Freitag, 22. November 2019

Ernste Texte bekommen eine Stimme – Lesung von Texten „Verfolgter Schriftsteller“

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 29. November 2010. Das dritte „Event“ der Veranstaltungsreihe „Kunst gegen Krieg“ fand am 26. November 2010 um 20:00 Uhr in der Ladenburger Stadtbibliothek statt. Organisiert wurde es von der amnesty international Gruppe Ladenburg-Schriesheim, wie auch die anderen Veranstaltungen dieser Reihe. „Verfolgte Schriftsteller“, unter diesem Namen stand die Lesung mit Gabriele Violet und Michael Timmermann, die mit Musik begleitet wurde.

Von Anna Ewald

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V.l.n.r. Uli Wagner, Michael Timmermann, Gabriele Violet und Jens Bunge. Foto: Anna Ewald

In dem gem├╝tlichen Dachgeschoss mit Holzbalken an der Decke in der Stadtbibliothek Ladenburg sitzen rund 30 G├Ąste erwartungsvoll auf ihren Pl├Ątzen. S├Ątze wie „mal schauen was das heute wird“, sind aus den Besucherreihen zu h├Âren. Beim heutigen „Autorengedenken“ werden sie auf ihre Kosten kommen.

„Die Waffe der Schriftsteller ist das Wort.“

„Die Waffe der Schriftsteller ist das Wort und die beste Waffe gegen Menschenrechtsverletzungen die ├ľffentlichkeit“, so begr├╝├čt Wolfgang Luppe die Zuh├Ârer. Und diese Waffe, die Worte, sollen an diesem Abend gelesen und an ihre Autoren gedacht werden.

Die Texte verfolgter Schriftsteller wurden von Marie-Luise Pohrt und Ursel Siebert-Glatzer gemeinsam mit den „Stimmen“ Gabriele Violet und Michael Timmermann ausgesucht. Und sie haben eine tolle Wahl getroffen.

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Musikalische Umrahmung von Uli Wagber und Jens Bunge. Foto: Anna Ewald

Mundharmonika und Gitarre sind zu mehr als nur f├╝r Wanderlieder geeignet und das wird heute jedem bewiesen, denn die Lesung wird mit Musik bereichert.

Langeweile gibt es also nicht. Uli Wagner mit der Gitarre und Jens Bunge, der Mann mit der Mundharmonika, spielen ernste Lieder, passend zum Thema der Lesung und beweisen ihr K├Ânnen.

Ernste Texte bekommen Stimmen

Abwechselnd lesen Michael Timmermann und Gabriele Violet die Gedichte und Geschichten, die fr├╝her oder auch heute noch dem Regime ein Dorn im Auge waren. Einf├╝hlsam und mit charakterstarken Stimmen.

Michael Timmermann sagt selbst, dass diese Zeiten ihn gepr├Ągt haben. Diese Zeiten voll Krieg und Angst, die er als kleines Kind miterlebt hat. Und so ist es f├╝r ihn bewegend f├╝r die Organisation amnesty international, f├╝r die er sich schon seit ungef├Ąhr 30 Jahren engagiert, solche Texte zu lesen.

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Michael Timmermann und Gabriele Violet lesen abwechselnd. Foto: Anna Ewald

Angst, Trauer und trotzdem noch Hoffnung

Was hast du damals getan, was du nicht h├Ąttest tun sollen?
„Nichts“.
Was hast du nicht getan, was du h├Ąttest tun sollen?
„Das und das – dieses und jenes: einiges.“
Warum hast du es nicht getan?
„Weil ich Angst hatte.“
Warum hattest du Angst?
„Weil ich nicht sterben wollte.“
Sind andere gestorben, weil du nicht sterben wolltest?
„Ich glaube … ja.“
Hast du noch etwas zu sagen zu dem, was du nicht getan hast?
„Ja, dich zu fragen: Was h├Ąttest du an meiner Stelle getan?“
Das wei├č ich nicht und ich kann ├╝ber dich nicht richten. Nur eines wei├č ich:
Morgen wird keiner von uns leben bleiben, wenn wir heute wieder nichts tun.

Erich Fried

So wie dieser Text zeigen auch die meisten der anderen, wie ver├Ąngstigt und bedr├Ąngt ihre Autoren waren und trotzdem sp├╝rt man bei vielen einen Funken Hoffnung. Das ist beeindruckend. Auch die Zuh├Ârer merkten diese Emotionen. Viele sitzen mit geschlossenen Augen da. Aufmerksam und gespannt. Schweigend.

Unter anderem wurde das „Vers├Âhnungspl├Ądoyer“ des chinesischen Friedensnobelpreisgewinner Liu-Xiaobo gelesen. Auch er ist ├╝berwacht und gefangen genommen worden, weil er seine Meinung sagt und f├╝r Freiheit k├Ąmpft. „Schriftsteller k├Ânnen f├╝r Machthaber unbequem sein“, sagt Herr Luppe schon zu Beginn der Lesung. Liu-Xiaobo ist wohl eines der besten Beispiele aus der heutigen Zeit.

