Freitag, 17. August 2018

Kritischer Blick auf die Vaterlandsliebe in Zeiten der EM

Sind Sie noch Patriot? Oder schon Nationalist?

Stolz auf die Fahne? Aufs Vaterland? Patriot? Oder schon Nationalist?

 

Rhein-Neckar, 20. Juni 2012. (red/pro) Fiebern Sie mit der deutschen Nationalelf mit? Reden Sie von Deutschland, Spanien, England, Italien und den anderen LĂ€ndern als seien dort alle gleich? Verbinden Sie mit „die Italiener“, „die Griechen“, „die…“ irgendwelche „Charaktereigenschaften“? Erhöhen Sie Deutschland oder Ihre eigene Nation gegenĂŒber gegenĂŒber anderen LĂ€ndern? Dann wird es Zeit, darĂŒber nachzudenken, ob Sie noch ein Patriot oder schon ein Nationalist sind. Und ob „Demokrat“ nicht eine brauchbare Alternative wĂ€re.

Von Hardy Prothmann

Im Gegensatz zu den Tageszeitungen finden Sie bei uns immer wieder Hinweise auf andere Medien – manchmal, weil diese sehr gut berichten oder sehr schlecht, manchmal, weil sie etwas berichten, was wir fĂŒr unsere Leserschaft interessant finden.

Heute empfehlen wir Ihnen ausdrĂŒcklich ein sehr interessantes StĂŒck von Nikolas Westerhoff in der SĂŒddeutschen Zeitung: „Weltoffene Demokraten – eine aussterbende Spezies„. Es liest sich, als wĂ€re der Text aktuell zur EM und dem damit verbundenen „Nationalstolz“ geschrieben. Der Artikel erschien aber schon vor fĂŒnf Jahren – ist aber vermutlich zeitlos.

Patriot vs. Nationalist?

In einer umfangreichen Darstellung stellt der Kollege wissenschaftliche Untersuchungen vor, die den vermeintlich positiven Begriff des „Patrioten“ in Frage stellen. Vielmehr deuten die Untersuchungen darauf hin, dass eine Unterscheidung in den guten Patrioten versus dem schlechten Nationalisten nicht möglich ist:

Doch eine solche Zweiteilung der Menschen in Patrioten und Nationalisten ist politisch motiviert – sie dient dazu, Patriotismus als wĂŒnschenswerte Eigenschaft propagieren zu können. Eine empirische Basis fĂŒr den Unterschied zwischen Vorzeige- und SchmuddelbĂŒrgern gibt es jedoch nicht, wie neueste Untersuchungen zeigen (Wilhelm Heitmeyer: Deutsche ZustĂ€nde, Folge 5. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007).

Ab- und Ausgrenzung liegen wohl tief im Menschen verankert und politische Haltungen werden durch Vorbilder, Erziehung un d Wissen vermittelt. Positiv wie negativ.

Stolz ein was auch immer zu sein?

In Zeiten des Nationalstolzes, die besonders deutlich bei Europa- oder Weltmeisterschaften populĂ€rer Sportarten wie Fußball auftreten, sollte man sich selbst mal prĂŒfen. FĂŒhlt man sich als Deutscher, Italiener, Spanier, TĂŒrke als „mehr wert“ gegenĂŒber anderen Nationen? Ist man besonders stolz aufs eigene Land? Warum? Auf was? Was hat man davon? Was nĂŒtzt es, den eigenen Staat zu ĂŒberhöhen? Gibt es einen Status quo oder ist alles im Fluß?

Auf dem Weinheimblog hatten wir vor kurzem ĂŒber schlagende Verbindungen berichtet, die Corps, die sich einmal im Jahr in Weinheim treffen und sich als „Patrioten“ bezeichnen und ihre Vaterlandsliebe sehr hoch halten. Sie grenzen sich gleichzeitig vordergrĂŒndig von Nationalisten ab. Können Sie das tatsĂ€chlich angesichts der vielen wissenschaftlichen Studien oder lĂŒgen sie sich was in die Tasche.

Ich zum Beispiel wĂŒrde nie sagen, dass ich stolz bin, ein Deutscher zu sein. Ich bin stolz auf meine eigene Leistung und achte die anderer – egal welcher Nation. Und ich drĂŒcke mein Missfallen aus, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin. Egal ob im eigenen Land oder im Ausland. Egal ob gegenĂŒber Deutschen oder AuslĂ€ndern.

