschließlich fĂŒr Sie und fĂŒr sonst niemanden bestimmt. Ich habe mich Ihnen gegenĂŒber kurz darauf persönlich entschuldigt. Sie haben diese Entschuldigung dankenswerterweise angenommen. Damit war die Sache zwischen uns erledigt. Dabei sollte es aus meiner Sicht bleiben. Es erstaunt mich, dass Teile meiner Nachricht auf Ihrer Mailbox nach unserem klĂ€renden TelefongesprĂ€ch ĂŒber andere Presseorgane den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Es stellen sich grundsĂ€tzliche Fragen zur Vertraulichkeit von Telefonaten und GesprĂ€chen. Hier haben die Medien ihre eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Wie ich gestern auf Nachfrage im Fernsehinterview sagte, ging es mir darum, der Bild-Zeitung meine Sicht darzulegen, bevor sie ĂŒber eine Veröffentlichung entscheidet. Da ich mich auf Auslandsreise in der Golfregion mit engem Programm befand, konnte ich das aber erst nach meiner RĂŒckkehr nach Deutschland am Abend des Dienstag, 13. Dezember, tun. Wie sich aus der Ihrem Schreiben beigefĂŒgten Mail ergibt, hatte deshalb mein Sprecher den recherchierenden Redakteur der Bild-Zeitung um Verschiebung der Frist zur Beantwortung des differenzierten Fragenkatalogs zu meinem Eigenheimkredit gebeten. Der Redakteur hatte aber nur VerlĂ€ngerung bis zum Nachmittag des Montag, 12. Dezember, zugesagt. Es gab fĂŒr mich keinen ersichtlichen Grund, warum die Bild-Zeitung nicht noch einen Tag warten konnte, wo die erfragten VorgĂ€nge schon Jahre, zum Teil Jahrzehnte zurĂŒckliegen.

Das habe ich nach meiner Erinnerung auf der Mailbox-Nachricht trotz meiner emotionalen Erregung auch zum Ausdruck gebracht.

Angesichts der Veröffentlichung Ihres Schreibens an mich mache ich auch meine Antwort öffentlich.

Mit freundlichem Gruß

Aktualisierung, 05. Januar, 22:10 Uhr:

Der BundesprĂ€sident hat wertvolle Begriffe wie Menschenrechte, Freundschaft und Pressefreiheit in seinen Rechtfertigungszusammenhang gebracht, den man nur als tief verstörend empfinden kann. Dass das Staatsoberhaupt in Zeiten der Ökonomisierung von allem und jedem zwischen Freundschaft und GeschĂ€ftsbeziehung nicht zu unterscheiden vermag, die interesselose Freundschaft betont, wo es ihm nutzt, und sich gleichzeitig als interessantes Anlageobjekt fĂŒr ebendiese Freunde empfiehlt, um deutlich zu machen, dass es eben keine freundschaftlichen GrĂŒnde waren, die Frau Geerkens leiteten – das ist widersprĂŒchlich, falsch und missbraucht Begriffe sozialer IdentitĂ€t, die sich dem politischen und ökonomischen Zugriff jenseits von sizilianischen Patenbeziehungen bislang entzogen haben.

-Frank Schirrmacher, FAZ

Einmal Kairo und zurĂŒck – verĂ€ndert das die Welt?

Guten Tag!

Heddesheim/Kairo, 12. Oktober 2010. In Kairo haben sich zwölf arabische und sechs deutsche „Blogger“ getroffen, um zum interkulturellen Austausch zwischen der muslimischen und westlichen Welt beizutragen. Zum ersten Young Media Summit 2010. Mit dabei: der fĂŒr das heddesheimblog verantwortliche Journalist Hardy Prothmann. Es war eine aufregende Reise – vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen „Debatte“ ĂŒber „Integration“. Ein Erfahrungsbericht.

Von Hardy Prothmann

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Kairo bei Nacht.

Ich war ein wenig erstaunt, als unser neuer BundesprĂ€sident Christian Wulff (CDU) zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit am 03. Oktober postulierte: „Auch der Islam gehört zu Deutschland.“

Ist das so?

