Donnerstag, 22. Februar 2018

Kritischer Blick auf die Vaterlandsliebe in Zeiten der EM

Sind Sie noch Patriot? Oder schon Nationalist?

Stolz auf die Fahne? Aufs Vaterland? Patriot? Oder schon Nationalist?

 

Rhein-Neckar, 20. Juni 2012. (red/pro) Fiebern Sie mit der deutschen Nationalelf mit? Reden Sie von Deutschland, Spanien, England, Italien und den anderen L√§ndern als seien dort alle gleich? Verbinden Sie mit „die Italiener“, „die Griechen“, „die…“ irgendwelche „Charaktereigenschaften“? Erh√∂hen Sie Deutschland oder Ihre eigene Nation gegen√ľber gegen√ľber anderen L√§ndern? Dann wird es Zeit, dar√ľber nachzudenken, ob Sie noch ein Patriot oder schon ein Nationalist sind. Und ob „Demokrat“ nicht eine brauchbare Alternative w√§re.

Von Hardy Prothmann

Im Gegensatz zu den Tageszeitungen finden Sie bei uns immer wieder Hinweise auf andere Medien – manchmal, weil diese sehr gut berichten oder sehr schlecht, manchmal, weil sie etwas berichten, was wir f√ľr unsere Leserschaft interessant finden.

Heute empfehlen wir Ihnen ausdr√ľcklich ein sehr interessantes St√ľck von Nikolas Westerhoff in der S√ľddeutschen Zeitung: „Weltoffene Demokraten – eine aussterbende Spezies„. Es liest sich, als w√§re der Text aktuell zur EM und dem damit verbundenen „Nationalstolz“ geschrieben. Der Artikel erschien aber schon vor f√ľnf Jahren – ist aber vermutlich zeitlos.

Patriot vs. Nationalist?

In einer umfangreichen Darstellung stellt der Kollege wissenschaftliche Untersuchungen vor, die den vermeintlich positiven Begriff des „Patrioten“ in Frage stellen. Vielmehr deuten die Untersuchungen darauf hin, dass eine Unterscheidung in den guten Patrioten versus dem schlechten Nationalisten nicht m√∂glich ist:

Doch eine solche Zweiteilung der Menschen in Patrioten und Nationalisten ist politisch motiviert – sie dient dazu, Patriotismus als w√ľnschenswerte Eigenschaft propagieren zu k√∂nnen. Eine empirische Basis f√ľr den Unterschied zwischen Vorzeige- und Schmuddelb√ľrgern gibt es jedoch nicht, wie neueste Untersuchungen zeigen (Wilhelm Heitmeyer: Deutsche Zust√§nde, Folge 5. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007).

Ab- und Ausgrenzung liegen wohl tief im Menschen verankert und politische Haltungen werden durch Vorbilder, Erziehung un d Wissen vermittelt. Positiv wie negativ.

Stolz ein was auch immer zu sein?

In Zeiten des Nationalstolzes, die besonders deutlich bei Europa- oder Weltmeisterschaften popul√§rer Sportarten wie Fu√üball auftreten, sollte man sich selbst mal pr√ľfen. F√ľhlt man sich als Deutscher, Italiener, Spanier, T√ľrke als „mehr wert“ gegen√ľber anderen Nationen? Ist man besonders stolz aufs eigene Land? Warum? Auf was? Was hat man davon? Was n√ľtzt es, den eigenen Staat zu √ľberh√∂hen? Gibt es einen Status quo oder ist alles im Flu√ü?

Auf dem Weinheimblog hatten wir vor kurzem √ľber schlagende Verbindungen berichtet, die Corps, die sich einmal im Jahr in Weinheim treffen und sich als „Patrioten“ bezeichnen und ihre Vaterlandsliebe sehr hoch halten. Sie grenzen sich gleichzeitig vordergr√ľndig von Nationalisten ab. K√∂nnen Sie das tats√§chlich angesichts der vielen wissenschaftlichen Studien oder l√ľgen sie sich was in die Tasche.

Ich zum Beispiel w√ľrde nie sagen, dass ich stolz bin, ein Deutscher zu sein. Ich bin stolz auf meine eigene Leistung und achte die anderer – egal welcher Nation. Und ich dr√ľcke mein Missfallen aus, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin. Egal ob im eigenen Land oder im Ausland. Egal ob gegen√ľber Deutschen oder Ausl√§ndern.