TatsĂ€chlich bin ich sehr froh, in diesem Land zu leben. Denn Deutschland ist eine stabile und wehrhafte Demokratie und durch die gelebte Ordnung ein Land, in dem man ĂŒberwiegend sicher leben, Chancen verwirklichen kann und in dem vor allem eines möglich ist: Eine eigene Meinung zu haben.

Andere LĂ€nder – andere Vorbilder

Ich habe viele LĂ€nder bereits, deren VorzĂŒge, aber auch Nachteile kennengelernt. Deswegen bin ich ingesamt sehr zufrieden mit meinem Heimatland – obwohl es immer wieder Dinge gibt, die man Ă€ndern, verbessern oder abschaffen oder neu schaffen muss.

Wenn mich im Ausland jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich „Pfalz“. Denn das ist meine unmittelbare Heimt. Dann sage ich Deutschland. Und manchmal erzĂ€hle ich, dass ich ein „Exil-Ossi“ bin. Meine Eltern stammen aus Rostock und Dresden, ich bin in Ludwigshafen geboren und in der Pfalz aufgewachsen. Heute lebe ich in Nordbaden.

Ich fĂŒhle mich als Deutscher nicht durch Fußballer vertreten. Es krĂ€nkt nicht mehr Ehre, wenn die deutsche Mannschaft verliert oder schlecht spielt. Es hat keinen Einfluss auf meine Meinung oder meine demokratische Überzeugung gar mein Selbstbewusstsein. Bislang spielt die deutsche Elf gut und ich verfolge gespannt jedes Spiel, weil es mich „unterhĂ€lt“.

Und großen Respekt zolle ich der spanischen Mannschaft, die insgesamt sehr stark spielt und vor allem sehr fair – ich wĂ€re froh, wenn sich andere daran orientieren wĂŒrden. Denn das verdient Respekt.

 

Gabis Kolumne

Wer navigiert mich sicher in den SĂŒden?

//

 

Guten Tag!

Heddesheim, 27. Juli 2010. Ein Navi an Bord ist heute schon fast Standard. Meist kommt man damit wunderbar ans Ziel. Meist, sagt Gabi, die immer noch ein „Backup“ dabei hat: eine Straßenkarte.

… und Mutter navigierte.

Erinnern Sie sich bitte. Wie war das damals als Sie als Kind mit Ihren Eltern in Urlaub gefahren sind, sagen wir mal nach Italien in den 70er Jahren? Sie saßen mit Ihren Geschwistern hinten, natĂŒrlich unangeschnallt und ohne Kindersitz, und Ihre Mutter saß auf dem Beifahrersitz wĂ€hrend der Vater fuhr. Und was machte die Mutter? Richtig, sie navigierte

Jahrzehntelang wĂŒnschte sich mein Vater zu Weihnachten den neuesten Shell-Autoatlas und mit diesem UngetĂŒm auf dem Schoss lenkte ihn meine Mutter durch Schweizer Serpentinen und italienische Bergdörfer. Das war romantisch, das war eindeutig mehr reisen als rasen.

„Bei der nĂ€chsten Gelegenheit bitte wenden.“

Aber bevor ich nun in nostalgische SchwĂ€rmerei ausbreche, meist kam es schon kurz nach dem GrenzĂŒbertritt in Basel zum ersten Krach. „Kannst du mir mal sagen, wo wir eigentlich sind?“, raunzte mein Vater. Und „diese Ausfahrt gibt es bei mir auf der Karte nicht“, schnauzte meine Mutter zurĂŒck. Man hielt an der nĂ€chsten Parkmöglichkeit, zerrte weitere Karten aus dem Seitenfach der AutotĂŒr und stritt sich darĂŒber, wohin man nun fahren sollte, wessen Schuld es sei. Dies endete regelmĂ€ĂŸig damit, dass meine Mutter fuhr und sich mein Vater ĂŒber ihren Fahrstil und das schlechte Kartenmaterial beklagte.

IMG_7792

Digital oder analog? Am besten beides, sagt Gabi.