Das Staatsoberhaupt wurde sofort von erzkonservativen CDU- und CSU-Politikern dafĂŒr kritisiert und zurecht gewiesen: „Zwar ist der Islam inzwischen Teil der Lebenswirklichkeit in Deutschland, aber zu uns gehört die christlich-jĂŒdische Tradition“, sagte der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU) laut Bild-Zeitung vor wenigen Tagen.

Der Islam gehört zu Deutschland vs. Einwanderungsstopp.

Aktuell fordert der Bayerische MinisterprĂ€sident Horst Seehofer (CSU) den Immigrationsstopp fĂŒr Muslime, insbesondere TĂŒrken und Araber.

Ich habe den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit abends in der Deutschen Botschaft in Kairo gefeiert. Als ein Mitglied einer „Delegation“ von 18 deutschen und arabischen „Bloggern“. Rund 1.000 internationale GĂ€ste nahmen an der Feier auf Einladung des deutschen Botschafters Michael Bock teil.

Einigkeit. Recht. Freiheit.

Ein arabischer Junge sang die Ă€gyptische Nationalhymne und dann die deutsche: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“

Damit bin ich auch schon beim Thema und dem, was „Blogger“ tun: Sie Ă€ußern ihre Meinung, ihre Gedanken, ihre GefĂŒhle. Sie postulieren fĂŒr sich das Recht und die Freiheit sich Ă€ußern zu können. Mit der „Einigkeit“ ist das im VerhĂ€ltnis zur Freiheit so eine Sache. Das verbindende Element ist das Recht. Und das ist von Land zu Land sehr verschieden und nicht unbedingt gleichzusetzen mit Freiheit oder Einigkeit.

„Bloggen“ ist ein relativ neues PhĂ€nomen. Mitte der 90-er Jahre gab es die ersten „Blogs“ – so genannte „Internet-TagebĂŒcher“ (web-log). Etwa 2004-2005 entwickelte sich das Bloggen rasant. Heute gibt es Millionen „Blogs“, die meisten davon „Personal-Blogs“, also Internetseiten, die persönliche Sichtweisen enthalten, aber auch zunehmend professionelle Blogs.

So etwa das heddesheimblog, dass durchaus die Funktion einer „Zeitung“ hat, das aber nicht ist und sein will. Blogs sind direkter, persönlicher, meinungsfreudiger als „traditionelle Medien“, denn auch der „Journalismus“, der so wenig genau definiert ist wie das „Bloggen“, befindet sich in einem fundamentalen Wandel.

In der arabischen Welt – in der deutschen Welt. Auch in anderen Welten.

Da auch immer mehr Journalisten „bloggen“, habe ich mich bei der GrĂŒndung eines lokaljournalistischen Angebots fĂŒr Heddesheim fĂŒr den Namen heddesheimblog entschieden, weil mir „Die Heddesheim-Zeitung im Internet“ als Begriff nicht gefallen hat. Zudem benutze ich eine „Blog-Software“ – die den neuesten Artikel immer als ersten anzeigt, aber frĂŒhere Artikel ĂŒber viele Archivfunktionen finden lĂ€sst.

Viele Fragen.

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Eman Hashim - AugenÀrztin, Bloggerin, Muslimin.

Das Treffen deutscher und arabischer Blogger hat die Deutsche Welle zusammen mit dem Deutschen Zentrum der Botschaft organisiert, als interkulturellen Austausch.

Warum bloggt wer in welchem Land wie? Welche Themen gibt es? Gibt es Zensur? Tabus? Was heißt es, zu schreiben und zu lesen? Wie geht das im jeweiligen Land? Welche Rolle spielen die Frauen?

Unter den 18 Teilnehmern bin ich der einzige, der seine „Blogs“ als Journalist geschĂ€ftlich betreibt, damit also seinen Lebensunterhalt verdient. Die meisten anderen wollen einfach nur „ihre Gedanken Ă€ußern“, sich der Welt mitteilen.

Und genau das war mehr als interessant und Ziel dieser Veranstaltung – der Austausch von Gedanken. Und damit der Abbau von „Blockaden“, die so ziemlich das Gegenteil von „Bloggen“ sind.

Leider haben fast alle der arabischen Blogger jede Menge Probleme mit Blockaden. Systembedingt. Nicht mit, sondern wegen des Austauschs von Gedanken.

