Montag, 21. August 2017

Haben Blogs Herrn Köhler zum Rücktritt bewegt?

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Guten Tag!

Heddesheim/Berlin, 31. Mai 2010. (Artikel wurde erweitert) Wie kam es eigentlich dazu, dass das Köhler-Zitat über den „Wirtschaftskrieg“ in Afghanistan so bekannt wurde, dass der Mann letztlich wenige Tage später vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten ist? Robin Meyer-Lucht, Politikwissenschaftler, Journalist und Blogger hat eine Dokumentation vorgelegt, die zeigt, dass Blogs mittlerweile eine hohe publizistische Bedeutung haben – auch wenn seiner Meinung nach dann der Spiegel den Druck so entscheidend erhöht hat, dass Horst Köhler sich zum Rücktritt entschlossen hat.

Von Hardy Prothmann

Dr. Robin Meyer-Lucht ist eine Größe in der deutschen Blog-Szene. Der Politikwissenschaftler und Journalist betreibt mit dem Blog Carta eine herausragende Plattform für politische und mediale Betrachtungen.

carta

CARTA: Ein Politikblog, an dem man nicht vorbeikommt.

Wer sich für Politik, Medien und Journalismus interessiert, stößt irgendwann unweigerlich auf Carta und wird immer wiederkehren, weil hier interessante Menschen interessante und kontrovers-diskutierte Texte veröffentlichen.

Aktuell hat Carta eine Dokumentation erstellt, wie es zur „Wirtschaftskrieg“-Nachricht in Afghanistan kam – der chronologische Abriss zeigt deutlich, dass vor allem Blogs und nicht die klassischen Medien, die Nachricht als relevant erkannt und weiterverbreitet haben.

Mit einiger Zeitverzögerung reagierten dann auch Zeitungen und Magazine – bis der aktuelle Spiegel einen Artikel über Horst Köhler brachte. In Berlin ist der Spiegel nicht erst am Montag, sondern schon am Samstag zu haben. Zwei Tage Druck könnten gereicht haben, Herrn Köhler den Spaß am Bundespräsidentenamt gründlich zu vermiesen.

Noch haben Blogs nicht die publizistische Macht des Spiegels – aber wie lange wird das noch dauern? Ein paar Monate? Ein Jahr, zwei Jahre?

Blogs sind schneller, vernetzter und frecher als alle so genannten etablierten Medien. Ihnen fehlt das Gehabe des „Staatstragenden“. Was nicht heißt, dass Blogger den Staat unterlaufen wollten: Viele Blogger setzen sich vehement für die Grundrechte ein und tragen damit zur Stabilität des Staates bei, indem sie Missstände thematisieren. So auch in Sachen Köhler.

Hinzu kommt, dass viele Blogger die so genannten „sozialen Netzwerke“ wie Twitter oder Facebook virtuos bedienen.

Und: Sie handeln ihre Nachrichten und Inhalte frei zugänglich, ohne Bezahlschranken. Damit sorgen sie für eine enorm schnelle Verbreitung – in Echtzeit.

Kritiker versuchen immer noch, Blogs eine journalistische Relevanz abzusprechen. Diese Kritiker sind meist die etablierten Medien oder Politiker, die unter Druck geraten oder dies fürchten.

Die Macht der Blogs fürchten diese Leute zu Recht: Denn Blogs bilden ein lockeres Netzwerk. Hinter jedem Blog steht mindestens ein (kluger) Kopf und es werden immer mehr. Sie tauschen ihre Informationen aus, weisen auf Quellen hin – sie verlinken, verbinden sich also, als wären sie eine große, flächendeckende Redaktion.

Dabei ziehen Blogs bei weitem nicht immer an einem Strang, manchmal kritisieren sie sich auch gegenseitig. Sie lassen Kommentare zu und befruchten damit umso mehr die Debatten – Blogs sind Zellen der Meinungsfreiheit. Und es werden immer mehr.

