Samstag, 24. August 2019

Gabis Kolumne

Shades of Grey: Schund oder heiße Erotikliteratur?

Rhein-Neckar, 10. September 2012. Ferienzeit ist auch immer Lesezeit und an einem Buch kam man in diesem Sommer wohl kaum vorbei: „Geheimes Verlangen“ oder „Shades of Grey“ fĂŒhrt seit Wochen die Bestsellerlisten in den USA und in Großbritannien an und auch bei uns liegt der „Softporno“ auf Platz Eins und direkt an den Kassen in den BuchlĂ€den. Einen Ă€hnlichen Siegeszug konnte man bei „Harry Potter“ und zuletzt bei der Twilightsaga um Bella und den Vampir Edward beobachten – doch das waren JugendbĂŒcher und bewegten sich in dem Raum der Fantasy. Gabi hat den Roman gelesen und sich darĂŒber so ihre Gedanken gemacht.

Anfang des Sommers hörte ich zum ersten Mal von „Shades of Grey“, ein „Softporno mit Sadomaso-Sex“, raunte mir eine Bekannte zu und kurz darauf ließ es sich kaum ein Medium nehmen, vom Spiegel bis zu allen Frauenzeitschriften, Kommentare zu der schlĂŒpfrigen Verkaufssensation abzugeben.

Klar, dass wir im Freundeskreis darĂŒber diskutiert haben. „Absolut heiß“, sagte eine Freundin, „ich kann kaum abwarten, weiter zu lesen“. „Der absolute Schund“, sagte eine andere. „Eine Sprache wie aus einem Dreigroschen-Roman und fĂŒrchterliche Sex-Szenen“, fuhr sie fort.

Okay, dachte ich mir, dieses Buch sollte ich mir auch zu GemĂŒte fĂŒhren. Und ich hab’s gelesen.

Ich gebe beiden Recht, die rund 600 Seiten sind schrecklich schlecht geschrieben und besonders gern verwendet die Autorin „Wow, dachte ich“, doch dazwischen fand ich es ziemlich heiß und romantisch.

Was ist das Geheimnis, was ist neu an dem „Softporno“ der Schottin E. L. James?

Als absoluter Twilight-Fan hat sie zunĂ€chst die Vampir-Love-Story um Bella und Edward auf ihren Seiten im Internet weiter gesponnen. Und fĂŒhrte die blutleeren Gestalten aus ihrer nahezu körperlosen Liebe zum heißen Sex – so Ă€hnlich muss man es sich zumindest vorstellen, will man der Story um die biedere Hausfrau im BlĂŒmchenkleid, die im wirklichen Leben Erika Leonard heißt, Glauben schenken. Die Geschichten wurden immer schĂ€rfer und sie beschloss ein Buch herauszubringen und ein kleiner australischer Verlag erkannte wohl die Gunst der Stunde.

Die Story ist einfach Man meets Girl. Er steinreich, atemberaubend attraktiv, geheimnisvoll, mit schrecklicher Kindheit und nicht wirklich zu haben. Sie jung, hĂŒbsch, naiv und Jungfrau und möchte ihn haben und ihn retten. Sie trĂ€umt den Traum aller MĂ€dchen (und Frauen) von dem einen, wahren Prinzen.

Und es ist eine Geschichte von Unterwerfung, Sex, Macht, Schmerz, und von einem System aus Bestrafung und Belohnung.

„Skandalös“, sagte eine Bekannte, nach all der Emanzipation wollen sich Frauen plötzlich wieder unterwerfen? Aber vielleicht haben wir einfach auch genug davon, in allen Lebenslagen zu sagen, wo es lang geht, im Job, in der Familie, und vielleicht haben wir keine Lust mehr auf Kuschelsex, wo der Mann gezeigt bekommt muss, auf welches Knöpfchen er drĂŒcken soll.