Denn in der arabischen Welt ist der Austausch von Gedanken jenseits des „geltenden Rechts“ oft ein großes Problem fĂŒr die, die fĂŒr sich das Recht der freien MeinungsĂ€ußerung in Anspruch nehmen.

Verantwortlich dafĂŒr sind nicht die Araber an sich, sondern die, die die Macht in den arabischen LĂ€ndern haben. Darin unterscheiden sich arabische LĂ€nder nicht von anderen LĂ€ndern.

„Die Familie ist der erste Zensor.“

Yassin Al-Hussen beschreibt das sehr gut in einem Interview, das ich mit ihm gefĂŒhrt habe. Sein Vater ist Syrer, seine Mutter Spanierin. Er lebt in Spanien. Auf die Frage, warum er keine politischen Texte schreibt, sagt er:

„Ich könnte kritisch schreiben, selbst, wenn ich in Syrien leben wĂŒrde: ÃƓber Religion, ĂŒber SexualitĂ€t, sogar HomosexualitĂ€t oder andere soziale Themen. Die rote Linie ist die Politik. Man kann nicht kritisch ĂŒber Regierungsangelegenheiten bloggen. Das fĂŒhrt sehr sicher zu Konsequenzen. Die erste ist: Sie machen dein Blog zu. So, wie es kein facebook, wikipedia oder youtube in Syrien gibt. Die zweite Konsequenz wĂ€re möglicherweise eine Verhaftung – wenn aus Sicht des Staates kritisch geschrieben wird, braucht es keine Argumente oder eine Anklage.“

Ich frage: Aber in Spanien muss dich das nicht interessieren?
„Wenn ich nicht mehr nach Syrien reisen wollte, stimmt das. Aber: Mein Vater lebt dort und andere Personen meiner Familie. Die wĂŒrden zumindest unter Druck gesetzt werden. Die Familie ist der erste Zensor.“

Die Familie also. Die Abstammung. Die Herkunft. Die kleinste Zelle einer jeden Gesellschaft, in der so viel festgelegt wird, was spÀter entscheidend sein wird. Ob man Araber oder Deutscher ist. Ob man höflich ist oder ablehnend. Oder man zwischen den Welten wandelt.

Yassin (26) ist Moslem und studiert im christlichen Wallfahrtsort Santiago de Compostella Medizin und macht bald seinen Abschluss. Er sagt von sich selbst, dass er „bloggt“, um „das Chaos in meinem Kopf zu strukturieren“.

Chaos ĂŒberall.

Ob das Chaos mit seiner christlich-islamischen Herkunft zu tun hat, habe ich ihn nicht gefragt. DafĂŒr war zu wenig Zeit. Denn die Probleme, die man damit anspricht, sind zu groß, um in wenigen Tagen vertrauensvoll besprochen werden zu können.

Nach diesen fĂŒnf Tagen in Kairo weiß ich das. Es gibt dieses Chaos zwischen der arabischen und der westlichen Welt. Und Yassin, ein ĂŒberaus freundlicher, kluger und interessierter junger Mann ist das beste Beispiel dafĂŒr, weil er in beiden Welten lebt.

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Im Vordergrund Yassin: Spanier und Syrer. Araber und EuropÀer. Medizin-Student und Blogger. BeschÀmt und stolz.

Yassin ist kein bisschen verantwortlich fĂŒr das Chaos – er muss es aber erleben. Er schĂ€mt sich fĂŒr die arabische Welt, wenn er feststellen muss, dass man als AuslĂ€nder in Ägypten ĂŒbers Ohr gehauen wird, sogar er, als arabischer „Bruder“.

Aber er genießt zugleich die außerordentliche Gastfreundlichkeit, die WĂ€rme und die Zuvorkommenheit, die es auch nicht im Ansatz in der westlichen Welt gibt.

Mir geht es genauso, weil auch ich Chaos erleben muss. Eines wider besseren Wissens. Nicht eines, dass sich irgendwie ergeben hĂ€tte, sondern das geschĂŒrt wird, gewollt wird, das inszeniert wird.