In den 80er Jahren war ich zum ersten Mal allein mit KĂ€fer und Freunden in SĂŒdfrankreich unterwegs. NatĂŒrlich mieden wir die Autobahn, da uns es an Geld fĂŒr die Maut mangelte. Ich habe gelernt die Schilder mit „Toutes directions“ zu hassen und zu erkennen, dass es kein Problem ist – auch ohne Stau – zwei Stunde zu brauchen, um eine grĂ¶ĂŸere französische Stadt zu durchqueren – trotz Michelin-Karte.

Doch das ist jetzt Vergangenheit, vorbei die Zeiten, dass man verzweifelt die Straßenkarte, die immer zu groß und sperrig war, faltete und drehte, vorbei die Diskussionen, ob man eine Ausfahrt verpasst, eine Abzweigung ĂŒbersehen hatte. Heute dröhnt es beharrlich aus einem kleinen Kasten: „Bei der nĂ€chsten Gelegenheit wenden – bitte wenden – jetzt wenden“.

So weit so gut, dieses Problem hĂ€tten wir gelöst, denken wir Menschen des 21. Jahrhunderts. Straßenkarten sind Reliquien einer lĂ€ngst vergangenen Epoche, Anfahrtsbeschreibungen können wir getrost zu Hause lassen.

„Diesen Job wollte ich auch nicht haben.“

Meine Großmutter fuhr vor einigen Jahren – da war sie schon ĂŒber 90 – mit meiner Kusine in deren neuen Auto. Stolz prĂ€sentierte diese ihr GPS. WĂ€hrend „die zweite Ausfahrt bitte rechts abfahren“ und „biegen sie bei der nĂ€chsten Möglichkeit links ab“ ertönte, wurde meine Oma immer ruhiger und irgendwann meinte sie: „Diesen Job wollte ich auch nicht haben, das muss ja unheimlich anstrengend sein, wenn die Dame dir immer erklĂ€ren muss, wo du hinfahren sollst.“

Auch wir haben seit ein paar Jahren ein NavigationsgerĂ€t, dass immer weiß, wo wir sind und wohin wir wollen. „Blech-Else“, wie das GPS von unseren Kindern liebevoll genannt wird, leitete uns in den SĂŒden Frankreichs, an die italienische Riviera, nach Paris – „Blech-Else“ war eine treue Begleiterin in jedem Urlaub.

Vergangenes Jahr fuhren wir dann nach Holland, erste Station Amsterdam. Tolle Stadt, aber das ist heute nicht mein Thema. Um es kurz zu machen, in Amsterdam wurde unser Auto aufgebrochen. Geklaut wurden das Radio und unser Navigationssystem. Dumm gelaufen, denn wir wollten noch an die KĂŒste. Straßenkarte – Fehlanzeige. Zu unserem FerienhĂ€uschen fanden wir mit Hilfe des ReisefĂŒhrers, nicht digital, sondern aus festem Papier, noch relativ problemlos. Bei der RĂŒckreise machten wir einen Schwenker ĂŒber Belgien und schauten uns BrĂŒgge und Gent an, das ging noch gut. Von da an wurde es schwieriger. Schließlich sind wir ĂŒber Luxemburg zurĂŒck gefahren – ein Blick auf die Karte genĂŒgte, zu Hause natĂŒrlich, um fest zu stellen, dass wir einen Umweg von mindestens 200 Kilometern gemacht hatten.

Es war klar, ein Ersatz fĂŒr „Blech-Else“ musste angeschafft werden. In den Pfingstferien fuhren wir nach Österreich. Unser nagelneues GPS lenkte uns pflichtgetreu an den Urlaubsort, alles war Bestens. Von dort hatten wir einen Abstecher zu Freunden in die Schweiz geplant.

