Dienstag, 11. Dezember 2018

Gezwitscher

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Guten Tag,

es gibt Nachrichten, andere Nachrichten, noch andere Nachrichten und noch viele andere Nachrichten.

Sie fragen jetzt zu Recht: Hä? Was jetzt?! Nachrichten sind doch Nachrichten!?

Nochmal von vorne. Aber Sie m√ľssen Geduld haben, weil der Text etwas l√§nger ist…

Es geht um Medienkompetenz. Also, wie nutze ich als Mensch die Medien und was wei√ü ich √ľber das Medium, den Mitarbeiter und seine Quellen. Und: Was interessiert mich? Alles? Der „Mantel“ (erste und letzte Seiten der Zeitung), der Sport, die Wirtschaft, das Lokale?

Viele Nachrichten beginnen eine Nachricht zu werden, wenn sie zum Beispiel durch die Presseagenturen wie deutsche presse agentur (dpa), agence france press (afp) oder auch von „richtig gro√üen“ Agenturen wie the associated press (ap) ver√∂ffentlicht werden. Im Bereich der Wirtschaft sind das Bloomberg oder Dow Jones News, im Sport der sport informationsdienst (sid). In Russland ITAR Tass, sonstwo auf der Welt gibt es viele Agenturen.

Aus den Meldungen (Nachrichten) der Agenturen werden dann Nachrichten in Massenmedien, also in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen: Viele Zeitungen √ľbernehmen Texte der Agenturen√ā¬† (schauen Sie in der Zeitung unter die Artikel… da steht dann dpa oder ap), im Radio wird manchmal auch noch gesagt, wo die Nachricht√ā¬† herkommt (nach einer Information der dpa…), also die „Quelle“ genannt, seltener im Fernsehen.

Fast keine „eigenen“ Nachrichten mehr

Medienkritiker sagen, es gibt √ľberwiegend fast nur noch Nachrichten, die nicht mehr selbst√ā¬†recherchiert sind (von den Journalisten der Tageszeitung, die Sie (Sie lesen diesen Text gerade) abonniert haben), sondern auf Agenturnachrichten zur√ľckgehen. Die „Agentur“ kann tats√§chlich (vor allem im lokalen und regionalen) auch ein Verein, die Polizei, ein Presseb√ľro oder √§hnliches sein.

Warum das so ist? Aus Kostengr√ľnden – auch Medien m√ľssen sparen, zum Beispiel bei Journalisten.
Warum kritisierten die Kritiker das? Weil jede „Nachricht“, egal ob von einer Agentur oder aus einer anderen „Quelle“ von Journalisten√ā¬†f√ľr das eigene Medium √ľberpr√ľft werden sollte, in dem sie ver√∂ffentlicht werden. In der Praxis ist das kaum zu schaffen. „Man“ (die Journalisten) vertraut auf die Agenturen (die dort arbeitenden Journalisten) oder andere Quellen.

Das ist √§hnlich wie im Stra√üenverkehr. Alle bedienen sich derselben Regeln. Ein Auto, das links blinkt, sollte auch links fahren, tut es das nicht und Sie vertrauen drauf, kommt es zum Unfall. Im Journalismus nennt man das „Ente“ oder auch „Falschmeldung“. Meistens fahren Autos aber links, die links blinken.
Trotzdem gilt: Sei vorsichtig!

Seriös oder unseriös?

Wer Medien „konsumiert“ ist ein „Medienkonsument“, er „verbraucht“ Nachrichten. In der Wissenschaft nennt man den Medienkonsumenten auch Rezipient, den Empf√§nger einer Nachricht also.
Medienkompetenz hat der Rezipient, wenn er sich „bewusst“ ist, dass es verschiedene Quellen gibt, seri√∂se und unseri√∂se. Und wenn er wei√ü, dass er sich „normalerweise“ auf die seri√∂sen verlassen kann und unseri√∂se ignorieren soll.
Manchmal ist es aber auch umgekehrt: dann „l√ľgen“ die „vermeintlich seri√∂sen“ und die „unseri√∂sen“ enthalten die „Wahrheit“.
Und machmal ist es noch komplizierter: Der Rezipient, Konsument oder Politiker, kann oder will sich auch auf die unseri√∂sen oder sogar „falsch meldenden“ Medien verlassen und beziehen, weil diese seinen „Interessen“ dienen. So werden falsche Informationen zu „interessengesteuerten Informationen“.
Denken Sie an den Irak-Krieg und die „angeblichen Massenvernichtungswaffen“. Dar√ľber haben fast alle westlichen Medien meist vollkommen unkritisch berichtet. Die Massenvernichtungswaffen, so hat sich sp√§ter herausgestellt, gab es nie.
Ein anderes Wort daf√ľr ist Propaganda. Noch eins Werbung. Noch eins Wahlkampf.

Das klingt kompliziert und ist es auch. Es beschreibt aber ganz gut das Handwerk der Journalisten, die versuchen wollen, m√∂glicht „objektiv“ aus dieser „komplizierten“ Welt die “ echte (objektive) Nachricht“ herauszufiltern. Das ist √§hnlich wie im Stra√üenverkehr. Der Anf√§nger findet es schrecklich chaotisch, der erfahrene Verkehrsteilnehmer findet sich zurecht.

Objektivität und Vertrauen

Wie der Rezipient, der in unserer Region den „etablierten Medien“ vertraut: das sind beispielsweise der Mannheimer Morgen, die Rhein-Neckar-Zeitung, die Weinheimer Nachrichten und der SWR. Manche vertrauen auch auf SWR3, Radioregenbogen oder RPR1.
Allen gemein ist, dass sie meistens nur ihrer „Marke“ vertrauen, also dem Medium, dass sie am meisten nutzen und damit kennen: Man nennt das Lese-, H√∂r- oder Sehgewohnheit.