Von „sehr anstĂ€ndigen und von der Gesellschaft geachteten“ Menschen im feinsten Zwirn wie Herrn Bosbach oder Herrn Seehofer und nicht von irgendwelchen „Kanaken von Kameltreibern“, die Herr Seehofer und Herr Bosbach verachten.

Scham und Stolz.

Ich schĂ€me mich fĂŒr die VersĂ€umnisse der Vergangenheit, keinen Dialog zu fĂŒhren und keine Integration voranzubringen. Und aktuell dafĂŒr, was Politiker wie Bosbach oder Seehofer sagen (die arabische Welt weiß darĂŒber genau Bescheid) und glaube gleichzeitig fest an unsere Verfassung, die Meinungsfreiheit und dass Deutschland ein Vorbild und Freund fĂŒr andere LĂ€nder ist.

Die Familie und spÀter die UmstÀnde entscheiden oft mehr als der freie Wille.

Yassin und mir geht es gut und wir haben die Möglichkeit und nutzen diese, uns öffentlich zu Ă€ußern, an der Willens- und Meinungsbildung mitzuwirken.

Es gibt aber große Unterschiede zwischen unseren Welten. WĂ€hrend die Meinungsfreiheit in den arabischen LĂ€ndern mĂŒhsam erobert werden muss, wird in der westlichen Welt oft zu wenig davon Gebrauch gemacht.

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Und wenn in beiden Welten das „Volk“ die Meinungsfreiheit einfordert, sind die Reaktionen in der vermeintlich diktatorisch geprĂ€gten arabischen und der vermeintlich freiheitlichen westlichen Welt oft Ă€hnlich, wie das Satiremagazin „Extra 3“ in einem pointierten Beitrag zuspitzt.

Einmal Kairo und zurĂŒck hat meine persönliche Welt sehr verĂ€ndert. Ich habe einzelne Vorurteile bestĂ€tigt bekommen, aber ich habe viel mehr Neues ĂŒber die arabischen Menschen und ihre LĂ€nder erfahren, als ich vorher wusste und in keinem VHS-Vortrag und in keinem noch so intensiven Studium je hĂ€tte erfahren können.

Die Machthaber in den arabischen LĂ€ndern werden das nicht gerne lesen: Es gibt eine große Sehnsucht der Araber nach der westlichen Welt. Einerseits klar nach Konsum, vor allem aber nach der Freiheit. Und ganz sicher nach dem Respekt, als Menschen akzeptiert zu werden.

Bekenntnis zum Glauben.

Gleichzeitig gibt es sehr viel Stolz auf die eigene IdentitĂ€t und die Religion. Deutsche Kirchen wĂŒrden sich solch offenherzig und selbstverstĂ€ndlich bekennende Christen wĂŒnschen, wie die bloggenden Moslems sich prĂ€sentiert haben. Ein paar von ihnen trinken Alkohol in Maßen, nicht alle beten fĂŒnf Mal am Tag, aber fĂŒr fast alle ist Allah wichtig und alle betonen die Liebe, die sie in der Begegnung mit Gott erfahren.

Kurzum: Ich habe in diesen fĂŒnf Tagen hĂ€ufiger und intensiver ĂŒber Gott und Glauben mit anderen Menschen geredet, als in den vergangenen fĂŒnf Jahren in Deutschland. Niemand hat mir diese GesprĂ€che aufgedrĂ€ngt – ich habe danach gefragt. Und der Islam ist mir von sehr vielen Menschen aus ganz unterschiedlichen LĂ€ndern als eine liebenswerte Religion prĂ€sentiert worden – dass die islamische Religion seit Jahren schneller wĂ€chst als jede andere auf dieser Welt hat vielleicht genau damit zu tun.

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Verschleiert und doch im Einsatz fĂŒr die Menschenrechte:Reem A. Alsa'awy

Auch Reem A. Alsa’awy – eine glĂ€ubige Muslimin aus Saudi-Arabien, liebt ihre Religion. Und sie setzt sich fĂŒr Menschenrechte ein. Als Bloggerin. Fast vollstĂ€ndig verschleiert durch ihr KleidungsstĂŒck Niqab– ich gebe zu, dass dieser Kontrast nicht einfach zu verstehen ist. Dazu haben ich einen Text verfasst, den Sie hier lesen können (Die verschleierte Frau und ihre unverschleierte Meinung).