Tats√§chlich bin ich sehr froh, in diesem Land zu leben. Denn Deutschland ist eine stabile und wehrhafte Demokratie und durch die gelebte Ordnung ein Land, in dem man √ľberwiegend sicher leben, Chancen verwirklichen kann und in dem vor allem eines m√∂glich ist: Eine eigene Meinung zu haben.

Andere Länder Рandere Vorbilder

Ich habe viele L√§nder bereits, deren Vorz√ľge, aber auch Nachteile kennengelernt. Deswegen bin ich ingesamt sehr zufrieden mit meinem Heimatland – obwohl es immer wieder Dinge gibt, die man √§ndern, verbessern oder abschaffen oder neu schaffen muss.

Wenn mich im Ausland jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich „Pfalz“. Denn das ist meine unmittelbare Heimt. Dann sage ich Deutschland. Und manchmal erz√§hle ich, dass ich ein „Exil-Ossi“ bin. Meine Eltern stammen aus Rostock und Dresden, ich bin in Ludwigshafen geboren und in der Pfalz aufgewachsen. Heute lebe ich in Nordbaden.

Ich f√ľhle mich als Deutscher nicht durch Fu√üballer vertreten. Es kr√§nkt nicht mehr Ehre, wenn die deutsche Mannschaft verliert oder schlecht spielt. Es hat keinen Einfluss auf meine Meinung oder meine demokratische √úberzeugung gar mein Selbstbewusstsein. Bislang spielt die deutsche Elf gut und ich verfolge gespannt jedes Spiel, weil es mich „unterh√§lt“.

Und gro√üen Respekt zolle ich der spanischen Mannschaft, die insgesamt sehr stark spielt und vor allem sehr fair – ich w√§re froh, wenn sich andere daran orientieren w√ľrden. Denn das verdient Respekt.

 

Gabis Kolumne

Wer navigiert mich sicher in den S√ľden?

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Guten Tag!

Heddesheim, 27. Juli 2010. Ein Navi an Bord ist heute schon fast Standard. Meist kommt man damit wunderbar ans Ziel. Meist, sagt Gabi, die immer noch ein „Backup“ dabei hat: eine Stra√üenkarte.

… und Mutter navigierte.

Erinnern Sie sich bitte. Wie war das damals als Sie als Kind mit Ihren Eltern in Urlaub gefahren sind, sagen wir mal nach Italien in den 70er Jahren? Sie sa√üen mit Ihren Geschwistern hinten, nat√ľrlich unangeschnallt und ohne Kindersitz, und Ihre Mutter sa√ü auf dem Beifahrersitz w√§hrend der Vater fuhr. Und was machte die Mutter? Richtig, sie navigierte

Jahrzehntelang w√ľnschte sich mein Vater zu Weihnachten den neuesten Shell-Autoatlas und mit diesem Unget√ľm auf dem Schoss lenkte ihn meine Mutter durch Schweizer Serpentinen und italienische Bergd√∂rfer. Das war romantisch, das war eindeutig mehr reisen als rasen.

„Bei der n√§chsten Gelegenheit bitte wenden.“

Aber bevor ich nun in nostalgische Schw√§rmerei ausbreche, meist kam es schon kurz nach dem Grenz√ľbertritt in Basel zum ersten Krach. „Kannst du mir mal sagen, wo wir eigentlich sind?“, raunzte mein Vater. Und „diese Ausfahrt gibt es bei mir auf der Karte nicht“, schnauzte meine Mutter zur√ľck. Man hielt an der n√§chsten Parkm√∂glichkeit, zerrte weitere Karten aus dem Seitenfach der Autot√ľr und stritt sich dar√ľber, wohin man nun fahren sollte, wessen Schuld es sei. Dies endete regelm√§√üig damit, dass meine Mutter fuhr und sich mein Vater √ľber ihren Fahrstil und das schlechte Kartenmaterial beklagte.

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Digital oder analog? Am besten beides, sagt Gabi.