Damit sind wir wieder auf der „Stra√üe“. Der „Benz“-Fahrer schw√∂rt auf sein Auto, der „BMW-Fahrer“ auf seins und alle anderen auf das jeweils „eigene“. Unabh√§ngig davon, dass Toyota seit Jahren den „Benz“ in Sachen „Qualit√§t“ √ľberholt hat oder klar ist, dass Umweltschutz und BMW zwei verschiedene Dinge sind. Porsche-Cayenne-Fahrer sind nicht ansprechbar, wenn es um die Frage nach dem √∂kologischen Sinn√ā¬†geht ein solches Auto zu fahren.

Das hat mit Vorlieben zu tun oder wie sie „geschaffen“ werden.

Was ist die Quelle einer Nachricht?

Leider gibt es aber immer h√§ufiger√ā¬†„Nachrichten“, die√ā¬†gar nicht von „Nachrichtenagenturen“, sondern von PR-Agenturen (Public-Relationsship-Agenturen, also Firmen, die gegen Geld diese Nachrichten f√ľr andere Firmen schreiben und so tun, als seien sie journalistische Nachrichten) kommen.
Und zwar als Text, als Ton oder als Bewegtbild, also als Zeitungsartikel, Radioreport oder Nachrichtenfilm.
Sp√§testens bei PR-Geschichten, die sich als „Nachricht“ verkaufen und unkritisch √ľbernommen werden, ist mit dem objektiven, dass hei√üt einem Quellen √ľberpr√ľfenden Journalismus Schluss (egal ob Nachrichtenagentur, Geschw√§tz auf der Stra√üe oder sonstige Quelle).

Leider finden diese Nachrichten ihren Weg in das „Medium“, welches auch immer. Aus Kostengr√ľnden, Faulheit der Journalisten oder weil man eben nicht nachfragen will, sei es aus gesch√§ftlichen oder ideologischen Gr√ľnden.

Ebenso m√§ngelbehaftet sind oft Nachrichten, die „offiziellen“ Quellen vertrauen, also wenn die Quellen „√É‚Äěmter“ sind (das muss doch Brief und Siegel haben!) oder „Studien“ sind (das haben doch Wissenschaftler erarbeitet!).
Ist das so? Kann der Rezipient, also Sie oder ich, darauf vertrauen, dass die Wissenschaftler oder √É‚Äěmter sich nicht irren oder nicht „spezielle Interessen“ verfolgen? Guter Journalismus √ľberpr√ľft das.

Vertrauen ist wichtig im Leben. Man muss sich verlassen k√∂nnen. Blindes Vertrauen ist aber nichts wert. Dann ist man „verlassen“ – von allen „guten Geistern“.

Die wichtigste journalistische Regel hei√üt: Traue keinem! Alle k√∂nnen l√ľgen oder sich auch nur irren oder einen schlechten Tag gehabt haben. Das gilt auch f√ľr den einzelnen Journalisten selbst, das Medium, die Agentur, die die Nachricht verfasst haben.

Manchmal √ľbernehmen „die Massenmedien“ (gemeint ist damit meistens immer noch Zeitung, Radio, Fernsehen, bei anderen auch schon „das Internet“) diese Nachrichten und nutzen sie als Grundlage, um „vor Ort“ selbst nachzurecherchieren, was dran ist, an „der Nachricht“. Das sind dann „eigene Nachrichten“.

Soziale Netzwerke schaffen Nachrichten

Diese „eigene Geschichten“ sind Nachrichten, die nicht nur ein paar Zeilen lang sind, sondern eine „Geschichte“, also einen Zusammenhang darstellen und von einem Journalisten recherchiert wurden (er hat die Quelle √ľberpr√ľft und andere herangezogen).

Im Internet gibt es aber auch neue Erscheinungen, √ľber die sich „Nachrichten“ verbreiten: sogenannte „soziale Netzwerke„. Hier wird „gechattet“ (per Tastur geplaudert) oder in „Foren“ diskutiert.
Nat√ľrlich gibt es auch email oder in der Telekommunikation sms. All das sind „Nachrichtenkan√§le“, sie dienen dem Austausch von Informationen. Immer √∂fter kommen aus diesen sehr unzuverl√§ssigen Quellen Nachrichten, die es in die „etablierten“ (also bekannten) Medien schaffen.

Ein relativ neuer Kanal ist Twitter (Gezwitscher): Hier wird eine Art email als eine Art sms ausgetauscht, kurze Nachrichten, um auf eine neue Nachricht oder Nachrichtenquelle hinzuweisen, man „twittert“ oder „zwitschert“ sich was zu.

Auch zu Pfenning wird „getwittert“

Auch zum Thema „Pfenning“, findet sich jetzt ein „Twitterkanal“: hier
Der verweist auch auf das heddesheimblog oder auf youtube, wo es mittlerweile mehrere Videos zum Thema Pfenning in Heddesheim gibt (suche nach pfenning + heddesheim). Diese Videos sind eindeutig propagandistisch angelegt. Sie wollen nicht objektiv informieren, sondern emotional wirken.

Wie solche „Nachrichten“ einzusch√§tzen sind, ob man sie glauben will oder ihnen kritisch gegen√ľber steht, h√§ngt von dem einzelnen Rezipienten und seiner Medienkompetenz selbst ab.

Deswegen gilt: Kritisch sein, hat noch nie geschadet.

Das heddesheimblog

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.