Oder Osama Romoh, ein gesellschaftskritischer Zeitgeist, der in Dubai lebt und der fĂŒr seine herausragende Arbeit bereits zweimal prĂ€miert wurde.

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Asmaa Alghoul: Fotogen, freundlich und verfolgt. Die kritische Journalistin wurde schon mehrfach verhaftet, weil sie sich fĂŒr Menschenrechte einsetzt.

Oder Asmaa Alghoul, PalĂ€stinenserin ohne Heimat, die in Gaza-Citylebt, eine engagierte Journalistin, die fĂŒr ihre meinungsstarke Arbeit bereits mehrfach den Zorn der Hamas spĂŒren musste – sie wurde mehrfach verhaftet und ihre Unterlagen konfisziert.

„Wir wĂŒrden gerne einen Tag der Einheit feiern können.“

Oder Eman Hashim, eine junge Ă€gyptische AugenĂ€rztin, die sich in Kairo fĂŒr Menschenrechte einsetzt, eine bekennende KopftuchtrĂ€gerin und fĂŒr mich die bezauberndste Person der Gruppe, weil ich selten einen so herzlichen Menschen kennengelernt habe, wie diese „strengglĂ€ubige“ Frau.

ÃƓber alle achtzehn arabischen Teilnehmer zu schreiben, wĂ€re zu viel. Soviel aber muss aufgeschrieben werden: Die zuvorkommende Herzlichkeit war beeindruckend. Ebenso die oft scharfsinnigen Kommentare und der Wille, sich und die eigene Meinung auszudrĂŒcken.

Ebenso beeindruckend war die Abschlussveranstaltung, eine Podiumsdiskussion in der UniversitĂ€t Kairo. Rund 120 GĂ€ste waren gekommen – ĂŒberwiegend junge Studentinnen, fast alle mit Kopftuch und sie stellten jede Menge interessierte und kritische Fragen, wie ich das selten an einer deutschen UniversitĂ€t erlebt habe.

BeschĂ€mend fand ich das Verhalten einiger deutscher Mitglieder: Denen war es wichtiger am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit abends die Pyramiden zu besuchen, statt pĂŒnktlich zum Empfang des Botschafters zu erscheinen.

Ich bin mit den anderen Deutschen und vor allem mit den anderen arabischen Bloggern als „deutsch-arabische“ Gruppe sehr gerne dieser Einladung gefolgt.

Ganz sicher nicht, weil ich glaube, dass sich dadurch die Welt verÀndert. Und ganz sicher nicht, weil ich mit der Politik in unserem Land fraglos einverstanden bin.

Aber ganz sicher deshalb, weil ich froh um diese deutsche Einheit bin, um das, was mich tief berĂŒhrt hat, so wie Millionen anderer Menschen: Wir sind das Volk.

Ein palĂ€stinensischer Blogger sagt: „Ich bin sehr froh ĂŒber diese Einheit. Und ich wĂŒnschte, dass wir PalĂ€stinenser ebenfalls einen Tag der Einheit feiern könnten.“ Dabei schaut er mich an und ich sehe die Sehnsucht nach Einigkeit und Recht und Freiheit in seinen Augen.

Es gibt ihn, den Willen, sich anzunĂ€hern, sich respektvoll zu begegnen. Deswegen war ich sehr froh, ein Mitglied dieses arabisch-deutschen Dialogs zu sein zu dĂŒrfen und in diesem Sinne den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit im Ausland zu feiern.

Kontakt.

Diese Haltung, auch als „Botschafter“ fĂŒr Deutschland vor Ort aufzutreten, hat mich nach meiner RĂŒckkehr viel Zeit gekostet – ausnahmslos alle 18 arabischen Blogger haben via email, Twitter und Facebook den Kontakt gesucht und ihr Interesse bekundet, den gefundenen Kontakt zu halten und zu intensivieren.

Dabei habe ich stundenlang auf englisch gechattet, Kommentare gelesen und verfasst. Und ich wurde gebeten, fĂŒr die Blogs der neuen arabischen Freunde BeitrĂ€ge zu verfassen, damit „man hier versteht, dass nicht alle Deutschen so sind, wie Herr Seehofer und die anderen“.