An all diese Schriftsteller, die ihr Leben und ihre „Freiheit“ opfern, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, soll an diesem Abend gedacht werden.

Hinweis:
Weitere Texte zur Ausstellungreiche „Verletzte Seelen„.

Anmerkung der Redaktion: Anna Ewald (16) ist Gymnasiastin in Schriesheim, interessiert sich sehr f├╝r Politik und Medien und absolviert ein schulbegleitendes Praktikum bei uns. Dabei lernen junge Menschen bei uns, was Journalismus ist: Handwerk, ├ľffentlichkeit und verantwortliche Meinung.
Wir legen dabei einen besonderen Wert auf den eigenen Blick dieser jungen Menschen. Sie berichten aus ihrer subjektiven Perspektive, was sie mit wem zu was wie erleben. Wir unterst├╝tzen sie dabei journalistisch und redaktionell.
Hier finden Sie eine Ãœbersicht aller Texte von Anna Ewald auf dem ladenburgblog.
Wer Interesse an einem Praktikum hat, kann sich gerne formlos bewerben – allerdings sind erst ab April 2011 wieder Pl├Ątze frei.

Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
Das heddesheimblog

Ausstellung: „Verletzte Seelen“, Small-Talk und Nachdenken ├╝ber Menschenrechte

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 08. November 2010. Im Ladenburger Domhof (Rathaus) wurde am Sonntag, den 07. November 2010, eine Ausstellung er├Âffnet, die den Krieg thematisiert. Und die Verletzung der Menschenw├╝rde. Und die Verletzung der Seelen, jeder einzelnen. Der Heddesheimer K├╝nstler Bernd Gerstner stellt aus.

Von Anna Ewald

„Die W├╝rde des Menschen ist unantastbar. Eigentlich. In vielen Kriegen wurde aus einer unantastbaren W├╝rde eine antastbare gemacht. Verletzte Seelen bleiben nach diesen Kriegen ├╝brig“, er├Âffnet Reinhard Christmann die Ausstellung „Verletzte Seelen“ des Heddesheimer K├╝nstlers Bernd Gerstner. Die Sinnlosigkeit der Kriege solle erinnert und verdeutlicht werden.

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Der K├╝nstler Bernd Gerstner.

Die amnesty international (ai) Gruppe Ladenburg/Schriesheim veranstaltet gemeinsam mit der Organisation „Wir gegen Rechts“ diese Ausstellung im Domhof in Ladenburg. Sie hat am 07. November 2010 begonnen und ist jeden Samstag und Sonntag von 11-17 Uhr oder nach Vereinbarung bis zum 05. Dezember 2010 ge├Âffnet.

Rund 70 Besucher kommen zur Vernissage in den Domhof, um die 38 Kunstwerke zu betrachten, an denen Bernd Gerstner seit 2006 gearbeitet hat. Nicht nur Bilder, auch Skulpturen werden ausgestellt.

„Der gr├Â├čte Feind der Menschenrechtsverletzung ist die ├ľffentlichkeit.“

├â┼ôberall im Raum stehen Menschen, die sich die Kunst anschauen. Viele sehen nachdenklich aus. Sie versuchen die Gewalt der Kriege zu begreifen. Andere halten „Small Talk“. Jugendliche und junge Erwachsene sind nicht anwesend.

Alle werden ruhig, als der Ladenburger K├╝nstler Rudolf Klee beginnt, Keyboard zu spielen. Er spielt eine d├╝stere und ergreifende Melodie. Passend zu den „Verletzten Seelen“.

Reinhard Christmann ist Gruppensprecher der ai Gruppe Ladenburg/Schriesheim. Er schildert die aktuelle Menschenrechtslage beispielsweise in Myanmar (Burma), in denen Menschenrechte nicht beachtet werden (Anm. d. Red.: In der „Rangliste“ 2010 von „Reporter ohne Grenzen“ zur Lage der Pressefreiheit liegt Myanmar auf Platz 174 von 175 (Vorjahr: 171).)

„Der gr├Â├čte Feind der Menschenrechtsverletzung ist die ├ľffentlichkeit“, betont er. Jeder solle helfen, indem er an die ├ľffentlichkeit geht. Er betont, dass nur so eine Verbesserung erreicht werden k├Ânne. Es liegen Listen aus, in die sich G├Ąste eintragen k├Ânnen, f├╝r mehr Menschenrechte und gegen deren Verletzung.

Krieg hinterl├Ąsst k├Ârperliche und seelische Sch├Ąden.

Markus Wittig von „Wir gegen Rechts“ schlie├čt sich den Ausf├╝hrungen Christmanns an. Auch Herr Wittig erinnert an Kriege. Zum Beispiel die „Schlacht an der Somme“ im Ersten Weltkrieg. Mit ├╝ber einer Millionen Toten gilt sie als „verlustreichste Schlacht dieses Krieges“. Verloren haben alle. Auch die ├â┼ôberlebenden. Die Sch├Ąden sind grausam. K├Ârperliche und seelische. Um eben diese bleibenden seelischen Sch├Ąden geht es in dieser Ausstellung, die zum Nachdenken auffordert.