In den 80er Jahren war ich zum ersten Mal allein mit K√§fer und Freunden in S√ľdfrankreich unterwegs. Nat√ľrlich mieden wir die Autobahn, da uns es an Geld f√ľr die Maut mangelte. Ich habe gelernt die Schilder mit „Toutes directions“ zu hassen und zu erkennen, dass es kein Problem ist – auch ohne Stau – zwei Stunde zu brauchen, um eine gr√∂√üere franz√∂sische Stadt zu durchqueren – trotz Michelin-Karte.

Doch das ist jetzt Vergangenheit, vorbei die Zeiten, dass man verzweifelt die Stra√üenkarte, die immer zu gro√ü und sperrig war, faltete und drehte, vorbei die Diskussionen, ob man eine Ausfahrt verpasst, eine Abzweigung √ľbersehen hatte. Heute dr√∂hnt es beharrlich aus einem kleinen Kasten: „Bei der n√§chsten Gelegenheit wenden – bitte wenden – jetzt wenden“.

So weit so gut, dieses Problem hätten wir gelöst, denken wir Menschen des 21. Jahrhunderts. Straßenkarten sind Reliquien einer längst vergangenen Epoche, Anfahrtsbeschreibungen können wir getrost zu Hause lassen.

„Diesen Job wollte ich auch nicht haben.“

Meine Gro√ümutter fuhr vor einigen Jahren – da war sie schon √ľber 90 – mit meiner Kusine in deren neuen Auto. Stolz pr√§sentierte diese ihr GPS. W√§hrend „die zweite Ausfahrt bitte rechts abfahren“ und „biegen sie bei der n√§chsten M√∂glichkeit links ab“ ert√∂nte, wurde meine Oma immer ruhiger und irgendwann meinte sie: „Diesen Job wollte ich auch nicht haben, das muss ja unheimlich anstrengend sein, wenn die Dame dir immer erkl√§ren muss, wo du hinfahren sollst.“

Auch wir haben seit ein paar Jahren ein Navigationsger√§t, dass immer wei√ü, wo wir sind und wohin wir wollen. „Blech-Else“, wie das GPS von unseren Kindern liebevoll genannt wird, leitete uns in den S√ľden Frankreichs, an die italienische Riviera, nach Paris – „Blech-Else“ war eine treue Begleiterin in jedem Urlaub.

Vergangenes Jahr fuhren wir dann nach Holland, erste Station Amsterdam. Tolle Stadt, aber das ist heute nicht mein Thema. Um es kurz zu machen, in Amsterdam wurde unser Auto aufgebrochen. Geklaut wurden das Radio und unser Navigationssystem. Dumm gelaufen, denn wir wollten noch an die K√ľste. Stra√üenkarte – Fehlanzeige. Zu unserem Ferienh√§uschen fanden wir mit Hilfe des Reisef√ľhrers, nicht digital, sondern aus festem Papier, noch relativ problemlos. Bei der R√ľckreise machten wir einen Schwenker √ľber Belgien und schauten uns Br√ľgge und Gent an, das ging noch gut. Von da an wurde es schwieriger. Schlie√ülich sind wir √ľber Luxemburg zur√ľck gefahren – ein Blick auf die Karte gen√ľgte, zu Hause nat√ľrlich, um fest zu stellen, dass wir einen Umweg von mindestens 200 Kilometern gemacht hatten.

Es war klar, ein Ersatz f√ľr „Blech-Else“ musste angeschafft werden. In den Pfingstferien fuhren wir nach √Ėsterreich. Unser nagelneues GPS lenkte uns pflichtgetreu an den Urlaubsort, alles war Bestens. Von dort hatten wir einen Abstecher zu Freunden in die Schweiz geplant.

Ich will doch nicht nach Montenegro

„Nee, du brauchst mir keine Anfahrtsbeschreibung geben, wir haben ein Navi“, hatte ich meiner Freundin am Telefon erkl√§rt. „Alles kein Problem“, so dachte ich zumindest. Wir starteten in √Ėsterreich und stellten fest, dass unser Navi √ľber Karten von Litauen und Montenegro verf√ľgte, aber, Sie k√∂nnen es sich denken, die Schweiz existierte im Kartenmaterial unseres GPS nicht. Und, wie k√∂nnte es anders sein, wir hatten keine Stra√üenkarte im Auto und unsere Freunde waren auch nicht telefonisch zu erreichen. Wir sind dort angekommen und wir haben mehr von der Schweiz gesehen als geplant – und das war auch echt sch√∂n. Nichts desto trotz, in zwei Wochen fahren wir nach Italien und ich habe schon mal vorsorglich eine Stra√üenkarte gekauft, man wei√ü ja nie.

gabi

Anmerkung der Redaktion: Gabi macht jetzt Urlaub und kommt wieder am 13. September 2010.