Denn denen fehlt der Wille, ein Zeichen zu setzen und eine VerÀnderung möglich zu machen.

Ich will das. Ich werde die BeitrĂ€ge schreiben, auf English, was mich eine sehr große Anstrengung kostet, weil die Texte kompliziert sind und mein Englisch nicht so gut ist, wie ich mir das wĂŒnschte.

kairo11

In Kairo heißt es "Willkommen zum Oktoberfest" - in Deutschland wettert der Bayerische MinisterprĂ€sident Horst Seehofer gegen die Zuwanderung von Arabern.

Die Anstrengung leiste ich gerne, weil ich mich den Kollegen in der arabischen Welt verbunden fĂŒhle – auch die strengen sich an. Vermutlich oder sogar sicher mehr als ich.

Angestrengt haben sich auch die Journalistenkollegen Matthias Spielkamp und Jens-Uwe Rauhe als Organisatoren fĂŒr die Deutsche Welle Akademie sowie weitere Mitarbeiter, die ich nicht alle nennen kann, weil ich nicht alle Namen weiß – Frau Römer sei hiermit exemplarisch gegrĂŒĂŸt.

Zu danken habe ich auch den Dolmetschern, die hart arbeiten mussten, denn es galt die Regel, dass die Deutschen deutsch sprechen und die Araber arabisch.

Einen herzlichen Dank richte ich auch an den Leiter des Deutschland-Zentrums an der Deutschen Botschaft, Michael Reiffenstuhl, der sich sehr gut um die Veranstaltung gekĂŒmmert und im Kontakt zu Prof. Samy Abdel Aziz, dem Dekan der FakultĂ€t fĂŒr Massenkommunikation, die Abschlussveranstaltung ermöglicht hat. Und natĂŒrlich Herrn Botschafter Michael Bock fĂŒr die freundliche Einladung. Das AuswĂ€rtige Amt hat schließlich die Veranstaltung als Schirmherr möglich gemacht und bezahlt.

Weitere Informationen:
Rund 600 Fotos mit Kommentaren in deutsch, englisch und arabisch finden Sie unter meinem Facebook-Profil: Hardy Prothmann

Twitter: hashtag #yms2010

Video: Auf dem Young Media Summit Blog finden Sie weitere Texte und die Videos zur Abschlussveranstaltung an der UniversitÀt Kairo

Viel Freude mit unserer Fotostrecke:

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Gabis Kolumne

Gibt es endlich Glamour im deutschen PrÀsidentenamt?

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Guten Tag!

Heddesheim, 12. Juli 2010. Die Amis haben ihre Obamas, die Franzosen ihren Sarkosy mit seiner Carla Bruni, viele europÀische LÀnder haben Könige und Prinzessinnen und endlich, endlich haben wir die Wulffs, sagt Gabi.

Ich möchte den Einsatz der anderen BundesprĂ€sidentengattinnen nicht schmĂ€lern, ganz im Gegenteil, Mildred Scheel hat sich vorbildlich fĂŒr die Krebsforschung eingesetzt und auch die anderen Damen, ob Frau von WeizsĂ€cker, Frau Carstens, Frau Herzog oder Frau Köhler haben viel WohltĂ€tiges unters Volk gebracht. Aber Glamourfaktor? Gleich null. Erst jetzt haben wir eine richtige First Lady.

Die Wulffs sind junge Menschen mit Vergangenheit.

Brav und seriös, wenn nicht sogar bieder kamen sie daher – wie man es fĂŒr’s Amt ja auch erwartet. Doch nun hat sich das gewandelt. Mit den Wulffs ist eine jungdynamische Familie ins Schloss Bellevue bzw. in eine Dahlemer Villa eingezogen, inklusive kleiner Kinder. Die Wulffs sind jung und trotzdem Menschen mit Vergangenheit – Kinder aus vergangenen Partnerschaften und ein gemeinsames Kind – eben Menschen, wie du und ich.

Und genau, das macht ja auch den Glamourfaktor aus, es sind keine hehren Lichtgestalten ohne Fehler, sondern Menschen mit Krisen und jetzt aber mit Erfolgen.