Und es ist keine Geschichte der Unterwerfung, denn schließlich sagt die Frau, wo es lang geht, letztlich verstĂ¶ĂŸt sie gegen alle seine Vorstellungen und er liebt sie um so mehr.

E. M. Jamie hat vorgesorgt und es nicht bei einem Buch belassen. Nach „Geheimes Verlangen“ folgte jetzt im September der zweite Teil „GefĂ€hrliche Liebe“. Und da hat die Protagonistin ihren Kerl, wo sie ihn haben wollte, anstelle von Sadomaso-Spielchen und dunkler Kammer, Bettgekuschel und BlĂŒmchensex.

„Aber den haben wir doch alle, wollen wir davon wirklich lesen“, fragte mich eine Freundin, die obwohl schon vom ersten Teil nicht wirklich ĂŒberzeugt, gleich mal den zweiten Teil gekauft und gelesen hat.

Was wir wollen …

Was wollt ihr denn nun, fragte mich mein Mann, als wir ĂŒber das Buch diskutierten. Was wir wollen ist doch ganz einfach, der Mann soll sagen, wo es lang geht, aber dabei soll er unsere WĂŒnsche erraten. Und das, wenn möglich in allen Lagen des Lebens, bei der Familienplanung, der Urlaubsgestaltung, bei Geburtstagsgeschenken und natĂŒrlich auch im Bett.

Und da, wenn man sich die Verkaufszahlen von allein 40 Millionen Exemplaren anschaut, darf es ruhig auch etwas hĂ€rter und fantasievoller sein – zumindest bis die Frau „Stopp“ sagt. Selbst Alice Schwarzer hat sich schon zu „Shades of Grey“ geĂ€ußert. Die Feministin Alice Schwarzer fordert einen unverkrampften Umgang mit dem umstrittenen Sadomaso-Buch. Es sei das Gegenteil von Pornografie, heißt es im Tagesspiegel.

Die Frau werde nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibe denkendes und handelndes Subjekt. Die junge Protagonistin des Romans lasse sich zwar ein StĂŒck weit auf die Welt ihres dominanten Geliebten ein, ziehe dann aber die Reißleine. „Warum sollte das ein RĂŒckschlag fĂŒr die Emanzipation sein?“, fragte Schwarzer. „Eine Frau schreibt ĂŒber mĂ€nnlichen Sadismus – denn der ist das eigentliche Thema! – und ĂŒber ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert.“

Die Heldin unterwerfe sich dem Mann letztlich eben nicht. „Und genau das macht wohl die Faszination fĂŒr die Millionen Leserinnen aus: das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können“, erklĂ€rte die Feministin den Erfolg des Romans.

Verkaufserfolg durch E-Books?

Angeblich, so mutmaßt die Autorin selbst, sei der sensationelle Erfolg – wahrscheinlich vor allem im oft prĂŒden Amerika – durch die E-Books ermöglicht worden. So könne man im Verborgenen selbst in der U-Bahn die erotischen Szenen lesen.

„Aber ich verstehe dennoch nicht, was macht den Erfolg dieses Romans aus. Die Sprache ist schlecht, die Story eher banal und erotische Literatur gab es ja schon immer, denkt bloß an Lady Chatterley, Fanny Hill oder Boccaccios Decamerone“, sagt eine meiner Freundin und schĂŒttelt den Kopf ĂŒber die 40 Millionen verkaufte BĂŒcher. „Ich glaube die Leserinnen von Shades of Grey lesen normalerweise Rosamunde Pilcher und da steht höchstens „sie schaute ihn errötend mit leidenschaftlichem Blick an und er schloss die SchlafzimmertĂŒr“.