Ich will doch nicht nach Montenegro

„Nee, du brauchst mir keine Anfahrtsbeschreibung geben, wir haben ein Navi“, hatte ich meiner Freundin am Telefon erklĂ€rt. „Alles kein Problem“, so dachte ich zumindest. Wir starteten in Österreich und stellten fest, dass unser Navi ĂŒber Karten von Litauen und Montenegro verfĂŒgte, aber, Sie können es sich denken, die Schweiz existierte im Kartenmaterial unseres GPS nicht. Und, wie könnte es anders sein, wir hatten keine Straßenkarte im Auto und unsere Freunde waren auch nicht telefonisch zu erreichen. Wir sind dort angekommen und wir haben mehr von der Schweiz gesehen als geplant – und das war auch echt schön. Nichts desto trotz, in zwei Wochen fahren wir nach Italien und ich habe schon mal vorsorglich eine Straßenkarte gekauft, man weiß ja nie.

gabi

Anmerkung der Redaktion: Gabi macht jetzt Urlaub und kommt wieder am 13. September 2010.

Vorstoß und RĂŒckzug – BundesprĂ€sident Köhler ist zurĂŒckgetreten

Guten Tag!

Heddesheim/Berlin, 31. Mai 2010. Der heutige Tag geht in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein: BundesprĂ€sident Horst Köhler hat völlig ĂŒberraschend heute seinen RĂŒcktritt erklĂ€rt. .

Von Hardy Prothmann

B 145 Bild-00170079

Bild - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, B 145 Bild-00170079, Foto: Chaperon

„Meine Äußerungen zu AuslandseinsĂ€tzen der Bundeswehr am 22. Mai dieses Jahres sind auf heftige Kritik gestoßen. Ich bedauere, dass meine Äußerungen in einer fĂŒr unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu MissverstĂ€ndnissen fĂŒhren konnten. Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befĂŒrwortete EinsĂ€tze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wĂ€ren. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie lĂ€sst den notwendigen Respekt fĂŒr mein Amt vermissen.“

Mit diesen Worten hat BundesprĂ€sident Horst Köhler seinen RĂŒcktritt eingeleitet – nachdem er Tage zuvor im DeutschlandRadio etwas gesagt hatte, dem ein deutlicher „imperialistischer“ Zungenschlag anhaftete:

„Meine EinschĂ€tzung ist aber, dass wir insgesamt auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer GrĂ¶ĂŸe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch AußenhandelsabhĂ€ngigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militĂ€rischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale InstabilitĂ€ten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurĂŒckschlagen negativ durch Handel, ArbeitsplĂ€tze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“

Die Reaktionen auf diesen Vorstoß sieht Herr Köhler als „Unterstellung“ an, als „Kritik, die jeder Rechtfertigung entbehrt“.

Ist das so? Herr Köhler hat gesagt, was er gesagt hat und hat keinen Versuch unternommen, ein „MissverstĂ€ndnis“ zu klĂ€ren. Heute tritt er zurĂŒck und zeigt, dass er keine Kritik aushalten kann oder will. Deshalb ist sein RĂŒcktritt zu begrĂŒĂŸen.

Andere Medien landauf, landab berichten ĂŒber die „großen Verdienste“ des BundesprĂ€sidenten a.D. Horst Köhler. Das gehört sich so. Ganz sicher hat Herr Köhler das höchste Staatsamt ordentlich ausgefĂŒllt, auch das gehört sich so.

Lenkend in Debatten einzugreifen oder Linien vorzugeben, ist ihm nicht gelungen. Es hat den Anschein, als habe er sich deshalb ein wenig beleidigt zurĂŒckgezogen – hatte er zu wenig Aufmerksamkeit?

Wenn ja, hat er diese mit seinem heutigen Schritt auf alle FĂ€lle bekommen. Er geht als der erste BundesprĂ€sident, der zurĂŒckgetreten ist, in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein.

Interessant ist, dass seine Äußerung im Interview mit DeutschlandRadio einen neuen Blick auf den Afghanistan-Krieg lenken, der nicht nur die „Sicherheit Deutschlands“ verteidigen will, sondern wirtschaftlichen Interessen dienen könnte.

Ob dies zutreffend ist oder nicht, wird die Debatte darĂŒber in der kommenden Zeit klĂ€ren. Im Abgang hat Herr Köhler damit vielleicht seinen ersten großen, eigenstĂ€ndigen Erfolg gesichert: Eine Debatte ĂŒber eine nationale Frage anzustoßen.