Das schillernde Leben der französischen First Lady, Carla Bruni, interessiert uns doch bei weitem mehr als die neuesten Reformen ihres Mannes. Hat sie einen Geliebten, leidet sie unter der mickrigen GrĂ¶ĂŸe von Nicolas, bekommen sie noch ein Kind? Wo kauft sie ihre bezaubernde Gaderobe? All’ diese Fragen beschĂ€ftigen unsere Nachbarn, die Grande Nation, deutlich mehr als die Unruhen in den Beaulieus.

Mit den Wulffs wird Politik was zum Anfassen.

Kaum waren die Obamas ins Weiße Haus einzogen, mutmaßten die Amerikanern, Michelle sei schwanger, doch wahrscheinlich musste sie nur zu viele HĂ€ppchen auf StaatsempfĂ€ngen essen. Und landesweit wurde ĂŒber die Anschaffung und den Namen des PrĂ€sidentenhundes diskutiert.

Ganz zu schweigen fĂŒr welche Schlagzeilen die Sprösslinge des europĂ€ischen Hochadels sorgen. Hatten diese Jahrhunderte lang fast inzestuös untereinander geheiratet, sorgen die adligen Nachkommen jetzt fĂŒr Schlagzeilen mit Liebesehen aus dem Volk.

Die Queen hat es dabei besonders schwer erwischt, drei ihrer vier Kinder wurden geschieden und der Kronprinz flĂŒsterte seiner langjĂ€hrigen Geliebten durch’s Telefon, dass er gern ihr Tampon sei, ließ sich stĂŒmperhaft dabei abhören, wurde von seiner bulimischen und kaufsĂŒchtigen Ehefrau geschieden. Die daraufhin in den Heiligenstatus erhoben wurde, jede Titelseite schmĂŒckte und mit ihrem arabischen Geliebten in Paris, von Paparazzis gehetzt, zu Tode kam – kein Wunder, dass hier die Yellow Press auf ihre Kosten kam.

Aber auch die anderen Jungadligen ließen sich nicht lumpen, der norwegische Kronprinz freite und ehelichte ein alleinerziehendes Partygirl, der katholische Felipe, der sich eine Ehe mit einem schwedischen UnterwĂ€schemodell noch verbieten ließ, heiratete eine geschiedene Fernsehmoderatorin, die ihm nur Töchter gebĂ€rt und tĂ€glich dĂŒnner wird.

Klatsch und Tratsch gibt es europaweit – nur nicht bei uns oder demnĂ€chst doch?

Und dieser Tage heiratete die schwedische Kronprinzessin ihren Fitnesstrainer – wo kommen wir da hin? Genau in die Klatschpresse.

Der Adel wurde bei uns bekanntlich ja abgeschafft und dem Volk blieben MĂ€nner in schwarzen AnzĂŒgen Ende 60, Anfang 70, deren Frauen, wenn ĂŒberhaupt, nur am Rande und durch ihre WohltĂ€tigkeit und dann im dunkelblauen KostĂŒm eine Rolle spielten.

Den ersten Schritt in die Glamour-Richtung machte Altbundeskanzler Schröder. Brioni-AnzĂŒge, Cohiba-Zigarren und die vierte Frau ließen die deutsche Klatschpresse jubilieren. Seine DoppelhaushĂ€lfte in Hannover machte dies jedoch schon fast wieder zunichte, vor allem, wenn man sich von der Bild dabei erwischen lĂ€sst, wie man samstags die Hecke schneidet.

Wie man das richtig macht, zeigen die Obamas, wenn Michelle mit großem Presseaufgebot ihr GemĂŒsebeet anpflanzt.

Wir wollen die Reichen, Klugen und Schönen, bitte zum Anfassen, aber auf keinen Fall banal.

Und spĂ€testens seit Angela Merkel das Zepter der Macht ĂŒbernommen hat, hoffen wir nicht mehr auf skandaltrĂ€chtige Schlagzeilen, sondern hoffen nur, dass sie ihr Pfarrerstochter-Image nicht unbedingt auf der WeltbĂŒhne ausleben muss.