Vorsto√ü und R√ľckzug – Bundespr√§sident K√∂hler ist zur√ľckgetreten

Guten Tag!

Heddesheim/Berlin, 31. Mai 2010. Der heutige Tag geht in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein: Bundespr√§sident Horst K√∂hler hat v√∂llig √ľberraschend heute seinen R√ľcktritt erkl√§rt. .

Von Hardy Prothmann

B 145 Bild-00170079

Bild - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, B 145 Bild-00170079, Foto: Chaperon

„Meine √É‚Äěu√üerungen zu Auslandseins√§tzen der Bundeswehr am 22. Mai dieses Jahres sind auf heftige Kritik gesto√üen. Ich bedauere, dass meine √É‚Äěu√üerungen in einer f√ľr unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu Missverst√§ndnissen f√ľhren konnten. Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich bef√ľrwortete Eins√§tze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt w√§ren. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie l√§sst den notwendigen Respekt f√ľr mein Amt vermissen.“

Mit diesen Worten hat Bundespr√§sident Horst K√∂hler seinen R√ľcktritt eingeleitet – nachdem er Tage zuvor im DeutschlandRadio etwas gesagt hatte, dem ein deutlicher „imperialistischer“ Zungenschlag anhaftete:

„Meine Einsch√§tzung ist aber, dass wir insgesamt auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Gr√∂√üe mit dieser Au√üenhandelsorientierung und damit auch Au√üenhandelsabh√§ngigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch milit√§rischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilit√§ten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zur√ľckschlagen negativ durch Handel, Arbeitspl√§tze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“

Die Reaktionen auf diesen Vorsto√ü sieht Herr K√∂hler als „Unterstellung“ an, als „Kritik, die jeder Rechtfertigung entbehrt“.

Ist das so? Herr K√∂hler hat gesagt, was er gesagt hat und hat keinen Versuch unternommen, ein „Missverst√§ndnis“ zu kl√§ren. Heute tritt er zur√ľck und zeigt, dass er keine Kritik aushalten kann oder will. Deshalb ist sein R√ľcktritt zu begr√ľ√üen.

Andere Medien landauf, landab berichten √ľber die „gro√üen Verdienste“ des Bundespr√§sidenten a.D. Horst K√∂hler. Das geh√∂rt sich so. Ganz sicher hat Herr K√∂hler das h√∂chste Staatsamt ordentlich ausgef√ľllt, auch das geh√∂rt sich so.

Lenkend in Debatten einzugreifen oder Linien vorzugeben, ist ihm nicht gelungen. Es hat den Anschein, als habe er sich deshalb ein wenig beleidigt zur√ľckgezogen – hatte er zu wenig Aufmerksamkeit?

Wenn ja, hat er diese mit seinem heutigen Schritt auf alle F√§lle bekommen. Er geht als der erste Bundespr√§sident, der zur√ľckgetreten ist, in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein.

Interessant ist, dass seine √É‚Äěu√üerung im Interview mit DeutschlandRadio einen neuen Blick auf den Afghanistan-Krieg lenken, der nicht nur die „Sicherheit Deutschlands“ verteidigen will, sondern wirtschaftlichen Interessen dienen k√∂nnte.

Ob dies zutreffend ist oder nicht, wird die Debatte dar√ľber in der kommenden Zeit kl√§ren. Im Abgang hat Herr K√∂hler damit vielleicht seinen ersten gro√üen, eigenst√§ndigen Erfolg gesichert: Eine Debatte √ľber eine nationale Frage anzusto√üen.