Der K├╝nstler Bernd Gerstner m├Âchte nicht einfach nur Bilder ausstellen. Die Betrachter sollen sich mit dem ernsten Thema selbst auseinandersetzen. Sie sollen sich mit der Frage besch├Ąftigen, warum Menschen, trotz so vieler „verletzter Seelen“, Krieg immer noch als L├Âsung sehen, sagt Kunsthistorikerin Dr. Kurtzer in ihrer Einf├╝hrung in die Bilder.

Jeder geht mit Krieg anders um.

Ihrer Meinung nach brauchen diese Bilder eine Erkl├Ąrung, obwohl Bernd Gerstner es lieber gehabt h├Ątte, weniger Worte zu verwenden, wie er mir sp├Ąter sagt. Jeder geht mit Krieg anders um.

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Installation Todesengel.

Die Kunstwerke sind aus nat├╝rlichen Materialien, Gerstner verwendet unter anderem Erdfarben und Sand. Fundst├╝cke aus dem Ersten Weltkrieg wurden mit „eingebaut“.

Manche Kunstwerke finde ich eher ausdruckslos, wahrscheinlich, weil ich sie nicht richtig verstehe. Von anderen kann ich mich fast gar nicht mehr losrei├čen.

Eines dieser Kunstwerke ist die Installation „Der Todesengel“. Es ist ein wei├čer Arztkittel, von dem Blut auf einen Spiegel tropft. Aus dem Blut auf dem Spiegel bildet sich ein Gesicht. Das des KZ-Arztes Dr. Josef Mengele.

Der „Todesengel“.

„Der Todesengel“ steht f├╝r alle KZ-├âÔÇ×rzte des Naziregimes, die grausame Menschenversuche durchgef├╝hrt haben“, sagt die Kunsthistorikerin Kurzer.

Von Konzentrationslagern (KZ) handelt die Bilderfolge „Auschwitz“. Das KZ Auschwitz (O├ůÔÇ║wi├äÔäócim) ist das Symbol, das „Musterbeispiel“ f├╝r alle Konzentrationslager, in denen Menschenverachtung an der Tagesordnung waren.

Vier dunkle K├Ąsten h├Ąngen an der Wand. Alle mit unterschiedlichen Motiven. Eins zeigt Kinder, die ihre t├Ątowierten Lagernummern zeigen. Ein anderes das „typische“ Bild von Auschwitz. Gleise, die in das Lager hinein f├╝hren. „Arbeit macht frei“ als ├â┼ôberschrift. Stacheldraht verdeutlicht, dass es aus diesem Schicksal kein Entrinnen gibt. Das letzte verdeutlicht die Not der internierten Menschen, vor allem das der Kinder.

Noch ein weiteres Kunstwerk ber├╝hrt mich, denn es ist schlicht, aber ausdrucksstark. Ledersohlen auf dem Boden, mehrere, die sich immer weiter aufl├Âsen. Es sind Ledersohlen von Soldaten. Es symbolisiert, wie der Titel schon sagt, die „Letzten Schritte“ eines Soldaten. Wohin, erf├Ąhrt man nicht. Woher sie kamen, auch nicht.

Manche halten Small-Talk, manche sind sehr nachdenklich.

Zum Abschluss spielt Rudolf Klee, dem laut Reinhard Christmann „die gesamte Ausstellung zu verdanken ist“, noch einmal Keyboard. Wieder eine schwere Melodie. „Passend“ zum Krieg. Zu verletzten Seelen.

Dann steht er auf und tr├Ągt unerwartet zwei politikkritische Gedichte vor. Eins ist sehr zynisch dem ehemaligen US-Pr├Ąsident George W. Bush gewidmet.

Manche Kunstwerke lassen sich nur schwer verstehen. So wie Kriege. Die Besucher gehen irgendwann nach Hause. Manche halten Small-Talk, manche sind sehr nachdenklich. Ãœber Krieg. Und verletzte Seelen.

Link:
Weitere Informationen zur Ausstellung und begleitenden Veranstaltungen.

Weitere Fotos zur Ausstellung finden Sie auf ladenburgblog.de.

Anmerkung der Redaktion: Anna Ewald (16) ist Gymnasiastin in Schriesheim, interessiert sich sehr f├╝r Politik und Medien und absolviert ein schulbegleitendes Praktikum bei uns. Dabei lernen junge Menschen bei uns, was Journalismus ist: Handwerk, ├ľffentlichkeit und verantwortliche Meinung.
Wir legen dabei einen besonderen Wert auf den eigenen Blick dieser jungen Menschen. Sie berichten aus ihrer subjektiven Perspektive, was sie mit wem zu was wie erleben. Wir unterst├╝tzen sie dabei journalistisch und redaktionell.
Hier finden Sie eine Ãœbersicht aller Texte von Anna Ewald auf dem ladenburgblog.
Wer Interesse an einem Praktikum hat, kann sich gerne formlos bewerben – allerdings sind erst ab April 2011 wieder Pl├Ątze frei.