Ist es das, wollen Millionen von Frauen wissen, wie es hinter der TĂŒr weitergeht? TrĂ€umen Millionen von Frauen von Fesselspielen oder auch einfach nur von dem Kick und dem Mann, der das Leben besonders macht? Ich habe inzwischen begonnen den zweiten Teil zu lesen und ich muss meiner Freundin Recht geben, die Sprache ist noch schlechter – aber das mag man verzeihen – und die erste erotische Begegnung von Ana und Christian in „GefĂ€hrliche Liebe“ ließ mich nicht erröten.

Doch warten wir es ab und schließlich erscheint im November Teil drei, der mit dem Titel „Befreite Lust“ noch mal große Erwartungen weckt und zudem ist das Marketing-Team um die schottische Hausfrau E. L. James schon fleißig dabei, die passende ErotikwĂ€sche auf den Markt zu bringen.

Kleiner Nachtrag: Ich bin inzwischen bei Seite 400 angelangt und es ist sehr romantisch und auch heiß.

gabi

Das Drama der journalistischen Bedeutungslosigkeit – der Fall Kachelmann ist beispielhaft fĂŒr den „Fall“ des Mannheimer Morgens


Journalistisch nur verloren und nichts gewonnen hat vor allem der MM. Quelle: MM

Mannheim/Rhein-Neckar/Deutschland, 31. Mai 2011 (red) ÃƓberall in Deutschland wurde gestern schon ĂŒber den Freispruch von Jörg Kachelmann berichtet. Der Prozess um eine mutmaßliche Vergewaltigung hat seit gut einem Jahr deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Bunte, Focus, Bild und Spiegel haben die Berichterstattung „vorangetrieben“. Ein wenig auch die Agenturen. Mit Sicherheit auch „das Internet“. Keine Rolle hingegen spielte der Mannheimer Morgen.

Von Hardy Prothmann

Um eines klipp und klar festzustellen: Die meisten großen Medien haben im „Fall Kachelmann“ nicht nur versagt, sondern deutlich gemacht, wie erbĂ€rmlich es um den „Journalismus“ in Deutschland bestellt ist. Allen voran Alice Schwarzer, die sich fĂŒr sich fĂŒr Bild ins Zeug gelegt hat und Gisela Friedrichsen fĂŒr den Spiegel.

SchlĂŒpfriger Journalismus

Scheckbuch-Journalismus Ã¥ la Bunte, 50.000 Euro fĂŒr ein Interview mit einer Ex-Geliebten, die schlĂŒpfrige Details erzĂ€hlt, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Prozess an sich zu tun haben, ist nur Blick in den pornografischen Abgrund des „Unterhaltungsjournalismus“ gewesen.

Bis heute fehlt eine Distanzierung durch den „allseits geachteten“ Dr. Hubert Burda ĂŒber die Verfehlungen in und durch seine Medien in diesem „spektakulĂ€ren“ Prozess.

Verlierer-Journalismus

Der Mannheimer Morgen kommentiert heute: „Nur Verlierer.“ Und urteilt wahr und richtig. Der angebliche Vergewaltiger Kachelmann ist ein Verlierer. Das angebliche Vergewaltigungsopfer, eine Radiomoderatorin, ist eine Verliererin. Das Mannheimer Landgericht ist ein Verlierer. Die Staatsanwaltschaft ist eine Verliererin.

Und der Mannheimer Morgen hat auf ganzer Linie versagt und verloren. Der lokale Platzhirsch spielte journalistisch auch nicht den Hauch ein Rolle in diesem Drama. Kennen Sie eine exklusive Meldung der Zeitung in dem Fall? Eine Nachricht von Bedeutung? Die eine Rolle gespielt hÀtte? Die etwas oder jemanden bewegt hÀtte? Nein? Ich auch nicht.

Die PresseerklĂ€rung des Landgerichts beschĂ€ftigt sich fast nur am Rande mit dem Prozess und dem Urteil. Zentraler Inhalt ist ein Frontalangriff auf „die Medien“.