Dokumentation der RĂŒcktrittsrede:

„Es war mir eine Ehre, Deutschland als BundesprĂ€sident zu dienen“
ErklÀrung von BundesprÀsident Horst Köhler

Meine Äußerungen zu AuslandseinsĂ€tzen der Bundeswehr am 22. Mai dieses Jahres sind auf heftige Kritik gestoßen. Ich bedauere, dass meine Äußerungen in einer fĂŒr unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu MissverstĂ€ndnissen fĂŒhren konnten. Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befĂŒrwortete EinsĂ€tze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wĂ€ren. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie lĂ€sst den notwendigen Respekt fĂŒr mein Amt vermissen.
Ich erklĂ€re hiermit meinen RĂŒcktritt vom Amt des BundesprĂ€sidenten – mit sofortiger Wirkung. Ich danke den vielen Menschen in Deutschland, die mir Vertrauen entgegengebracht und meine Arbeit unterstĂŒtzt haben. Ich bitte sie um VerstĂ€ndnis fĂŒr meine Entscheidung.
VerfassungsgemĂ€ĂŸ werden nun die Befugnisse des BundesprĂ€sidenten durch den PrĂ€sidenten des Bundesrates wahrgenommen. Ich habe Herrn BĂŒrgermeister Böhrnsen ĂŒber meine Entscheidung telefonisch unterrichtet, desgleichen den Herrn PrĂ€sidenten des Deutschen Bundestages, die Frau Bundeskanzlerin, den Herrn PrĂ€sidenten des Bundesverfassungsgerichts und den Herrn Vizekanzler.
Es war mir eine Ehre, Deutschland als BundesprĂ€sident zu dienen.“

Stelllungnahmen im Video finden Sie bei Spiegel online.

Gabis Kolumne

Generation G8 oder die verplante Zukunft unserer Kinder

//

 

Guten Tag!

Heddesheim, 17. Mai 2010. Die Reform der gymnasialen Oberstufe ist ein Missgriff, meint Gabi. Ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen, betrachtet unsere Kolumnistin dabei die psychologischen Auswirkungen. Panik macht sich breit. Wer sichs leisten kann, schickt seine Kinder schon heute zur „Sonderqualifikation“, denn es wird eng – vor allem ums Herz.

Meine Kinder haben beide das Pech oder auch GlĂŒck, je wie man es sieht, zur Generation G8 zu gehören, also SchĂŒlerinnen, die sich mit dem achtjĂ€hrigen Gymnasium herumschlagen mĂŒssen.

2012 gibt es den ersten G8-er Jahrgang – davor waren es G9-er, also Absolventen eines neunjĂ€hrigen Gymnasiums.

GlĂŒck haben sie insofern, dass sie ein Jahr frĂŒher fertig werden und damit endlich im europĂ€ischen Zeitplan fĂŒr die Oberstufe liegen.

Und Pech ñ€© Na ja, das zu erklĂ€ren, dauert lĂ€nger.

2012 wird es eine große Klopperei um Studien- und AusbildungsplĂ€tze geben.

Ein Sonderfall ist dazu noch der Jahrgang meines Sohnes. Der gehört nĂ€mlich zu den ersten und zu den doppelten. Und das heißt wiederum: 2012 haben wir einen doppelten Jahrgang von G8-ern und G9-ern, die sich fröhlich um Studien- und AusbildungsplĂ€tze kloppen dĂŒrfen.

ÃƓber die bekannten Nachteile des G8 wurde schon viel geschrieben: Schwachsinnig verkĂŒrzte LehrplĂ€ne, Nachmittagsunterricht, kaum Freizeit – also eine typisch deutsche Reform, in der reformiert wurde, ohne richtig darĂŒber nachzudenken, ob das eigentlich Sinn macht. Hauptsache reformiert.

Und jetzt ist es soweit, der doppelte Jahrgang geht in die Kurstufe, sprich 12. und 13. Klasse. Wer jetzt aufmerksam mitgerechnet hat, sagt Stopp!, eine 13. Klasse kann es ja nicht mehr geben.

Weit gefehlt, in diesem Sonderfall, also genau in diesem Jahrgang, ĂŒberspringen alle 10-KlĂ€ssler mal kurz die 11. Klasse, um gemeinsam mit den G9-ern nach den Sommerferien in die 12. Klasse zu kommen. Raffiniert, so wird landesweit ein ganzer Jahrgang zu Hochbegabten SchĂŒlerinnen, die mal eben eine Klasse ĂŒberspringen.