Dokumentation der R√ľcktrittsrede:

„Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespr√§sident zu dienen“
Erklärung von Bundespräsident Horst Köhler

Meine √É‚Äěu√üerungen zu Auslandseins√§tzen der Bundeswehr am 22. Mai dieses Jahres sind auf heftige Kritik gesto√üen. Ich bedauere, dass meine √É‚Äěu√üerungen in einer f√ľr unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu Missverst√§ndnissen f√ľhren konnten. Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich bef√ľrwortete Eins√§tze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt w√§ren. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie l√§sst den notwendigen Respekt f√ľr mein Amt vermissen.
Ich erkl√§re hiermit meinen R√ľcktritt vom Amt des Bundespr√§sidenten – mit sofortiger Wirkung. Ich danke den vielen Menschen in Deutschland, die mir Vertrauen entgegengebracht und meine Arbeit unterst√ľtzt haben. Ich bitte sie um Verst√§ndnis f√ľr meine Entscheidung.
Verfassungsgem√§√ü werden nun die Befugnisse des Bundespr√§sidenten durch den Pr√§sidenten des Bundesrates wahrgenommen. Ich habe Herrn B√ľrgermeister B√∂hrnsen √ľber meine Entscheidung telefonisch unterrichtet, desgleichen den Herrn Pr√§sidenten des Deutschen Bundestages, die Frau Bundeskanzlerin, den Herrn Pr√§sidenten des Bundesverfassungsgerichts und den Herrn Vizekanzler.
Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespr√§sident zu dienen.“

Stelllungnahmen im Video finden Sie bei Spiegel online.

Gabis Kolumne

Generation G8 oder die verplante Zukunft unserer Kinder

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Guten Tag!

Heddesheim, 17. Mai 2010. Die Reform der gymnasialen Oberstufe ist ein Missgriff, meint Gabi. Ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen, betrachtet unsere Kolumnistin dabei die psychologischen Auswirkungen. Panik macht sich breit. Wer sichs leisten kann, schickt seine Kinder schon heute zur „Sonderqualifikation“, denn es wird eng – vor allem ums Herz.

Meine Kinder haben beide das Pech oder auch Gl√ľck, je wie man es sieht, zur Generation G8 zu geh√∂ren, also Sch√ľlerinnen, die sich mit dem achtj√§hrigen Gymnasium herumschlagen m√ľssen.

2012 gibt es den ersten G8-er Jahrgang Рdavor waren es G9-er, also Absolventen eines neunjährigen Gymnasiums.

Gl√ľck haben sie insofern, dass sie ein Jahr fr√ľher fertig werden und damit endlich im europ√§ischen Zeitplan f√ľr die Oberstufe liegen.

Und Pech √Ę‚ā¨¬¶ Na ja, das zu erkl√§ren, dauert l√§nger.

2012 wird es eine große Klopperei um Studien- und Ausbildungsplätze geben.

Ein Sonderfall ist dazu noch der Jahrgang meines Sohnes. Der geh√∂rt n√§mlich zu den ersten und zu den doppelten. Und das hei√üt wiederum: 2012 haben wir einen doppelten Jahrgang von G8-ern und G9-ern, die sich fr√∂hlich um Studien- und Ausbildungspl√§tze kloppen d√ľrfen.

√ÉŇďber die bekannten Nachteile des G8 wurde schon viel geschrieben: Schwachsinnig verk√ľrzte Lehrpl√§ne, Nachmittagsunterricht, kaum Freizeit – also eine typisch deutsche Reform, in der reformiert wurde, ohne richtig dar√ľber nachzudenken, ob das eigentlich Sinn macht. Hauptsache reformiert.

Und jetzt ist es soweit, der doppelte Jahrgang geht in die Kurstufe, sprich 12. und 13. Klasse. Wer jetzt aufmerksam mitgerechnet hat, sagt Stopp!, eine 13. Klasse kann es ja nicht mehr geben.

Weit gefehlt, in diesem Sonderfall, also genau in diesem Jahrgang, √ľberspringen alle 10-Kl√§ssler mal kurz die 11. Klasse, um gemeinsam mit den G9-ern nach den Sommerferien in die 12. Klasse zu kommen. Raffiniert, so wird landesweit ein ganzer Jahrgang zu Hochbegabten Sch√ľlerinnen, die mal eben eine Klasse √ľberspringen.