Frontalangriff auf die Medien

Und dieser Angriff aus der Verteidigungsposition heraus ist sogar nachvollziehbar. Die Richter waren in ungekanntem Ausmaß Teil der Berichterstattung. Vor allem negativer. Wie fatal unprofessionell die Richter sich verhalten haben, reflektieren sie dabei nicht. Sonst mĂŒssten sie sich ja nicht in diesem unerwarteten Maß beschweren und rechtfertigen.

Dieser Frontalangriff galt mit Sicherheit nicht dem Mannheimer Morgen. Der hat sich weder durch schlĂŒprige Details noch durch andere Informationen hervorgetan, sondern alle anderen Medien in seinem Vorgarten spielen und eine riesige VerwĂŒstung anrichten lassen.

Journalistischer Ehrgeiz? Kein Funke

Nicht einmal war der Funke eines journalistischen Ehrgeizes erkennbar. Der Wille, mit solider Recherche oder starker Meinung oder Lokalkompetenz so exklusiv und ĂŒberzeugend zu sein, dass andere „genötigt“ werden zu schreiben: „Wie der Mannheimer Morgen berichtet…“

(Falls es doch einmal in einem Jahr gelungen sein sollte, erkenne ich das nach in Kenntnissetzung an und bitte um Hinweis auf Korrektur bevor eine mit Kosten verbundene Abmahnung geschrieben werden sollte.)

Heute morgen werden die Menschen in den Spiegel schauen und sich vielleicht die ein oder andere Frage dabei stellen.

Der Strafverteidiger Johann Schwenn wird vermutlich denken: Guter Job!

Jörg Kachelmann wird denken: Nein, danke.

Alice Schwarzer wird denken: Doch!

Gisela Friedrichsen wird denken: Wie ungerecht!

Die Radiomoderatorin wird denken: (Nicht-öffentlich)

Stefan Eisner (unbekannter MM-Redakteur, der den Kommentar geschrieben hat.) denkt: Nur Verlierer.

Horst Roth, der MM-Chefredakteur wird denken…

Keine Ahnung, was Herr Roth denkt.

Vermutlich denkt er. Irgendwas. Dass er auch nur im Ansatz darĂŒber nachgedacht hat, wie man diesen Prozess journalistisch „top“ begleitet, darf man getrost in Frage stellen. Und wenn das so gewesen sein sollte, war er leider nicht erfolgreich.

Lordsiegelbewahrer der gepflegten Bratwurstberichterstattung

Herr Roth darf sich gerne aber als „Lordsiegelbewahrer“ fĂŒhlen, denn er fĂŒhrt eine lange Tradition fort. Ob „Königsmord der SPD„, Peter Graf-Prozess, Flowtex-Skandal, aktuell Bilfinger & Berger und die Nigeria-Connection – seit nunmehr fast 15 Jahren ist der Mannheimer Morgen kaum mehr in der Lage, eine „Nachrichtenquelle“ fĂŒr andere Medien zu sein.

Terminberichterstattung, Fasnacht, Vereine, Bratwurstjournalismus und „deshĂ€mmerschunimmersogemacht“ bestimmen die journalistische Minderleistung dieser ehemals geachteten Zeitung.

Dabei ist Mannheim ein deutsche Metropole. Eine Top-Stadt, in der „was geht“ – immer wieder. Mit 300.000 Einwohnern ist die Stadt nicht sehr groß, aber sie hat großes Potenzial. Politisch, kulturell, wirtschaftlich und sportlich.

Der Mannheimer Morgen bildet das leider so gut wir gar nicht ab. Er bedient die lokalen Zirkel und vor allem seinen Terminkalender, schaut dabei hilflos der sinkenden Auflage zu und feiert sich selbst dafĂŒr… WofĂŒr? Vermutlich, dass es ihn ĂŒberhaupt noch gibt.

Das Drama der journalistischen Bedeutungslosigkeit ist kaum an einer anderen Zeitung so „dokumentierbar“ wie am Mannheimer Morgen.