Gehen wir nun mal positiv davon aus, dass die Schulen es geschafft haben könnten, beide JahrgĂ€nge gleich gut auf ihr Abitur vorzubereiten, wird Baden-WĂŒrttemberg (auch Bayern) 2012 nun ĂŒber die doppelte Anzahl von Abiturienten verfĂŒgen.

Schön fĂŒr die Hochschulen und Betriebe, denn die können sich die Besten aussuchen.

Doppelte Konkurrenz.

Da fragt man sich natĂŒrlich als Eltern, was tun? In Windeseile und mit Druck wurden unsere Kinder durch die Schulzeit gepeitscht, um sich dann sich in unglaublicher, nĂ€mlich doppelter Konkurrenz wieder zu finden.

Ein Rezept fĂŒr viele ist sicherlich eine einjĂ€hrige „Auszeit“, sprich ein Soziales Jahr oder ein Auslandaufenthalt mit „Mehrwert“, also mit Sprachschule, Praktikum, Selbsterfahrung oder Ă€hnlichem. Denn, das haben wir gelernt, einfach nur so darf diese Generation gar nichts mehr tun.

Waren unsere Kinder schon ab dem Kindergartenalter in ihrer Freizeit verplant, so mĂŒssen sie auch direkt vom Abitur in eine sinnvolle gut planbare BeschĂ€ftigung gleiten.

Organisationen, die fĂŒr teures Geld unsere Kinder im Ausland bei Jobs, Sprachschulen und Praktika betreuen, sprießen nur so aus dem Boden und sind Ă€ußerst erfolgreich.

Duale Hochschulen als Karrieregaranten?

Auf der ÃƓberholspur im Wettbewerb bei den Studienmöglichkeiten sind demnach auch die dualen Hochschulen, die nicht nur ein kurzes Studium, sonder auch gleichzeitig Praxis, Firmenkontakt und wenn möglich ĂŒber das Studium hinaus ein BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis zu garantieren versprechen.

Bisher gelingt es mir noch ganz entspannt zu bleiben. Doch im Freundes- und Bekanntenkreis, beginnt die Hektik und Panik auszubrechen: Was passiert mit unserem Kinder nach dem Abitur? Und das ist, wohlgemerkt, 2012.

Durch Sprachaufenthalte in der Schulzeit versuchen einige Eltern, die sich das leisten können, ihren Kindern schon im Vorfeld einen Wettbewerbsvorteil zu ermöglichen.

Ein Bekannter, dessen Tochter in der 11. Klasse, also sprich noch G9 ist, rennt schon seit Wochen auf Info-Veranstaltungen von Hochschulen in der Region und auf Berufsinformationsmessen. Man muss sich frĂŒhzeitig kĂŒmmern, erklĂ€rt er mir.

„Sonst hast Du keine Chance mehr…“

Auf einer Party unterhielt ich mich kĂŒrzlich mit einer Frau, deren Sohn genau wie meiner nach G8 in zwei Jahren Abitur machen wird. „Wenn Du ein Duales Studium anstrebst, musst Du Dich mit dem Zeugnis von 11/1 bei den Betrieben bewerben, sonst hast Du keine Chance“, erklĂ€rte sie mir. Ich dachte: Stopp, ich strebe ĂŒberhaupt kein Studium mehr an, das habe ich alles hinter mir, mein Zeugnis von 11/1 zeige ich keinem mehr und – ich hab’ doch schon einen Job.

Meine Argumente, mein Sohn weiß doch noch gar nicht, was er nach dem Abi machen möchte und vielleicht soll er erstmal ein Jahr auf Reisen gehen, wurde mit dem Blick, „Du hast ja keine Ahnung und Du wirst schon sehen, was dabei raus kommt“, abgeschmettert.

Wie schon gesagt, bislang bleibe ich noch ganz entspannt. Aber, wenn ich ehrlich bin, ich weiß nicht mehr, wie lange.

Denn auch, wenn ich bei dieser Hysterie (noch) nicht mitmache, möchte man ja doch das Beste fĂŒr seine Kinder.

Aber ich bezweifle, dass ein so vorgeplanter Weg, wirklich das Beste ist. Oder? Was meinen Sie?
gabi