Der erste Lichtblick nach langer Dunkelheit, war der Aufstieg Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg zum Verteidigungsminister. Erstens hatten wir endlich mal wieder einen Adligen in einem hohen Amt (mit wunderbar vielen Vornamen, die sich kein Mensch merken kann) und zweitens hat seine junge und hĂŒbsche Frau alles, was man fĂŒr die Glamourwelt braucht. Ja, aber leider, wurde er bzw. sein Amt ziemlich schnell und stark kritisiert und zweitens ist der Minister eben nur ein Minister, nicht mal ein MinisterprĂ€sident, vielleicht einmal Kanzler, aber auf jeden Fall kein Staatsoberhaupt.

Und nun, haben wir die Wulffs und mit ihnen eine First Family, Bettina (bei Wikipedia steht noch sehr wenig – das wird sich Ă€ndern). Da wird innig gekĂŒsst und es wird zum Amtsantritt eine Party gefeiert – das gabs noch nie. Das ist sensationell. Und angeblich soll der kleine Sohn ein Spielzimmer im Schloss Bellevue bekommen.

Kuss-Bild, Designer-Kleid, Plausch und RĂŒhrung.

Das Kuss-Bild nach der PrĂ€sidentenwahl zierte alle Gazetten und die gelernte Medienreferentin ließ verlauten, dass sie sich auf einen Plausch mit Michelle Obama freue, aber die NĂ€he zum Volk nicht verlieren möchte. Ihr Styling war beim Amtsantritt perfekt und stilvoll und von einem deutschen Designer entworfen. Die Bilder mit ihren beiden kleinen Kindern rĂŒhrte die Nation und ließ die Beliebtheit ihres Mannes gleich auf der Skala nach oben schnellen.

„Die Liebe ist in Schloss Bellevue eingezogen“ titelte eine große deutsche Tageszeitung.

„Was interessiert das alles, wichtig ist doch, dass Christian Wulff sein Amt als BundesprĂ€sident verantwortungsvoll und gut wahr nimmt“, merkte ein guter Bekannter an.

Da hat er bestimmt Recht, aber es ist auch gut, wenn es in der deutschen Politik mal ein wenig menschelt und gerne auch mit Glamour.

gabi

Der 10. BundesprĂ€sident der Bundesrepublik Deutschland heißt Christian Wulff

Guten Tag!

Heddesheim/Berlin, 30. Juni 2010. Die Bundesversammlung hat heute im 3. Wahlgang den CDU-Politiker Christian Wulff zum zehnten BundesprÀsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewÀhlt.

Mit 625 Stimmen von 1.240 gĂŒltigen Stimmen ist der niedersĂ€chsische CDU-Politiker Christian Wulff zum zehnten PrĂ€sidenten der Bundesrepublik Deutschland gewĂ€hlt worden. Im dritten Wahlgang entschied sich die Wahl zwischen ihm und dem von SPD und GrĂŒnen favorisierten Kandidaten Joachim Gauck.

Wulff erreichte damit zwei Stimmen mehr als die absolute Mehrheit von 623 Stimmen. Im dritten Wahlgang enthielten sich 121 Wahlfrauen und -mĂ€nner – vermutlich vornehmlich der Linken. Zwei Stimmen waren ungĂŒltig.

Die schwarz-gelbe Koalition hatte in der Bundesversammlung eine absolute Mehrheit von 644 Stimmen – die aber auch in den ersten beiden WahlgĂ€ngen nicht ansatzweise erreicht wurde. In der Geschichte der Bundesrepublik brauchte es zuvor nur zwei Mal einen dritten Wahlgang zur Wahl von Gustav Heinemann (1969) und Roman Herzog (1994).

Christian Wulff war seit 2003 MinisterprÀsident des Landes Niedersachsen.

In der politischen Presse wird die Wahl kontrovers diskutiert – viele sehen darin den Anfang vom Ende der amtierenden Regierungskoalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Der BundesprĂ€sident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland – wenngleich mit vorwiegend reprĂ€sentativen Aufgaben.

Am 31. Mai 2010 war der bisherige BundesprĂ€sident Horst Köhler ĂŒberraschend zurĂŒckgetreten.

Die Redaktion wĂŒnscht dem 10. BundesprĂ€sidenten Christian Wulff einen guten Start in das erste Amt im Staat und eine erfolgreiche AusfĂŒllung dieser herausragenden Aufgabe.