Mittwoch, 26. September 2018

Gabi´s Kolumne: Verabredungen in der digitalen Zeit

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Verabredungen treffen ist in unserer digitalen Zeit ja sehr einfach geworden, jeder ist jederzeit und überall erreichbar – denkt zumindest Gabi.

Kürzlich wollte ich mich mit einer Freundin auf einen Kaffee verabreden und rief sie an, auf ihrem Festnetz zuerst – der AB verkündete mir, dass die Familie inklusive Katze nicht da sei, man sich aber über eine Nachricht freue und gerne zurückrufe.

Bevor ich diesen freundlichen Dienst in Anspruch nahm, probierte ich die Handynummer, aber auch hier verwies mich die freundliche Stimme der Mobilbox auf einen späteren Zeitpunkt. Ich versuchte anschließend noch die Handynummern ihrer Kinder bis ich ihr schließlich per email – inzwischen leicht abgenervt – verkünden musste, dass ich leider jetzt keine Zeit mehr zum Kaffee trinken hätte.

Betrachten wir es mal ganz nüchtern: In jedem Haushalt sind heute mindestens zwei Telefone, schnurlos und mit Display, dazu kommt mindestens noch ein Handy pro Person, jeweils mit Anrufbeantworter oder Mailbox. Jeder hat mindestens eine email-Adresse – privat und beruflich.

Früher gab es ein Telefon. Das hing an einer Schnur.

Möchte ich jemanden erreichen, habe ich eine Fülle von Auswahlmöglichkeiten. Habe ich ein lang anhaltendes Freizeichen gibt es gleich mehrere Möglichkeiten, erstens es ist wirklich keiner Zuhause, aber dann müsste der AB anspringen, der Gewählte spricht auf der anderen Leitung oder aber er hat meine Nummer gesehen und möchte nicht mit mir kommunizieren.

Klingelt bei mir das Telefon, habe ich auch mehrere Möglichkeiten: Ich sehe die Nummer, freue mich, gehe ran. Ich sehe die Nummer und gehe nicht ran, die Gründe sind variabel. Die Nummer ist unterdrückt, das heißt es ist ein Verkaufsanruf, eine Umfrage oder ein vielleicht ein verflossener Liebhaber.

Auch immer wieder gerne erlebt: Es klingelt, ich renne durchs ganze Haus, verfluche Mann und Kinder und finde kein Telefon.

In meiner Kindheit gab es ein Telefon und eine Nummer pro Familie. War besetzt, wurde auf der Leitung telefoniert, war frei und keiner ging ran, war auch keiner zuhause. Ich wusste, wenn ich die Nummer wähle, lande ich nicht in Spanien oder Venezuela, sondern da, wo das Telefon steht. Und das Telefon hing an einer Schnur und man konnte es nicht verlegen.

Meine Freundin rief mich übrigens kurz darauf zurück und war ganz enttäuscht, dass ich nicht mehr komme, sie saß im Garten und hatte keines der Telefon gehört – über das Wlan hat sie dann zwischendurch auf ihrem „netbook“ ihre email „gecheckt“…

So einfach sind Erklärungen in der digitalen Zeit.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.