Link:
Robin Meyer-Lucht und Hardy Prothmann im Video zur Identitätskrise des Journalismus
Focus Online: Der verzögerte Skandal
Süddeutsche: Blogger machten auf Köhlers Äußerungen aufmerksam

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • oce

    Was Horst Köhler nun fertig gebracht hat, sucht seines gleichen. Auf jeden Fall hat er nun nach berechtigter Kritik an seiner Person ein Alleinstellungsmerkmal hinsichtlich seiner unrühmlichen Amtsniederlegung. Einfach weggelaufen ist er, nachdem es ein kleines bisschen turbulenter um ihn wurde. Vielleicht ist es auch gut so.

  • Heddesheimer

    Ganz ehrlich bis zum Rücktritt von Herren Köhler wusste ich von den bekannten Medien nichts von dem gesagten, so das ich mich erst Informieren musste um zu erfahren was eigentlich war, was mich doch sehr wunderte. An der These scheint was dran zu sein.

    Ein Beispiel ist auch der Überfall von Israel auf den Hilfskonvoi, wie schnell Bildmaterial der Besatzung um die Welt ging.

    Schönen Tag.

  • Argus

    Wenn ich so in andere europäische Länder schaue,sind die Präsidenten nicht so dünnhäutig!

    Ein Mann in dieser Position muß seine Worte schon wohlüberlegt wählen,sonst zerpflückt die Presse das Gesprochene.
    Die Auflage muß ja stimmen!

    Natürlich lag er mit der Äußerung zur Bw richtig.
    Sie wird zu wirtschaftlichen Zwecken eingesetzt,z.B.im persischen Golf zur Piratenbekämpfung.

    In Afghanistan sieht das schon anders aus.
    Die Aufbauhilfe dort ist ehrenwert,wird aber nicht gedankt.
    Die Bw dort sehe ich in einer Funktion als „Fremdenlegion der Amerikaner“.

  • Jörg Blunk

    Nun tritt innerhalb kurzer Zeit schon der zweite führende Politiker nach Koch zurück. Seine Aussagen in Sachen „Militär-Einsätzen zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen“ entsprechen zwar der Wahrheit, trotzdem gehört es sich für ein Statsoberhaupt nicht, diese Kreti und Pleti einfach so zu verkünden. Die daraufhin folgende Empörung in den Systemmedien ist selbstverständlich noch kein Grund zurückzutreten.
    In Anbetracht seiner Vita: Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, maßgeblicher Unterhändler bei den Verhandlungen des Maastricht-Vertrages, ehemaliger Direktor des IWF, Mitglied der Trilateralen Kommission, lassen sich auch ganz andere Motive für den plötzlichen Rücktritt finden. Er ist einer der wenigen Politiker, die nicht nur unser Finanz- und Wirtschaftssystem verstanden haben, sondern auch Einblick haben in die Szenarien, die derzeit hinter den Kulissen durchgespielt werden – und der somit die Folgen der Krise kennt.
    Ist es eventuell schon so ernst, dass die „Ratten das sinkende Schiff verlassen“? – las ich neulich irgendwo.

    Nur die Ruhe, die Post-Kollaps-Gesellschaft birgt auch Riesenchancen. Der Fall muss diesmal nur tief genug sein. Wir im Osten haben Ihnen da eine Erfahrung voraus.

    Übrigens, bin durch Zufall auf den heddesheimblog gestossen. Eine spannende Erfahrung, diesmal für mich. Klasse. Wir schlagen uns hier auch seit Jahren mit dem Bürgermeister und seinem kommunalen Parteienbündnis (Dreieinigkeit im Sumpfgebiet) herum. Auch mit den journalistischen Edelfedern in der Regionalpresse, die ihm zu Diensten sind. Als unser Fraktionsvorsitzender den Bürgermeister mal fragte, warum er ihn denn nicht mit einlädt, wenn er die Fraktionen zu Sondersitzungen zusammenruft – war seine Reaktion: „Das müssen Sie mir als Demokrat schon selbst überlassen, mit wem ich mich unterhalte.“
    Schön, dass ich Sie gefunden habe. Wir sollten mal ausführlicher reden, Herr Prothmann. Ich hoffe, es ist o.k., wenn ich mich demnächst mal melde.

    Alles Gute für Heddesheim und für diese online-zeitung
    Jörg Blunk