Gehen wir nun mal positiv davon aus, dass die Schulen es geschafft haben k√∂nnten, beide Jahrg√§nge gleich gut auf ihr Abitur vorzubereiten, wird Baden-W√ľrttemberg (auch Bayern) 2012 nun √ľber die doppelte Anzahl von Abiturienten verf√ľgen.

Sch√∂n f√ľr die Hochschulen und Betriebe, denn die k√∂nnen sich die Besten aussuchen.

Doppelte Konkurrenz.

Da fragt man sich nat√ľrlich als Eltern, was tun? In Windeseile und mit Druck wurden unsere Kinder durch die Schulzeit gepeitscht, um sich dann sich in unglaublicher, n√§mlich doppelter Konkurrenz wieder zu finden.

Ein Rezept f√ľr viele ist sicherlich eine einj√§hrige „Auszeit“, sprich ein Soziales Jahr oder ein Auslandaufenthalt mit „Mehrwert“, also mit Sprachschule, Praktikum, Selbsterfahrung oder √§hnlichem. Denn, das haben wir gelernt, einfach nur so darf diese Generation gar nichts mehr tun.

Waren unsere Kinder schon ab dem Kindergartenalter in ihrer Freizeit verplant, so m√ľssen sie auch direkt vom Abitur in eine sinnvolle gut planbare Besch√§ftigung gleiten.

Organisationen, die f√ľr teures Geld unsere Kinder im Ausland bei Jobs, Sprachschulen und Praktika betreuen, sprie√üen nur so aus dem Boden und sind √§u√üerst erfolgreich.

Duale Hochschulen als Karrieregaranten?

Auf der √ÉŇďberholspur im Wettbewerb bei den Studienm√∂glichkeiten sind demnach auch die dualen Hochschulen, die nicht nur ein kurzes Studium, sonder auch gleichzeitig Praxis, Firmenkontakt und wenn m√∂glich √ľber das Studium hinaus ein Besch√§ftigungsverh√§ltnis zu garantieren versprechen.

Bisher gelingt es mir noch ganz entspannt zu bleiben. Doch im Freundes- und Bekanntenkreis, beginnt die Hektik und Panik auszubrechen: Was passiert mit unserem Kinder nach dem Abitur? Und das ist, wohlgemerkt, 2012.

Durch Sprachaufenthalte in der Schulzeit versuchen einige Eltern, die sich das leisten können, ihren Kindern schon im Vorfeld einen Wettbewerbsvorteil zu ermöglichen.

Ein Bekannter, dessen Tochter in der 11. Klasse, also sprich noch G9 ist, rennt schon seit Wochen auf Info-Veranstaltungen von Hochschulen in der Region und auf Berufsinformationsmessen. Man muss sich fr√ľhzeitig k√ľmmern, erkl√§rt er mir.

„Sonst hast Du keine Chance mehr…“

Auf einer Party unterhielt ich mich k√ľrzlich mit einer Frau, deren Sohn genau wie meiner nach G8 in zwei Jahren Abitur machen wird. „Wenn Du ein Duales Studium anstrebst, musst Du Dich mit dem Zeugnis von 11/1 bei den Betrieben bewerben, sonst hast Du keine Chance“, erkl√§rte sie mir. Ich dachte: Stopp, ich strebe √ľberhaupt kein Studium mehr an, das habe ich alles hinter mir, mein Zeugnis von 11/1 zeige ich keinem mehr und – ich hab‚Äô doch schon einen Job.

Meine Argumente, mein Sohn wei√ü doch noch gar nicht, was er nach dem Abi machen m√∂chte und vielleicht soll er erstmal ein Jahr auf Reisen gehen, wurde mit dem Blick, „Du hast ja keine Ahnung und Du wirst schon sehen, was dabei raus kommt“, abgeschmettert.

Wie schon gesagt, bislang bleibe ich noch ganz entspannt. Aber, wenn ich ehrlich bin, ich weiß nicht mehr, wie lange.

Denn auch, wenn ich bei dieser Hysterie (noch) nicht mitmache, m√∂chte man ja doch das Beste f√ľr seine Kinder.

Aber ich bezweifle, dass ein so vorgeplanter Weg, wirklich das Beste ist. Oder? Was meinen Sie?
gabi